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"Als wäre ich immer den Tränen nahe“

Was passiert, wenn jemand in eine Heimat zurückkehrt, die nie Heimat war? Eine Heimat, die nur aus wenigen Erinnerungen besteht? Erika Fox, deren Familie vor den Nazis floh, erzählt.

Erika Fox ist eine britische Komponistin, die einer jüdischen Familie entstammt die 1939 aus Wien fliehen konnte. Auf Einladung des Jewish Welcome Service Vienna war Fox in Wien - auch um die Stadt ihrer familiären Wurzeln zu sehen. Ein Gespräch über Verfolgung, Trauer und die Unbelehrbarkeit des menschlichen Wesens.

Die FURCHE: Frau Fox, Ihre Familie konnte dem Holocaust entkommen und nach London fliehen. Können Sie erzählen, was damals mit Ihrer Familie in Wien geschah?

Erika Fox: Wir lebten bis 1939 in der Staudingergasse 14 in Wien-Favoriten. Ich war damals noch sehr klein. Ich habe noch vage Erinnerungen, wenn auch keine besonders netten. Wir hatten zum Beispiel eine Kinderfrau, die überzeugte Nationalsozialistin war. Sie hat mich jeden Tag spazieren geführt. Einmal nahm sie mich aus dem Kinderwagen und hielt mich über eine Kohlegrube und sagte: "Da werf ich dich jetzt hinein.“ Sie müssen sich vorstellen, ich war damals noch nicht einmal drei Jahre alt und erinnere mich trotzdem daran. Ich kann mich auch an das Flugzeug erinnern, in dem wir nach London flogen. Ich hatte große Angst. Das sind meine Erinnerungen an Wien. Das einzige Dokument das ich von Wien noch habe, ist meine Geburtsbescheinigung.

Die FURCHE: Haben Ihre Eltern Ihnen über die Vergangenheit erzählt?

Fox: Kaum etwas. Die einzige Person, die mir etwas erzählt hat, war eine meiner Tanten. Sie erzählte über Geschäfte, Kleider und elegante Plätze. Aus diesen Erzählungen entsprangen meine Vorstellungen über die Stadt: Über den Augarten und den Prater, in dem meine Familie immer spazieren ging. Ich erkannte die Namen später wieder. Das einzige, was meine Mutter mir aus dieser Zeit erzählte, war, dass sie 1939 zu den Eltern dieser Tante ging. Sie hatten eine Handschuhfabrik und waren reich. Meine Mutter sagte zu ihnen: Ihr müsst euch retten und zurücklassen, was ihr besitzt, sonst ist es euer Tod. Sie haben ihr nicht geglaubt und gemeint, dass alles irgendwie vorbeigehen würde. Sie wurden umgebracht.

Die FURCHE: Sie sagten, Sie haben Namen hier wiedererkannt. Wann war das?

Fox: Das war vor etwa 20 Jahren. Ich war damals schon einmal hier.

Die FURCHE: Was geschah da?

Fox: Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Mann unsere alte Wohnung in der Staudingergasse suchte. Heute ist es ein Wohnblock mit einigen Appartments. Wir fragten also einen Mann in einem Geschäft im Untergeschoss, ob noch jemand leben könnte, der meine Eltern kannte. Er nannte einen Namen. Wir sind also hinein und haben geläutet. Eine Frau öffnete die Tür. Ich sagte also: Guten Tag, ich bin hier geboren und meine Familie wohnte hier. Rabbi Shalom Haggai. Da kam ein Mann zur Türe und stellte sich zu der Frau. Und sie sagten: Nein, so jemand hat es hier nie gegeben. Wir sind gegangen. Vielleicht hatten sie Angst, dass wir ihre Wohnung haben wollten. Ich war sehr enttäuscht und wollte eigentlich nie wieder hierher kommen.

Die FURCHE: Ihre Familie musste damals alles zurücklassen?

Fox: Alles. Wir hatten nichts, als wir nach London kamen. Ein Onkel sorgte für uns. Wir stellten Papiersäcke her. Ich kann mich erinnern, dass ich die Henkel der Säcke geklebt habe (lacht). Ich bin England jedenfalls sehr dankbar. Sie haben unser Leben gerettet. Als Churchill starb, stand ich sechs Stunden Schlange, nur um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Die FURCHE: Hat man Sie von österreichischer Seite kontaktiert wegen einer Entschädigung für materielle Verluste?

Fox: Nein. Ich wusste nicht einmal, dass man Wiedergutmachungszahlungen bekommen könnte. Ich hatte keine Ahnung.

Die FURCHE: Sie sind auf Einladung des Jewish Welcome Service nun doch noch hierher gekommen. Wie fühlen Sie sich denn heute hier?

Fox: Ich fühle mich sehr seltsam. Einmal geht es mir sehr gut, und von einem Moment zum anderen dreht sich die Stimmung, und ich muss weinen. Es passiert einfach so. Es ist schwer zu erklären. Es ist so, wie wenn man einen Geist sieht. Man kommt hierher wie in eine Parallelwelt. Ich hätte ja hier gelebt, aber nun gehöre ich nicht hierher. Ich gehöre aber auch nicht dorthin, woher ich komme. Deshalb fühle mich hier also, als wäre ich immer den Tränen nahe.

Die FURCHE: Weil Sie auch immer wieder in die Vergangenheit zurückgehen.

Fox: Ja. Obwohl ich ja nie hier war. Es ist eine Vergangenheit, die hätte sein können, aber niemals war. Das erste Mal war ich mit meinem Mann hier. Dieses Mal bin ich alleine und ich bin tiefer in meinen Gefühlen als damals. Das war unwirklich. Heute habe ich aber das Gefühl, ich habe die Wahl zurückzukommen. Alle Menschen sind jung und unschuldig. Das ist okay.

Die FURCHE: Glauben Sie, dass sich die Menschen ändern können, oder dass sie wieder zurückfallen könnten in einen Zustand organisierter Unmenschlichkeit, wie damals in den 1930er Jahren?

Fox: Jeder kann so werden. Es gibt keinen Unterschied zwischen Österreichern, Deutschen oder anderen Völkern. Jeder ist zu solchen Dingen fähig, von denen sie unter normalen Umständen nicht einmal träumen würden. Ich würde nicht gerne in eine solche Situation kommen, wie die Menschen damals. Aber ich denke, wenn jemand meine Kinder mit dem Tod bedrohen würde, und ich hätte die Möglichkeit, das zu verhindern, indem ich den Täter selbst umbringe, dann würde ich das tun. Ich glaube, wir sind in diesem Sinn alle gleich. Die Juden wurden immer verfolgt, das ist wahr. Aber oft sind Minoritäten, die sehr anders sind, einfach jene, die am leichtesten beschuldigt werden können. Und so geschieht das auch von Zeit zu Zeit.

Die FURCHE: Oft wird behauptet, die Europäer hätten aus der Geschichte gelernt.

Fox: Ich wünschte, ich könnte sagen, ja, das ist möglich. Aber traurigerweise lernen Menschen nur in extremen Situationen und vergessen leicht. In England hatten wir nach dem Krieg eine große soziale Zeit. Die Menschen haben einander geholfen, der Staat hat geholfen. Und wir dachten, nun also ändert sich die Welt. Aber sie ändert sich nicht dauerhaft. Ich wünschte, das wäre nicht wahr, aber ich fürchte, es ist wahr.

Die FURCHE: Sie sind eine erfolgreiche Komponistin. Hat Ihnen Musik geholfen, mit Ihrer persönlichen Geschichte umzugehen?

Fox: Wenn, dann habe ich sie nicht bewusst eingesetzt. Aber ich bin mit Musik aufgewachsen. Mein Großvater war ja ein Rabbi in einer Synagoge in London. Und wenn es einen Gottesdienst gab, dann kamen alle zusammen. Es war sehr speziell. Großvater sang sehr schön. Ich war nicht so sehr an dem Gottesdienst interessiert als an der Musik. Bei uns gab es zwei Arten von Musik. Das eine war die sakrale Musik, das andere waren die Volkslieder, die wir als Melodien gesungen haben - ganz ohne Worte und Instrumente. Sie klingen eigentlich wie rumänische und ungarische Volksweisen. Dazu wird getanzt und gesungen.

Die FURCHE: Sie haben davon gesprochen, dass Sie anfangs in England kaum sprechen konnten. Hat die Musik da für Sie die Rolle der Sprache übernommen?

Fox: Nicht direkt. Aber Musik ist eine außergewöhnliche Sprache. Wenn sie etwa Alzheimerpatienten haben, die nichts mehr verstehen und nicht einmal ihre eigenen Kinder wiedererkennen -, die können immer noch auf Musik reagieren. Sie verändern sich sofort. Auch Menschen, die Krankheiten haben, sie können singen und sich an den Text erinnern, wenn sie singen. Wenn sie nicht singen, erinnern sie sich an die Worte nicht. Musik ist der wahrscheinlich tiefste Ausdruck, den der Mensch kennt.

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