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Zukunft passiert. Sind wir ausgeschlossen?

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Vor unseren Augen verändert sich rasant die Welt, ohne dass wir sie entscheidend mitgestalten könnten. Müssen sich die Menschen in Zukunft immer mehr auf die Rolle von Konsumenten und Zuschauern beschränken?

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Vor unseren Augen verändert sich rasant die Welt, ohne dass wir sie entscheidend mitgestalten könnten. Müssen sich die Menschen in Zukunft immer mehr auf die Rolle von Konsumenten und Zuschauern beschränken?

Das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hat eine Wende gebracht, die in den Wirkungen einer "Schubumkehr" gleichkommt. Der Generaltrend der Modernisierung dreht gegen den Wind. Postmodernisierung tritt an ihre Stelle. Die Grammatik der Politik, der Ökonomie und der Kultur wird umgeschrieben und aus dem Wörterbuch des Lebens werden ein paar Tausend Vokabeln gestrichen. Sie standen für so etwas wie sinnvolle Lebenskonzepte. Die Welt, in der wir leben, wird zum Irrtum (Nietzsche).

All das wird zwar im buchstäblichen Sinne des Wortes von geschäftigen menschlichen Aktivitäten getragen - aber niemand nimmt wirklich Einfluss auf die Entwicklung. Kein Subjekt kann den freien Fall in die Postmoderne aufhalten. Auch nicht der "Souverän": Zwar lautet Artikel 1 des österreichischen Bundesverfassungsgesetzes immer noch: Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus. Aber wie eigentümlich wirkt dieser Satz doch heute. Das heroische Bild vom Volkswillen, der letztlich das Naturhafte, und somit auch die blinde Gewalt der Märkte in die Schranken weist, das Omnipotenz-Monument des demokratischen Verfassungsstaates, kann am Ende dieses Übergangsdezenniums allenfalls als Karikatur ernst genommen werden. Als Menschen werden wir nur überleben, wenn es gelingt, alle unsere Sinne für die Gewalt dieser Veränderungen zu schärfen. Apokalyptische Schwarzmalerei ist das dennoch nicht. Angesichts der allgemeinen Hochstimmung wäre das auch nicht angebracht.

Ständige Verführung Der Prozess der Verwandlung der Gesellschaft in einen völlig aus dem Gleichgewicht geratenen Dschungelkapitalismus überschreibt den alten Menschen mit neuen Programmen. Der biedere, nette und kontrollierbare "organisierte Kapitalismus" der letzten Jahrzehnte (soziale Marktwirtschaft etc.) wächst sich zu einer mächtigen Agentur der Verführung des Menschen aus, der in seiner kläglichen Schwäche und Abhängigkeit dazu gebracht wird, seine eigenen so unfassbar breit angelegten Talente auf die Funktionen von Konsumenten und Zuschauern zu reduzieren.

Die Kernbestände des Humanen werden um einen Spottpreis verkauft. Ihre Verschrottung erfolgt zugunsten einer wahn- und zwanghaften neuen Religion. Für sie ist jeder Zweifel daran, dass sich aus Geld, Waren und Wettbewerb jenes Paradies schaffen lässt, das die Moderne immer schon versprochen hat, Häresie. Die Macht dieser neuen Religion zeigt sich überdies daran, dass sie keine Scheiterhaufen braucht. Die intellektuelle und künstlerische Kritik erschöpft sich in verlorenen Selbstgesprächen und verhallt echolos und ungehört.

Die neue Globalreligion setzt zwei Hauptgegner erfolgreich auf die rote Liste der aussterbenden Arten, die bei ihrem Endsieg hinderlich sind - sie könnten ihn verzögern, ja sie könnten knapp vor Erreichen des Eldorado der totalen Durchkapitalisierung der Welt den unberechenbaren, sperrigen alten Menschen dazu bringen, das Ruder noch einmal herumzureißen. Die beiden Todfeinde der neoliberalen Invasion sind - vom Potential, nicht von ihrem derzeitigen Zustand her - ein starker Staat und ein starker, selbstbewusster Mensch. Sie gilt es um jeden Preis zu schwächen.

Es ist klar, dass der Befund eines so totalen Umsturzes, der die Kernsubstanzen der bisherigen Gesellschaften (nicht nur der modernen!) auslöscht, nur schwer nachvollziehbar ist. Das ist zwar Realitätsverweigerung. Aber Realitätsverweigerung ist ein bekanntes Muster im Umgang mit dem Bedrohlichen. Der homo austriacus pflegt diese Haltung ohnehin mit besonderer Hingabe. Wenn 1989 irgend jemand vom Beginn der Postmoderne gesprochen hätte, so wäre er nicht verstanden oder ausgelacht worden. Risikogesellschaft, ja. Erlebnisgesellschaft, o.k. Theoretisierende Feinspitze hätten schon damals auch den Begriff "globalisierter Turbokapitalismus" akzeptiert. Aber Postmoderne? Eine Provokation! Propagierung der Attitüde der Beliebigkeit. Soziale Konflikte als Sprachspiele? Das hat uns noch gefehlt.

Damals ging der Begriff Fortschritt noch flott von der Zunge. Man fühlte sich wie selbstverständlich als ein Kind der Aufklärung. Man reklamierte fast eifersüchtig jede "Emanzipationsbewegung" für sich. Der politische Arbeitsbegriff der "Demokratisierung aller Lebensbereiche" war zwar schon im Verblassen, aber noch weit weg vom Flair des Archäologischen, der ihm heute anhaftet.

Was ist Fortschritt?

Rückblickend erscheinen die sich im Laufe dieses Übergangsjahrzehnts häufenden fremdartigen und unerklärlichen Phänomene, die in der jeweils aktuellen Situation, wenn man sie überhaupt in der allgemeinen Geschäftigkeit bemerkt hat, noch als Skurrilität, als Ausrutscher der Geschichte angesehen wurden, die als Spukgespenster klassifiziert und abhakt wurden, weil sie sich im Sonnenlicht des Rationalismus wie Nebelfetzen aufzulösen schienen, in einem ganz anderen Licht, nämlich als Vorboten der künftigen Normalität. An diese Normalität hat man sich inzwischen gewöhnt. Das Unerklärliche wird zunehmend hingenommen. Die Abspaltung der Realität von den bisherigen Werten erscheint gleichsam natürlich. Die schrillen Dissonanzen in Gesellschaft und Politik werden als Ausdruck des Prinzips der Weite der Möglichkeiten angesehen, ohne dass irgendwelche Irritationen auftreten oder gar Ethik, Regeln, Glaubenssätze, Wahrheit, Wissenschaft oder Anstand eingemahnt werden.

Die Welt degeneriert zu Sprachspielen, zu sozialen Spielen, zu ökonomischen Spielen, zu einem Erlebnispark perfekter Beliebigkeit, zu einem Zirkus, in dem Politik und Bürger nicht die Peitsche schwingen, sondern als Nummerngirls, Clowns, Statisten oder Zuschauer auftreten. Das Widersprüchliche, Unangemessene, Ordnungslose, Skandalöse, Inkonsistente, Rechtswidrige wird akzeptiert und behandelt wie das Fernsehprogramm oder ein komplexes Computerspiel, mit hundert Levels und zehn Leben.

Was sich in den Neunzigern mit zunehmender Penetranz angekündigt hat, hat sich heute bereits zu einer neuen Gesellschaftsformation verdichtet, die das Ende der Ansprüche der Aufklärung, der Moderne, jener Erzählungen, von denen die Welt in den letzten Jahrhunderten beherrscht wurde und die unsere Geschichte geschrieben haben, bedeutet. Die kommende Geschichte wird voraussichtlich nicht mehr unsere Geschichte sein.

Um nicht den Eindruck zu erwecken, damit habe sich ein sozialphilosophisches Gegenkonzept zur Moderne auf geheimnisvolle Art als ein geistig-kulturelles Alien festgesetzt und wie ein Virus auf der Erde verbreitet, um also den Fehler der chronischen Anfälligkeit der intellektuellen Spezies für Verschwörungstheorien zu vermeiden: Der Prozess des Kippens der Moderne in die Postmoderne war von Anfang an in unserer, wie wir heute wissen, eher kläglichen Variante der Moderne angelegt. Kläglich deswegen, weil ein auf das Diesseits projiziertes eschatologisches Erlösungskonzept sowie die Idee einer Befreiung des reinen Subjekts ausgerechnet unter kapitalistischen Strukturen verwirklicht werden sollte. Es konnte daher nicht anders kommen, als es kam.

Die ökonomischen Strukturen des in rasender Expansion begriffenen Kapitalismus gehen spätestens ab dem Zeitpunkt, in dem der Kapitalismus auch den Staat, die Lebenswelt, die Denkweisen und die (Massen-)Kultur zur Ware macht (und eben das ist heute der Fall) daran, alle Werkzeuge der Moderne, die den Menschen am Maßstab seiner (sozialen, kulturellen, geistigen) Bedürfnisse hätten befreien sollen, zu vernichten. Die Blindheit der Entwicklung, die das Grundkennzeichen des Kapitalismus ist, wirft Gefolge der anstehenden Agenda des 21. Jahrhunderts, der Vernichtung des Staates und des Subjektes (als vernünftig handlungsfähiges Wesen) die Menschheit wieder ganz an den Anfang zurück, in eine Zeit, in der er nicht beherrschten Kräften ausgeliefert ist. Statt Wetter und Feuer, Wasser und Dürre, sind es nunmehr nur ganz neue und viel raffiniertere Plagen. Was sind die Gefahren der Wälder und Wiesen im Vergleich zu den alltäglichen Schrecken der Zivilisation, fragt Baudelaire. Was hätte er wohl gesagt, wäre er durch New York oder Mexico City gewandert?

