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Braucht Religion Abgrenzung?

1945 1960 1980 2000 2020

Thema: Religion & Abgrenzung

1945 1960 1980 2000 2020

Thema: Religion & Abgrenzung

Im Koran heißt es: „Abraham war weder Jude noch Christ, vielmehr war er rechtgläubig, ein Gottergebener und kein Heide.“ (Sure 3,67) Muslime sehen in diesem Vers eine Bestätigung, dass weder Judentum noch Christentum, sondern nur der Islam die einzig richtige Religion sei.

Dieser Vers könnte aber auch anders gelesen werden, und zwar als Absage an Religionen – also auch an den Islam, wie wir ihn heute verstehen – als menschliche Konstrukte. Denn es kommt im Eigentlichen auf den Glauben an denselben Gott an und darauf, sich gegenüber diesem gemeinsamen Gott verantwortungsvoll zu verhalten. Diese These wird vor allem von Menschen, die nicht an Religionen glauben, sehr gerne angenommen; für Juden, Christen und Muslime ist sie jedoch recht provokant. Religionen weisen über den Glauben an Gott und die ethische Verantwortung hinaus besondere Merkmale auf, die jeder Religion eigen sind. Daher lautet die Gegenthese: Eine Religion, die sich von anderen Religionen nicht klar unterscheidet, also nicht abgegrenzt werden kann, stellt keine eigenständige Religion dar, sondern ist nur ein anderer Name für dasselbe Phänomen. Heißt das, dass wir auch Differenzen zwischen den Religionen brauchen und sie sogar betonen müssen, um religiöse Identitäten zu bilden und zu etablieren? Besteht dabei aber nicht die Gefahr, dass Religionen sekundäre Aspekte auf Kosten der Kernaspekte – des eigentlichen Glaubens an Gott und der ethischen Verantwortung – überbetonen, was zu einer gewissen Aushöhlung dieser Religionen führen kann? Führt auf der anderen Seite die Relativierung von Differenzen und die Einschränkung der Religionen auf deren Kernaspekte nicht zur Dekonstruktion von Religionen?

Brauchen Religionen untereinander Abgrenzungen, und wenn ja, wie sehr? Ich bin gespannt, wie meine Kolumnenkolleg/inn/en diese Frage aus der Sicht ihrer jeweiligen Religion sehen.

* Der Autor ist Islamwissenschafter und Imam in Wien

Im Koran heißt es: „Abraham war weder Jude noch Christ, vielmehr war er rechtgläubig, ein Gottergebener und kein Heide.“ (Sure 3,67) Muslime sehen in diesem Vers eine Bestätigung, dass weder Judentum noch Christentum, sondern nur der Islam die einzig richtige Religion sei.

Dieser Vers könnte aber auch anders gelesen werden, und zwar als Absage an Religionen – also auch an den Islam, wie wir ihn heute verstehen – als menschliche Konstrukte. Denn es kommt im Eigentlichen auf den Glauben an denselben Gott an und darauf, sich gegenüber diesem gemeinsamen Gott verantwortungsvoll zu verhalten. Diese These wird vor allem von Menschen, die nicht an Religionen glauben, sehr gerne angenommen; für Juden, Christen und Muslime ist sie jedoch recht provokant. Religionen weisen über den Glauben an Gott und die ethische Verantwortung hinaus besondere Merkmale auf, die jeder Religion eigen sind. Daher lautet die Gegenthese: Eine Religion, die sich von anderen Religionen nicht klar unterscheidet, also nicht abgegrenzt werden kann, stellt keine eigenständige Religion dar, sondern ist nur ein anderer Name für dasselbe Phänomen. Heißt das, dass wir auch Differenzen zwischen den Religionen brauchen und sie sogar betonen müssen, um religiöse Identitäten zu bilden und zu etablieren? Besteht dabei aber nicht die Gefahr, dass Religionen sekundäre Aspekte auf Kosten der Kernaspekte – des eigentlichen Glaubens an Gott und der ethischen Verantwortung – überbetonen, was zu einer gewissen Aushöhlung dieser Religionen führen kann? Führt auf der anderen Seite die Relativierung von Differenzen und die Einschränkung der Religionen auf deren Kernaspekte nicht zur Dekonstruktion von Religionen?

Brauchen Religionen untereinander Abgrenzungen, und wenn ja, wie sehr? Ich bin gespannt, wie meine Kolumnenkolleg/inn/en diese Frage aus der Sicht ihrer jeweiligen Religion sehen.

* Der Autor ist Islamwissenschafter und Imam in Wien