Islam - Religion der Gewalt?

Der Islam steht unter dem Generalverdacht der Gewalttätigkeit. Kann er da noch einen Beitrag zum Frieden leisten? Kennt er ein Kriterium für Frieden?

Der 11. September 2001 hat den Diskurs über Religion und Gewalt stark geprägt. Die Instrumentalisierung des Islam für politische Zwecke ist aber kein neues Phänomen. Schon im Jahre 657, in der Schlacht von Seffin zwischen dem selbsternannten Kalifen Mu’awiya und dem rechtmäßigen Kalifen Ali, griff Mu’awiya auf einen Trick zurück, als die gegnerischen Truppen die Oberhand zu gewinnen drohten: Seine Soldaten steckten Seiten aus dem Koran auf die Spitzen ihrer Lanzen, um damit die Gegner-Truppe zur Beendigung des Kampfes zu bewegen und ein Schiedsgericht einzuberufen, sie instrumentalisierten hier den Koran. Für dieses Schiedsgericht hatte sich Mu’awiya eine List überlegt und riss mit dieser das Kalifat an sich.

Religiöse Legitimation von Gewalt ist keineswegs auf den Islam beschränkt, auch das Christentum kennt dieses Phänomen: Die Kreuzzüge, die Ketzer- und Hexenverfolgung und die Inquisition sind Beispiele dafür. Auch militante Hindus sind für viele Todesopfer verantwortlich. Sogar der Buddhismus hat eine Gewaltgeschichte: Auf Sri Lanka wird der Kampf gegen die Tamilen religiös begründet, ein heiliger Krieg für die Buddha geweihte Insel wird geführt. Auch zwischen tibetischen Klöstern gab es Mönchskriege.

Hier soll aber keineswegs der Eindruck vermittelt werden, bei Gewalt handle es sich um ein religiöses Phänomen. Schon die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass die großen Massenmörder, nämlich Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot, ihre Verbrechen nicht mit Religion legitimiert haben, sondern mit anderen Ideologien.

Gewalt ist politisch motiviert

Auch der RAF-Terror hatte nichts mit Religion zu tun. Diese Tatsachen werden oft vergessen oder verdrängt. So geraten Religionen heute pauschal unter Gewaltverdacht. Und der Islam steht ganz oben auf der Verdächtigtenliste.

Der seit 9/11 verbreitete Diskurs über Religion und Gewalt lenkt jedoch vom eigentlichen Problem ab. Denn wenn sich Gewalt im Lauf der Menschheitsgeschichte auch ohne Religion verbreitet hat, kann Religion nicht das eigentliche Problem sein, sondern die Gewalt selbst. Die Frage, die hier gestellt werden muss, ist nicht die nach dem Gewaltpotenzial von Religionen, sondern die nach deren Beitrag gegen Gewalt. Religionen verursachen die Gewalt nicht, sie werden - wie andere Ideologien - instrumentalisiert, um Gewalt zu legitimieren. Sie können Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung sein.

Betrachtet man die im Namen des Islam verübten Gewalttaten der jüngsten Zeit, dann ist festzustellen, dass diese nicht zur Verbreitung des Islam verübt wurden, es ging immer um politische Forderungen. Osama bin Laden z. B. wandte sich vor allem gegen die Präsenz der Amerikaner in seiner Heimat Saudi-Arabien. Seine Organisation Al Kaida will die westlichen Staaten bekriegen, von denen sie annimmt, dass sie Anführer einer antiislamischen Verschwörung sind. Hinter den Anschlägen der Hamas auf Ziele in Israel steht die Forderung nach einem palästinensischen Staat. Die gegenseitigen Anschläge der Sunniten und Schiiten im Irak sowie die dortigen Anschläge gegen US-Stützpunkte und -Soldaten haben einen machtpolitischen Hintergrund. Ähnliches gilt für die Anschläge in Afghanistan und Pakistan usw. Es sind also immer politische Ziele, die verfolgt werden, die Religion selbst hält dabei als Legitimation her, ist selbst aber nicht Gegenstand der Auseinandersetzungen.

Politische Lösungen sind gefragt

Das Eigentliche sind also diese politischen Probleme. Diese bedürfen weniger theologischer als politischer Lösungen. Terroristen im Namen des Islam berufen sich immer wieder auf politische und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten in der Welt. Nicht zu Unrecht argumentieren sie, dass diktatorische Regime, wie jenes von Mubarak oder Gaddafi jahrzehntelang von europäischen Staaten und den USA unterstützt wurden. Das jüngste Beispiel ist die bevorstehende Lieferung deutscher Panzer an Saudi-Arabien. Der einzige Staat der Welt, der nach einer Familie benannt ist, der einzige Staat der Welt, der Frauen das Autofahren verbietet, der weder Menschenrechte, noch religiöse Pluralität kennt. Hinzu kommt, dass der arabische Frühling in Bahrain mit Hilfe saudischer Militärs niedergeschlagen wurde. Und wer liefert die Waffen? Europa und die USA.

Ich will aber auch nicht die Rolle der Religion kleinreden. Denn sowohl Koran als auch Bibel liefern einige Textstellen, die von Extremisten missbraucht werden. Die Geschichte des Christentums ist aber auch eine Geschichte christlicher Selbstkritik. Sind Muslime auch zur Selbstkritik bereit? Das II. Vatikanum erklärte etwa, dass Gottes Heilswille "auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime“ umfasst. Sind auch Muslime bereit, Christen und Juden als Glaubensgeschwister, die vom Heil erfasst werden, zu sehen?

Religionen, auch der Islam, sind aber keine statischen Gebilde, sie stellen zwar Orientierungssysteme für die Menschen dar, sind aber zugleich in unterschiedlichem Grade lernfähig, und können auf neue Herausforderungen auch neue Antworten finden. Damit sich der Islam selbst vor Instrumentalisierung schützt, muss ein klares Kriterium aus der Binnenperspektive definiert werden, das als Maßstab für den Umgang mit dem Koran und allen islamischen Texten dient. Dieses Kriterium liefert der Koran selbst, es handelt sich um die Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit als Kriterium

Die Eigenschaft, mit der sich Gott im Koran am häufigsten beschreibt, ist die Barmherzigkeit. Das Einzige, zu dem sich Gott im Koran selbst verpflichtet hat, ist die Barmherzigkeit (Sure 6,21.54). Der Koran geht sogar einen Schritt weiter und stellt die Barmherzigkeit als Wesenseigenschaft Gottes dar, ja setzt sie Gott gleich (Sure 17,110 und 7,56). Deshalb erläutert der Koran den Grund der Sendung Mohammeds folgendermaßen: "Wir haben dich [Mohammed] lediglich als Barmherzigkeit für die Welt entsandt.“ (Sure 21,107)

Jede Interpretation des Korans, jede Handlung des Menschen muss mit dem Kriterium der Barmherzigkeit und der Liebe in Einklang stehen. Jede andere Interpretation bzw. Lebensweise muss abgelehnt werden. Gott ist ein Name, mit dem Muslime die absolute Barmherzigkeit und Liebe bezeichnen. Demzufolge geht es auch nicht um Glauben oder Nichtglauben an Gott als Person, die übermenschliche Fähigkeiten besitzt, sondern um den Glauben an die Liebe und Barmherzigkeit und darum, entsprechend zu handeln.

Gläubig ist, wer an die Liebe und die Barmherzigkeit glaubt. Wenn Religionen von Menschen so aufgefasst werden, dann sind sie ein Potenzial für Frieden. Und tragen zu weniger Gewalt auf Erden bei.

* Der Autor ist Prof. f. islam. Religionspädagogik an der Uni Münster

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