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Um den Standort des Geistes

Die Erschütterungen der letzten Jahrzehnte haben uns eine Einsicht in Zusammenhänge des Geistigen, Seelischen, Materiellen und Machtmäßigen vermittelt, ohne deren Kenntnis nichts vom Geschehen unserer Epoche zu verstehen ist. Enge Zusammenhänge zwischen Geist, Seele und Macht werden heute selbst dem Manne von der Straße auf Schritt und Tritt offenbar: jede Partei hat ihre Ideologie, jeder Stand seine Weltanschauung, der letzte große Krieg war, wie Michel de Pange herausgestellt hat, ein Kreuzzug der Ideologien und wieder droht sich aus dem Gefälle der Machtinteressen und Glaubensgegensätze ein neuer „Kreuzzug“ herauszubilden. Dem Tiefersehenden ist es bereits seit langem einsichtig geworden, daß die tragische Häufung des Explosivstoffs im deutschen Raum sich in der Spannung eines Jahrhunderts zwischen dem „rudilosen Optimismus“ Hegels und dem „ruchlosen Pessimismus“ und Nihilismus Spenglers vollzogen hat. Geschirmt und getragen von der Speerforderung Hegels, daß der preußische Staat das Amt des Weltenbauers und Weltenrichters zu übernehmen habe, ritt Bismarck als „Weltgeist zu Pferde“ über das in Königgrätz zerbrechende alte Abendland. Zernichtet durch den Skeptizismus und Nihilismus Spenglers, d«n ideologischen Ausdruck physischer und metaphysischer Charakterlosigkeit, ließ sich das deutsche Bürgertum für dessen neue Forderung gewinnen: der Krisis der vergreisten und dekadenten Welt könne nur ein neuer Welttyrann, ein politischer Kyrios und Allherrscher ein Ende bereiten! Imperialismen und Nationalismen überziehen mit verheeren-Bränden unsere Erde. Gewaltige Kräfte stehen ihnen zur Verfügung: die Organi-tion der Technik, der Massen der politischen Macht und der Ideologien. Ja, was ist die Rolle des Geistigen in diesen“ Kämpfen? Hat es nur Büttel im Dienste der andern, der wahren Großmächte zu sein? Dürfen sie — die Systeme des Geistes, die Philosophien und die Gebäude des Glaubens nur als „Ideologien“, also dienend den Machtkampf der „Großen D r e i“, nämlich der ökonomisch-soziologisch-polit is ch en Mächte unterstützen, indem s i e dies.en Argumente, Kampfstoffe liefern, das Material zu Gerichtsverhandlungen, Schafotten und Scheiterhaufen zusammentragen? Angesichts dieser Tatbestände darf es wahrlich nicht wundernehmen, daß so viele Menschen in Skeptizismus und Verzweiflung, in Romantizismus, Sektiererei und Mystizismus fliehen: Wo ist ein Schutz, wo ein Schirm wider den Alpdruck dieser großen Mächte? In Frankreich hat bekanntlich der Existentialismus Sartres und seiner Gefolgsleute in einem schreienden Protest gegen den-Terror dieser anonymen Potenzen ein neues philosophisdies Evangelium des Ichs und der Persönlichkeit zu verkünden gesucht, vielerorts, zumal aber, im Westen, versucht man das alte Evangelium, durch philosophische Doktrinen untermauert, aus Angst vor dem Faschismus und Kommunismus ideolo-gisdi in den Kampf zu führen.

Wo aber ist der tatsächliche Standort des Geistes? Unsere Vorbetrachtung zeigt bereits, daß sich dieser nicht ohne Rücksicht auf die anderen Mächte unseres Lebens ermitteln läßt! Geist- und wirklidikeitsfremd muß deshalb heute nach den Erfahrungen zumal dieses letzten Jahrhunderts, jede Betrachtung erscheinen, welche den Geist in der Sdiublade einer Fakultät salvieren will. Wer heute über den Geist sprechen will, kann und darf nicht mehr „reiner Philosoph“ allein sein, er muß Historiker, Religionswissensdiaftler und • Soziologe sein ■— da sich nur im Wechselspiel der Großmächte Reidi—Staat, Kirche— Gesellschaft die Rolle des Geistes in der Menschheitsgeschichte ersehen läßt. Damit stehen wir aber bereits mitten in der Problematik, welche das neueste Werk von Alois D e m p f * aufzeigt. Der Forscher legt hier als „reines Arbeitsergebnis“ jener sieben Jahre, in denen er zum Schweigen verurteilt war, in konzentriertester Form ein Werk vor, das unzweifelhaft als bedeutendste Erscheinung vieler Jahre auf dem geistigen Forum Österreichs angesehen werden muß.

