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Stillstand durch Beschleunigung

Das jüdisch-christliche Gottesbild zeichnet einen Gott, der ganz anders ist als die Götzen der Menschen. In der Bioethikdebatte droht dies verlorenzugehen. Eine theologische Einmischung.

Erlöserfiguren und Erlösungskonstellationen wandelten sich in der Geschichte zum Teil dramatisch ab. Unverkennbar zeigt sich eine grundsätzliche Alternative, die ihre Spuren durch die Jahrtausende gelegt hat: die Alternative zwischen dem unbegreiflichen Gott Israels, den keine List oder Taktik manipulieren kann, und dem glänzenden Blendwerk, das zwischen den archaischen Formen des fruchtbaren Stieres und der glitzernden Münze pendelt.

Dieses Blendwerk lebt seit Jahr und Tag von der fast kindlichen Verzückung, die der Mensch so leicht an sich selber findet. Im Goldenen Kalb, das in der Wüste errichtet worden war zu Zeiten des Mose, spiegelten sich die Menschen wider; in den Fassaden der Geldtempel und Geschäftspaläste spiegelt er sich heute - einsam, wie er nun geworden ist.

Der verschobene Tod

Doch der Moderne Mensch hat seine eigene Erlösungshoffnung. Angetrieben wird sie durch die peinliche Wahrnehmung des wahrscheinlichen Endes, das ihn erwartet. Vielleicht ist alle kulturelle und (natur)wissenschaftliche Anstrengung, die heute unternommen wird, im Kern nichts anderes mehr als der Versuch, immer schneller praktikable Ergebnisse zu erzielen, die den Tod verschieben und schließlich überhaupt aufheben. Durch rasante wissenschaftliche Bewegung also zum Stillstand des Lebens. Wie einst in den Tagen des Josua berichtet wurde, dass Gott den Lauf der Sonne und damit die Zeit aufhielt, um Israel doch noch siegen zu lassen, so soll das heute der schleunige Fortschritt der Naturwissenschaft dem Menschen bringen. Statt des ewigen Lebens oder der Ruhe bei Gott, statt diesen Hoffnungsweisen, die sich von den biblischen Religionen aus entfalten konnten, inszeniert der einsame Mensch also die Utopie des endlosen Lebens.

Grundsätzlich ist das ja anzuer-kennen. Die Mühe, das menschliche Leben wenigstens medizinisch zu verbessern und zu erleichtern, ist menschlich und schafft viele Leidensformen ab, die Generationen vor uns gequält und zerstört haben.

Doch gerade die gentechnologische Debatte zeigt ein verändertes Bild. Denn erstmals wird öffentlich argumentiert, dass erzeugtes menschliches Leben zum Mittel gemacht werden soll, um schon bestehendes menschliches Leben zu erhalten, zu verlängern - zu verendgültigen. Die Scham, die früher Humantechnokraten und deren Ideologen mit ihren vagen Utopien in die Keller getrieben hat, ist gewichen. Öffentlich werden gentechnologische Forschungen an Embryonen als legitim ausgewiesen.

Wer etwas dagegen hält, gerät unter den Verdacht steinzeitlicher Unbeweglichkeit. Doch der vielleicht steinzeitliche Blick hat der gegenwärtigen Orientierung das Entscheidende voraus: Er gedenkt dessen, was schon war, und taumelt deshalb nicht naiv oder böswillig ins Zukünftige. So lassen sich auch seltsame Entsprechungen zwischen heute und früher nachweisen.

I. Ein zweifelhafter Humanismus

Da ist zum Einen die eindeutige Verengung des Menschen auf ein reines Naturwesen. Nichts als genetisches Material liegt vor. Dieses lässt sich bewerten, sondieren, manipulieren; mit ihm lässt sich experimentieren nach naturwissenschaftlicher Methode. Dazu braucht es verwertbares Ausgangsmaterial, aus dem sich menschliche Entwicklung anbahnen lässt. Durch In-vitro-Fertilisation liege dieses massenhaft vor. Deshalb wird die Freigabe dieser überzähligen Embryos zu Forschungszwecken immer vehementer verlangt. Vieles deutet darauf hin, dass dies kommen wird, auch in Österreich.

Verdeckt wird dies durch den Mantel eines zweifelhaften Humanismus: Da es diese Embryonen nun schon einmal gibt, müsse etwas Menschliches mit ihnen gemacht werden, etwas, das der Gesundheit dient; man soll sie nicht einfach, wie man sagt, brutal vernichtet. Übersehen wird dabei, dass - neben den Verfahrensproblemen (überzählige Embryonen werden erzeugt) - die gentechnologische Verwertung gleichfalls Vernichtung ist, Vernichtung eines angebahnten menschlichen Lebens, das gezielt in seiner Entfaltung abgelenkt oder zersetzt wird.

Übersehen wird aber auch, dass die in-vitro-Fertilisation von sich aus sehr problematisch ist; denn sie erfüllt einen Kinderwunsch in Gesellschaften, in denen zu Hunderttausenden Kinder abgetrieben werden und die Adoption im Vergleich zur Abtreibung seltsamerweise immer noch als etwas Schlechteres, weniger Menschliches gilt. Übersehen wird schließlich dabei, dass der technische Sprachgebrauch, der hier herrscht, geradezu ideologischen Charakter hat: Es sollte niemand auf die Idee kommen, dass menschliches Leben in Gang gebracht worden ist.

Statt also vom Menschen zu sprechen, führt man in den Diskurs Begriffe wie Humanmaterial, Programmierung, Codierung, und so weiter ein. Innerhalb der rein wissenschaftlichen Bereiche hat das sein Recht; wenn dies aber wie heute zum allgemeinen Sprachgebrauch wird, dann ist das unmenschliche Ideologie, die schließlich die Abschaffung des Menschen unausweichlich machen wird.

II. Forschung ist Geschäft

Zum Zweiten ist die Verkoppelung von Forschung und Geschäft überdeutlich geworden. Über das weiche Wort der privaten Forschungsfinanzierung, das heute durch die Universitäten und die politische Öffentlichkeit wie eine Art von Stoßgebet mit Erlösungsgehalt geistert, wird Wissenschaft gekauft und zur Zuhälterei. In manchmal nur noch wenig gedämpftem Kadavergehorsam gegenüber ökonomischen Interessen wird auf Legalisierung von Entwicklungen gedrängt, in denen der Mensch zwar am Anfang Täter war, in der Mitte und am Ende aber Opfer ist.

Wer sich heute einreden lässt, an dem gigantischen Spiel teilzunehmen, in dem menschliches Leben erweckt, dann experimentellen Interessen untergeordnet und vielleicht gar patentiert werden kann mit all dem nachfolgenden Geschäftserfolg, wird morgen von Anderen, von Jüngeren verdrängt und als hinfälliges genetisches Material entsorgt werden. Unausweichlich ist deshalb der Zusammenhang zwischen dem Bedarf an Embryonen und der laufenden Euthanasiedebatte, unausweichlich, weil sie derselben Haltung entspringen: In beidem zählt das menschliche Leben nicht mehr.

III. Später Sieg der NS-Ideologie?

Zum Dritten ist die politische Komponente klar durchsichtig geworden. Die Ersten, die in großem Stil Humanexperimente betrieben haben, um den gesunden, geraden, starken Menschen hervorzubringen, waren die Nationalsozialisten. Mit Schrecken wendet man sich ab, sieht man die Bilder von Menschen, die zu solchen Experimenten herangezogen wurden. Schauder jagt es einem über den Rücken, liest man die Briefe von Ärzten, die als getreue Diener damaliger Ideologie neues Menschenmaterial aus Berlin erbaten, 16-jährige Judenknaben etwa oder missgebildete Roma.

Man mag darüber streiten, ob die schon lange dominierende naturwissenschaftliche Grundhaltung den Nationalsozialismus (mit)ermöglicht hat oder der Nationalsozialismus die Entfesselung der naturwissenschaftlichen Ideologie gebracht hat. Eines aber drängt sich auf: die Entsprechung dieser Konstellation, die eindeutig säkulare Erlösungsfunktion trug, und der heutigen ideologischen Bedingungen. Wo immer man hinblickt, überall tauchen in den technologischen Gesellschaften mehr oder weniger deutliche naturwissenschaftliche Gedankengebilde auf, verbunden mit der Huldigung des Marktes. Die Unterschiede zwischen Rechts und Links sind weithin auf Tagesrhetorik zusammengeschrumpft. Der politische Kampf ist reiner Kampf um die politische Macht geworden, die es stets eilig hat, sich den ökonomischen Ideologien zu unterwerfen.

