Orthodoxe Juden in israelischer Armee - © APA / AFP / Menahem Kahana
Religion

„Jeder Religiöse sollte auch in der Armee dienen“

1945 1960 1980 2000 2020

Moshe Loewenthal, orthodoxer Rabbiner in den besetzten Gebieten, im Gespräch über Eretz Israel, jüdisches Leben und die Wiener Wurzeln seiner Großeltern.

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Moshe Loewenthal, orthodoxer Rabbiner in den besetzten Gebieten, im Gespräch über Eretz Israel, jüdisches Leben und die Wiener Wurzeln seiner Großeltern.

Die Furche trifft Moshe David Maccabi Loewenthal, 61, nach einem Jausenempfang im Wiener Rathaus. Der Rabbi weist ein Wasserglas für das Mineralwasser zurück und holt einen Pappbecher. Ess- und Trinkgeschirr müsse in 1000 Liter reinen Wassers gewaschen werden. Das könne Regenwasser oder Meerwasser sein. Für Papier gelte das nicht.

Die Furche: Es gab Sachertorte mit Schlag­obers. Das war doch sicher alles koscher.
Rabbi Moshe David Maccabi Loewenthal: Nein. Es gab keine Überprüfung der Zubereitung.

Die Furche: Diese strengen Regeln, die nicht nur koscheres Essen betreffen, sondern auch das Geschirr, machen die das Leben nicht unheimlich kompliziert?
Loewenthal: Als Nation haben wir uns dazu entschieden, die Gebote des Herrn zu achten. Es gibt zwei Arten, Halacha – das jüdische Gesetz – zu sehen: „Schwer zu
sajn a Jid“ oder als Privileg. In meinen Augen ist es ein Privileg und eine Gelegenheit, die ich als Jude, als Vater und als Rabbiner ergreife.

Die Furche: Sie sind vom Jewish Welcome Service nach Wien eingeladen worden, weil Ihr Großvater von hier kam.
Loewenthal: Rabbi Moritz David Flesch wurde in der Nähe von Pressburg geboren. Er ist im KZ Buchenwald verhungert. Meine Großmutter stammte aus der alteingesessenen Wiener Familie Hofbauer. Er wurde zum Rabbi der Synagoge in der Stumpergasse 42 im 6. Bezirk ernannt, wo er von 1913 bis zur „Kristallnacht“ als Gemeinderabbi diente. Seine Tochter, meine Mutter, starb, als ich fünf Jahre alt war. Ich habe aber Nachforschungen über meinen Großvater angestellt und ihm 70 Seiten in meinem Handbuch für Gemeinderabbis gewidmet, denn er muss ein vorbildlicher Rabbiner gewesen sein. Er hinterließ seine Spuren nicht nur in seiner Gemeinde, sondern weit darüber hinaus. Denn während des Ers­ten Weltkriegs, im Jahr 1915, kam eine junge Frau namens Sarah Schenirer aus Krakau nach Wien. Sie war sehr beeindruckt von den Predigten meines Großvaters und blieb in Wien. Fast ein Jahr lang kam sie täglich zu seinem Unterricht in Jüdischen Studien und ließ sich davon inspirieren. Später kehrte sie nach Krakau zurück und gründete eine Schule für jüdische Mädchen. Bis dahin gab es nur Knabenschulen. Mädchen genossen keine religiöse Erziehung, was es für die Burschen schwierig machte, mit Mädchen über spirituelle und religiöse Dinge zu sprechen. Sarah Schenirer meinte, es wäre an der Zeit, den Veränderungen in der Welt Rechnung zu tragen und so gründete sie die Beth Jacob (Bais Yaakov) Schule in Krakau. Heute hat jede orthodoxe jüdische Gemeinde eine Beth Jacob Schule. Also obwohl mein Großvater nur Rabbi in einer kleinen Gemeinde war, hat er indirekt in der gesamten jüdischen Welt seine Spur hinterlassen.

Die Furche: War Ihr Vater auch Rabbi?
Loewenthal: Nein, er wuchs in Frankfurt auf und bereitete sich auf die Richterprüfung vor, als er im April 1933 ein Telegramm bekam, dass er als Nichtarier nicht für deutsche Gerichte qualifiziert war. Deswegen bat er seinen Vater um Erlaubnis, nach Palästina auswandern zu dürfen. 1954/55 fungierte er als israelischer Vizekonsul in der Schweiz, wo er meine Mutter traf, die das KZ Ravensbrück überlebt hatte. Sie trafen sich „zufällig“ in einem koscheren Restaurant in Zürich. Aber wir glauben nicht an Zufälle, sondern an göttliche Vorsehung. Der Rest ist Geschichte.

Die Furche: Sie kamen in Israel zur Welt?
Loewenthal: In London, wohin mein Vater geschickt wurde. Er arbeite als Banker und Geheimdienstmitarbeiter. Mein Vater zog uns als stolze Israelis auf und sprach Hebräisch mit uns. Als ich elf Jahre alt war, sagte er, wir würden jetzt heimkehren. Für ihn war Israel die Heimat. Im Sommer 1971 zogen wir also heim nach Jerusalem, wo ich die Tora studierte. Ich diente auch in der Armee als Panzerschütze und heiratete dann ein Mädchen aus einer prominenten jüdischen Familie aus Deutschland, das im Zweiten Weltkrieg nach London geflohen war. Seither sind wir zusammen und sie unterstützt meine Studien und meine Tätigkeit als Rabbi in drei Gemeinden. Seit zweieinhalb Jahren bin ich Gemeinderabbiner im Bergland von Samaria, dem Herzen Israels.