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"Finanzblasen sind ein Dauerzustand"

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Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger kritisiert in seinem neuen Buch das System der modernen Geldschöpfung, warnt vor neuen Krisen und fordert eine grundlegende Reform des gesamten Systems.

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Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger kritisiert in seinem neuen Buch das System der modernen Geldschöpfung, warnt vor neuen Krisen und fordert eine grundlegende Reform des gesamten Systems.

Mathias Binswanger ist einer der angesehendsten Ökonomen der Schweiz. Soeben ist sein Buch "Geld aus dem Nichts" erschienen, in dem er die globale Geldschöpfung untersucht und neue Ansätze für eine Reform gibt.

DIE FURCHE: Ihr Vater Hans-Christoph hat vor Jahren mit einem Essay über Geldschöpfung in Goethes Faust Aufsehen erregt. Mephistopheles schafft in der betreffenden Szene mit Papiergeldspekulation Fortschritt und Zerstörung. Sie haben einen anderen Ansatz. Sie meinen, dass in der Geldschöpfung sehr wohl etwas Gutes liegen kann.

Mathias Binswanger: Diese Meinung vertritt aber auch mein Vater. Denn sind nicht die meisten Dinge ambivalent? Es wäre grundfalsch, alles einfach in ein Gut-Böse-Schema zu pressen. Es gibt Zeiten, in denen die positiven Aspekte überwiegen -und gerade beim Geld war das ja auch lange der Fall, weil das einen allgemeinen Wohlstand ermöglicht hat. Und nun kommen negative Erscheinungen zutage.

DIE FURCHE: Ihr Buch beginnt mit einer Schelte in der Sie zeigen, dass nicht einmal Zentralbanker - in diesem Fall der Chef der ÖNB Ewald Nowotny, wissen, dass Geldschöpfung nicht nur durch Zentralbanken, sondern auch in Geschäftsbanken passiert.

Binswanger: Ich glaube, manche von ihnen haben tatsächlich das Gefühl, dass es diese Form der Geldschöpfung nicht gibt. Man wird ja auch im Volkswirtschaftsstudium indoktriniert. Da wird gelehrt, dass zuerst Ersparnisse da sein müssen, und die Banken eigentlich ein riesige Menge Geld im Keller liegen haben müssten. Da ist nicht so - im Gegenteil. 90 Prozent des sich im Umlauf befindenden Buchgelds in Europa werden von Geschäftsbanken geschöpft. Nur 10 Prozent ist Cash und stammt von der Zentralbank.

DIE FURCHE: Ohne die von Ihnen beschriebene Geldvermehrung wären ja wohl auch die vielen beeindruckenden Glastürme und Wolkenkratzer der Banken nicht möglich - und Boni für die Manager schon gar nicht. Aber warum ist es denn für Banker so schwer, sich dazu zu bekennen?

Binswanger: Paradoxerweise ist die Anschauung vom Geld im Keller viel besser für den Ruf der Bank, weil man suggeriert, dass eine Bank eine harmlose Institution ist, die nur Ersparnisse bei sich sammelt und wieder ausgibt. In dieser Sicht gibt es kaum Raum für Spekulation. Wenn man aber sagt, die Banken schaffen das Geld aus dem Nichts, bekommen sie eine ganz andere Bedeutung, die ihnen so nicht recht ist. Ich schätze, dass die Mehrheit der Menschen, die bei den Banken arbeitet, auch keine Ahnung hat, dass Geldschöpfung passiert.

DIE FURCHE: Sie wenden sich auch gegen die Unterteilung in "gute" Retailbanken, welche die kleinen Sparer und Unternehmer betreuen und "böse" Investmentbanken, die mit Milliarden spekulieren. Warum?

Binswanger: Weil es einfach unterschiedliche Funktionen von Banken gibt. Die einen helfen bei Krediten, die anderen bei der Ausgabe von Aktien und Obligationen, da würde ich wirklich nicht sagen die einen sind gut und die anderen schlecht. Es ist nur so, dass diese Funktionen in der Vergangenheit zum Teil durchmischt wurden und das Retailgeschäft zum Spielball der Investmentfunktion wurde. In der Krise hat sich gerade das in der Spekulation im Hypothekarkreditgeschäft gezeigt, das ja eigentlich traditionell zum Retailbereich gehört.

