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Feuilleton

EXODUS aus Europa

1945 1960 1980 2000 2020

Toulouse, Brüssel, Paris: durch die Eskalation eines militanten Antisemitismus stehen immer mehr europäische Juden vor der Emigration.

1945 1960 1980 2000 2020

Toulouse, Brüssel, Paris: durch die Eskalation eines militanten Antisemitismus stehen immer mehr europäische Juden vor der Emigration.

Ein Monat ist vergangen seit den terroristischen Angriffen von Paris. Europa beginnt sich einzurichten in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, mit Razzien in islamistischen Milieus, Waffenfunden, Festnahmen. Schwer bewaffnete Polizisten, mancherorts gar Soldaten, stehen für den Notfall bereit: an Bahnhöfen und Flughäfen, weil ein Anschlag dort viele potenzielle Opfer hätte. An Polizei-und Justizgebäuden, weil diese erklärte Ziele des dschihadistischen Terrors sind. Und vor jüdischen Einrichtungen, weil - nun, weil dort eben Juden verkehren.

"Überall im Viertel stehen Soldaten"

Nirgendwo wird dies so deutlich wie in Antwerpen: das jüdische Viertel in der Nähe des Bahnhofs der Hafenmetropole ist einer der ersten Orte in Belgien, wo Mitte Jänner nach offenbar in letzter Minute verhinderten Anschlägen Militärs eingesetzt werden. Orthodoxe Juden unterwegs zur Synagoge, ihre Kinder auf dem Fahrrad oder am Eingang der Schule, daneben Uniformen, kugelsichere Westen, Gewehrläufe. Die Zeitungen sind voll von diesen Motiven. Sie unterstreichen, was man dieser Tage allenthalben hört: eine Bedrohung, die auf einmal ganz nah gekommen ist. Für Juden indes ist sie ungleich näher und um einiges konkreter. Eine neue Erkenntnis ist das keinesfalls.

Latent alarmiert ist man in Antwerpen, wo knapp die Hälfte der rund 50.000 belgischen Juden wohnen, seit dem Autobomben-Anschlag auf eine Synagoge im Diamant-Viertel im Oktober 1981. Sie forderte drei Tote und über sechzig Verletzte und hinterließ ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Das Quartier wurde danach zur Hochsicherheitszone, mit Schlagbäumen und Kameras, bewaffneten Polizisten, Parkverboten.

Man muss das gesehen haben, bevor man Aaron Malinsy verstehen kann, einen Rabbiner und Dozent an der Universität von Antwerpen. Während in belgischen Medien diskutiert wird, wieviel Freiheit man bereit ist für Sicherheit aufzugeben, sagt Malinsky: "Überall im Viertel stehen Soldaten. Darum ist das Leben ziemlich normal."

"Normal" ist ein dehnbarer Begriff hier. Heute bedeutet er: die Geschäfte sind geöffnet, die Synagogen auch. Nur die Schulkinder verbringen keine Minute länger außerhalb der Gebäude als nötig.

10.000 Juden verlassen Frankreich

Wenige Wochen nach den Anschlägen von Paris gedenkt die Welt der Befreiung von Auschwitz vor 70 Jahren. Keine Rede, kein Zeitungsartikel, kein Essay kommt ohne diesen Brückenschlag aus, von der Schoa in die existentiell bedrohte Gegenwart der Juden Europas. Ob in Amsterdam, Malmö, Paris oder Zürich: seit Jahren gelten sie als quasinatürlicher Blitzableiter für muslimischen Unmut über den Nahost-Konflikt, wobei die Zahl der Übergriffe und Bedrohungen zunimmt. In den letzten Jahren eskaliert diese mit den Attentaten auf die jüdische Schule in Toulouse (2012), das jüdische Museum in Brüssel (2014) und die Geiselnahme im koscheren Supermarkt von Paris

Wer will da schon groß von Zukunft sprechen? Rabbiner Malinsky erzählt, "20 bis 30 jüdische Familien" aus seinem näheren Umfeld hätten Belgien schon verlassen. Nicht alle gehen nach Israel, auch die USA sind eine Option. Nach offiziellen Statistiken der israelischen Einwanderungsbehörde Jewish Agency ließen sich 244 belgische Juden im letzten Jahr in Israel nieder, 339 italienische und 617 britische. Eine andere Dimension hat der Exodus in Russland (knapp 5000, inklusive der baltischen Staaten und Weißrusslands) und der Ukraine (fast 6000 inklusive Moldawien) angenommen.

Es spricht eine eigene Sprache, dass Frankreich selbst diese Zahlen übertrifft: 2013 verließen erstmals mehr als 3000 jüdische Bürger das Land in Richtung Israel. Letztes Jahr indes waren es über 7000, für 2015 rechnet man mit mehr als 10.000. Kein Wunder, dass Europa Alarm schlägt. Der belgische Premier Charles Michel konstatiert, man habe bei der Bekämpfung des Antisemitismus "versagt", angesichts von 40 Prozent der belgischen Juden, die an Emigration dächten. Frans Timmermans, Vize-Vorsitzender der EU-Kommission, warnt, ein Exodus europäischer Juden bedrohe die Fundamente der Union und müsse unbedingt verhindert werden.

Hoffnung ziehen aus einer Gewalttat

Ein anderer Niederländer wurde vor Jahren noch für verrückt erklärt, als er seinen jüdischen Mitbürgern nahelegte, angesichts des stetig steigenden Antisemitismus das Land zu verlassen. Manche fanden das unerhört, andere hielten Frits Bolkestein für einen tendenziösen Phantasten, dem die Judenfeindlichkeit manch europäischer Muslime gut in die konservative, einwanderungskritische Agenda passe. Viele niederländische Juden betonten damals, sich aus ihrem Land nicht vertreiben zu lassen.

Bolkestein bezog sich auf "bewusste Juden", auf jene, die nach außen als solche zu erkennen sind. Jemand wie Binyomin Jacobs zum Beispiel, einer der beiden Ober- Rabbiner des Landes. Ein unerbittlicher Befürworter der multikulturellen Gesellschaft und erklärter Gegner der Anti-Muslim-Hetze eines Geert Wilders. Sein Wohnhaus wurde seit 2010 fünf Mal mit Steinen beworfen. Inzwischen sagt Jacobs, dass er die Niederlande verlassen würde, hätte er nicht seine "Mission" als Rabbiner hier.

Alarmsignale kommen auch von der anderen Seite des Kanals. Mancherorts hatte man in den letzten Jahren die Hoffnung, Großbritannien möge sich als liberaler Hort behaupten, an dem Juden auch in Zukunft ein sicheres Leben führen können. Kurz nach den Attentaten von Paris veröffentlichte die "Campaign Against Anti-Semitism" die Ergebnisse einer Umfrage. Demnach hegte ein Viertel der britischen Juden in den letzten zwei Jahren Auswanderungsgedanken. Zudem stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle im Vereinigten Königreich im ersten Halbjahr 2014 um 36 Prozent.

Einmal mehr zeigt der Blick nach Antwerpen, welche Dimension die Bedrohung angenommen hat. Nach dem Attentat eines Syrien-Rückkehrers auf das Brüsseler Jüdische Museum im letzten Mai galt im Viertel erhöhte Alarmbereitschaft. Es folgten die Gaza-Kundgebungen des Sommers, wo judenfeindliche Parolen Standard waren.

Im November schließlich wurde ein junger Mann auf dem Weg zur Synagoge auf offener Straße von einem Messerstecher verletzt. Augenzeugen beschrieben den Täter als Osteuropäer. Was der Rabbiner der orthodoxen Gemeinde "Shomre Hadas" so kommentierte: "Es ist beruhigend, dass der Täter kein Muslim war. Das bedeutet, dass die Sache wahrscheinlich keine Methode hatte."

Die Fähigkeit, aus den Umständen einer solchen Gewalttat noch Hoffnung zu ziehen, macht auf beklemmende Weise zweierlei klar: wie sehr jüdische Gemeinschaften in Europa sich an die Existenz in der Mitte der Zielscheibe gewöhnt haben, und wie groß die Lücke ist zwischen dieser Erfahrungswelt und derjenigen der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft.

In Belgien etwa wartet letztere darauf, dass im Februar die Terror-Warnstufe von "drei" nach "zwei" auf der vierstufigen Skala gesenkt wird. Dem Einsatz von Soldaten im Inneren entzöge das die Grundlage. Innerhalb der Mitte-Rechts-Koalition in Brüssel gibt es dafür deutliche Stimmen. Anders sieht man das im Antwerpener "Schtetl": "Für uns ist dies eine äußerst delikate Frage", kommentiert Michael Freilich, Chefredakteur der Zeitschrift Joods Actueel. "Es geht hier um unsere Sicherheit und die unserer Kinder." Von Freiheit spricht man im Viertel schon lange nicht mehr.

