7109505-1995_45_13.jpg
Digital In Arbeit

Weiche Knie vor dem Ecu

1945 1960 1980 2000 2020

Völlig verunsichert reagieren derzeit die Sparer und Anleger auf die nahende Wirtschaftsund Währungsunion. Ist unser Geld in Gefahr?

1945 1960 1980 2000 2020

Völlig verunsichert reagieren derzeit die Sparer und Anleger auf die nahende Wirtschaftsund Währungsunion. Ist unser Geld in Gefahr?

Die Gültigkeit der alten Weisheit, daß eine Währung dann am sichersten ist, wenn über sie gar nicht erst gesprochen wird, kann der österreichische Schilling derzeit nicht für sich beanspruchen. Regierungskrise, unsicherer Wahlausgang, steigende Rudget- und Leistungsbilanzdefizite haben ihn ins Gerede gebracht - vorübergehend, wie anzunehmen ist. Denn die ökonomische Basis, auf deren Stabilität seine Stärke beruht, ist nach wie vor gegeben. Der Schatten des Budgetdefizits, der auf dieses Fundament gefallen ist, sollte von einer halbwegs guten, neuen Regierung zu vertreiben sein.

Mit zunehmender Verunsicherung reagieren Anleger und Sparer aber auch auf das Nahen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU), die (frühestens) im Jahr 2002 eine Einheitswährung auf dem Gebiet der Europäischen Union (EU) — oder zumindest von Teilen davon — bringen soll. Gewissen Vorteilen, die von einem solchen Projekt zweifellos zu erwarten sind (erleichterte Einkaufs- und Absatzmöglichkeiten für die Unternehmen, Ausschaltung der Währungsspekulation, Wegfall von Umwechslungskosten und anderes), stehen Befürchtungen insbesondere in Ländern mit harten Währungen gegenüber, stabiles und kaufkräftiges Geld gegen schlechtes und inflations-gefährdetes einzutauschen. Entsprechend zurückhaltend wird derzeit auf den Finanzmärkten agiert: kaum jemand ist noch bereit, gute DM, Gulden oder Schillinge in längerfristige Papiere zu investieren, um in einigen Jahren sein Guthaben in einer Euromen, deren Qualität heute noch nicht beurteilt werden kann.

Auch in Österreich werden gegenwärtig veränderte Verhaltensweisen von Anlegern beobachtet. Nach einer Untersuchung des Sparkassenverbandes wird verstärkt in kurzfristige Papiere umgestiegen. Wenn langfristig verlanlagt wird, dann in DM, Schweizer Franken, Immobilien oder Gold.

Nun ist eine gewisse Diversifizierung von Portefeuilles sicherlich immer sinnvoll - doch wie real sind die geschilderten Befürchtungen? Oder besteht nicht vielmehr die Gefahr, einer - womöglich erst recht verlustbringenden - Hysterie aufzusitzen?

Dazu die Fakten: Nach dem derzeit gültigen Fahrplan zur Europawährung wird Anfang 1998 festgestellt, welche Länder im Jahr 1997 die Konvergenzkriterien erfüllt haben. Dann wird entschieden, welche Länder in die dritte und letzte Stufe zur Währungsunion, die sich unter anderem eben auch in einer gemeinsamen Währung manifestieren soll, eintreten können (sollen, müssen, dürfen?)

Gehen wir davon aus, daß Österreich zu diesen - in ihrer Anzahl wahrscheinlich begrenzten - Ländern gehört, die die Kern-Währungsunion bilden werden, und daß obiger Zeitplan auch wirklich eingehalten werden kann (Zweifel daran siehe Seite 16), so muß man sich fragen, worin angesichts dieser Perspektiven denn die Gefahren bestehen könnten, denen sich ein potentieller Anleger aus heutiger Sicht gegenübersieht.

