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Die Dummheit - eine Immunschwäche?

Probieren wir's einmal - auch auf die Gefahr hin, uns in einem schwierigen Unterfangen zu überfordern und daher Dummheiten am laufenden Band zu begehen - definieren wir Dummheit als eine Immunitätsschwäche gegenüber den mannigfaltigen Bazillen, denen wir durch das U-Bahn ähnliche Gedrängel auf dem Globus ausgeliefert sind. Bevölkerungsexplosion und Verstädterung, winterlicher Smog und sommerliche Abgase vergrößern die Masse an bösen Miasmen. Daher wäre eine erhöhte Immunität erforderlich, just jene Immunität, welche durch die Großstadt geschwächt wird. In der Vereinzelung als Sammler, etwa als herbstlicher Schwammerlsucher im Wienerwald - um das romantische Gegenbild zum Menschenpfuhl einer Diskothek oder eines überfüllten Kaufhauses zu beschwören - ist der Mensch viel weniger anfällig gegenüber seiner eigenen Dummheit und den Manipulationen, die ihn medial zu verdummen suchen.

Klausuren, seien sie auferlegt oder selbstgewählt, verringern in letzter Folgerichtigkeit den Umsatz an Sinneseindrücken und das unregulierbare Gedankengewimmel, vermögen also die Immunitätsschwäche gegenüber der Reizüberflutung wenn auch nicht auszuheilen, so doch wesentlich günstig zu beeinflussen. Wenn wir dann solche Isolationszellen der Abschirmung von der Welt verlassen - man nennt sie heute gern „Meditation", um das Wort und die Tradition zu vermeiden, welche mit dem „Gebet" verbunden sind - so sind wir vielleicht zwar um keinen Deut klüger geworden, aber doch widerstandsfähiger gegenüber den mannigfaltigen Versuchungen und der ewigen Neugierde, die Unheilsbüchse der Pandora unbedingt zu öffnen und in sie hineinzugucken.

Denn für die Umsatz-Gesellschaft, welche auf Hochtouren laufen will oder muß, ist die Dummheit ein unverzichtbarer Motor. Der Markt und die Masse sind Nutznießer solcher Immunschwächen und haben ein ganzes System entwickelt, um sie noch weiter herabzusetzen: Man nennt das „Werbe Wirtschaft".

Hiermit geraten wir zwischen die Räder der gegenläufigen Umsatzmaschinerie: Einerseits ist Klugheit, äußerste intellektuelle und schließlich auch charakterliche Qualität unerläßlich (siehe Japan), sollen die uns verwöhnenden zivilisatorischen Bedingungen aufrecht erhalten bleiben. Man braucht also Bildung und Formen. Andererseits soll bei raschem und sehr wechselhaften Umsatz (Mode ist ein Beschleunigungsfaktor) die Hemmschwelle des kritischen Verstandes und der Anspruch auf Selbstbewahrung unbedingt abgebaut werden.

Wir brauchen gescheite Leute, welche viel und billig produzieren, was die dummen Leute teuer und schnell aufkaufen. Dabei handelt es sich beileibe nicht um zwei feindliche klassenkämpferische Lager, sondern um eine amphotere, bivalente Masse, die einerseits ebenso gescheit wie dumm reagiert. Ich glaube nicht, daß die Menschheit in ihrer bisherigen Geschichte jemals einem solchen doppelten Leistungsdruck ausgeliefert war. Vielleicht hängt damit die Krise unserer Bildungseinrichtungen und der Pädagogik im allgemeinen zusammen, soll doch beiden um hundertachtzig Grad entgegengesetzten Leistungsansprüchen Genüge getan werden, was das arme Erziehungsobjekt in der Mitte auseinanderreißt. Man denke da zum Beispiel an den Sexmoralkoffer.

Wie Erwin Panofsky, dieser wunderbare Physiognomiker, gezeigt hat, ist es ja Pandora, welche am Ende des Jahrtausends als symbolkräftigste Gestalt unserer Lage in Europa am meisten gerecht wird. Denn schon Zeus und Hephaistos haben mit dem Sex in der Werbung erfolgreich begonnen und dadurch die verwirrli-chen Geschöpfe des Prometheus soweit korrumpiert, daß sie, von

Neugierde und Konsumationsgelüsten betört, dem Licht der Vernunft und Aufklärung die geheimnisvolle Schatulle vorgezogen haben, welche ihnen von einer schönen Frau angeboten worden ist. Daran hat sich nichts geändert, außer daß bei Zeus noch die Bekleidung der Frau Wesentliches zum Werbeeffekt beigetragen hat, indessen derzeit die Nichtbekleidung wirksamer zu sein scheint.

Die tragische Ironie spitzt sich zu, je mehr wir die Technisierung der Zivilisation vorantreiben. Dies zeigt sich am Fernsehen. Daß diese Biblia pauperorum ihren Bildungssauftrag erfüllt hat, muß dankbar festgestellt werden. Um- und Einblick sind Menschen zuteil geworden, die, aus welchen Gründen auch immer, vom traditionellen Buchmedium ausgeschlossen waren oder sich selbst ausgeschlossen haben. Nun aber stellt sich heraus, daß man die Menschen durch die Pandorawerbung einerseits verdummen muß, um sie weiterhin -entsprechend dem Gesetzesauftrag -bilden und klüger machen zu können. Ohne die finanzielle Beihilfe der Verdummung, das heißt Erhöhung der Werbezeiten im ORF, kein Geld mehr für Bildungssendungen!

Natürlich ist hier der massierte Aufschrei der Werbewirtschaft fällig. Um Himmels willen, ist sie denn nicht selber ein Anteil der Bildung, zu der ja auch die Einsicht in die Produkte des Markts und dessen Konkurrenzkämpfen gehört? Ist sie denn nicht selbst mit ihren Kurzfilmen eine kulturelle Leistung? Keine dieser Ansprüche können wir abweisen, auch den kulturellen nicht, wenn zum Beispiel der Biertrinker oder Schinkengourmet zum fanatischen Regionalisten eines Bundeslandes erzogen wird, man ihm aber zugleich im selben Spot mit Tschaikowskys Klavierkonzert in b-moll ein europäisches EG-Pathos serviert.

Die Werbewirtschaft „an sich" hat also unbedingt recht. Erst wenn wir das Problem von der Flanke her aufrollen, bei der geheimgehaltenen Verschuldung der Privathaushalte und des

Staates, dann überkommt uns der Zweifel und wir rufen: Herr, es ist genug! Oh nein! Genug kann nimmermehr genügen. Es gibt noch ganz andere Wege für das arme, einsam konsumverdummte Ic*h, welches das Einkaufserlebnis braucht, um seine Bewußtseinsblößen mit irgendeiner Innovation oder einem Ramsch zu behängen.

In einer resignierten Stunde kann es geschehen, daß es seine Fühler nicht nach der Ware, sondern nach den Menschen ausstreckt, wobei freilich immer die Gefahr besteht, daß es den Menschen wie eine Ware verdinglicht. Das ICH will ein WIR haben. Will es auch ein Wir sein? Die steigenden Ehescheidungsziffern zeigen die Problematik zwischen dem „Ein-WIR-haben" und dem „Ein-WIR-sein" in unverkennbarer Deutlichkeit auf. „Ein-WIR-haben" ist Ergebnis des Männer- oder Frauenkauferleb-nisses. „Ein-WIR-sein" ist letzter-dings eine Opferhandlung. Hier steht die Aktualität des Erwerbssinnes -egal welcher Preis und welche Valuta dafür bezahlt werden - gegen die völlige Antiquiertheit eines Begriffs, der nichts mit der Umsatzbeschleunigung zu tun hat: Opfer.

Auch darin liegt ja wiederum die tragische Ironie der Epoche, daß die Wir-Bildung umso schwieriger wird, je mehr Menschen zu einer anonymen Masse gelieren. In überschaubaren Verhältnissen kommt es aus nachbär-schaftlicher Kenntnis zu einem Zusammenrücken, dessen organisches Ergebnis im Wir mündet, sodaß der Wirtshausstammtisch endlich zum polizeilich angemeldeten Verein, zur Freiwilligen Feuerwehr oder zum Trachtenbund aufblüht.

In der Massengesellschaft ist die Intimkommunikation gestört, weshalb eine Unzahl von Vereins-Erfindungen kultureller, sportlicher, künstlerischer und geselliger Art Abhilfe zu schaffen sucht. Zuletzt kommt es sogar zu einem neuen, jetzt hochmodernen Fachhandel des Sinngeschäfts, damit das vereinsamte Konsum-Ich im Wir einer Gesinnungsgemeinschaft erlöst werde.

Labortechnisch gelingt es zumeist, eine schleimige Masse mit einem Kristall so zu impfen, daß sich aus der Trübe allmählich ein schöner Großkristall entwickelt, eine Allegorie auf ein haltbares Wir. Dies ist wahrscheinlich der Grund für die Sektenmode. An Importkristallen (zumeist Guru genannt) entwickelt sich eine verschworene Wir-Gruppe, während die ganz großen Über-Wir-Institutionen, die Großparteien, die historisch gewachsenen Hochreligionen, weil geschichtlich überfrachtet, zu zerfallen drohen.

Solange sich der Verein um eine Feuerwehrpnmpe, um das Plusterwerk einer Rassetaube oder die Interpretation der „Wahlverwandtschaften" bemüht, hält sich das Ganze noch unter leidlicher Kontrolle. Je abstrakter aber die Zielsetzungen des Welter-lösungs-Vereins, desto größer die Gefahr, daß dessen Wir zum Verstärker des Ich wird, zu einem Multiplikator all dessen, was sich in" einem Konsumenten-Ich an verunglückter Geltungssucht, an unbeachteter Dummheit angesammelt hat.

Nationalismus war jajahrhunderte-lang der verläßlichste Wir-Lieferant für private Borniertheit und Vorurteile. Die Greuel dieser inhumanen Zwietracht, die sich Liebe, etwa „Vaterlandsliebe", nennt, bedroht neuerlich Europa und die Welt. Und dort, wo dieser Vorstoß von Massendummheit, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht gelingen mag, springt der Sinnshop von angeblichen Sinnstiftern in die Bresche.

Uralte, als funkelnagelneu ausgegebene Rezepte sollen die derzeitige Wirklichkeit aus den rostigen und quietschenden Angeln heben, damit ein anderer Wind - zumeist aus Amerika oder Asien - hereinbläst. Ist die Verlagerung chauvinistischer Dummheit mithilfe anderer Kulturkreise, deren Verhängnisse uns nicht unmittelbar an die Gurgel springen, der Weisheit letzter Schluß?

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