Hartmut Rosa: "Ein Gefühl der Erschöpfung"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Soziologe Hartmut Rosa über die schnelle Gesellschaft, das Burn-out und immaterielle Märkte.

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Der Soziologe Hartmut Rosa über die schnelle Gesellschaft, das Burn-out und immaterielle Märkte.

Hartmut Rosa lehrt Soziologie an der Uni Jena. Er propagiert eine Abkehr von der unablässigen ökonomischen Beschleunigung in modernen Weltbeziehungen. Rosa wird Gast der Globart-Academy 2014 sein, die ab Donnerstag in Krems stattfindet.

DIE FURCHE: Wir reden seit der Krise 2008 vermehrt von unsichtbaren Gütern. Also von Gerechtigkeit, von der Ethik im Verhalten, von Moral. Ist es nicht erstaunlich, dass - sobald der materielle, auch greifbare Reichtum zurückgeht - man sofort im Immateriellen die Gründe dafür sucht?

Hartmut Rosa: Das tun wir nur bedingt. Denn gerade in der Krise sagen wir, die Zeiten werden härter, und wir können uns diesen oder jenen moralischen Standard nicht mehr leisten. Die gegenwärtigen moralischen Diskussionen folgen also eher einer konservativen oder repressiven Dynamik welche dem Einzelnen die Verantwortung aufzubürden versucht. In Zeiten des Booms, wie etwa 1968, werden eher neue moralische Standards formuliert.

DIE FURCHE: Damals ging es darum die Gesellschaft neu zu formieren und für neue Dynamiken zu öffnen. Heute stehen wir vor einer Situation, in der nach Ihrer Analyse die permanente Beschleunigung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dynamik eine Entfremdung des Menschen in seinen Beziehungen zur Welt und zu sich selbst ergibt.

Rosa: Unbestreitbar ist, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, sie müssten alles tun, um innovativ und kreativ zu sein, dass aber diese Beschleunigung in keiner Hinsicht zur Lösung der Probleme führt, weil die Knappheit trotzdem zunimmt und wir den Gürtel immer enger schnallen müssen. Die Zeitnot nimmt also zu unter dem Gefühl, dass wir uns ständig steigern müssen, um nicht in die Krise zu geraten.

DIE FURCHE: Ist das der Fluch einer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft?

Rosa: Ich würde es so formulieren: Die Marktwirtschaft hat mit der Entfesselung der Produktivkräfte einen enormen Wohlstand geschaffen. Aber insbesondere in den westlichen Industriestaaten hat das System mehr Möglichkeiten geschaffen, als wir nutzen können. Aber wenn das so ist, warum müssen wir dann eigentlich die Produktivität innerhalb des Systems immer weiter steigern.

DIE FURCHE: Sie nehmen in ihrem Buch "Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung" die "Unsichtbare Hand" von Adam Smith in die Kritik.

Rosa: Ich glaube, dass dieses Konzept einen entscheidenden Punkt unberücksichtigt lässt. Nämlich die Logik der Eskalation. Meine These ist, dass der perfekte Markt für die Konsumenten der Himmel, für die Produzenten aber die Hölle ist. Jeder kleine Fehler, jede kleine Verschnaufpause, wird darin bestraft, weil man von einem Konkurrenten ausgestochen wird.

DIE FURCHE: Nun sind wir alle Produzenten und Konsumenten zugleich. Nur dass der Produzent zunehmend unablässig produziert. Sie beschreiben das mit dem Zwang der To-Do-Listen in der ökonomisierten Gesellschaft.

Rosa: Früher kannte man den Begriff der Muße. Das ist ein Zustand, an dem das Tagwerk erledigt ist. Also ein Zustand, in dem man legitimer Weise davon ausgeht, dass niemand mehr etwas von einem erwarten kann, dass man befreit ist von externem Handlungsdruck. Aber dieser Zustand stellt sich heute überhaupt nicht mehr ein. Wenn man am Abend am Kamin sitzt, fallen einem sicher tausend Sachen ein, die man noch tun müsste. Wir "investieren" dann Zeit in Information oder in Bildung oder in Kommunikation oder in Fitness. Wir tun also so, als müssten wir immerzu eine Form von Kapital akkumulieren, im Sinne Pierre Bourdieus.

DIE FURCHE: Demnach ist die Zeit immer das Opfer jedes Beschleunigungsprozesses. Um schneller am Ziel zu sein, muss schon nach dem einfachen Gesetz der Physik - Geschwindigkeit ist gleich Weg durch Zeit - die Zeit schrumpfen. Ohne eine Reduktion der Zeit gibt es also keine schnellere Dynamik.

Rosa: Dieses Problem hat wichtige Weiterungen. Die dynamische Variable ist tatsächlich die Zeit und das Problem ist, dass man sie nicht vermehren kann. Wenn wir also unsere Gesellschaften als Steigerungsgesellschaft beschreiben, dann bemerken wir, dass man alles mögliche steigern kann, Produkte und Herstellung, Wegstrecken und Handlungs-Optionen. Aber wir können die Zeit nicht vermehren. Wir können sie nur verdichten. Und da lautet meine These, dass nicht alle Lebens- und Gesellschaftsbereiche gleich beschleunigungsfähig sind, sodass es zu Desynchronisation kommt. Die schnelleren Akteure setzen die langsameren unter Druck.

DIE FURCHE: Gibt es dafür Beispiele?

Rosa: Etwa die ökologische Krise: Der soziale Stoffwechsel ist zu schnell geworden für die Ökosphäre. Die Rohstoffe können nicht mehr in dem Maße nachwachsen, in dem sie verbraucht werden. Ähnliches gilt für die Demokratie. Sie ist ein zeitaufwendiges System, aber die Zeit steht nicht mehr zur Verfügung, weil das ökonomische System permanent beschleunigt. Es gibt also eine Desynchronisation zwischen Ökonomie und Politik. Und es gibt auch eine Psycho-Desynchronisation in den Individuen. Das Gefühl der Bedrohung durch Erschöpfung an den Anforderungen des Systems, Stichwort Burn-out.

DIE FURCHE: Noch einmal zurück zum Thema des Unsichtbaren. Werden nicht auch auf den Konsummärkten zunehmend immaterielle Produkte gehandelt? Stünde am Ende einer solchen Entwicklung ein Konsument, der sich seine Bedürfnisse aus dem virtuellen Raum herunterlädt?

Rosa: Tatsächlich gibt es einen Prozess der massiven Immaterialisierung. Ein Beispiel: Vor wenigen Jahren haben wir noch CDs erworben. Dann konnte man Musik downloaden. Heute gilt das Begehren gar nicht einem bestimmten Album, sondern einem endlosen Strom an Liedern. Wir begehren also nicht mehr die Hardware. Aber die eigentliche Frage ist, ob wir unser Bedürfnis nach Interaktion und Resonanz in den Sphären der sozialen Medien befriedigen können. Informationsübermittlung allein ist ja noch keine Beziehung.

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