Es scheint sich vor allem um drei mögliche Bedrohungen zu handeln: ger stabil sein, das heißt einer höheren Inflation unterliegen als der Schilling, insbesondere dann, wenn einigen Ländern mit weniger stabilen Währungen die Teilnahme ermöglicht wird. Als Grund wird angeführt, daß die Europäische Zentralbank unter diesen Umständen seitens der Öffentlichkeit nicht von vornherein das gleiche Vertrauen in ihre Fähigkeit zur Inflationsbekämpfung genießen wird wie die Deutsche Bundesbank oder die Österreichische Nationalbank. Vor allem auch deswegen, weil die Finanz- und Budgetpolitik in der Kompetenz der Nationalstaaten bleibt und solcherart theoretisch -niemandem soll das unterstellt werden - alle Bemühungen der Europäischen Zentralbank unterwandert werden können. nicht ausgeschlossen, aber auch nicht wahrscheinlich. Gerade um diesbezügliche Befürchtungen der Bevölkerungen zu zerstreuen, haben sich deutsche, holländische und österreichische Währungspolitiker wiederholt und dezidiert festgelegt, daß sie keine Regelungen akzeptieren, die die Eurowährung gegenüber den nationalen Währungen schwächer dastehen ließen.

Bekanntlich hat in Deutschland zum gegebenen Zeitpunkt über die Einführung der Eurowährung eine Volksabstimmung stattzufinden. Es ist nicht anzunehmen, daß die Bundesbürger ihre DM aufgeben werden, wenn sich auch nur ein Hauch von Unsicherheit über die neue Währung zeigen sollte. Ohne diese Zustimmung wäre das Projekt aber ohnehin geplatzt.

Auf keinen Fall erscheint es jedoch notwendig, sich bereits jetzt wegen der schwachen Möglichkeit einer geringfügig höheren Inflation jenseits der Jahrtausendwende einer Nervenbelastung auszusetzen - das diesbezügliche Risiko erscheint nicht höher als bei jeder anderen längerfristigen Veranlagung auch.

■ Eine weitere Befürchtung besteht darin, daß wegen der um sich greifenden Verunsicherung das Zinsniveau ansteigen wird. Das ziehe Kursverluste bei bereits im Umlauf befindlichen und niedriger verzinsten Wertpapieren nach sich, heißt es.

Tatsächlich sind in den letzten Wochen bereits Risikozuschläge zu längerlaufenden Wertpapieren, die auf Hartwährungen lauten, beobachtet worden. Sinngemäß gilt jedoch auch hier das vorhin Gesagte. Und wer dieses Risiko wirklich für größer hält als in der realwirtschaftlichen Entwicklung der einzelnen Industriestaaten papiere mit kurzen Laufzeiten investieren, die bei steigender Nachfrage aber niedriger rentieren werden.

■ Bleibt als letzter großer Angstbereich die Tatsache, daß jemand, der heute beispielsweise ein Papier mit zehnjähriger Laufzeit erwirbt, die investierte Summe - immer unter Maßgabe des obigen Zeitplans - in einer anderen Währung rückbezahlt erhält, als er sie einbezahlt hat.

Betrachtet man diese Frage emotionslos, so müßte man annehmen, daß diese Befürchtung gegenstandslos ist. Denn wie erwähnt erfolgt die Umrechnung zwischen Euro- und nationalen Währungen zu fixen Wechselkursen, die kaufkraftmäßig dem Wert zum 1. Jänner 1999 entsprechen, so-daß die Umstellung eine bloße Rechenoperation darstellt. Und daß der Kurs des Schillings vor Eintritt in die Währungsunion verändert wird, ist ausgeschlossen.

Schon heute ist klar, daß andere Entwicklungen allein schon deshalb zu verhindern versucht werden müssen, weil ansonsten eine Flut von Prozessen seitens geschädigter Anleger droht.

Fazit: die gängigen Befürchtungen betreffend die Währungssicherheit als Folge der geplanten Umstellung auf eine Euro-Währung haben wenig Substanz. Auf alle Fälle sind sie verfrüht, zumal viele Details der Umstellung noch gar nicht ausdiskutiert sind.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau