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Aus der Begegnung mit Flüchtlingen lernen

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Im allgemeinen wird unsere Beziehung zu Hilfesuchenden und Flüchtlingen als Einbahnstraße gesehen. Wie sehr wir gerade aus der Begegnung mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis selbst profitieren können, soll dieser Erfahrungsberich t illustrieren.

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Im allgemeinen wird unsere Beziehung zu Hilfesuchenden und Flüchtlingen als Einbahnstraße gesehen. Wie sehr wir gerade aus der Begegnung mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis selbst profitieren können, soll dieser Erfahrungsberich t illustrieren.

Vietnam: Vor sechs Jahren lebten dort Menschen, mit denen ich heute gut befreundet bin. Damals hätte ich mir kaum vorstellen können, daß wir einmal mit Vietnamesen per Du sein würden, und heute sind wir, meine Familie und ich, froh darüber, denn wir haben aus dieser Freundschaft viel gelernt.

Unsere Bekanntschaft begann vor ungefähr fünf Jahren, knapp vor der Adventzeit. Eigentlich war es ein Zufall, daß wir uns kennenlernten, denn ursprünglich wollte ich im Flüchtlingsheim in der Vorderbrühl nur ein paar Spielsachen und Kleidungsstücke abgeben.

Die Sozialhelferin im Heim machte mich aber mit einer christlichen Familie aus Vietnam bekannt: Ein Ehepaar, vier Kinder und ein junger Mann, von dem es hieß, er sei der Bruder des Familienvaters. Ich lud sie für das kommende Wochenende ein, fürchtete mich aber schon ein bißchen vor dieser Begegnung: Wußte ich doch, daß sie so gut wie kein Deutsch konnten, da sie ja erst kurze Zeit in Österreich waren. Ich „Gastfreundschaft wird überhaupt ganz groß geschrieben hatte auch keine Ahnung, was wir eigentlich mit ihnen tun sollten.

Meine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Es waren fröhliche und ungezwungene Leute und auch mit der „Konversation" klappte es: ein paar Worte auf englisch, auf französisch, viel gestikulieren und lachen. Es wurde ein ausgesprochen netter Nachmittag.

Später stellte sich heraus, daß der junge Mann gar nicht wirklich zur Familie gehörte, sondern gewissermaßen nur auf der Flucht „adoptiert" worden war. Und hier komme ich auch schon zum ersten Aspekt, den ich für bemerkenswert und nachahmenswert halte: den Familiensinn. Der einzelne lebt in der Familie, und wer diesen Lebensraum verliert, findet woanders Anschluß. Daher gibt es auch kaum vietnamesische Kinder zu adoptieren. Es findet sich sofort jemand, der sich ihrer annimmt.

In unserem Fall wurde eben ein fremderjunger Mann, dessen ganze Familie zurückgeblieben war, aufgenommen, um ihm das Gefühl der Einsamkeit zu nehmen.

Wie groß Familiensinn geschrieben wird, wurde uns auch am Beispiel der Kinder unserer Freunde deutlich vor Augen geführt: Der älteste Sohn fühlt sich für seine jüngeren Geschwister verantwortlich.

Auf der Flucht verbrachte diese Familie viele Tage auf einem total überfüllten Schiff. Es gab so gut wie keine Nahrung und für jedermann täglich nur eine Ration von ein paar Tropfen Wasser. Da verzichtete der ältere Bruder -er war damals nicht ganz acht Jahre alt - zugunsten seiner kleinen, eineinhalbjährigen Schwester auf seinen Anteil. Ein großer Bruder, der bereit ist, seinen Geschwistern auch unter persönlichen Opfern zu helfen! Er wird daher auch respektiert und in gewisser Hinsicht „geachtet".

Ihre Bereitschaft, sich auf andere einstellen zu wollen, scheint mir ebenfalls nachahmenswert. Im Zuge der vielen Schwierigkeiten, die sie mit ihrem Einleben hier in Österreich zu überwinden hatten, haben sie in uns eigentlich nie den Eindruck erweckt, daß sie unsere Lebensart für nicht ganz richtig halten. Sie versuchen, den anderen zu ergründen, in den Augen ihrer Mitmenschen zu lesen, um Ungesagtes zu verstehen.

Auffallend sind auch ihre Umgangsformen: Durchwegs freundlich und höflieh sind sie stets darauf bedacht, den anderen nicht zu langweilen oder aufdringlich zu wirken. Diese Haltung läßt eine „mir san mir"-Mentalität und „die anderen sollen sich gefälligst nach uns richten" nicht aufkommen. Auch etwas, wovon wir lernen könnten.

Diese Einstellung drückt sich auch in ihrer großen Gastfreundschaft aus. Vor ein paar Jahren haben wir den Jahrestag ihrer Flucht aus Vietnam mit einer großen Gruppe Vietnamesen gemeinsam verbracht. Obwohl wir kein Wort vietnamesisch konnten und unsere Gastgeber damals noch kaum deutsch sprachen, war es ein überaus gelungener Abend, an dem wir uns sehr wohlfühlten.

Ihre Fröhlichkeit wirkte so anstek-kend, daß wir auch dann mitlachten, wenn wir die Worte nicht verstanden. Wir hatten das Gefühl, von allen als gute Freunde angenommen zu sein. Man versuchte, uns an jedem Gespräch teilhaben zu lassen, so unwahrscheinlich, ja absurd dies auch klingen mag.

Von unseren Freunden in die Runde eingeführt, wurden wir von allen herzlich empfangen und es gab keinerlei Gefühl der Fremdheit. So einfach war das. Welch Unterschied zu unseren oft allzu steifen Festen!

Gastfreundschaft wird überhaupt ganz groß geschrieben: Es ist selbstverständlich, daß sich unsere vietnamesischen Freunde auch über einen nicht angesagten Besuch zu Mittag freuen. Der Gast wird verköstigt und lieber essen sie selbst nichts, als daß sie den Gast ohne Essen ziehen ließen. Sie wären gekränkt, würde man in einer solchen Situation das Essen ablehnen. Allerdings würden sie sich diese Kränkung wiederum nicht anmerken lassen, aus Angst, den anderen mit ihren Gefühlen zu belasten.

In der ersten Zeit der Anpassung, des Vortastens, des Kennenlernens ließen sie sich ihre (wie sie uns später eingestanden) Verzagtheit niemals anmerken, obwohl sie immer wieder über die vielen Tücken unseres westlichen Lebensstils gestolpert sind, wie etwa unsere Hektik, unseren übertriebenen Wohlstand und unseren Streß, der auch sie an ihrem Arbeitsplatz nicht verschont hat.

Eine andere Tatsache aber hat mich besonders verwundert: Daß unsere Freunde nach wie vor Vertrauen zu Menschen haben können, obwohl sie teilweise so furchtbare Erfahrungen gemacht haben. Zum Teil ist dies sicher in ihrem Glauben an die Liebe Gottes begründet, zum Teil aber auch in einer geringeren Wehleidigkeit, die sie trotz des erlebten Elends, der Verzweiflung und den nach wie vor schlechten Nachrichten von zu Hause Menschen sein läßt, von denen wir viel gelernt haben.

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