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"US-Politiker haben Angst vor US-Muslimen"

9/11 hat Amerikas Muslime politisiert - mehr Engagement tut auch not, denn die Kluft zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen wächst.

Shamsi Ali ist Imam in der Moschee an der 96. Straße und einer der bedeutendsten Imame New Yorks. Er hat es sich nach 9/11 zur Hauptaufgabe gemacht, interkonfessionelle Kooperationen einzugehen und sich politisch zu engagieren: "Ich habe schon vor 9/11 versucht, eine Brücke zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Amerikaner zu schlagen", erklärt der Imam im Gespräch mit der Furche. Doch all seine Bemühungen waren, so wie das World Trade Center, innerhalb eines Tages von den Terroristen wie nichts weggefegt worden. "Ich musste von vorne beginnen", sagt der 39-jährige gebürtige Indonesier.

Vor 9/11 waren Muslime in den USA kaum politisch aktiv - sie waren eine schwache Minderheit, die wenig politischen Einfluss auf lokaler oder bundesstaatlicher Ebene hatte. Im Repräsentantenhaus und im Senat sitzt nach wie vor kein einziger Abgeordneter muslimischen Glaubens.

Karikaturenstreit in USA

Aber 9/11 und die Vorgänge im Nahen Osten haben viele amerikanische Muslime zu engagierten Mitbürgern gemacht: "Wir gehen vermehrt auf die Menschen zu und engagieren uns für Sozialprojekte", erzählt Parvez Ahmed, Vorsitzender des Rates für Amerikanisch-Islamische Beziehungen (CAIR), dem größten Muslimenverband der USA. Die Angst vor einer Ausweitung der Anti-Islam-Stimmung ist für ihn zu groß, um einfach herumzusitzen: "Wir sind einerseits enger zusammengerückt und andererseits offener und kreativer geworden." Als Beispiel erwähnt er die Reaktion seiner Organisation auf den Karikaturenstreit: 17.000 CDs und Bücher, "die zeigen, wofür der Islam wirklich steht", wurden an Interessierte verteilt.

Dass das vermehrte politische und soziale Engagement der Muslime notwendig ist, zeigen aktuelle Umfragen: Die Kluft zwischen den amerikanischen Muslimen und Nicht-Muslimen hat sich in den letzten Jahren deutlich vertieft: 46 Prozent der Amerikaner hegen Vorurteile gegenüber ihren muslimischen Mitbürgern - das ist sieben Prozentpunkte höher als direkt nach den Anschlägen auf die Zwillingstürme in New York. Zudem meinen 33 Prozent der Amerikaner, dass der Islam Gewalt predige. Auch dieser Wert ist signifikant gestiegen, lag er doch 2002 bei 14 Prozent.

"Dieses Unbehagen hat viel mit der Politik im Nahen Osten zu tun, aber auch zu einem gewissen Grad mit dem Versagen innerhalb der amerikanischen Muslimen-Organisationen", meint Kamal Nawash, Präsident der "Free Muslim Coalition against Terrorism". In den USA leben zwischen sechs und zehn Millionen Muslime. Die genaue Zahl ist schwer zu bestimmen, da bei Volkszählungen nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt wird. Dennoch wird der Islam nach Christen-und Judentum als drittgrößte Religion in den USA eingestuft.

Präsident George W. Bush hat in den Tagen nach 9/11 die führenden Vertreter der muslimischen und arabischen Organisationen zu sich gebeten und ihnen versichert, dass für ihn der Islam die "Religion des Friedens" sei. Seine Meinung hat sich jedoch geändert. Erst vor kurzem sprach er von "Islam-Faschismus". Ein Ausdruck, den die amerikanischen Muslime nicht gerne hören.

"Wir sind von der Bush-Regierung und den Politikern beider Parteien zutiefst enttäuscht", sagt Parvaz von CAIR. "Seit 9/11 will die Mehrheit der politischen Vertreter kaum etwas mit uns zu tun haben", beklagt er sich. Es gab nicht einmal ein Treffen mit den Präsidentschaftskandidaten von 2004, Bush und Kerry. "Die Demokraten wie die Republikaner wollen nicht mit uns reden. Das Verhältnis zwischen uns hat sich in den letzten Jahren eher verschlechtert als verbessert", fährt er fort, "die Politiker haben Angst vor uns. Das politische Klima im Land lässt dies nicht zu."

"Zwei Herzen in der Brust"

Dem stimmt auch Kamal Nawash zu: "Muslime haben Null Einfluss auf die amerikanische Politik. Keiner fragt uns, keiner will uns." Das liegt aber nicht nur alleine an den politischen Verantwortlichen, wie Kamal meint, sondern es ist auch ein Fehler der muslimischen Organisationen selber. Er spielt dabei er auf jene Organisationen an, die mit dem radikalen politischen Islam sympathisieren - auch diese gibt es in den USA.

"In unserer Brust schlagen zwei Herzen: eines für unser westliches Heimatland, in dem wir geboren und aufgewachsen sind, und eines für unsere Religion. Doch nach 9/11 waren wir plötzlich nicht mehr wirklich integrierte Staatsbürger, sondern nur mehr Muslime, von denen angenommen wird, dass sie wohl bis zu einem gewissen Grad mit den Terroristen sympathisieren", erklärt Sayyeda Mirza vom New Yorker "East West Institute". Die junge politische Aktivistin sieht aber nicht nur die Schattenseiten, die 9/11 zum Vorschein gebracht hat. Sie gehört jener jungen Generation von Muslimen an, die die tragischen Ereignisse vor fünf Jahren politisiert und kämpferisch gemacht haben: "Wir jungen Muslime in den USA versuchen uns neu zu positionieren und unsere Religion und Kultur neu zu definieren. Das ist eine gute und notwendige Diskussion. Und es ist eine aufregende Zeit."

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