DIE FURCHE: Wenn Investment von Geldschöpfung abhängt, dann verdankt Europa dem Geld aus dem Nichts sehr viel. Vor den ersten Formen der Geldschöpfung lag das Wachstum zwischen 0,5 und einem Prozent.

Binswanger: Tatsächlich gibt es ein permanentes Wachstum pro Kopf erst seit dem 19. Jahrhundert. Dazu brauchte es erst die finanzielle Revolution durch das Bankwesen, also die Fähigkeit, Geld aus dem Nichts zu schaffen. Das war die Voraussetzung dafür, dass die industrielle Revolution sich entsprechend auswirken konnte, weil damit auch die entsprechenden Investitionen in die Technologien finanzierbar wurden.

DIE FURCHE: In den vergangenen Jahren hat dieses Wachstumsthema aber eine deutlich negative Schlagseite bekommen. Etwa durch Spekulation nicht nur im Immobilienbereich, sondern auch bei Grundgütern wie Getreide. Wie sehen Sie das aus der Sicht des Geldes?

Binswanger: Das Grundproblem ist, dass zu viel Geld im Umlauf ist und die Realwirtschaft nicht genügend Möglichkeiten für profitable Investitionen bieten kann. Wir sehen ja, dass die Blasen eigentlich zu einem Dauerzustand geworden sind. Wenn eine Blase etwa im Immobilienbereich platzt, bläht sich schon die nächste an der Börse oder anderswo. Das Geld sucht ständig nach Möglichkeiten für eine Rendite.

DIE FURCHE: Wie könnte man dem begegnen?

Binswanger: Wir werden nicht zu einem System zurückfinden, wo es nur "gute" real produktive Investitionen gibt und der Finanzbereich allein der Diener der Realwirtschaft ist. Diese Vorstellung ist naiv.

DIE FURCHE: Das ist aber seit 2008 eine der Hauptforderungen der Systemkritiker.

Binswanger: Historisch gesehen hatte die Finanzindustrie diese Funktion nur zeitweise inne, aber mit Absicht geschah das eigentlich nie. Man wollte in erster Linie Geld verdienen, und als Nebeneffekt ergaben sich die massiven Investitionen in die Realwirtschaft. Früher gab es einfach viel weniger Möglichkeiten für Spekulation. DIE FURCHE: Was würden Sie vorschlagen?

Binswanger: Grundsätzlich sollte man von der einseitigen Fokussierung auf das Wirtschaftswachstum wegkommen. Es sollte nicht mehr gelten, so viel Wachstum wie möglich, sondern so viel Wachstum wie nötig. Wenn das Wachstum nichts zum Wohlbefinden des Menschen beiträgt, dann wird es unökonomisch im eigentlichen Sinn. Es geht auch in der ökonomischen Theorie um das subjektive Wohlbefinden der Menschen und nicht um Wachstum. DIE FURCHE: Und was das Geld betrifft?

Binswanger: Mit der traditionellen Geldpolitik kann man dieses System nicht mehr kontrollieren. Die Zentralbanken werden wahrscheinlich neue Instrumente brauchen, mit denen sie beispielsweise spezifische Eigenkapitalforderungen anstreben können, etwa für bestimmte Arten von Krediten. Aber man muss auch die Anreize hinterfragen. Spekulative Exzesse sind nämlich immer auch gekoppelt mit einer hohen Entlohnung im Finanzsektor. Das war bereits der Fall in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nachher hat es sich normalisiert, und die Löhne in der Finanzbranche waren etwa gleich wie im Rest der Wirtschaft bis in die 80er-Jahre. Dann jedoch hoben die Löhne der Bankmanager wieder so richtig ab. Ich würde also meinen: Wenn Geschäftsbanken schon Geld schaffen und sich Geld bei der Zentralbank leihen dürfen, dann müssen sie auf der anderen Seite zu einem Bonussystem verpflichtet werden, das nicht systemgefährdend wirkt.

Geld aus dem Nichts Wie Banken Wachstum schaffen und Krisen verursachen Von Mathias Binswanger, Wiley-VCH-Verlag 2015.345 Seiten, brosch., € 24,99

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