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Zeit des langen Atems

Fatwas gegen den Terrorismus, Abkehr von der Schönwetter-Rhetorik:Europas Muslime im Kampf gegen den islamistischen Terror.

Sonntagsreden folgten auch den Anschlägen von London auf dem Fuß. Den dabei beschworenen Vorsätzen ist eines gemeinsam: Dem Terrorismus, der sich aus islamistischen Ideologien speist, ist nur mit langfristigen Konzepten beizukommen. Doch das globale Leben ist nicht auf Langfristigkeit abgestellt: Passiert kein Anschlag, ebben die öffentlichen Sorgen schnell ab. Gibt es Terror, dann soll die Politik besser heute als morgen effektiv reagieren, und die Medien sind ebenfalls schnell und laut zur Stelle.

Die strategische Fantasie ist dabei begrenzt. Reflexartig fällt etwa die Rede über Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte in den postterroristischen Diskurs ein: Biometrie, flächendeckend Überwachungskameras, Aufzeichnung von Telefonaten und E-Mails bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag lauten die Zauberworte; die Terroristen haben damit längst erreicht, dass sich westliche Gesellschaften in eine totalitäre Richtung bewegen (wer das nicht glaubt, sollte einmal mehr "1984" in die Hand nehmen; aber wer weiß, ob George Orwells düstere Gesellschaftsprognose noch Lesestoff in den Schulen und somit Allgemeingut ist...).

Dabei richtet sich der Blick auch auf die muslimischen Gesellschaften - in den traditionellen Ländern wie in Europa. Hier gilt gleichermaßen, dass schnelle Lösungen keinen Erfolg zeigen (der Irak ist das dramatischste Beispiel hiefür): Kein einziges arabisches Land, die Kernzone des Islam also , ist nach europäischen Standards eine Demokratie oder ein Rechtsstaat, von den Menschenrechten ganz zu schweigen, im Iran, in Afghanistan, Pakistan sieht es nicht besser aus: Politische Unterdrückung bzw. Unordnung gepaart mit wirtschaftlicher Perspektivenlosigkeit trägt ein Übriges zum Humus bei, auf dem der Terrorismus gedeiht. Hier wird die Tatsache besonders brisant, dass sich die ökonomischen und politischen Verlierer auf den Islam berufen, wenn sie zur terroristischen Gewalt greifen - ein komplexes theologisches Problem: Einerseits fehlen dem Islam einigende religiöse Autoritäten, die hier Klartext reden, zum anderen findet religiöse Ächtung der Gewalt gegen Unschuldige jedenfalls nicht in derselben Intensität wie die Fanatisierung von Muslimen statt. Auch diese Ächtung ist somit ein Langzeitprojekt.

Erst recht stimmt solche Diagnose für die Minderheit der Muslime in Europa, die sich zusätzlich in ihrer Identität bedroht sehen und auch von daher für die einfachen Welterklärungen des Islamismus anfällig sind. Gott sei Dank besinnen sich Europas Muslime auf ihre Verpflichtung, auch innerhalb der Religion zu agieren: Eine Fatwa, ein religiöses Rechtsgutachten gegen den Terrorismus, wie es dieser Tage von sunnitischen Gelehrten in Großbritannien erstellt wurde, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ähnliches gilt für Österreichs islamische Glaubensgemeinschaft, deren Imame sich erst im April von terroristischen Gewaltakten distanzierten. Dazu kommt, dass die Glaubensgemeinschaft jetzt klar benannte, dass es unter den Muslimen in Österreich auch solche gibt, die für Hass und in der Folge für Gewalt anfällig sind. Was für die große islamische Welt stimmt, gilt im kleinen Österreich nicht minder: Muslime kennen keine religiöse Institutionalisierung wie etwa die Katholiken, auch wenn der Staat da sanften Druck ausübt (für den Religionsunterricht oder für Friedhöfe ist die islamische Glaubensgemeinschaft der Ansprechpartner des Staates, damit müssen sich Österreichs Muslime arrangieren).

Es ist den Vertretern der islamischen Glaubensgemeinschaft anzurechnen, dass sie sich gerade in den letzten Tagen von Schönwetter-Rhetorik abgewandt haben und auch öffentlich davon reden, dass eben nicht alle Muslime sich an die Gewaltverzichtserklärungen der Glaubensgemeinschaft gebunden fühlen. Auch wenn es sich - nach allgemeiner Einschätzung - um eine kleine Minderheit handelt: Das islamistische Welt-Problem betrifft auch Österreich, und hierzulande wird gleichfalls nur eine langfristige Strategie greifen können.

Übrigens: Der Integrationsbeauftragte der Glaubensgemeinschaft, Omar Al-Rawi, der sich in skizzierter Weise engagiert hat, ist Wiener Landtagsabgeordneter - ein Hinweis auf eine dieser Strategien: Wenn Österreichs Muslime auch in den demokratisch gewählten Institutionen präsent werden, ist das eine weitere Verankerung in dieser Gesellschaft, die für friedliches Zusammenleben nötig ist.

otto.friedrich@furche.at

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