Das Neue und Neuartige ist dennoch und eben deswegen nur schwer erkennbar. Es handelt sich um eine Revolution in den Tiefenstrukturen und Kernsubstanzen der Gesellschaft. Dazu bedarf es eines geschärften und geschulten Blickes und - nochmals - der Bereitschaft, die unfassbare Erkenntnis, dass wir uns in einer chaotischen, ungesteuerten, extrem riskanten Phase der Geschichte befinden, überhaupt zuzulassen. Die Buntheit der Realität und die verwirrende Vielfalt extrem heterogener und komplexer Prozesse, die mit Hilfe unzähliger unterschiedlicher Methoden der Wahrnehmung, unter Verwendung unzähliger Filter und aus vielfältigsten perspektivischen Standpunkten betrachtet werden können, lässt es nur schwer zu, dass die Phänomene mit einer bedrohlichen strukturellen Revolution in Verbindung gebracht werden, die jeden existentiell angeht ...

Um nicht den Eindruck zu erwecken, damit habe sich ein sozialphilosophisches Gegenkonzept zur Moderne auf geheimnisvolle Art als ein geistig-kulturelles Alien festgesetzt und wie ein Virus auf der Erde verbreitet, um also den Fehler der chronischen Anfälligkeit der intellektuellen Spezies für Verschwörungstheorien zu vermeiden: Der Prozess des Kippens der Moderne in die Postmoderne war von Anfang an in unser-er, wie wir heute wissen, eher kläglichen Variante der Moderne angelegt. Kläglich deswegen, weil ein auf das Diesseits projiziertes eschatologisches Erlösungskonzept sowie die Idee einer Befreiung des reinen Subjekts ausgerechnet unter kapitalistischen Strukturen verwirklicht werden sollte. Es konnte daher nicht anders kommen, als es kam.

Die ökonomischen Strukturen des in rasender Expansion begriffenen Kapitalismus gehen spätestens ab dem Zeitpunkt, in dem er auch den Staat, die Lebenswelt, die Denkweisen und die (Massen-)Kultur zur Ware macht (und eben das ist heute der Fall) daran, alle Werkzeuge der Moderne, die den Menschen am Maßstab seiner (sozialen, kulturellen, geistigen) Bedürfnisse hätten befreien sollen, zu vernichten.

Alles wird zur Ware Die Blindheit der Entwicklung, die das Grundkennzeichen des Kapitalismus ist, wirft Gefolge der anstehenden Agenda des 21. Jahrhunderts, der Vernichtung des Staates und des Subjektes (als vernünftig handlungsfähiges Wesen) die Menschheit wieder ganz an den Anfang zurück, in eine Zeit, in der er nicht beherrschten Kräften ausgeliefert ist. Statt Wetter und Feuer, Wasser und Dürre, sind es nunmehr nur ganz neue und viel raffiniertere Plagen. Was sind die Gefahren der Wälder und Wiesen im Vergleich zu den alltäglichen Schrecken der Zivilisation, fragt Baudelaire. Was hätte er wohl gesagt, wäre er durch New York oder Mexico City gewandert?

Die bislang gültigen Grundannahmen von Reformpolitik, also rationale, quasi maschinell produzierte Fortschrittshorizonte, klare Interessenstrukturen und darauf aufbauend politische Strategien, sind zerbrochen. Die postmoderne Gesellschaft entzieht sich der Gestaltungskraft abstrakter Gesellschaftstechnolog-ien (Staat, Gesetz, Steuern, Umverteilung, Verbände, kollektiver Widerstand). Sie treibt vor sich hin, sie taumelt steuerungslos in Zukünfte, die sich jeder antizipierenden Beschreibung entziehen. Oder können wir uns nur im entferntesten vorstellen, was es heißt, wenn der Mensch biologisch umgebaut wird, wenn sein Gehirn gescannt und auf elekt-ronische Datenträger übertragen und dupliziert wird, wenn Sexualität virtualisiert und durch technische Eingriffe erweitert wird, wenn die Thrill-Produktion so fad wird, dass immer neue Steigerungen erforderlich sind, wenn sich die Menschen überwiegend in faszinierenden Kunstwelten bewegen. Vor allem: Ist es vorstellbar, wie die Zukunft aussieht, wenn alle diese Entwicklungen ausschließlich durch das Prinzip der Gewinnmaximierung bestimmt werden?

Der Medienhandelskonzern Saturn drückt den Basisbefund unserer Epoche in seiner Werbung mit zwei Worten aus: "Zukunft passiert". Peter Sloterdijk vermerkt treffend, "wir fahren nicht mehr von Genua aus in die Neuzeit, wir rollen auf einem Förderband ins Unabsehbare."

Der Autor ist Präsident der Robert-Jungk-Gesellschaft für Zukunftsforschung und Professor für Finanzwissenschaft in Salzburg.

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