Dempf bekennt in seiner Einleitung, daß er „nicht mit Kant konkurrieren und eine neue Kritik der reinen Vernunft schreiben“ wollte. Faktisch erstrebt er aber dieselbe Leistung, die Kant seiner Zeit darbot: Feststellung des Standorts, der Rolle und Wesenheit des Geistes im Sein des Menschen. Weldie Entwicklungen, welche Wege liegen aber zwischen Kant und uns: Kant hatte die Vernunft als braudibares Werkzeug des Menschen untersucht, Hegel und seine Nachfahren hatten den Menschen als brauchbares Werkzeug der Vernunft — des „Welt-geistes“, dann des omnipotenten Staates, der Gesellschaft, der Natur, des Übermenschen, zuletzt des Einherrschers untersucht. Eingespannt in die Zerrungsfelder der Geschichte und Naturgeschichte, der Psydiologie und Psychiatrie wurde der Mensch, ein Seziergegenstand der freien Forschung, schließlich materialisiert (Comte-Marx) und historisiert (Dilthey, Scheler), soziologisiert (Tröltsch-Weber) und „geistesgeschichtlich“ nihilisiert (Nietzsche, Spengler). Zuerst verschlang also die Weh- und Naturgeschichte, dann der Übermensch und der staatliche Leviathan den Menschen. In nüchterner Abschätzung dieser Tatsachen ergaben sich für Dempf zwei wesentliche Konsequenzen: Rolle und Wesenheit des Geistes werden nur dann neu ermittelt und in ihre Rechte wiedereingesetzt werden können, wenn der ganze Mensch erneuert wird: Das Ringen um ein neues, allumfassendes, ganzheitliches Menschenbild ist und bleibt das Grundanliegen jeder verantwortungsbewußten Philosophie der Gegenwart, der Kampf um eine neue Anthropologie ist das letzte Anliegen jedes denkeri-schen Bemühens.

Dieses neue Menschenbild läßt sich aber nicht in spekulativer Konstruktion gewinnen, sondern will in der Erforschung des Kampfes des Menschen um seine Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung in Reich und Gottesreich, Natur und Kosmos, ständischer *und beruflicher Gesellschaft abgelesen werden! Der Mensch lebt zu allen Zeiten in konkreten gesellschaftlichen und politischen Verbänden, in Kirchen- und Religions-gemeinsdiaften — in der steten Auseinandersetzung mit „Staa t“, „Kirche“ und Gesellschaft, bestimmt durch die Eigenart der geschichtlichen Stunde, seines Standes und seines Charakters bautderMensch inseinen Philosophien das „R eich des Geistes“ — „das Reich der Wahrheit, Gerechtigkeit und des Friedens, das Reich der freien Ver-n u n f t“. Der Geist des Menschen läßt sich also nicht ohne seine Geschichte verstehen, diese Geschichte der denkerischen Systeme hängt aber aufs engste zusammen mit der Geschichte der zwei anderen Großmächte, „des Reiches“ und der „Kirche“.

Die Lehren von Kirche, , Reich und

Geist wollen also in innigster Verbindung verstanden werden. In ihren inneren Spannungen formt sich die geistige, seelische und politische Existenz des Menschen aus. Dempf findet nun dreizehn große Epochen der Menschheit vor. In jeder läßt sich derselbe Kampf der drei Reiche verfolgen. Primär sind „Staat“ und „Kirche“, erst in Kulturkrisen kämpft sich die Philosophie zu eigenständiger Stellung empor.

„Philosophie entsteht als eigenständige Lebensmacht mit autoritärem Primatsanspruch aus dem Spannungszustand der Priester-, Ritter-, Bürger- und Beamtenstände ... Aus dorn Kampf des Ritter- und des Priesterstandes entsteht die indische, neubuddhistischc, hindui-stisdie, altdiristliche, arabische und schokisti-sche Theologenphilosophie, aus dem Kampf des Bürgerstandes die griediische und humanistische Bürgerphilosophie und aus dem Kampf des nationalstaatlichen und des Reichsbeamtenstandes entsteht die chinesische und sinaistische, hellenistisch-römiche, zweite indische und neuzeitliche Juristenphilosophie.“

