6568521-1950_08_14.jpg
Digital In Arbeit

Zur Geschichte Neu-Israels

Es wird nicht nötig sein, hier nochmals auf die Gründung der zionistischen Bewegung durch Herzl zurückzugreifen. Um jedoch die Entwicklung der Geschichte des Heiligen Landes in den letzten Jahren einigermaßen zu verstehen, muß man die Betrachtung mit dem Eintritt des Zionismus in die öffentliche Politik beginnen, also mit dem Beginn der politischen Karriere des Lord Balfour als Privatsekretär des englischen Premiers Disraeli. In England stand man dem jungen Zionismus sehr freundlich gegenüber. England nahm als erste Großmacht den Zionismus ernst und versuchte, ihm durch das Uganda-Angebot auf die Beine zu helfen. Aber die sogenannten Territoria-listen im Zionismus, die eine ' außerpalästinensische nationale Heimstätte erstrebten, wurden innerhalb der Bewegung zum Schweigen gebracht. Die Ablehnung des Uganda-Angebots und die Forderung von Palästina verwirrte die englische Politik. Aber man gab nach, weil man an den Juden im ersten Weltkrieg eine gute Hilfe erfuhr, besonders durch den Zionistenführer Dr. C h a i m W eizman, einen gelehrten Chemiker, der die wirksamsten Kampfgase, vor allem das zur Füllung der Brisanzgranaten unentbehrliche Azeton, erfunden hatte. So zeigte sich England erkenntlich und verlieh jenem Briefe des Lord Balfour an Lord Rothschild, in dem den Juden eine nationale Heimstätte in Palästina versprochen wird, Gesetzeskraft. Es ist dies die sogenannte Balfour-Dekla-ration vom 2. November 1917. Fast zur gleichen Zeit verteilten die Engländer und Franzosen im sogenannten Sykes-Picot-Vertrag die türkischen Herrschaftsgebiete unter sich. Derselbe Mann, der für England diesen Vertrag am 16. November 1917 unterzeichnete, Sir Mark Sykes, schrieb zur gleichen Zeit an die arabischen Führer:

„Da die englische Regierung den Zionismus anerkannt hat, da der Zionismus die mächtigste Bewegung im Judentume darstellt, und da das Judentum über die ganze Welt verbreitet ist, so wird durch eine Vereinigung der arabischen und jüdischen Kräfte die Befreiung der semitischen Völker gesichert sein. Sollten jedoch Gegensätze zwischen den beiden Bewegungen auftreten, so ist nicht nur der Sieg des arabischen Aufstandes in Frage gestellt, sondern es wird sogar zu einer vollständigen Anarchie führen...“

Sir Mark Sykes macht sodann sofort praktische Vorschläge. Aber sein Wunsch, es zu einer Zusammenarbeit von Arabern, Juden und Armeniern zu bringen, ging nicht in Erfüllung. Dr. Weizman als Vertreter der Juden und Dr. Malcom im Namen der Armenier warteten vergebens auf einen arabischen Bevollmächtigten; das heißt, König Hussein vom Hedjas hielt die Versprechungen der Engländer für völlig ausreichend und somit eine weitere Bindung für überflüssig.

Man hat nun England immer wieder vorgeworfen, eine verlogene und betrügerische Palästinapolitik gemacht zu haben, indem es das Land den Juden und den Arabern zugleich zugesprochen, während es doch von vornherein keiner von den beiden Parteien, sondern nur sich selbst Palästina zugedacht hätte. Dieser Vorwurf stimmt nicht ganz, denn erstens hielt man es im ersten Weltkrieg für sehr gut möglich, daß Araber und Juden sich vertragen würden, wie das ja aus der angeführten Stelle aus dem Briefe Sir Mark Sykes an die arabischen Führer hervorgeht, zweitens kann man von einer demokratischen Regierung keine auf weite Sicht geradlinige Außenpolitik erwarten (cf. Churchill - Attlee!). Daß England allerdings bei all diesen Operationen von seinen imperialistischen Ideen geleitet worden ist, liegt auf der Hand. Man verfolge nur den Verlauf der Geschichte auf der arabischen Seite: Als König Hussein zu große Forderungen stellte, wurde er einfach nach Malta verbannt. Ibn es-Saud, von Englands Gnaden König des Hedjas geworden, erhob ebenfalls zu hohe Anforderungen. Darum wurden die Söhne König Husseins wieder von England auf den Plan geschoben als Geaenspieler Ibn es-Sauds, der eine als König des Iraks, der andere, der heute wieder vielgenannte Abdullah, ils Emir von Transjordanien. Diese Rivalität unter den arabischen Fürsten kam übrigens in der Palästinaauseinandersetzung den Juden zustatten.

England kam erst nach Churchills Abdankung auf den Gedanken, die Balfour-Deklaration dadurch abzuschwächen, daß man unter der „Nationalen Heimstätte“ nicht einen nationalen Eigenstaat verstanden wissen wollte; aber da war es schon zu spät.

