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Gewalt ist niemals Gottesdienst

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So beklemmend die Bilder des islamistischen Terrors auch sind, so enthalten sie auch eine Chance: nämlich den Aufruf an die muslimische Welt, ihre Theologie und ihr Geschichtsverständnis zu überdenken.

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So beklemmend die Bilder des islamistischen Terrors auch sind, so enthalten sie auch eine Chance: nämlich den Aufruf an die muslimische Welt, ihre Theologie und ihr Geschichtsverständnis zu überdenken.

Die Anschläge von Paris haben dem Wes ten denkbar drastisch vor Augen geführt, dass der islamistische Terror nicht mehr nur außerhalb Europas bekämpft werden kann. Vielmehr bedarf es Maßnahmen in den westlichen Ländern selbst - nicht zuletzt auf dem Gebiet der Bildungs- und Integrationspolitik. Darüber scheinen sich in Europa nun alle einig zu sein.

Ein ganz anderes Verständnis des islamistischen Terrors herrscht außerhalb Europas, das offenbarte sich nach den Pariser Attentaten in der Berichterstattung in den islamischen Ländern. Zwar wurden die jüngsten Gewalttaten dort vom überwiegenden Teil der Medien und Experten verurteilt, die Ursachen aber verortet man zum Gutteil in der westlichen Haltung gegenüber dem Islam, die als ungerecht empfunden wird.

Nichtmuslimische Welt als Feindbild

Derartige Befindlichkeiten bilden den Nährboden für die Wiederbelebung einer Theologie, die bestrebt ist, unter Berufung auf göttliche Argumente ein Feindbild zu zementieren: die nichtmuslimische Welt. Zugleich wird aus den Quellen des Islam die religiöse Verantwortung zum Kampf gegen den Westen abgeleitet. Zu diesem Zweck werden zunächst zahllose Koranverse aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen und im Zeichen des Krieges rekontextualisiert, sodass nunmehr der Krieg als der einzige Weg zur Verwirklichung des Geistes des Korans erscheint. In dieser neuen Atmosphäre des Krieges bekommt eine rückwärtsgewandte Utopie enorme praktische Wucht: sowohl die Lebensverhältnisse als auch die Gesinnung des 7. Jahrhunderts sind plötzlich erstrebenswert. Und je rigider deren Umsetzung, desto tiefer erlebbar wird der Islam für seinen ergebenen Diener. Das trifft vor allem auf Gewaltakte zu: Bei einer rituell mit dem Messer durchgeführten Enthauptung handelt es sich nicht bloß um die Beseitigung eines Gegners, sondern um die Fortführung einer glorifizierten Tradition. So gewinnt Gewalt eine gottesdienstliche Dimension. Der kämpferische Auftrag des Propheten wird für die islamische Gemeinde sinnfällig und begreifbar gemacht.

Nicht wenige muslimische Theologen sind darüber schockiert: Die Gewalttaten der IS-Kämpfer zeigen, dass die von eben jenen Theologen verbreitete, seit Jahrhunderten unreflektierte Lehre des Islam grausame Formen annimmt und vor dem Hintergrund des Humanismus gleichsam als Fratze des Bösen wirkt. Und jetzt? So beklemmend die Bilder des täglichen Terrors auch sein mögen, enthalten sie auch eine Chance - nämlich den Aufruf an die muslimische Welt, ihre Theologie und ihr Geschichtsverständnis zu überdenken. Dazu gehört auch, dass Theologen die Stellung des Korans im Lichte gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse neu debattieren.

Ihre Aufgabe bestünde darin, die Sunna aus der Atmosphäre des Krieges herauszulösen und die prophetische Tradition auf einen friedensethischen Kern zu reduzieren: Nur so können wir verhindern, dass ein Gewirr militanter Auslegungen jungen Muslimen den Zugang zum moralischen Gehalt ihrer Tradition versperrt.

im Kern immer noch gewaltbereite Lehre

Noch aber bildet eine gewaltbereite Lehre den Kern der islamischen Theologie. Das wird vor allem im islamischen Recht deutlich. Solange diese Theologie als Grundpfeiler der islamischen Lehre gilt, werden immer wieder Muslime durch Gewalttaten die islamische Tradition beleben wollen.

Wie kann es sein, dass Muslime sich ob der im Namen des Islam verübten Morde fassungslos zeigen - wenn doch in den Grundwerken aller Rechtschulen Konsens darüber herrscht, dass die Hinrichtung von Personen, die den Propheten beleidigt haben, in völligem Einklang mit islamischem Recht steht? Es wird wirklich Zeit, uns aus der selbstverschuldeten Opferrolle zu befreien und religiöse Reformen voranzutreiben.

In einer Rede vor den Al-Azhar-Gelehrten hat der ägyptische Präsident das gefordet, ohne dabei aber die bitter nötigen Voraussetzungen für derartige Reformen anzusprechen. Eine neue Theologie bedarf einer Bildungspolitik, die junge Muslime zur Mündigkeit erzieht und die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen in den muslimischen Ländern kritisch hinterfragt. Solange das nicht gegeben ist, riskieren dort muslimische Wissenschaftler, die Reformen wollen, ihr Leben.

Entmündigende Bildungssysteme können keine mündige Theologie hervorbringen. Ohne in eurozentrische Überheblichkeit zu verfallen, ist festzuhalten: Die in Europa lebenden und lehrenden muslimischen Wissenschaftler haben hier eine besondere Aufgabe - der wachsenden Zahl islamkritischer Stimmen zum Trotz. Denn sie sind es, die sich der Reformaufgabe in Freiheit stellen können.

Der Autor ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien

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