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Geliebter Narziss

DISKURS
weiblicher narzissmus - © Collage: Rainer Messerklinger (unter Verwendung eines Bildes von iStock/Kristina Ratobilska

Narzissmus: Der Zwang zum Perfektionismus

1945 1960 1980 2000 2020

Nur wenige Menschen gelten als Narzissten. In Liebesbeziehungen finden sie häufig zueinander. Warum das so ­ist, erklärt die Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki.

1945 1960 1980 2000 2020

Nur wenige Menschen gelten als Narzissten. In Liebesbeziehungen finden sie häufig zueinander. Warum das so ­ist, erklärt die Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki.

Die deutsche Psychotherapeutin und Autorin Bärbel Wardetzki beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit dem Narzissmus, insbesondere mit der so genannten „weiblichen“ Form dieser Persönlichkeitsstörung. Ein Gespräch über Stolz, Angst und die Sucht nach Anerkennung.

DIE FURCHE: Sie haben mehrere Bücher über weiblichen Narzissmus geschrieben. Was ist so besonders an der so genannten „weiblichen“ Sucht nach Anerkennung?
Bärbel Wardetzki: In den 80er Jahren habe ich den weiblichen, den vulnerablen Narzissmus beschrieben, als ich mit Bulimikerinnen gearbeitet habe. Ich habe gemerkt, dass hier eine ähnliche Struktur besteht wie bei dem „männlichen“, dem grandiosen Narzissten, auch wenn sich diese ganz anders äußert. „Weibliche Narzissten“ sind mehr in der Minderwertigkeit als in der Grandiosität verhaftet. Wo sich Männer tendenziell groß machen und erhöhen, machen sich Frauen kleiner. Es geht bei ihnen mehr um Perfektionismus, Attraktivität, Leistung und Anpassung, um das Gefühl, nicht liebenswert zu sein, zu kompensieren. Was beide Typen jedoch gemein haben, ist das instabile Selbstwertgefühl. Narzissten regeln ihren Selbstwert nicht aus sich selber heraus, sondern brauchen immer die Bestätigung von außen. Die Grundstörung ist also dieselbe, nur die Ausprägung ist anders. Im Grunde sind es zwei Pole: Die Frauen erniedrigen sich selbst, die Männer erhöhen sich.

Die deutsche Psychotherapeutin und Autorin Bärbel Wardetzki beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit dem Narzissmus, insbesondere mit der so genannten „weiblichen“ Form dieser Persönlichkeitsstörung. Ein Gespräch über Stolz, Angst und die Sucht nach Anerkennung.

DIE FURCHE: Sie haben mehrere Bücher über weiblichen Narzissmus geschrieben. Was ist so besonders an der so genannten „weiblichen“ Sucht nach Anerkennung?
Bärbel Wardetzki: In den 80er Jahren habe ich den weiblichen, den vulnerablen Narzissmus beschrieben, als ich mit Bulimikerinnen gearbeitet habe. Ich habe gemerkt, dass hier eine ähnliche Struktur besteht wie bei dem „männlichen“, dem grandiosen Narzissten, auch wenn sich diese ganz anders äußert. „Weibliche Narzissten“ sind mehr in der Minderwertigkeit als in der Grandiosität verhaftet. Wo sich Männer tendenziell groß machen und erhöhen, machen sich Frauen kleiner. Es geht bei ihnen mehr um Perfektionismus, Attraktivität, Leistung und Anpassung, um das Gefühl, nicht liebenswert zu sein, zu kompensieren. Was beide Typen jedoch gemein haben, ist das instabile Selbstwertgefühl. Narzissten regeln ihren Selbstwert nicht aus sich selber heraus, sondern brauchen immer die Bestätigung von außen. Die Grundstörung ist also dieselbe, nur die Ausprägung ist anders. Im Grunde sind es zwei Pole: Die Frauen erniedrigen sich selbst, die Männer erhöhen sich.

DIE FURCHE: Ist der vulnerable Narzissmus also unauffälliger als der grandiose Narzissmus?
Wardetzki: Ja, der vulnerable Narzissmus ist definitiv verdeckter und tritt nicht so häufig nach außen. Auch Männer können natürlich den verdeckten Narzissmus haben und Frauen den grandiosen. In den vergangenen 30 Jahren hat sich das Wissen rund um diese Persönlichkeitsstörung stark verändert, sodass es heutzutage nicht mehr ungewöhnlich ist, wenn man behauptet, dass auch Frauen narzisstische Strukturen aufweisen.