Es wurde die Geister, die es gerufen hatte, nicht mehr los. England hatte tatsächlich die Alijah (Heimkehr der Juden) unterstützt und gegen die illegale Alijah nichts Durchgreifendes unternommen. Es lag also nahe, daß der Zionismus seine Politik ganz auf die loyale Zusammenarbeit mit England aufbaute. Viele Juden haben das für einen Erzfehler gehalten. 1936 schrieb Doktor Schaul Ben Izchaky in seinem Vorschlag zur Lösung des jüdisch-arabischen Konflikts „Das Nationalheim“ (Copyright by the Author) unter anderem:

„Wir haben ... damit zu rechnen, daß die Herrschaft Englands im Vorderen Orient genau so abgeschwächt wird, wie etwa in Indien. Auf Bajonetten kann man bekanntlich nicht sitzen, auf den fremden Bajonetten am allerwenigsten... Es ist für uns (d. h. die Juden) im höchsten Maße gefährlich, wenn wir die englische Mandatsmadit in Palästina als einen konstanten Faktor ansehen.“

Mittlerweile haben wir es erlebt, wie die Juden tatsächlich nicht auf den Bajonetten Englands sitzengeblieben sind. Aber diese ganze Entwicklung war doch nicht so in der Politik des Zionismus vorgesehen. Außenborder rissen das mit Gewalt in die Geschichte hinein, was die zionistische Diplomatie nicht fertigbringen konnte. Der Terror schaltete die Politik aus, und die Politik, obwohl sie diesen Terror verurteilte, ging bei diesem in Schlepptau und ließ sich von ihm in den Hafen lotsen. Wenn man sich nun nachträglich fragt, ob der neue Staat Israel auch ohne Irgun und Sternbande zum Ziele gekommen wäre, so kann man diese Frage wohl bejahen. Ob allerdings dann weniger Blut geflossen wäre, ist nicht leicht zu sagen. Hätte der Zionismus gleich vom Anfang an die direkte Verständigung mit den Arabern betrieben, das heißt hätte er England von vornherein ausgeschaltet, dann hätte Israel jedenfalls nicht so einen zähen Gegner im Endspurt zu erledigen gehabt; es wäre aber ganz wehrlos den Ubergriffen der Araber, vor allem der Istiklal-Partei, ausgeliefert gewesen. Man hätte vorerst ein außerpalästinensisches Territorium, etwa das Uganda-Angebot annehmen müssen, um es als Operationsbasis für eine vorsichtige Besiedlung Palästinas zu gebrauchen. Die Juden hätten aber nicht eine ausreichende Gewalt besessen, um sich etwaigen Übergriffen gegenüber zu wehren. Dazu waren die Juden damals noch nicht durch das Grauen der Verfolgung in Europa mit jenem Mut der Verzweiflung beseelt. Es wäre nun leicht vorstellbar, daß die Araber bald, eine Gefahr in dem aufkeimenden Nationalheim witternd, zu Massakern übergegangen wären.

Der Zionismus ist jedenfalls — wenngleich mit einem Deus-ex-machina — zum Ziele gelangt. Das ist eine bewunderungswürdige Tat.

Welches ist nun das juridische Fundament zur Gründung des neuen Staates Israel?

Ein jedes Volk hat ein Recht auf den ihm nötigen Lebensraum. Hat aber Israel das Recht gehabt, diesen Lebensraum gerade in Palästina zu suchen? Ich habe in Palästina manchen Juden getroffen, der diese Frage glatt verneinte. Die meisten, man kann sagen, fast alle antworten jedoch: „Ja, wir haben das Recht, ins Land unserer Väter zurückzukehren!“

Das stimmt nicht ganz; denn Palästina ist nie ein rein jüdisches Land gewesen, und die Araber sind nicht erst im 7. Jahrhundert eingebrochen. (Man darf Araber nicht mit Islam identifizieren!) Es steht zudem fest, daß die Juden fast 2000 Jahre kein Nationalheim in Palästina gehabt haben. Man stelle sich vor, jedes Volk würde den Raum beanspruchen, den es vor 2000 Jahren besessen hat. Wie könnte es da zu einem internationalen Recht kommen? Es ist also nicht so, wie Achad Haam einmal meinte, daß die Juden kraft historischen Rechtes in ihr Land zurückkehrten („Hameliz“, März 1889). Einer meiner jüdischen Freunde kam 1939 in einer palästinensischen Synagoge auf diese Frage zu sprechen. Er sagte wörtlich:

„Gibt es wirklich ein historisches Recht der Juden auf Palästina, kraft dessen sie dieses Land siedelnd zu erobern berechtigt wären? Wenn ja, worin besteht der Rechtsanspruch und worauf gründet er sich? Legen wir uns diese Fragen in aller gebotenen Nüchternheit vor, so müssen wir sie verneinen. Es gibt kein historisches Recht der Jugen auf Palästina! ...Das jüdische Volk ist landlos und mit dem Lebensrecht des Besitzlosen fordert es einen ihm adäquaten Lebensraum. Diese Forderung ist objektiv berechtigt. Aber folgt daraus, daß die Juden gerade einen Anspruch auf Palästina haben? Mitnichten! Es gibt :n der Tat kein historisches Recht der Juden auf Palästina. Aber es gibt ein metahistorisches Recht Israels auf Kanaan. Worauf gründet es sich? Einzig und ausschließlich auf die Verheißung Gottes an Abraham. ... Die Geschichtsforschung wird nicht umhin kön- nen, den Offenbarungsakt, welcher die Verheißung zum Gegenstand hat, als „unhistorisch“ abzulehnen ... Der Glaube aber ist außerstande, den relativistischen Wahrheitsbegriff der modernen Geschichtswissenschaft als den alleinigen anzuerkennen.“

Dies ist, wie ich immer wieder feststellen konnte, die Ansicht fast aller gebildeten religiösen Juden, das heißt einer verschwindenden Minorität. Ihr gegenüber steht die Masse des unreligiösen oder pseudoreligiösen Zionismus, die sich entweder gar nicht religiös betätigt, oder gewisse religiöse Gebräuche nur aus folkloristischer Liebhaberei beibehält. Danach haben nun die Juden nicht einmal das oben erwähnte metahistorische Recht auf das Land Palästina. Oder gab Gott dem auserwählten Volke seines Alten Bundes das verheißene Land noch einmal zum Besitz eben wegen der kleinen Anzahl seiner Gerechten?

Es ist ganz klar, daß die Balfour-Deklaration nicht als juridisches Fundament für die Ansprüche der Juden gelten kann; denn Anno 1917 konnten die Engländer noch nicht über Palästina verfügen. Wie kamen nun die Vereinten Nationen im November 1947 dazu, Israel das Recht auf den besten Boden Palästinas zuzuerkennen? Es gibt nicht einmal eine rechtliche Basis dafür, daß die Vereinten Nationen Vertreter nach Palästina entsandten, damit diese über die Zukunft des Landes entscheiden sollten. Infolgedessen boykottierten die Araber die Arbeit des UNO-Ausschusses. In einem vertrauten Gespräch mit J a-mal Effendi El-Husseini, der damals die arabische Politik leitete, sagte mir dieser ganz präzis die Entscheid der UN-Kommission voraus. So kam es: den Juden wurde das gute Land, den Arabern dagegen die steinigen Berge zugesprochen. Damit war der arabischjüdische Krieg gezeugt. Und doch möchte man, wenn man einmal ganz einseitighuman denkt, das heißt wenn man die Million Araber vergessen könnte, die durch die jüdische Okkupation ihr Heim und ihre Heimat verloren, den Juden irgendein Recht auf Palästina zuerkennen, das Recht, einmal frei nach eigenem Willen leben zu können, das Gott oft denen zugesteht, die viel gelitten haben unter dem Unrecht.

Daß die Juden den UNO-Entscheid von 1947 nur als ein passendes Mittel zum Zweck annahmen, ohne jedoch an die Kompetenz des Schiedsgerichts selbst zu glauben, das beweisen die jüngsten Ereignisse in der Palästinapolitik; denn Israel lehnt die von der UNO verfügte Internationalisierung Jerusalems strikt ab. Bemerkenswert dazu das Urteil eines Autors in der Stuttgarter „Deutschen Zeitung“:

.... In der Tat versuchte die diesjährige Versammlung (der UN), für Jerusalem noch einmal das durchzusetzen, was sie vor zwei Jahren für ganz Palästina nicht erreichen konnte. Eine Donquichoterie, die der Großartigkeit nicht ermangelt: der Versuch, ein Prinzip anzuwenden, das noch nicht besteht; die Behauptung einer Rechtsgewalt, wo bisher weder Rechtsgrundlagen noch Autorität existieren. Es handelt sich hier um ein Mißverständnis i— eines jener Mißverständnisse, die die Weltgeschichte vorwärts treiben .. .“

Der Staat Israel besteht wieder. Und wenn auch die Londoner „Tablet“ (5. Februar 1949) meint, daß die Anerkennung Israels einen Triumph der gesetzlosen Gewalt und des Terrors über vernünftiges und legales Vorgehen bedeutet, so ist es trotz allem bewunderungswürdig, mit welcher Kraft das zersprengte Judentum sich wieder zusammenfand und das Land seiner Sehnsucht erkämpfte. Dies Volk, das immer als unkriegerisch und feige verschrien war, verdrängte ein ausgesprochen kriegerisches Volk aus dem Lande, das nun wieder nach 2000 Jahren ein Erez Israel geworden ist.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau