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Religionen - mehr als globale Genußmittel

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Ende November 1999 kamen 1.400 Religionsvertreter nach Amman, um über die Zukunft des Zusammenlebens nachzudenken: für die Religionen der Welt eine gemeinsame Aufgabe.

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Ende November 1999 kamen 1.400 Religionsvertreter nach Amman, um über die Zukunft des Zusammenlebens nachzudenken: für die Religionen der Welt eine gemeinsame Aufgabe.

Einsatz für ein Zusammenleben": Dieses bedeutungsreiche Motto hat die "Weltkonferenz der Religionen für den Frieden" zu ihrem siebentenWeltkongreß gewählt. Gewisse Voraussetzungen von Handlungsmöglichkeiten für die Religionsgemeinschaften zeichnen sich ab: Nach dem Rausch von Gewalt auch in den letzten Jahren hat sich weltweit eine gewisse Ernüchterung, eine vielleicht verzweifelte Reue eingestellt, die nach vergebender Vermittlung Ausschau hält.

Dies verheißen am ehesten Religionen, schon gar, wenn sie sich gemeinsam für Friedensstiftung einsetzen. Sie fordern nicht zunächst Gerechtigkeit, schon gar nicht Rache, sondern bieten konkrete Chancen für Frieden, Versöhnung und Gemeinsamkeit. Diese aus religiösen Motiven und Erfahrungen gespeisten Angebote nehmen sich anders aus, als von Wiedergutmachung diktierte Friedensbedingungen.

Solch religiöse Friedensbemühungen gab es an verschieden Orten: in Kambodscha nach den Massenschlächtereien der ideologischen Regimes, in Südafrika nach dem Grauen der Apartheid, in Liberia und Sierra Leone nach dem Wüten bewaffneter Rebellen.

Zunächst geht der Aufruf zur erneuernden Umkehr aber an die einzelnen Religionsgemeinschaften selber, besonders dann, wenn sie sich gemeinsam zur Friedensstiftung zusammenfinden wollen. In so ernsten Prozessen fallen meist von vornherein Schwärmereien modischer Religiositäten ab. Es ist wohltuend, wie wenig esoterische Geschäftigkeit und sektiererischer Aufputsch sich zum Programm eines "Einsatzes für ein gemeinsames Leben" eignet.

Ohne Eitelkeiten Was bei einzelnen interreligiösen Großveranstaltungen geradezu Jahrmarkt der Eitelkeiten geworden ist, fehlte bei der Zusammenkunft in Amman fast gänzlich: Die Verantwortlichen der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden achten darauf, jeglichen Synkretismus zu meiden und den breiten Rückhalt der tragenden Schichten geschichtserprobter, also auch leidgeprüfter und verfolgungsbewährter Glaubensgemeinschaften zu gewinnen und einzubeziehen.

Überzeugend dabei die ungeschützte Bescheidenheit, Unauffälligkeit der Würdenträger - von der römisch-katholischen Kirche waren immerhin die Kardinäle Francis Arinze (Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog), Godfried Daneels (Brüssel), Vinko Pulji'c (Sarajevo), Seiichi Shiranganagi (Tokio) nach Amman gekommen. Keine Zwänge und Selbstdarstellungen - eher Versuche, sich der Sache selbst in überzeugender Gemeinsamkeit zu stellen: Dies kann auch politische Machthaber und verhetzte Fraktionen beeindrucken - und überzeugen.

Verständlicherweise standen in Jordanien die monotheistischen Religionen der Region im Vordergrund (wobei die fernöstlichen Teilnehmer in aller Zurückhaltung, aber mit gewichtigem Nachdruck ihre Beiträge leisteten). Dogmatik zurück, Pragmatik hervor und Mystik als Bindeglied? Hier muß man wohl tiefer ansetzen: Es geht um Dialog! Hier erweist sich immer mehr, wie geisterfüllt - und urteilsicher das Konzilsprogramm mit den Vorgaben Johannes XXIII. zu Tragen kommt . Es ist unserer Welt - der Diasporen eher als monopolarer Synthesen, der Demokratie eher als zentralistischer Systeme - eigen, sich mehr auf Ursprünge und Zielsetzungen zu besinnen, als sich in leere Festungen errungener Positionen zurückzuziehen und von dort aus "missionarische Ausflüge" zu tätigen.

Postkolonialer Stil?

Wie sensibel dieser Bereich ist, erweisen die gutgemeinten, jedoch im Zusammenhang und Tonfall befremdenden Bemerkungen des gegenwärtigen Papstes auf seiner Indienreise Anfang November 1999: Hier wird brisantes Reizpotential beinahe zur Explosion gebracht. Außer Zweifel steht die Dynamik der Frohbotschaft, doch soll sie aus einem zentralistischem Lager postkolonialen Stils kommen? Ist die Kraft des Evangeliums nur in den bisherigen Verlauf der Kirchengeschichte investiert, oder kann es sich unter neuen Ansprüchen vor allem Asiens und Afrikas (unter ehrlicher Einbeziehung all ihrer bisherigen Verdienste und Fehler) noch einmal ganz neu erschließen und entfalten?