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DIE FURCHE: Kann man den Narzissmus dennoch von der Häufigkeit her eher den Frauen oder den Männern zuordnen?
Wardetzki: Das ist schwer zu sagen. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung betrifft in Europa nur ein bis drei Prozent der Menschen. Natürlich trägt jeder von uns narzisstische Züge in sich. Um als Narzisst zu gelten, müssen jedoch viele Faktoren zutreffen, die man mit speziellen Tests erfassen kann. Jedoch lässt sich der grandiose Narzissmus viel leichter erkennen, auch aufgrund dessen, weil er für die Außenwelt meist zerstörerisch ist und andere darunter leiden. Die grandiosen Narzissten leiden nicht, die vulnerablen schon. Im Grunde ist Narzissmus eine wunderbare Form, mit erlebten Selbstwertverletzungen umzugehen. Es ist in unserer heutigen Gesellschaft viel „effektiver“, narzisstisch zu sein als beispielsweise depressiv. Narzissmus ist hoffähig geworden und jeder von uns braucht narzisstischen Anteile, um es in der Gesellschaft zu etwas zu bringen. Wenn Narzissten noch dazu intelligent und eloquent sind, haben sie in der Politik und Wirtschaft sehr gute Chancen aufzusteigen. Jedoch führt diese Eloquenz häufig dazu, dass andere gar nicht mehr zu Wort kommen. Das Gegenüber fühlt sich mit Argumenten überschüttet und in die Ecke gedrängt. Grandiose Narzissten sind zudem auch mutig. Sie wagen so viel und schießen dann übers Ziel hinaus. Manchmal
ruinieren sie so ganze Institutionen.

Es ist in unserer heutigen Gesellschaft viel ‚effektiver‘, narzisstisch zu sein als beispielsweise depressiv. Narzissmus ist hoffähig geworden.

DIE FURCHE: Sie haben sich auch mit Narzissmus und Partnerschaft beschäftigt. Wen suchen sich Narzissten als Partner?
Wardetzki: Das ist ganz einfach: Ein bindungsfähiger Mensch wird sich kaum auf eine Beziehung mit einem Narzissten einlassen. Dieser wird ihm nicht viel bieten können. Was wir in der Regel vorfinden, ist ein narzisstisch strukturierter Partner und ein Komplementär-Narzisst. Dieser entspricht im Wesentlichen dem weiblichen oder dem verdeckten Narzissmus. Häufig finden sich also zwei Menschen mit einem verletzten Selbstwertgefühl, die darauf hoffen, von dem anderen gerettet zu werden.

DIE FURCHE: Wie werden Menschen zu Narzissten? Gibt es da Ähnlichkeiten in den Biografien?
Wardetzki: Man kann einige Strukturen in den Biografien erkennen. Was man sagen kann, ist, dass in der Regel jene Menschen zum Narzissmus tendieren, die in der Kindheit selber narzisstisch ausgebeutet wurden, weil sie in solchen Familien aufgewachsen sind. Narzissmus wird also einerseits sozial durch die Beziehung zu den Eltern bedingt, andererseits spricht man mittlerweile auch von einem hohen genetischen Anteil. Meine Vermutung als Psychotherapeutin ist, dass Kinder, die später narzisstische Züge aufweisen, eine hohe Sensibilität besitzen und sehr gut herausfinden, was andere von ihnen wollen. Sie passen sich an die Erwartungen der Umwelt an, um geliebt und anerkannt zu werden. Die narzisstische Abwehr schützt später vor weiteren Selbstwertverletzungen.

DIE FURCHE: Ist Narzissmus „heilbar?“ Und wie therapiert man Narzissten?
Wardetzki: Natürlich kommt es auch bei Narzissten darauf an, inwieweit sie bereit sind, an sich zu arbeiten. Häufig retten sie sich in der Therapie in tolle Geschichten. Menschen mit einer vulnerablen Struktur sind meist zugänglicher, weil sie selbst mehr an ihrer narzisstischen Störung leiden. Sie sind dadurch leichter erreichbar als jene grandios verpanzerten Menschen. Die sind erst dann bereit, etwas an sich zu ändern, wenn sie in große Not kommen. Meist dann, wenn die narzisstischen Stabilisatoren wegfallen, und sie zum Beispiel beschämt werden oder die Karriereleiter herunterfallen.

DIE FURCHE: Gibt es Bereiche, wo Narzissten gut eingesetzt sind?
Wardetzki: Narzissten sind gefragt, wenn es darum geht, große Narrative zu erzählen. Es gab sehr viele Blender in der Geschichte, die vorgaben, besser zu sein als die anderen. Meist schafften sie es, sich tatsächlich in den Vordergrund zu drängen. In den USA sehen wir es ja gerade bei Trump. Er hat sich als großer Retter ausgegeben. Oftmals wird erst hinterher gesehen, dass diese Versprechen heiße Luft sind. Im persönlichen Bereich wird es mit Narzissten oft schwierig, weil sie sich nichts sagen lassen und mit dem Partner rivalisieren. Wenn der Partner dann Erfolg hat, ist viel Neid im Spiel. Was man nicht vergessen darf: Auch grandiose Narzissten sind sehr unsicher. Sie haben nur ihre Angst so stark abgespalten, dass sie diese gar nicht mehr spüren. Neben dem Typus des Blenders gibt es auch die stark leistungsorientierten perfektionistischen Narzissten. Der Leistungsdruck kommt auch bei ihnen dadurch, dass sie versuchen, immer besser als die anderen zu sein. Da wir alle narzisstische Anteile haben, fallen wir schnell auf Verführungen durch Narzissten herein. Es ist daher gut, wenn wir das erkennen. Nur dann können wir achtsam sein, dass wir zum Beispiel nicht einem Partner auf den Leim gehen, der uns in den Himmel hebt, es aber nicht durchhalten kann. Denn grandio­se Narzissten strahlen ja auf den Partner ab. Dieser kriegt damit auch etwas von dessen Glanz ab und kann von seiner Selbsterhöhung profitieren. Doch hier müssen wir aufpassen, um dieser Verführung nicht zu erliegen, weil nach der Idealisierung meist die Entwertung folgt.

DIE FURCHE: Sind Influencer klassische grandiose Narzissten?
Wardetzki: Das würde ich so nicht sagen. Ich glaube jedoch, dass die Angebote, die wir in sozialen Netzwerken haben, also gemocht und beurteilt zu werden, die narzisstischen Anteile in jedem von uns mobilisieren. Ich denke nicht, dass durch diese Angebote mehr Menschen eine narzisstische Störung bekommen. Aber wir haben mehr Möglichkeiten, unsere eigenen narzisstischen Anteile auszuleben und das Tag für Tag. Und wer da mithalten will, muss sich besonders anstrengen. Doch genau unter dieser Anstrengung leiden Narzissten. Da wir unsere narzisstischen Anteile mobilisieren, fangen wir uns natürlich auch den Stress und die Anstrengung mit ein. Das muss jedem von uns zumindest bewusst sein, wenn wir uns auf diesen Portalen bewegen.

Bärbel Wardetzki - © Foto: privat

Bärbel Wardetzki

Bärbel Wardetzki ist eine deutsche Psychotherapeutin und Autorin und beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit dem Narzissmus, insbesondere mit der so genannten „weiblichen“ Form dieser Persönlichkeitsstörung.

Bärbel Wardetzki ist eine deutsche Psychotherapeutin und Autorin und beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit dem Narzissmus, insbesondere mit der so genannten „weiblichen“ Form dieser Persönlichkeitsstörung.

Blender im Job - © Scorpio Verlag
© Scorpio Verlag
Buch

Blender im Job

Vom klugen Umgang mit narzisstischen Chefs, Kollegen und Mitarbeitern
Von Bärbel Wardetzki
Scorpio 2015
208 S., geb.,
€ 17,99

Weiblicher Narzissmus - © Kösel Verlag
© Kösel Verlag
Buch

Weiblicher Narzissmus

Der Hunger nach Anerkennung
Von Bärbel Wardetzki
Kösel 2007
304 S., geb.,
€ 20,–

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