Ein Monat ist vergangen seit den terroristischen Angriffen von Paris. Europa beginnt sich einzurichten in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, mit Razzien in islamistischen Milieus, Waffenfunden, Festnahmen. Schwer bewaffnete Polizisten, mancherorts gar Soldaten, stehen für den Notfall bereit: an Bahnhöfen und Flughäfen, weil ein Anschlag dort viele potenzielle Opfer hätte. An Polizei-und Justizgebäuden, weil diese erklärte Ziele des dschihadistischen Terrors sind. Und vor jüdischen Einrichtungen, weil - nun, weil dort eben Juden verkehren.

"Überall im Viertel stehen Soldaten"

Nirgendwo wird dies so deutlich wie in Antwerpen: das jüdische Viertel in der Nähe des Bahnhofs der Hafenmetropole ist einer der ersten Orte in Belgien, wo Mitte Jänner nach offenbar in letzter Minute verhinderten Anschlägen Militärs eingesetzt werden. Orthodoxe Juden unterwegs zur Synagoge, ihre Kinder auf dem Fahrrad oder am Eingang der Schule, daneben Uniformen, kugelsichere Westen, Gewehrläufe. Die Zeitungen sind voll von diesen Motiven. Sie unterstreichen, was man dieser Tage allenthalben hört: eine Bedrohung, die auf einmal ganz nah gekommen ist. Für Juden indes ist sie ungleich näher und um einiges konkreter. Eine neue Erkenntnis ist das keinesfalls.

Latent alarmiert ist man in Antwerpen, wo knapp die Hälfte der rund 50.000 belgischen Juden wohnen, seit dem Autobomben-Anschlag auf eine Synagoge im Diamant-Viertel im Oktober 1981. Sie forderte drei Tote und über sechzig Verletzte und hinterließ ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Das Quartier wurde danach zur Hochsicherheitszone, mit Schlagbäumen und Kameras, bewaffneten Polizisten, Parkverboten.

Man muss das gesehen haben, bevor man Aaron Malinsy verstehen kann, einen Rabbiner und Dozent an der Universität von Antwerpen. Während in belgischen Medien diskutiert wird, wieviel Freiheit man bereit ist für Sicherheit aufzugeben, sagt Malinsky: "Überall im Viertel stehen Soldaten. Darum ist das Leben ziemlich normal."

"Normal" ist ein dehnbarer Begriff hier. Heute bedeutet er: die Geschäfte sind geöffnet, die Synagogen auch. Nur die Schulkinder verbringen keine Minute länger außerhalb der Gebäude als nötig.

10.000 Juden verlassen Frankreich

Wenige Wochen nach den Anschlägen von Paris gedenkt die Welt der Befreiung von Auschwitz vor 70 Jahren. Keine Rede, kein Zeitungsartikel, kein Essay kommt ohne diesen Brückenschlag aus, von der Schoa in die existentiell bedrohte Gegenwart der Juden Europas. Ob in Amsterdam, Malmö, Paris oder Zürich: seit Jahren gelten sie als quasinatürlicher Blitzableiter für muslimischen Unmut über den Nahost-Konflikt, wobei die Zahl der Übergriffe und Bedrohungen zunimmt. In den letzten Jahren eskaliert diese mit den Attentaten auf die jüdische Schule in Toulouse (2012), das jüdische Museum in Brüssel (2014) und die Geiselnahme im koscheren Supermarkt von Paris

Wer will da schon groß von Zukunft sprechen? Rabbiner Malinsky erzählt, "20 bis 30 jüdische Familien" aus seinem näheren Umfeld hätten Belgien schon verlassen. Nicht alle gehen nach Israel, auch die USA sind eine Option. Nach offiziellen Statistiken der israelischen Einwanderungsbehörde Jewish Agency ließen sich 244 belgische Juden im letzten Jahr in Israel nieder, 339 italienische und 617 britische. Eine andere Dimension hat der Exodus in Russland (knapp 5000, inklusive der baltischen Staaten und Weißrusslands) und der Ukraine (fast 6000 inklusive Moldawien) angenommen.

Es spricht eine eigene Sprache, dass Frankreich selbst diese Zahlen übertrifft: 2013 verließen erstmals mehr als 3000 jüdische Bürger das Land in Richtung Israel. Letztes Jahr indes waren es über 7000, für 2015 rechnet man mit mehr als 10.000. Kein Wunder, dass Europa Alarm schlägt. Der belgische Premier Charles Michel konstatiert, man habe bei der Bekämpfung des Antisemitismus "versagt", angesichts von 40 Prozent der belgischen Juden, die an Emigration dächten. Frans Timmermans, Vize-Vorsitzender der EU-Kommission, warnt, ein Exodus europäischer Juden bedrohe die Fundamente der Union und müsse unbedingt verhindert werden.

Hoffnung ziehen aus einer Gewalttat

Ein anderer Niederländer wurde vor Jahren noch für verrückt erklärt, als er seinen jüdischen Mitbürgern nahelegte, angesichts des stetig steigenden Antisemitismus das Land zu verlassen. Manche fanden das unerhört, andere hielten Frits Bolkestein für einen tendenziösen Phantasten, dem die Judenfeindlichkeit manch europäischer Muslime gut in die konservative, einwanderungskritische Agenda passe. Viele niederländische Juden betonten damals, sich aus ihrem Land nicht vertreiben zu lassen.

Bolkestein bezog sich auf "bewusste Juden", auf jene, die nach außen als solche zu erkennen sind. Jemand wie Binyomin Jacobs zum Beispiel, einer der beiden Ober- Rabbiner des Landes. Ein unerbittlicher Befürworter der multikulturellen Gesellschaft und erklärter Gegner der Anti-Muslim-Hetze eines Geert Wilders. Sein Wohnhaus wurde seit 2010 fünf Mal mit Steinen beworfen. Inzwischen sagt Jacobs, dass er die Niederlande verlassen würde, hätte er nicht seine "Mission" als Rabbiner hier.

Alarmsignale kommen auch von der anderen Seite des Kanals. Mancherorts hatte man in den letzten Jahren die Hoffnung, Großbritannien möge sich als liberaler Hort behaupten, an dem Juden auch in Zukunft ein sicheres Leben führen können. Kurz nach den Attentaten von Paris veröffentlichte die "Campaign Against Anti-Semitism" die Ergebnisse einer Umfrage. Demnach hegte ein Viertel der britischen Juden in den letzten zwei Jahren Auswanderungsgedanken. Zudem stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle im Vereinigten Königreich im ersten Halbjahr 2014 um 36 Prozent.

Einmal mehr zeigt der Blick nach Antwerpen, welche Dimension die Bedrohung angenommen hat. Nach dem Attentat eines Syrien-Rückkehrers auf das Brüsseler Jüdische Museum im letzten Mai galt im Viertel erhöhte Alarmbereitschaft. Es folgten die Gaza-Kundgebungen des Sommers, wo judenfeindliche Parolen Standard waren.

Im November schließlich wurde ein junger Mann auf dem Weg zur Synagoge auf offener Straße von einem Messerstecher verletzt. Augenzeugen beschrieben den Täter als Osteuropäer. Was der Rabbiner der orthodoxen Gemeinde "Shomre Hadas" so kommentierte: "Es ist beruhigend, dass der Täter kein Muslim war. Das bedeutet, dass die Sache wahrscheinlich keine Methode hatte."

Die Fähigkeit, aus den Umständen einer solchen Gewalttat noch Hoffnung zu ziehen, macht auf beklemmende Weise zweierlei klar: wie sehr jüdische Gemeinschaften in Europa sich an die Existenz in der Mitte der Zielscheibe gewöhnt haben, und wie groß die Lücke ist zwischen dieser Erfahrungswelt und derjenigen der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft.

In Belgien etwa wartet letztere darauf, dass im Februar die Terror-Warnstufe von "drei" nach "zwei" auf der vierstufigen Skala gesenkt wird. Dem Einsatz von Soldaten im Inneren entzöge das die Grundlage. Innerhalb der Mitte-Rechts-Koalition in Brüssel gibt es dafür deutliche Stimmen. Anders sieht man das im Antwerpener "Schtetl": "Für uns ist dies eine äußerst delikate Frage", kommentiert Michael Freilich, Chefredakteur der Zeitschrift Joods Actueel. "Es geht hier um unsere Sicherheit und die unserer Kinder." Von Freiheit spricht man im Viertel schon lange nicht mehr.