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Die Säkularisierung unserer Welt

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Im ersten Artikel über das Huma-nismusgespräch in Salzburg brachten wir die Stellungnahme von Max Horkheimer und Ernst Bloch. Der eine will an die Stelle Gottes die Sehnsucht nach dem Absoluten setzen, der andere klammert sich an die Hoffnung, daß die Humanisierung der Gesellschaft das Satanische in der Welt überwinden werde. Völlig im Gegensatz zu diesen beiden verfocht der Heidelberger Philosoph Karl Löwith die einmalige Sendung Jesu Christi and wies auf den radikalen Widerspruch zwischen Christentum und moderner Welt hin. Christentum ist Verheißung, aber nicht auf das Diesseits bezogen, sondern auf das Jenseits.

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Im ersten Artikel über das Huma-nismusgespräch in Salzburg brachten wir die Stellungnahme von Max Horkheimer und Ernst Bloch. Der eine will an die Stelle Gottes die Sehnsucht nach dem Absoluten setzen, der andere klammert sich an die Hoffnung, daß die Humanisierung der Gesellschaft das Satanische in der Welt überwinden werde. Völlig im Gegensatz zu diesen beiden verfocht der Heidelberger Philosoph Karl Löwith die einmalige Sendung Jesu Christi and wies auf den radikalen Widerspruch zwischen Christentum und moderner Welt hin. Christentum ist Verheißung, aber nicht auf das Diesseits bezogen, sondern auf das Jenseits.

Löwiths Hinweis auf die Freiheit des Christenmenschen, die eine Knechtschaft unter Gott ist und eine gewisse Abwertung des weltlichen Engagements bedeutet, forderte die Teilnehmer des Gesprächs heraus, das zum Teil unter dem Motto der Säkularisierung stand, rief aber vor allem die katholischen Theologen auf den Plan. Ihnen ist es ja gerade um das Engagement der Kirche und der Christen in dieser Welt zu tun, wobei sie zweifellos unter der Last eines doppelten Vorwurfs stehen: zum einen, daß das Christentum mit seinem Paradiesesglauben den Blick des Menschen vom irdischen Jammertal abgelenkt, zum anderen, daß es als „Opium des Volkes“ dessen revolutionären Willen, den Zustand der Ungerechtigkeit zu ändern, unterdrückt habe. Nichts hat die christlichen Religionen so tief berührt wie dieser marxistische Vorwurf, und deshalb bemühen sich ihre Theologen nicht nur um den historischen Nachweis, daß der Vorwurf des Desinteressements des Christentums an der Überwindung des Elends in der Welt zu Unrecht erhoben werde, sondern wollen vielfach an der Spitze progressiver Sozialreformen und Humanisie-rungsprogramme stehen.

Obwohl es äußerlich- nicht möglich war, die katholischen Theologen von anderen Gesprächsteilnehmern zu unterscheiden, da sie im Zeichen der Säkularisierung auf jede priesterliche Kleidung, einschließlich des Koüares verzichteten, erkannte sie doch bald ein jeder an ihrer Sprechweise, die sich teilweise progressiver gab als die der weltlichen Teilnehmer. Wenn beispielsweise der Münchner Jesuitenpater Günther Schiwy aus dem Verhalten Christi, der sich zur prophetischen Tradition bekannte und die Pharisäer ablehnte, die christliche Verpflichtung zu einem politischen Bekenntnis ableitet, dann verwechselte er religiöse und politische Bereiche. Mit den Worten, gib dem Kaiser, was des Kaisens ist, hat Christus bewußt beide Bereiche geschieden. Noch problematischer aber ist Schiwys Erklärung, daß dieses politische Bekenntnis des Christen auch ein marxistisches sein kann, weil er hier die proklamierte Antireligion zur politischen Richtschnur eines gläubigen Menschen machen will, wozu noch kommt, daß der Marxismus den Totalanspruch auf den Menschen erhebt und selbst dessen religiöses Restgefühl in seine Dienste zu stellen versucht. Hier führt die Sucht, besonders originell und modern zu wirken, einfach zur Verwirrung der Geister. Bezeichnend war es auch, daß Hubertus Mynarek, Professor an der theologischen Fakultät in Wien, sein Referat damit begann, daß er der kirchlichen Institution Versagen in der Vergangenheit vorwarf, was ihren Anteil an der Befreiung der Menschen und der Humanisierung der Welt betrifft. Nun zeugen derartige Pauschalurteile von geringem historischem Verständnis, übersehen sie doch die tragische Seite des Strebens der mittelalterlichen Kirche, die Welt zu verchristlichen, so daß selbst die Kriege zu Kreuz- und Religionskriegen wurden, aber auch den großen Anteil, den die christliche Lehre und die Gestalt ihres Gründers zur Befreiung der Völker tatsächlich beigetragen haben.

