Papst

Karl-Josef Kuschel: (Nur) Frieden im Namen Gottes?

1945 1960 1980 2000 2020

In seiner vielbeachteten Eröffnungsrede der "Ouverture spirituelle" der Salzburger Festspiele beschäftigte sich der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel mit der unterschätzten Vitalität der Religionen sowie der Überwindung ihres Gewaltpotenzials. Wir bringen hier eine Kurzfassung des ersten Teils.

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In seiner vielbeachteten Eröffnungsrede der "Ouverture spirituelle" der Salzburger Festspiele beschäftigte sich der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel mit der unterschätzten Vitalität der Religionen sowie der Überwindung ihres Gewaltpotenzials. Wir bringen hier eine Kurzfassung des ersten Teils.

Religionen als Friedensstifter - und als globaler Unruhefaktor. Diese Doppelgesichtigkeit stand vergangene Woche am Beginn der „Ouverture spirituelle“ zum Auftakt der Salzburger Festspiele. Sie hat heuer den Frieden – „PAX“ - ins Zentrum des Nachdenkens gerückt. Einmal mehr galt die Begeisterung der Zuhörer dem Theologen und Spezialisten für interreligiösen Dialog, Karl-Josef Kuschel. Seinen Aussagen zur Vitalität der Religionen und zur Eindämmung ihres Gewaltpotentials widmet die FURCHE eine (von Herausgeber Heinz Nußbaumer vorgenommene) Kurzfassung seiner Salzburger Rede. (Die vollständige Rede lesen Sie hier.)

„Frieden unter Menschen verschiedener Konfessionen und Religionen: Das war und ist Teil meiner Glaubensüberzeugung. Ich war 15 Jahre, als die Enzyklika „Pacem in Terris“ im Jahr 1963 erschien - eine Theologie des Friedens auf der Basis der Menschenrechte! Das hatte es zuvor nicht gegeben. In drei entscheidenden Zukunftsfragen hat das Zweite Vatikanische Konzil eine beispiellose Wende vollzogen und die katholischen Christen auf dreierlei verpflichtet: Erstens, auf die Beachtung der Menschenrechte; vor allem der Religions- und Gewissensfreiheit für jeden Menschen. Zweitens auf den Ökumenismus, vor allem mit den Kirchen der Reformation. Und drittens auf den Dialog mit der nichtchristlichen Welt.

„An Gott glauben“ – nach Auschwitz?

Das waren Zauberworte, die eine in Ideologien, Konfessionen und Religionen zerrissene Welt etwas bewohnbarer machen sollten. Uns katholische Christen befreiten sie von unserem Anti-Protestantismus und unserem Heils-Exklusivismus, demzufolge man nur durch Eintritt in die alleinseligmachende katholische Kirche „in den Himmel“ kommt. Jetzt aber hieß es: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in den Religionen wahr und heilig ist. ...“ Nichts von dieser Aussage ist veraltet, nichts überholt - er strahlt und funkelt mit unverbrauchter Energie. Ende der Sechzigerjahre aber wehte uns der „Zeitgeist“ scharf ins Gesicht: Religion, wozu noch? Jetzt galt Religion als Machwerk menschlicher Einbildung, als Instrument zur Unterdrückung und Vertröstung auf ein Jenseits, zur Rechtfertigung von Kriegen. Wie konnte man noch ernsthaft „an Gott glauben“ - nach zwei Weltkriegen, Stalingrad und Auschwitz? Wer dies dennoch tat (und tut), der steht unter Rechtfertigungszwang und Peinlichkeitsverdacht. Dazu kam die entsetzliche Geschichte der Kreuzzüge, die Scheiterhaufen der Inquisition auch, bis hin zu Konfessionskriegen, Gewaltexzessen, dem Holocaust. Blut, Tränen und Massentod - und alles „im Namen Gottes“.

Ich habe viele Jahre gebraucht, um eine für mich glaubwürdige Antwort auf die Gottesfrage zu finden. Dabei habe ich auch gelernt, dass die defensive Lage der Religionen, gerade in ihrer ‚verkirchlichten‘ Form, vor allem ein Phänomen Europas ist. Da ist viel Eurozentrismus am Werk, wenn man Religion für überholt erklärt, sie in den Raum des Privaten verweist und den Säkularismus überall auf dem Vormarsch sieht. Aber Europa ist nicht die Welt. In allen Kontinenten, von unserem abgesehen, haben Religionen nach wie vor mächtigen Einfluss und Wirkung auf Weltgesellschaft und Weltpolitik. Der Anteil religiöser Menschen an der Weltbevölkerung hat unter dem Einfluss der Modernisierung nicht etwa abgenommen. Im Gegenteil, er steigt dramatisch an. Nach Schätzungen ist der christliche Anteil an der Bevölkerung Afrikas in kaum 50 Jahren von 25 auf 47 Prozent gestiegen und steigt weiter. Der Anteil des Islam wird auf 40 Prozent geschätzt. Auch in Asien ist die Erfolgsgeschichte des Christentums nachweisbar, am spektakulärsten in Südkorea, ähnlich in China: Neben etwa 250 Millionen Buddhisten gibt es dort zirka 72 Millionen Christen und 30 Millionen Muslime. In Lateinamerika haben Pfingstbewegungen und protestantisch-charismatische Kirchen das Antlitz des Kontinents verändert, der über Jahrhunderte die Domäne der katholischen Kirche war. Folglich: „In globaler Perspektive besteht kein Grund, an der Vitalität der Religionen zu zweifeln, auch des Christentums nicht“, so der Sozialwissenschaftler Hans Joas.

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