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Für einen Dialog mit dem Islam

dieFurche: Vor welchem Hintergrund sind die Fragestellungen betreffend den Islam heute zu sehen?

Petrus Bsteh: In Österreich leben derzeit rund 300.000 Menschen islamischen Glaubens, ein Drittel von ihnen in Wien. Der überwiegende Teil sind Türken, dann auch Bosnier, Nordafrikaner, Palästinenser, Irakis und Iraner, sowie gar nicht wenige Pakistanis, Inder, Bangladeshis und Indonesier, fn unserem gesamten Bundesgebiet gibt es nur einen eigens als Moschee errichteten Bau, und dieser wurde von Saudiarabien finanziert. Fr steht am Wiener Humber-tusdamm bei der Donau und ist Teil eines islamischen Kulturzentrums. Die meisten „Wiener Muslime" gehen ihrem Glauben aber nicht in dieser großen Moschee nach, sondern in adaptierten Räumen privater Wohnheuser, die auch als Gebetsstätten dienen. Das muslimische Gebet kann an jedem Ort dargebracht werden, auch am Arbeitsplatz, ja selbst im Freien, wenn nur die rituelle Waschung vorgenommen, womöglich eine Matte untergebreitet und die Gebetsrichtung nach Mekka eingehalten wird. Auch soll das offizielle Gebet in arabischer Sprache rezitiert werden. Was den derzeitig kursierenden Vorwurf betrifft, Moscheen würden auch aus österreichischen Steuergeldern gebaut, so ist dazu zu sagen, daß der Islam eine hierzulande staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft ist und selbstverständlich auch Muslime in Österreich ihre Steuern zahlen.

dieFurche: Wie tolerant sind Muslime gegenüber den Christen?

Bsteh: Grundsätzlich gilt die Toleranz des Islam allen Vertretern „der Religionen des Buches", d.h. der Bibel, also Juden und Christen, später auch anderen. Keine religiöse Toleranz gibt es für Polytheisten (meist Anhänger der Naturreligionen). Ausgeschlossen ist sie auch denen gegenüber, die den islamischen Glauben verlassen haben. Diese verwirken ihr Lebensrecht, oft genug auch müssen sie ihren Austritt mit dem Leben bezahlen. Natürlich hängt die Übung der Toleranz von einigen Umständen, vor allem persönlichen Interpretationen ab. Man kann selbst den „Gläubigen des Buches" das Leben so verleiden und die religiöse Praxis so behindern, daß faktisch die Auswanderung vorgezogen wird. Letzteres war früher kaum verbreitet, ist aber heute - als Kompensation für die lange demütigende und bedrückende Kolonialpolitik „des Westens" - in Teilen der islamischen Welt eine Bealität.

dieFurche: Warum gibt es dann aber so viele Ängste seitens der Christen?

Bsteh: Ihre Gründe und Wurzeln sind recht verschieden. Eine tief sitzende Angst hat ihren Ursprung in der zeitweise sehr offensiven Expansion des Islam, die auch weite Teile des christlichen Raumes in Europa bedrohte, ja eine Zeit lang einnahm. Wie es dazu kam und was es tatsächlich bedeutete, kann heute historisch kompetent analysiert werden - und sollte es auch. Dadurch würden viele Mythen relativiert. In Österreich ist der Triumph des Abendlandes über den Halbmond und seine Religion vielfältig hochgespielt worden. Hier wäre - bei allen kulturellen I Iochleistungen, die dieser Triumph beflügelte - eine realisitsch Deutung längst fällig.

dieFurche: Wie steht es umgekehrt um die Toleranz der Christen gegenüber den Muslimen?

Bsteh: Hier hat das Zweite Vatikanische Konzil eine entscheidende Wende heraufgeführt. Sie darf man auf keinen Fall wieder rückgängig machen oder verdrängen. Dieser christliche Neuansatz ist freilich keine taktische Weichenstellung den Weltreligionen und vor allem dem Islam gegenüber, sondern Frucht einer tiefgehenden Kirchenreform, sowie sie das Zweite Vatikanische Konzil nach den authentischen Vorgaben des Glaubens angesetzt hat. Dies wird auch dadurch nahe gelegt, daß die Kirche nicht mehr integrale Kompaktkirche ist, sondern in eine „Diaspora" verwiesen ist, was eben die Aussaat des Glaubens im „Dialog" wieder im eigentlichen Sinne möglich macht: Der Glaube ist hier argumentativ vorzutragen und zu bezeugen, daß alle Menschen, gerade auch diejenigen anderer Religionen, zu echter Anfrage und zum Interesse, ja vielleicht zur Annahme motiviert werden können. Dabei sind die zentralen Botschaften des Evangeliums so zu .fassen, daß Vorurteile überwunden werden können. Dies setzt voraus, daß Christen hören lernen und gerade auch den Islam als Anfrage und damit Anregung an sich heranlassen. Dabei ist nicht zu fürchten, daß die Reichtümer des Evangeliums versiegen würden.

dieFurche: Ist da eine feste Verankerung in der eigenen Religion Grundvoraussetzung?

Bsteh: Für den Dialog ist es unerläßlich, in der eigenen Religion und ihrer Tradition beheimatet zu sein. Echtes Identitätsbewußtsein braucht starke Wurzeln, um anderen, besonders „fremden" Gläubigen, sinnvoll begegnen zu können. Dies schließt auch die Kraft zur Toleranz anderen Kulturen gegenüber ein. Nur die Unsicherheit schafft Abschottungen. Ein Christ sollte sich fragen können, was die Feinheit Gottes bedeutet, was er unter Heilsangebot versteht, wie er seine Erlösung im Kreuz und Auferstehung Christi feiert, was damit Taufe und Eucharistie, kirchliches Amt, Macht der Charismen und lebendige Glaubensgemeinschaft zu tun haben. All dies ist - hier: für Muslime — teilweise unverständlicher Überbau, teilweise Aberglaube. Andererseits sind Grundwahrheiten des Glaubens an den einen Gott, der uns erschaffen hat, erhält und vollenden will, eine gewaltige gemeinsame Basis, die uns und Muslime gemeinsam trägt: Und dies im Gegensatz zum Atheismus der Moderne und zu manchen Tendenzen pseudoreligiöser Renaissance.

dieFurche: Wie kann eine Begegnung mit dem Islam gelingen*

Bsteh: Die konstruktive Begegnung mit den großen Weltreligionen im innereuropäischen Raum ist tatsächlich etwas Neues, dem man eine gewisse Anlaufzeit zumessen sollte. Einer der größten Islamgelehrten und islami-scherseits angesehendsten Christen, P. Georges Anawati O.P., pflegte mit Hinsicht auf den Dialog zu sagen: „Es braucht fast geologische Zeitalter für die Annäherung dieser beiden Religionen." Nun ist aber die heutige Zeit schnellebig und kann nicht auf geologische Epochen warten. Das schnell wachsende Europa drängt auch die Religionen zur versöhnlichen Zusammenarbeit. Ich glaube, daß das un-dämmbare Einfluten der Religionen in Europa für alle Beteiligten eine neue Herausforderung ist, für deren Bewältigung das Christentum bei-spielgegebend sein soll. Schließlich glauben wir an die Verheißung Christi und die Sendung seines Geistes. Dieser Glaube hat sich zu bewähren..

dieFurche: Welche Möglichkeiten sehen Sie, um Verständigung realisierbar zu machen?

Bsteh: Das durch die Aufklärung all gemein eingeführte Bildungssystem kann hier mit aller gebotenen Behut: samkeit auch für eine breite Information eingesetzt werden. Die Christen sollten sich nicht scheuen, durch dieses Instrumentarium die Werte der Toleranz und Partnerschaftlichkeit schon in die Erziehung der Jugend und in den gesamten Ablauf des öffentlichen Lebens einzubringen. Die BeLigion selbst ist ja Lerngemeinschaft auf allen Ebenen, vor allem auch auf denjenigen des Alltags, der Nachbarschaft und des sozialpolitischen Zusammenwirkens. YAn solches I laus Europa würde auch dem Islam Mut geben, sich für neue Formen des Glaubenslebens zu entscheiden. Aus seiner Position einer Minderheit könnten sich Muslime unter entsprechenden Voraussetzungen auf echte Partnerschaft einstellen. Schreckschüsse und Feindbilder sollten ausgedient haben. Eine dialogale Zukunft hängt vom Mut und vor der Geduld echten Glaubens - auf beiden Seiten — ab.

Das Gespräch führte

Angela Thierry.

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