Es verdient auch festgehalten zu werden, daß keine Religion so auf die Verleibiichung gedrängt hat wie das Christentum. Deshalb stellte der Religionswissenschaftler an der Universität Marburg, Ernst Benz, die Behauptung auf, daß die Säkularisierung eine spezifische Erscheinung des Christentums wäre, was eng zusammenhängt mit den christlichen Grundideen der Inkarnation, des Eintritts Gottes in die Geschichte. Die Säkularisierung als eine Folge der Aufklärung bedeutet keineswegs das Ende des Christentums, sondern nur das Ende einer bestimmten Form der westlichen Theologie. Auf der anderen Seite nämlich haben wir eine starke Gegenbewegung gegen den Prozeß der Säkularisierung in den sogenannten „Jungen Kirchen“ Afrikas und Asiens und im Bereich des Freikirchentums. Die Behauptung von der globalen Säkularisierung der Religion wird durch das Auftreten zahlreicher neuer Religionen widerlegt. Gerade in jenem Land, in dem nach marxistischer Theorie der Kommunismus ein ideales Betätigungsfeld seit 1945 vorfand, in Japan, das den Shintoismus als Staatsreligion abschaffte und Religionsfreiheit einführte, schössen gleichsam neue Religionen aus dem Boden. Gab es vor 1945 im Land der aufgehenden Sonne 34 Religionen, so sind es heute an die 400. Sie zählen 27 Millionen Anhänger, haben einen stark sozial-ethischen Einschlag und üben einen nicht gering zu wertenden politischen Einfluß aus. Trotz stärkster Industralisierung und trotz der nationalen Katastrophe im Jahre 1945 mit ihrem Zusammenbruch der gesellschaftlichen Struktur vermochte sich die materialistische Geschichtsauffassung in Japan nicht durchzusetzen.

Benz kritisierte auch, daß viele glauben, es genüge, über Religion eine Theorie zu haben, ohne von der Religion ergriffen zu sein. Er fühle sich, meinte er, oftmals wie auf einem Kongreß von Schwerhörigen, die verkünden, daß die Ära des Endes der Musik begonnen habe. Wir stehen in einer Epoche der dialektischen Theologie, zu deren Schlagwoirten der Begriff von der Entmythologisierung der Religion und die Behauptung gehören, daß der moderne Mensch nicht mehr in Bildern, sondern nur noch in wissenschaftlichen Begriffen zu denken vermöge. Benz hält dagegen, daß der Mensch erst geboren werden müsse, der nicht in Bildern denken kann. Ebenso wehrt sich Benz gegen die Formel, daß der industrialisierte Mensch ein religionsloser Mensch sei. Vielmehr sei der Homo sapiens von Anfang an ein hämo industria-lis. Es besteht nur ein stufenweiser Unterschied. Die technische Entwicklung begann schon vor dem Christentum, doch ihre Hochentwicklung erreichte sie erst im Bereich des Christentums. Das Christentum war sich der ctoppelten Aufgabe stets bewußt, wenn auch der Gegensatz der beiden Welten oftmals zu tragischen Konflikten führte. Die Zisterzienser beispielsweise, die Vorkämpfer der Vita contemplativa waren, brachten die ersten modernen technischen Einrichtungen auf dem Gebiet des Teich- und Kanalbaues nach Deutschland. “ Radikale christliche Sekten des 16. Jahrhunderts versuchten das Reich Gottes auf Erden vorwegzunehmen. Leonardo da Vinci konstruierte das Flugzeug, doch gab er aus seiner christlichen Haltung heraus die Arbeit daran auf, weil er den menschlichen Mißbrauch seiner Erfindung befürchtete. Die Aufklärung aber hat die Ratio gegen die Religion ausgespielt und damit eine Schizophrenie der Intelligenz herbeigeführt, die heute dank der Popularisierung alles Geistigen zu einer Massenschizophrenie wurde. Sie ist die Folge des Mißbrauchs des göttlichen Auftrags an den Menschen, sich die Erde Untertan zu machen. Der Mensch aber begann, die Schöpfungsmacht Gottes auf sich zu beziehen.