Selektion herrscht hier wie im humantechnologischen Feld; Selektion, die Methode und Stil aus der nationalsozialistischen Vergangenheit schöpft und diese Ideologie unter den neuen Bedingungen geradezu universalisiert hat. Des Führers Sieg, den man ihm nach 1945 so ehrlich nicht gönnen wollte, geschieht heute sanft, hinter den verschlossenen Türen der Forschungslabors, bewacht wie einstmals der Führerbunker. Und er geschieht in rasanter Bewegung, an deren utopischem Ende der Stillstand des zeitlos gewordenen Prachtexemplars Mensch stehen soll. Der Kult der Laufstege macht das heute schon vor.

Was die Nationalsozialisten langsam und mühsam, auch tölpelhaft angegangen haben, das geschieht heute schnell und leicht und vor allem gewandt und geschmeidig. Der brutale Schnitt ins Knie eines Behinderten damals gleicht der Manipulation der Zellentwicklung heute. Damals hat einer noch aufgeschrien, dann vielleicht nur noch geröchelt, so dass es schauderhaft war; heute schreit keiner mehr auf, so dass man sich gewöhnen kann.

Hat sich der Ton auch gewandelt, die Struktur ist dieselbe. Damals drängte man darauf, den Menschen die Erinnerung zu nehmen und sie an den dummen Augenblick zu binden; heute wird Erinnerung gelöscht durch erzeugte fiktive Welten, in denen alles Spiel sein soll und nichts Ernst - Eingewöhnung darauf hin, dass der Mensch sein eigenes, isoliertes Experiment geworden ist.

Unter dem Elektronenmikroskop schafft er sich ab, weil er in diesem Blick sich selbst vergisst. Im Vergleich zu dieser Selbstlosigkeit war die christliche Selbstlosigkeit und ihre Askese geradezu eine Hetz, der reine Wurstelprater.

Vielfältig Gott spielen

Dieses vielfältige Gottspielen des Menschen, der sich seine Ewigkeit holen will durch rasende humantechnologische Bewegung, bringt den Unmenschen herbei. Wie eh und je, so auch heute: Unmensch wird der Mensch, wenn er sich zum Gott, das heißt, zum Herren über Leben und Tod macht.

So zieht eine neue, scharfe Konfrontation herauf, die unter neuen Vorzeichen den alten Kampf zwischen Gott und Götze bringen wird, zwischen Leben und Mord, zwischen Gedenken und Vergessen, zwischen Aufblick und Abgesang, zwischen Selbstbesinnung und Hybris, zwischen Gottesglaube und Ideologie, zwischen Ewigkeit und Stillstand.

Gott sieht in dieser beschleunigten Moderne alt aus, steinzeitlich geradezu. Dieser alte Gott setzt jedoch jeden Menschen, der mit ihm zu tun bekommt, in die lange Geschichte hinein, die seit Adam durch die Welt greift. Und so weitet er den Horizont, macht aus den einsamen Menschen kollektive Persönlichkeiten, die immer auch der Anderen gedenken: der Embryonen, die schon Menschen sind; der Alten, die Menschen bleiben; der scheinbaren Anachronisten, die im Namen des biblischen Gottes den Menschen und seine Menschlichkeit verteidigen, ohne dass sie sich in die gottähnliche Pose von Fundamentalisten werfen.

Wie dieser Gott alle Denkmale und Prachtbauten mied, in denen Menschen vor sich selbst auf die Knie fielen, vor ihren architektonischen Künsten und wissenschaftlichen Leistungen, so kommt standhafte Kritik am heutigen Verlauf von wissenschaftlicher Ideologie wieder von diesem Gott her. Trotz aller Beschwichtigungen ist deshalb ein Kampf der Kulturen wohl unausweichlich, ein Kampf zwischen der Kultur des beschleunigten Stillstands und der Kultur eines offenen Gottglaubens.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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