Die Geschichte der Menschheit weist dergestalt in dreizehn Epodien sechs theologische, zwei bürgerliche und fünf juristische Stiltypen der Philosophie auf. Soziologisierung der Philosophie? Gewiß, aber nur, um sie der totalen Historisierung zu entziehen! Denn mitten in diesen Machtkämpfen der politischen, religiösen und geistigen Reiche zeigt sich nun eine erstaunliche innere Gesetzmäßigkeit. In jeder Epoche gibt es drei Phasen der Entwicklung: eine kuhurphilosophische Friihstufe (ständisches Denken), eine kosmologische Mittelstufe (berufliches Denken) und eine anthropolo-gisdie Endstufe. Diese letztere führt ein personelles Denken herauf, welches je nach der charaktertypischen Anlage des Mensdien (als Willens-, Gefühls- und Verstandesmensch) in der Form eines moralischen, mystisdien und kritischen Realismus aufscheint. Hier nun, auf dieser dritten Stufe besteht die einzigartige Möglichkeit der Vollkültur: Religion, Sta?t und Geisteskultur stehen nebeneinander. Es schlägt die Stunde des Weltreiches und der Weltkirche, der großen Ethiker, Mystiker und Metaphysiken — Bekanntlich ist aber nun immer wieder der Ausgleich dieser Lebensmächte gescheitert, geschichtliche Katastrophen, beziehungsweise die hartnäckige Tendenz, zu „M onokulturen“ zurückzukehren (in denen ajso eine Lebensmacht, der totale Staat oder eine politisierte Kirche, dominiert), sind dafür der Anlaß. Kehrt aber damit nicht der „alte Skandal der Philosophie“, ihre Streitsucht und Vielfältigkeit, ihr immer wiederholtes Auftreten in derselben Problemform, ihre „Sinnlosigkeit“ wieder? Nein: denn dieser Skandal wird nunmehr als tief sinnvoller erkannt. Wenn jede der tausend einander widerstreitenden ' Philosophien der Weltgeschichte ihren genauen historisdien Standort besitzt — in einer ganz bestimmten Situation politisdi-religiöscr-ständischer und charakterlichen Bedingtheit entstanden —, also eine sehr sinnvolle Antwort im großen Zusammenspiel der weltgeschichtlichen Gegensätze der drei Reiche darstellt, welche zudem die hohe Gesetzlichkeit der Ablösung der philosophischen, politischen und religiösen Phasen induktiv aufzeigen und einsehen läßt, dann bleibt nur ein letzter „Skandal“, ein letztes Paradoxon: jenes der Freiheit des Mensdien zu letzter Entscheidung, der Verbindung von Freiheit und Notwendigkeit, welches nur vom Got»-Menschen her verstanden werden kann. Der Geist des Menschen und damit alle seine Philosophien sind nicht nur ständig der Gefahr ausgesetzt, von anderen „Reichen“ übermachtet und verknechtet zu werden, er kann in hybrider Gnosis den

Versuch wagen, den Menschen, der immer und allezeit in einen „S t'atus c u 1-t u r a e“, ein Spannungsfeld der Gegensätze der großen Lebensmächte hineingestellt ist,%u einem „rein geistigen“, göttlichen Wesen hinaufzulügen, beziehungsweise ihn zum Tier hinab zu organisieren. Um ihre eigene Existenz zu sichern, ruft also die Philosophie letzten Endes nach dem Glauben, um sich vor Selbsterstarrung und Selbstmord zu retten.

Unmöglich, in diesem Rahmen die Fülle der von Dempf behandelten Fragen auch nur annähernd zu behandeln. Der Philosoph, der Historiker, der Soziologe sind nun in Sonderheit aufgerufen, sich mit diesem Opus magnum auseinanderzusetzen. Die zahlreichen in den Text eingeschlossenen Tabellen enthalten in ihren weltgeschichtlichen Querschnitten eine solche Fülle von Material, daß sich hier allein in der Form von Kettenreaktionen reihenweise wissenschaftliche Einzeluntersuchungen jüngerer Forscher anschließen sollten. Aber auch der Nichtfachmann soll und wird nach dem Buch greifen und wird es sich erarbeiten. Denn hier liegt die erste neue Weltgeschichte des menschlichen Geistes vor, sie zeigt die hohe Gesetzlichkeit seines Kampfes mitten in der konkreten Situation des Menschen auf, seine Größe ist aufs engste seiner Grenze verbunden. Die Philosophie, das Reich des Geistes, ist kein Reich der Willkür und des Spiels, sie gehorcht vielmehr strengster' Verpflichtung, ihrer Einforderung durch die anderen Lebensmächte. Dergestalt ist sie Dienst am Menschen auf dem Wege zu seiner Vollendung.

Die „Thomas-Morus-Presse“', welche mit diesem ihrem Erstlingswerk an die Öffentlichkeit tritt, hat damit ein programmatisches Bekenntnis zur Einheit aller Lebensbereiche in einer ewigen Ordnung abgelegt.

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