Der protestantische Theologe an der Harvard-Universität, Harvey Cox, dessen berühmtes Buch „The Secu-lar City“ (Stadt ohne Gott) ein amerikanischer Bestseller wurde, maß darin der Säkularisierung eine geradezu heilsgeschichtliche Bedeutung zu. In Salzburg stellte er seine ursprüngliche These der Gleichsetzung von Säkularisierung mit Modernität in Frage. Er bekannte vielmehr, daß der Mensch eine verblüffende Fähigkeit besitzt, sich immer neue Fesseln zu schmieden. Voltaires Ausspruch, daß die Menschheit erst dann frei sein werde, wenn der letzte König mit den Eingeweiden des letzten Pfaffen erwürgt sei, zeigte bereits, wie eng der Appell zur Freiheit mit dem zur Barbarei verbunden ist. Der marxistische Vorwurf, die Religion sei ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Ungerechtigkeit, und die Behauptung Freuds; Religion sei das Produkt von Neurose und Repression, sind wissenschaftlich nicht zu beweisen. Vielmehr haben religiöse Gedanken und Menschen einen spezifischen Beitrag zur Emanzipationsbewegung unserer' Zeit geleistet, so daß selbst die Neue Linke die Religion als Verbündeten in ihrem Kampf betrachtet, und große Filmregisseure, wie Bergmann, Fellini und Pasolini mit Vorliebe religiöse Stoffe behandeln.

Am klarsten definierte der amerikanische.Soziologe Peter L. Berger den Begriff Säkularisierung, die er einen Prozeß nannte, in dessen Verlauf Sektoren der Gesellschaft und Kultur dem beherrschenden Einfluß religiöser Institutionen und Symbole entzogen werden. Er wies darauf hin, daß vor 1950 Europas Theologen die Neuzeit als eine Art Gebärmutter der Dämonie und Entmenschlichung sowie des geistigen und religiösen Verfalls hinstellten. Nach 1950 aber fand eine moralische Rehabilitierung der Neuzeit statt. Der moderne Mensch verwandelte sich nun aus einem Dämon in den Träger eines neuen mündigen Bewußtseins, „aus einem schauerlichen Nazi zu einem netten Bundesrepublikaner“, zuerst bei den Protestanten, dann im Zuge des Aggiornamento auch bei den Katholiken. In der deutschen Bundesrepublik erfolgte dieser Umschwung geradezu in peinlicher Weise nach dem Einsetzen des Wirtschaftswunders. Aber auch die Soziologen waren nicht besser. In den USA beispielsweise kümmerten sie sich nicht um die Religion, weil diese als ein absteigendes Phänomen galt. Anfang der fünfziger Jahre wurden sie jedoch von einer religiösen Welle als einer von ihnen nicht vorausgesehenen Entwicklung überrascht, die sie dann aus Ärger als eine Säkularisierung unter einem pseudo-religi-ösen Mäntel eben diagnostizierten. Allerdings mußten sie spätestens 1970 auf Grund des radikalen Kultur- und Gesellschaftspessimismus kapitulieren.

Wenn Religion menschlicher Glaube und menschliches Handeln gegenüber einem heiligen Kosmos ist, dann bedeutet Säkularisierung das Schwinden dieses heiligen Kosmos aus dem Bewußtsein des Menschen.

Säkularisierung ist somit ein Prozeß der Entsakralisierung, oder, wie es Max Weber definierte, die Entzauberung der modernen Welt. Falls aber die Säkularisierung in den grundlegenden Strukturen der modernen Gesellschaft, in Wissenschaft, Technik, Verstädterung und Piurali-sierung verankert ist, dann kann nur eine kataklysmische Erschütterung der modernen Gesellschaft die Entwicklung der Religion in eine neue Richtung drängen. Falls dies aber nicht eintritt, dann stellt die Säkularisierung einen nicht umkehrbaren Prozeß dar. Dann müßten folgerichtig Religion und Kirche immer mehr an den Rand des Geschehens gedrängt werden. Dann ist aber auch das Bemühen der Theologen, sich mit dem revolutionären Ethos der Welt zu liieren, umsonst. Dies müßte vielmehr den Prozeß der Säkularisierung beschleunigen, weil traditionelle Vorstellungen schneller abgebaut würden, wodurch wieder Gruppen entfremdet und in die innere Emigration oder in schismatische Reaktionen abgedrängt werden. Es existieren eben Grenzen für jedes Aggiornamento von Religion und Kirche. Dadurch, daß man linke Politik macht und sich schrecklich modern gibt, wird die zukünftige Revalenz der Kirche keineswegs garantiert.

Anderseits gibt es für den Niedergang der Religion keine wirkliche empirische Evidenz. Beispielsweise führt der Soziologe Olaf KWir aus der DDR in seinem 1966 erschienenen Buch „Religion und Atheismus heute“ Klage über die trotz aller Erziehungsmethoden von Partei und Staat weiter beharrlichen religiösen Verhaltens- und Bewußtseinsformen der mitteldeutschen Bevölkerung. Die Intellektuellen haben die Neigung, alles, was immer in ihrem beschränkten Kreis als Wirklichkeit gilt, mit dem Zeitgeist zu verwechseln. Was aber den sozialprivilegierten Intellektuellen als den Meinungsingenieuren der Gegenwart nicht in ihr Weltbild paßt, etikettieren sie als Aberglauben oder Neurosen. Das kann aber leicht bewirken, daß sich viele Menschen mit ihren inoffiziellen Weltbildern stillschweigend in eine Art geistiger Unterwelt begeben, wie beispielsweise das Christentum die heidnischen Religionen verdrängte, die dann eine subterrane Existenz führten und etwa im Hexenkult zum Vorschein kamen. Es wäre dann nach Bergers Meinung denkbar, daß die von unserer offiziellen Säkularität unterdrückten religiösen Impulse eines Tages ihre verspätete Rache nehmen würden.

Ist die Säkularisierung umkehrbar, dann ist die Wiederherstellung traditioneller Ordnungen möglich. Wenn auch die amerikanischen Futurologen von einer surprise-free future, einer überraschungsfreien Zukunft sprechen, so steckt die Zukunft doch voller Überraschungen. Wir wissen nicht, ob uns Revolutionen, Wirtschaftskrisen, globale ökologische Katastrophen oder der Verfall der Gesellschaft, ganz zu schweigen von einem thermonuklearen Weltkrieg in der Zukunft erwarten. Wir kennen deshalb auch nicht die Zukunft der Religion. Wenn wir aber einen Zipfel religiöser Wahrheit in Händen halten, dann sollten wir, meint Benger, diese Wahrheit bekennen, selbst wenn die sozialen Erfolgschancen ungünstig erscheinen. Nach Dietrich Bonhoeffer haben nämlich alle soziologischen Betrachtungen über die Zukunft, sei es der Religion, sei es anderer Inhalte unseres Engagements, nur den Status von „vorletzten Fragen“. Die letzten Fragen sind deshalb auch heute noch dem Glauben überlassen. Und deshalb sei am Ende die Geschichte erzählt, die der Benediktinerpater Gonsalv Mainberger im Talmud fand: Zwei Lehrhäuser stritten sich um die Frage, was besser wäre, ob der Mensch geschaffen oder ob er nicht geschaffen worden sei. Der Streit währte zwed Jahre. Dann wurde er abgebrochen, weil keine Einigung erzielt werden konnte. Es kam zur Abstimmung, und die Mehrheit fällte folgende Entscheidung: Es wäre besser, wenn der Mensch nicht geschaffen worden wäre. Jetzt aber, da er geschaffen ist, erwäge er sein Tun.

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