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Absolute Ansprüche

"Reflexion" mahnte Kolumnistin carla amina baghajati rund ums Thema Karikaturenstreit in furche Nr. 6 ein. Pastoraltheologe paul wess stellt Fragen dazu, baghajati antwortet in nachstehender furche-Debatte darauf.

Sehr geehrte Frau Baghajati! Gerne gehe ich auf Ihre Einladung zur "Reflexion als Weg zu mehr Gelassenheit" ein, "um Lehren für die Zukunft zu ziehen". Ich stimme Ihnen zu, dass jede Freiheit ihre Grenzen hat, falls es sich nicht um ein pubertäres, sondern um ein reifes Verständnis von Freiheit handelt, in dem auch die Pflichten übernommen werden. Übrigens gibt es auch in unseren Ländern gesetzliche Beschränkungen der Meinungsfreiheit: Wer den Holocaust leugnet, wird bestraft. Dennoch bleiben mir in dieser schmerzlichen Auseinandersetzung viele Fragen offen:

Im Konflikt um die Karikaturen war immer wieder zu hören, dass jede Darstellung des Propheten eine Blasphemie, also eine Gotteslästerung, sei. Nun ist doch im Islam der Prophet nicht Gott, wieso kann dann seine - auch eine respektvolle - Darstellung eine Gotteslästerung sein? An dieser Stelle muss auch einmal gesagt werden, dass für die Christen der Mensch Jesus Christus nicht Gott ist, sondern mit Gott unvermischt und ungetrennt geeint, also verbunden, wobei Gott der Größere ist und bleibt; alles andere wäre die Irrlehre des so genannten Monophysitismus (Muhammad dürfte das Christentum leider in dieser Form kennen gelernt haben und deshalb zu der Ansicht gekommen sein, dass die Christen in Jesus einen zweiten Gott und in Maria als seiner Mutter eine Göttin verehren). Im Islam entstanden jedenfalls bis ins 18. Jahrhundert Malereien, auf denen der Prophet abgebildet wurde (gelegentlich mit einem Schleier, wie das auch von Mose berichtet wird). Seit wann gilt also dieses Verbot und warum?

Ich stelle diese Frage mit einem konkreten Hintergrund: In Pakistan gibt es ein Blasphemiegesetz, nach dem jeder, der Muhammad nicht als Propheten anerkennt, we-gen Gotteslästerung verurteilt und hingerichtet werden kann (wenn dort ein Muslim Christ wird, muss er in eine andere Stadt ziehen, wo ihn niemand kennt, um zu überleben). In Saudi-Arabien ist schon der Besitz einer Bibel strafbar. Nach den Vorstellungen des Koran sollen sich Staat und Religion decken, nur die Juden und die Christen werden als Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse geduldet, wenn sie "Tribut entrichten als Erniedrigte" (Sure 9,29). Muss man nicht damit rechnen, dass ähnliche Gesetze auch bei uns kommen, sobald die Muslime die Mehrheit haben? Was tun die Muslime in Österreich und in Europa, die hier Religionsfreiheit genießen, dafür, dass in islamischen Ländern Andersgläubige oder Ungläubige dieselben Freiheiten haben?

"Feldherr" Muhammad?

Meines Erachtens kann der Islam hier keine neuen Wege gehen, solange die Muslime den Koran fundamentalistisch, also als unhinterfragbares, absolut wahres Wort Gottes, verstehen (vgl. Furche Nr. 1/2006, Seite 11). Denn dann gelten auch die Anweisungen zur Gewalt gegen Ungläubige, die im Koran zeitlich uneingeschränkt formuliert werden (Suren 2,191; 9,5 u. a.), unbedingt und immer, also auch in Zukunft (weil Gott sich nicht selbst widersprechen kann, hilft auch ein etwaiger Verweis auf andere Suren nicht weiter). Sicher hat auch das Christentum in seiner Geschichte gegen die Religionsfreiheit verstoßen und zur Gewalt gegriffen, aber das geschah gegen die Anweisungen seines Gründers. Während Jesus die Feindesliebe verkündete und am Kreuz starb, war Muhammad ein Feldherr, der sich bei seinen "heiligen Kriegen" auf göttliche Offenbarungen berief. Der Koran kennt keine Feindesliebe, ohne die es kaum Versöhnung geben kann. Sehen Sie im Islam eine Möglichkeit einer inhaltlichen Distanzierung von bestimmten Aussagen des Koran? Das scheint mir die wichtigste Frage in einem ehrlichen Dialog zwischen Christen und Muslimen zu sein. Nur wenn beide Seiten ihre Absolutheitsansprüche aufgeben, sind die Konflikte lösbar und kann Religion für kritische Menschen glaubwürdig sein.

Paul Weß, Dozent für Pastoraltheologie an der Universität Innsbruck.

Sehr geehrter Herr Dr. Weß! Zuerst eine Gegenfrage: Sehen Sie die Möglichkeit, einen Dialog in der Perspektive einer ehrlichen Berücksichtigung des Selbstverständnisses der jeweiligen Religionen zu führen? Oder wäre eine solche Vision ein naiver Traum, der weniger noch an der Realität der für Religionsgemeinschaften immanenten "Wahrheitsfrage" vorbeigeht oder durch die innere Vielfalt der Auslegung verworren wird, als vielmehr durch die dem Menschen oft eigene innere Hürde vor dem Verstehen unerfüllbar erscheint? Wurde diese Scheu vor dem "Fremden" aus Angst, lieb gewonnene Standpunkte oder gar den Glauben über den Gewinn neuen Verständnisses aufgeben zu müssen, nicht gerade dort kultiviert, wo man ein Interesse hatte, innere Schwäche über umso schärfere Abgrenzung vor dem "Anderen" zu kaschieren, um damit die eigene Identität weniger kreativ aus sich selbst, als vielmehr aus der Verneinung des anderen heraus zu stärken?

Hier liegt für mich der Kern des Problems jeden Absolutheitsanspruchs, egal von welcher Seite. Er zeigt sich in der Verweigerung, sich mit anderen Modellen auf Augenhöhe auseinanderzusetzen, eigentlich ein Mangel an innerer Reife. Könnten gerade Persönlichkeiten mit religiösem Hintergrund vorleben, dass es sehr wohl möglich ist, den anderen zu verstehen, ehrliche Empathie zu empfinden, und doch den eigenen Glauben damit nicht verraten zu haben - es wäre viel gewonnen. Muslime sollten da Koran-Vers 49,13 beherzigen, der die von Gott gewollte Pluralität anspricht und sich an ein "Wetteifern in guten Werken" wie in 5,48 halten.

So wie Sie sich verständlicherweise wünschen, dass das Christentum nicht in den Geruch der Vielgötterei gerät, so wünsche ich mir, dass der Koran nicht als vom Propheten Muhammad aufgrund eigener Erfahrungen verfasstes Buch hingestellt und die Figur des Propheten selbst nicht auf "Feldherr" reduziert wird. Als andere Meinung ist dies solange kein Problem, als von Muslimen nicht verlangt wird, sie müssten ihre theologischen Überlegungen aus dieser Sicht heraus führen.

Koran und "Aufklärung"

Ja, für die Muslime ist der Koran Wort Gottes, was zu glauben oder nicht selbstverständlich jedem persönlich frei steht. Ein forschender Geist, der auf dem Boden der Religion immer wieder vor dem Hintergrund von Zeit, Ort und handelnden Personen zu neuen Einsichten und Auslegungen gelangt, wird von Muslimen verlangt. Dynamik ist vonnöten. Gottes Wort ist nicht zu ändern, sehr wohl aber die Aufgeklärtheit der Menschen.

Ab nun im Telegrammstil:

* Wissend um die Bedeutung hat die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich nicht von Blasphemie gesprochen. Klarer Monotheismus als Basis des Islam. Kritikpunkte: Bestellte Provokation mit religiöse Inhalte ins Gegenteil verkehrender Aussage, Dialogverweigerung, Arroganz. Kein Abbild, weil a) respektlos - man kann nicht wissen, wie Propheten ausgesehen haben; b) von der eigentlichen Botschaft ablenkend.

* Die Bibel wird in einer großen deutschsprachigen Studienausgabe des Koran im Tefsir (Exegese) oft zusätzlich angeführt.

* Problematik eines Auseinandeklaffens von Theologie und gelebter Wirklichkeit oft schmerzlich. Muslime in Österreich um eigenständiges Profil bemüht, um konstruktive Impulse in den innermuslimischen Diskurs zu senden.

* Spekulationen über die Macht an sich reißende Muslime in Österreich: demografisch Unsinn. Trotzdem: Wir bekennen uns zu Demokratie, Pluralismus, Rechtsstaat, Menschenrechten. Trennung der Aufgabenbereiche Politik-Theologie war ein Faktum der islamischen Geschichte. Wir leben sehr gut mit dem österreichischen säkularen Modell.

* Dhimmi = Schutzbefohlener, nicht "Erniedrigter" (generelle Übersetzungsproblematik): keine Zakat (sozial-religiöse Pflichtabgabe), sondern Ersatzsteuer für Männer (war oft geringer als diese) wegen Befreiung vom Militärdienst, Recht auf eigene Gerichtsbarkeit bei Regelung der eigenen Religion entspringender Fragen (Familienrecht). Moderne Auslegung: nichts dagegen, gleiche Staatsbürgerschaft zu verleihen.

* keine Gewaltbefehle gegen Andersgläubige. Zitierte Stelle handelt vom Recht im Krieg und nicht zum Krieg. Kriegerische Handlung ist bei erstem Verhandlungssignal einzustellen (Koran 8:60-61)

* Krieg kann nicht heilig sein. Ist im Koran auch nicht positiv besetzt. Begriff auf Arabisch gar nicht vorhanden. Dschihad = Anstrengung, gemeint zuerst die Selbstüberwindung, auf dem Weg des Guten zu bleiben. Nur im Verteidigungsfall und unter Beachtung von Regeln ist Krieg erlaubt.

* Islam mit reichem Potenzial friedlicher Konfliktlösung. Koran 5:45: Statt bei der Regel Auge und Auge, Zahn um Zahn stehen zu bleiben, Betonung, dass Verzeihen besser: "Wer dies aber mildtätig vergibt, dem soll dies eine Sühne sein". Versöhnung so zentral, dass sogar der ethische Grundsatz der Ehrlichkeit, freilich in hoher Verantwortung für den richtigen Umgang, relativiert wird, um zwischen Zerstrittenen mit positiven Meldungen Ausgleich zu schaffen, Gerechtigkeit universal - kein Messen mit zweierlei Maß.

Carla Amina Baghajati, Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

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