Könnte nicht das Fragmentarische bisheriger Formen und Formeln, das für die Positionierung der Religionsfronten oft so gravierend ins Gewicht fiel, durch kreative Fundierungen weitgehend neu gefaßt werden? Und dies nicht unter Ausnützung taktischer eigener Vorteile, sondern unter Rücksichtnahme auf die echten Werte anderer, die sich einer heilsbedürftigen Welt auftun? Diese Welt befindet sich längst nicht mehr in heilen Lagern, sondern muß sich religiös oder areligiös, jedenfalls aber ethisch neu finden.

Könnten nicht Heilswahrheiten und -wirklichkeiten von verschiedenen (komplementären) Ansätzen her entwickelt und durchgeführt werden? Wer wagt es, hier mit Gott zu rechten? Schon der Hebräerbrief im Neuen Testament spricht ja davon, daß Gottes Offenbarung in der Weltgeschichte zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedene Arten stattfand.

Welche Pax also? Die Pax Romana, die Religionen im Sinne einträchtiger Politik in einem Pantheon unterbringt? Die Pax Christi, die jede Religion dem milden Joch der Kirchenregimes unterwirft? Die Pax Americana, die unter dem Schirme eines neuen Lebensgefühls Religionen wie weltweite Genußmittel der "Wellness", aber auch "Goodness" losschickt? Wo sind die alten religio-politischen Erfahrungen, die, vom mittelalterlichen England kommend, eine plurale Verträglichkeit festschrieben in der Magna Charta und sich schließlich als Verfassung der Neuen Welt niederschlugen?

Immer wieder wurde nach einem entsprechenden Ausdruck der Rolle der Religionen in einer "Welt von heute" gesucht, deren Verfangenheit im globalen Netz von Produktion, Handel, Verkehr und Nachrichtenwesen beklagt wird, und deren moralische Verbesserung in allgemeiner Orientierungslosigkeit eingemahnt wird: Eine unerbittliche Gegebenheit, die zu allem Pessimismus Anlaß gibt!

Hier tauchen noch einmal die großen Religionen auf, die gemeinsam ein gewisses Ethos aufrichten könnten. Die Frage nach einem "Weltethos" wurde auch in Amman behutsam und nachdrücklich gestellt, zumal deren Animator, der Theologe Hans Küng die ganze Konferenz hindurch bei den Beratungen dabei war. Es schien, daß hier die Geschichtserfahrung des Westens besonders gefragt ist.

Eindrucksvoll präsentierten sich in Amman einige Hoffnungszeichen von größerer Tragweite. Zwei seien hier erwähnt. Das eine ist eine Schule, in der christliche und muslimische Schüler zusammengeführt werden, um einander kennen und schätzen zu lernen - bei allen Unterschieden der jeweiligen Religion. Das andere ist das "Royal Institute for Inter-Faith Studies", das seit einigen Jahren hochrangige Veranstaltungen und Veröffentlichungen anbietet, wo vor allem die drei Monotheismen auf beachtlichem Niveau den Dialog pflegen.

Welche Religionen?

Religionen also in abgehobener Unerreichbarkeit "von der Welt, doch in der Welt"? Aufbewahrtheit im Schwebezustand? Ohne Absolutheitsanspruch in unverbindlichem Nebeneinander, unbelangbar, unzuständig, ohnmächtig? Oder in Missionstätigkeit einander abwerbend, benachteiligend, nur vorläufig und bedingt einander zulassend - um des lieben Friedens willen? Einander in kühl berechnendem Gegenüber in Schach haltend?

Über all das ist neu zu verhandeln - und zwar im Dienst der Menschenwürde des suchenden Glaubens. Für die katholische Kirche, seit dem II. Vatikanum eine Pionierin des Dialogs der Weltreligionen, bedeutet dies tatsächlich eine neue Interpretation des Messias und seines Wesens und Wirkens - so wie damals im 4. bis 5. Jahrhundert im Mittelmeerraum, so heute in Afrika und Asien unter dem Anspruch jener großen Religionen, die bisher kaum bedacht wurden. Und zwar mit offenem Angebot, nicht mit geschlossenem Gebot - bereit für Fragen, die wirklich bestehen und nicht nur in Kauf genommen werden müssen. In diesem Licht darf man den zukünftigen Entwicklungen der "Weltkonferenz der Religionen für den Frieden" vertrauensvoll entgegensehen.

Der Autor leitet die Kontaktstelle für Weltreligionen der Österr. Bischofskonferenz und die Österreichsektion der "Weltkonferenz der Religionen für den Frieden.

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