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Die Kirche und das Judentum

Der große russische Schriftsteller Leo Tolstoi, Autor des monumentalen Werkes „Krieg und Frieden”, schrieb die im Kasten stehenden Worte hundert Jahre bevor das Judentum Europas vernichtet wurde und die ihm Entronnenen den Staat Israel aufgebaut und zum Blühen gebracht hatten. Der Sieg im Sechstagekrieg und die Besetzung der arabischen Territorien haben inzwischen eine neue Art von Antisemitismus, den Antizionismus, heraufbeschworen: Der Staat Israel wurde, wie seine ehemalige Ministerpräsidentin Golda Meir sagte, zum verschmähten Juden unter den Völkern der Welt.

Umso erfreulicher ist die vom großen Papst Johannes XXIII. im Zweiten Vatikanum eingeleitete und von seinen Nachfolgern fortgesetzte Politik der Aussöhnung. Im Gegensatz zu der den Zionismus als Rassenideologie brandmarkenden UNO-Resolution heißt es in der Erklärung der päpstlichen Kom-mision „Justitia et Pax” vom 3. November 1988: „Der Antizionismus dient dem Antisemitismus öfter als Deckmantel, wird vom ihm genährt und geht mit ihm zusammen.” Der Antisemitismus wird in dieser Erklärung als eine Art der „systematisch auftretenden rassistischen Vorurteile” bezeichnet, der mit den Grausamkeiten des Holocaust zu den tragischesten Formen der Rassenideologien unseres Jahrhunderts gehört und der, wie betont wird, noch immer nicht verschwunden ist.

Der polnische Papst Karol Woj-tyla erklärte am 15. Februar 1985: „Der Antisemitismus läßt sich nicht mit der Lehre Christi vereinbaren” und am 26. November 1986: „Unsere Haltung zur jüdischen Religion sollte von größtem Respekt gekennzeichnet werden.”

Historische Bedeutung kommt dem am 20. Jänner 1991 verlesenen Hirtenbrief der polnischen Bischöfe zu. Darin heißt es: „Die Kirche wird im jüdischen Volk und im jüdischen Glauben durch die Tatsache verankert, daß Jesus Christus seinem Körper nach dieser Nation entstammt. Wir sind besonders über diejenigen Katholiken gekränkt, die in irgendwelcher Weise den Tod der Juden verursacht haben. Diese Katholiken werden auch in gesellschaftlicher

Dimension ein ewiger Vorwurf für unser Gewissen bleiben.

Nicht unerwähnt dürfen in diesem Zusammenhang die einprägsamen Worte des Kardinals von New York, John O'Connor bleiben. Drei Monate nachdem Diktator Saddam Hussein im Namen des Gottes aller Moslems gegen ein moslemisches und arabisches Land einen Krieg entfacht hatte, schrieb der Kardinal in der „Catholic New York” am 25. Oktober: „Kaum ein anständiger Mensch mit noch so kleinem Erinnerungsvermögen würde einen neuen .Frieden für unsere Zeit' in der Art Nelville Chamberlains wünschen. Gott verhüte dies und ich bitte ihn darum, daß er es verhüte”.

Der Kardinal wußte damals nicht, was die ganze Welt jetzt weiß: Deutsche Firmen, die seinerzeit die Nazi-Mordmaschinerie zur Perfektion brachten, waren es, die den Scud-Raketen jene Reichweite ver-schaft hatten, um Israel zu erreichen; und sie hatten ein noch giftigeres Gas als in Auschwitz geliefert, um Israels Einwohner erstikken oder erblinden zu lassen. Der Kardinal wußte nicht, daß die Ex-DDR einen „Giftpakt” mit Saddam Hussein geschlossen und daß DDR-Experten 1987 in der Nähe von Bagdad ein Übungsgelände erbaut hatten, auf dem die DDR-Militärs ihre Erfahrungen mit C-Waffen weitergaben. Die ehemalige DDR-Regierung konnte sich nicht auf Unwissenheit berufen: Der Leipziger Chemiewaffenexperte Karlheinz Löhs berichtete an das Außenministerium darüber, daß während seines Vortrages in Bagdad ein Stabschefgeneral folgende Worte an ihn gerichtet hatte: „Die Deutschen hätten doch soviel Erfahrung in der Vergasung der Juden und was ich dazu meine, wie man die Erfahrung für die Vernichtung Israels einsetzen könne.” Saddam hat einen guten Grund gehabt, eine Verbindung zwischen dem Nahost- und Golfkonflikt anzustreben. Israel wollte er „ausradieren”, Kuweit nur „annektieren”.

Auf diesen furchtbaren Krieg wird der Friede folgen. Soll er dauerhaft sein, muß er für alle Länder und Völker der Golf- und Nahostregion eine gerechte Lösung bringen. Gerecht muß er für die Palästinenser sein, ungeachtet der Einstellung ihrer Führung zu diesem Krieg. Er muß aber auch dem Rechnung tragen, daß der Staat Israel -Schmelztiegel der Juden aus allen Ländern dieser Welt - lange noch ein Zufluchtsort für die von Pogromen Bedrohten bleiben wird müssen. Die Zahl der Einwanderer war nie so groß wie jetzt, da Israel mit einer täglichen Gefahr konfrontiert wird. Dieses Land ist klein und allein inmitten eines arabischen Meeres. Es darf keinen einzigen Krieg verlieren,denn dann würden seine Einwohner keinen Platz auf Erden finden können.

Adam Zwass war Dozent am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Westberlin und am Wiener Institut für Internationale Wirtschaf ts-vergleiche. Zuletzt Wirtschaftsberater für Osteuropa in der Oesterreichischen Nationalbank.

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