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Eine Vision, viele Opfer, ein Staat

Tom ist zehn Jahre alt. Ihre Heimat Israel ist 50 Jahre älter. Die Raketen, die sie täglich bedrohen, sind neuer Bauart, haben aber eine lange Geschichte. Ausgerechnet an Gott wäre die Unabhängigkeitserklärung Israels am 14. Mai 1948 beinahe noch in letzter Minute gescheitert. Die religiösen Parteien bestanden auf seine Erwähnung im Dokument, die sozialistisch-säkularen Zionisten sträubten sich. "Mit Zuversicht auf den Fels Israels" wurde schließlich eine Kompromissformel gefunden und der Staat Israel gegründet, der bis heute ein Stein des Anstoßes geblieben ist.

Tom ist zehn Jahre alt, sie hat ein rundes Gesicht, wenn sie lacht, und sie lacht oft, bekommt sie zwei Grübchen auf den Wangen und ihre brünetten Haare hat sie zu einem Rossschwanz gebunden. Tom lebt in Sderot, im Süden Israels, und ihr Name heißt aus dem Hebräischen übersetzt: "Unschuld". 2001, Tom war drei Jahre alt, wurden die ersten selbst gebauten und mit bis zu fünf Kilogramm gefüllten Metallsplittern Kassam-Raketen aus dem palästinensischen Gaza-Streifen auf das drei Kilometer von der Grenze entfernte israelische Sderot abgefeuert. 2993 Raketenangriffe folgten seither, 694 Raketen sind allein in diesem Jahr in Sderot eingeschlagen. 14 Menschen, darunter drei Kinder, haben die Geschoße getötet, über 900 verletzt. Tom leidet an posttraumatischen Stresssymptomen, so wie die meisten in Sderot. "Deswegen lacht sie soviel", sagt Toms Mutter, "aber ihr Lachen ist nicht echt, uns ist nicht zum Lachen zumute." Die Frage, warum jeden Tag Raketen auf Sderot niedergehen, beantwortet Tom ohne Zögern und mit einem Satz: "Sie wollen unser Land!"

Judenstaat in Ostafrika?

Was "unser Land", das Land der Juden ist, war für den Visionär des Judenstaates Theodor Herzl vor 106 Jahren keineswegs eindeutig. Als Herzl 1902 von Großbritannien Land in der Größe Tirols im Osten von Uganda angeboten bekam, hielt der Begründer des Zionismus diesen Vorschlag für überlegenswert. Judenpogrome in Russland hatten gerade wieder die Notwendigkeit einer sicheren Heimstätte für Juden deutlich gemacht und Herzl plädierte dafür, ein erstes jüdisches Siedlungsprojekt in Ostafrika zu starten, eine "Kraftstation für den Zionismus" und eine "Vorstufe zum Heiligen Land" zu errichten.

Doch Herzl konnte sich nicht durchsetzen. Es wurde zwar eine Erkundungskommission nach Uganda geschickt, das Angebot aber schließlich höflich abgelehnt: Die Mehrheit der Zionisten befürchtete, dass eine jüdische Kolonie in Afrika den Weg zu einem Judenstaat in Palästina erschweren würde. Außerdem beschrieben die Kundschafter das Land als zu gefährlich, da es in dem Gebiet Löwen und andere Raubtiere gab. Zudem war die Gegend von vielen Massai bewohnt.

Von Palästina hingegen hieß es, man könne tagelang durch das Land streifen, ohne eine Menschenseele zu treffen - "ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land". Doch so wie Uganda war auch Palästina nicht menschenleer: 1881, zu Beginn der jüdischen Einwanderung, lebten knapp 460.000 Menschen in Palästina. 400.000 davon waren Muslime, gut 40.000 meist griechisch-orthodoxe Christen und an die 20.000 größtenteils orthodoxe Juden. Palästina war zu der Zeit eine entlegene und vergessene Region des Osmanischen Reiches. "Die Uhren tickten langsam", beschreibt der israelische Historiker Tom Segev das Land, "das Tempo wurde bestimmt vom Schreiten der Kamele und den Zügeln der Tradition. Um die Jahrhundertwende herum erwachte die Region: Fremde strömten ins Land. Herzl gründete 1899 den "Jewish Colonial Trust", dessen Aufgabe die Bereitstellung von Geldern zum Ankauf von Land in Palästina war. Ein wirtschaftlicher Aufschwung war die Folge und neben Juden fühlten sich auch Muslime und Christen von Palästina aus ökonomischen wie emotionalen Gründen angezogen. "Prophetentum und Wunschdenken, Unternehmertum, Pioniergeist und Abenteurertum gingen eine magische Verbindung ein" (Segev) und so entwickelte sich Palästina und insbesondere Jerusalem zu einem wahren Turm von Babel", meinte der Kopf der zionistischen Bewegung Chaim Weizman.

Ein Land für zwei Völker

Nach dem Tod Herzls, 1904, etablierte sich der in Russland geborene Chemiker Weizman zum Wortführer des Zionismus, und seine Fähigkeit, sich Gehör bei britischen Politikern zu verschaffen, war die größte Stärke der zionistischen Bewegung in jener Zeit. Weizman wusste um seinen Ruf als "König der Juden". Er verschickte pompöse Briefe, als stammten sie von der Schaltzentrale einer Weltmacht, und schürte den Mythos weltweiter jüdischer Macht und Einflussnahme, womit er Großbritannien dazu bewegen wollte, das zionistische Unternehmen zu unterstützen, um damit einen einflussreichen Verbündeten zu gewinnen.

Segev kritisiert Weizmann, dass er die falsche und antisemitische Vorstellung über die angebliche Macht des Weltjudentums für seine Interessen ausgenutzt hat. Doch Weizmann war damit erfolgreich: 1917 erklärte Großbritannien in der Balfour-Deklaration sein "Wohlwollen" gegenüber den Bestrebungen der zionistischen Juden, eine "nationale Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen. Zuvor hatte Großbritannien aber die Araber in dem Glauben bestärkt, sie würden als Belohnung für ihre Unterstützung im Krieg gegen die Türken das Land zugesprochen bekommen.

Palästina war nach dem Ersten Weltkrieg zwei Parteien zugesagt und Großbritannien stand zwischen den Fronten. Ein britischer Hochkommissar in Palästina verglich sich selbst einmal mit einem Zirkusartisten, der versucht, "auf zwei Pferden gleichzeitig zu reiten, von denen das eine nicht schnell und das andere nicht langsam laufen kann". Für den Historiker Segev blieben von Anfang der neuen Ordnung an nur zwei Möglichkeiten: "Entweder besiegten die Araber die Zionisten, oder die Zionisten unterwarfen die Araber. Der Krieg zwischen beiden war unvermeidlich." Arabischer Aufstand und jüdischer Terror ließen die Briten kapitulieren, die Vereinten Nationen übernahmen, beschlossen 1947 einen Teilungsplan, an den von Anfang an niemand glaubte. Der nächste Krieg war vorprogrammiert, noch brutaler, und er dauert bis heute.

Alarmstufe rot in Sderot

Wenn eine blecherne Frauenstimme aus den unzähligen Lautsprechern in Sderot "Zeva Adom - Alarm rot" ruft, weiß die zehnjährige Tom, dass sie in Deckung gehen muss. 15 Sekunden später kracht es wieder irgendwo in der Stadt. Durchschnittlich ein Dutzend "Zeva Adom"-Durchsagen pro Tag lassen die Menschen in Sderot sich in ihre Bunker drängen, unter Tische oder hinter schützende Mauern werfen. Es hat aber auch schon 60 Raketenangriffe und mehr an einem Tag gegeben, sagt Toms Mutter. Dann steht das Leben still in Sderot, dann verlässt niemand mehr die Schutzräume und sogar die Hunde müssen in ihren schussfesten Hütten bleiben.

Sderot hat 20.000 Einwohner, Tausende sind aus der Stadt geflohen, Tausende andere ziehen aus Solidarität mit den Bewohnern hin oder kommen übers Wochenende auf Besuch, stellen sich für soziale Dienste zur Verfügung oder machen ihre Einkäufe in Sderot, um die dortigen Geschäfte zu unterstützen. Toms Familie besitzt noch eine Wohnung in Tel Aviv, wäre im Gegensatz zu anderen also in der Lage, die belagerte Stadt zu verlassen. "Wir bleiben!," schließt Toms Mutter aber resolut diese Fluchtmöglichkeit aus.

Gekommen, um zu bleiben, ist die Staatsidee Israels: "Wir haben Gebiete erobert, aber ohne Siedlungen haben sie keinen Wert. Besiedelung ist die eigentliche Eroberung", begründete nach der Unabhängigkeit 1948 der erste israelische Premierminister David Ben Gurion die Bedeutung der Einwanderung für die Sicherheit des jungen Staates: "Wenn wir die Zahl der Einwanderer verdoppeln und verdreifachen, werden wir immer stärker - das ist wichtiger als alles andere." Schon wenige Tage nach der Staatsgründung wurden die aus der britischen Mandatszeit stammenden Einwanderungsbeschränkungen für Juden abgeschafft. 100.000 Einwanderer kamen im ersten halben Jahr der Unabhängigkeit, 1949 waren es schon 250.000 Immigranten. 1951 gab es so viele neue Einwanderer, wie es Bürger gab, die vor der Unabhängigkeit im Land gelebt hatten. Die Unterbringung, Versorgung und Integration der Zuwanderer überforderte den jungen Staat total. Die Zeltstädte und Barackenlager der Einwanderer glichen Slums. trotzdem wurden weiterhin tausende Juden oft unter Vorspiegelung besserer Tatsachen nach Israel gelockt oder den Regierungen aller möglichen Länder für Kopfgeld abgekauft. Ben Gurion neigte dazu die katastrophalen Lebensbedingungen der Einwanderer herunterzuspielen und pflegte von den "Aufnahmewehen des Staates" zu sprechen, die aber nichts an seiner Meinung änderten, dass "Menschen jahrelang in Zelten wohnen können - wer das nicht will, sollte nicht hierher kommen".

Israels "Aufnahmewehen"

Ein Einwanderer aus Südafrika, dem die "Aufnahmewehen" zuviel wurden, schrieb an seine Mutter. "Sie haben mich belogen, ich will sofort zurückkehren. Wenn ich in einer Woche nicht gehe, werde ich verhungern. Bitte, Liebes, bettle, leihe, stehle und verpfände, was immer Du kannst, aber schick mir das Geld, sonst halte ich es keine Woche mehr aus … Dies ist ein gottloses Land." Die Mutter bekam den Brief nie zu lesen, er wurde von der Zensur konfisziert. Nach außen musste der Schein gewahrt bleiben, dass Israel das gelobte Land für alle Juden ist. "Soviel ich weiß", machte auch Ben Gurion Anleihen in biblischen Zeiten, "warteten weder Häuser noch Arbeitsplätze auf die 600.000 Kinder Israels, als sie den Exodus in Ägypten begannen, und doch zögerte Mose keinen Augenblick, sie in die Freiheit zu führen. Golda Meir, Premierministerin Israels in den 1970er Jahren, pflegte in der Anfangszeit des Staates zu sagen, dass die Dinge schlimmer sein könnten und alles in Ordnung kommen werde, weil es in Ordnung sein müsse. "Wir haben keine Alternative!", lautete ihr liebstes Argument, sie kannte nur Schwarz und Weiß und glaubte, dass Israel allein gegen die ganze Welt steht und sich nur auf sich selbst verlassen kann. Historiker Segev beschreibt Golda Meir "durch eine einzigartige Mischung von sehr jüdischem Optimismus und sehr israelischer Härte geprägt".

Diese Meir'sche Mischung von Optimismus und Härte, von schwarzer und weißer Weltsicht, von Selbstmitleid und Überlebensangst ist konstitutiv für Israel und seine Menschen von den ersten Anfängen der Staatswerdung bis heute. Das Ziel war ein (über-)lebensfähiger Staat und diesem Ziel wurde alles untergeordnet - unter anderem Menschlichkeit: "Ein Staat und eine Nation haben das Recht auf eine gewisse Skrupellosigkeit", rechtfertigte ein Funktionär der Einwanderungsbehörde deren Sorgen über das "Menschenmaterial", das ins Land kam: "Wir brauchen Arbeiter und Kämpfer!"

Israel wollte die Einwanderer, so viele und so "gute" als möglich, doch die Israelis wollten bestimmte Einwanderer oft nicht. Ideologisch motivierte starke Pioniere waren geachtet, schwache, geschundene und ausgemergelte Flüchtlinge verpönt. Und obwohl die Unabhängigkeitserklärung den Staat Israel als direkte Antwort auf den Holocaust der Nationalsozialisten am Volk der Juden beschreibt, wurden die nach Israel geflüchteten Holocaust-Überlebenden von den Siedlern der ersten Stunde nicht sehr willkommen geheißen. "Der Schlüssel zur Einstellung der Alteingesessenen gegenüber den Einwanderern liegt in ihrer Verachtung für die Diaspora", analysiert Segev das schwierige Miteinander: "Die meisten neigten dazu, sich in erster Linie als Israelis und erst in zweiter Linie als Juden zu sehen. Israel stand über allem und die Fähigkeit, sich in diesem Sinn zu ändern und ein neuer israelischer Mensch zu werden, wurde zur entscheidenden Voraussetzung für die Integration in Israel erklärt.

Das zehnjährige Mädchen Tom in Sderot ist ein Nachkomme von osteuropäischen Juden, die nach der Staatsgründung in Israel eingewandert sind.

Tom ist somit eine "Aschkenasim", gehört zum "Ersten Israel". In Sderot leben aber auch viele Kinder, die Nachkommen von orientalischen Juden sind, aus Marokko, aus dem Jemen, aus Äthiopien … Sie heißen "Misrachim" oder das "Zweite Israel", und obwohl es die früher strenge gesellschaftliche und soziale Trennung zwischen Aschkenasim und Misrachim heute nicht mehr gibt, sind ethnisch gemischte Ehen noch immer die Ausnahme. Die israelische Gesellschaft ist aber nicht nur von dieser jüdisch-ethnischen Trennlinie geteilt. Orthodoxe Juden jeder Provenienz stehen säkularen Juden in allen möglichen Schattierungen gegenüber. Dann gibt es noch die Einwanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, die ob ihrer enormen Zahl von über einer Million Israel "russifiziert" haben - von der Politik über Sprache und Kultur bis hin zu den Ess- und Trinkgewohnheiten. Über eine Million arabische Israelis, zehntausende Äthiopier, die wieder eine eigene Spielart des Judentums repräsentieren, und nicht zu vergessen die Drusen vervollständigen das israelische Völkergemisch.

Ein solch bunt zusammengewürfelter Haufen braucht den Feind von außen, lautet ein immer wieder vorgebrachter Verdacht, der Israel unterstellt, aus diesem Grund kein wirkliches Interesse an einem Frieden mit den Palästinensern zu haben. Dan Ashbel, der israelische Botschafter in Österreich, weist diesen Verdacht barsch zurück: "Wir brauchen weiß Gott keinen Feind von außen. Wir wollen mit unseren Nachbarn in Frieden leben und unsere eigenen Probleme lösen wir auf demokratische Weise - so wie wir es bisher immer schon gemacht haben."

Eint der äußere Feind?

Die israelische Friedensaktivistin Gila Svirsky ist sich bei der Antwort auf diese Frage nicht so sicher wie der Botschafter: "Ich hasse es, so etwas zu denken. Aber die Wahrheit ist, dass in der Zeit, in der kurz der Oslo-Friedensprozess funktioniert hat, die Konflikte zwischen den einzelnen Gruppierungen innerhalb von Israel größer geworden sind."

In Sderot braucht man sich keinen Feind zu wünschen, in Sderot zeigt er täglich seine tödliche Kraft. Wenn sich Tom nach einem Raketenalarm mit ihrer Mutter im Bunkerzimmer ihres Hauses zusammenkauert, singen sie das Kassam-Lied: "Tief einatmen, ausatmen, jetzt darf man wieder lachen", rät das Lied. Und kaum ist der Raketenangriff vorbei, lacht Tom auch schon wieder. Und dann bilden sich die zwei Grübchen auf ihren Wangen. Aber Toms Lachen ist kein gesundes Kinderlachen, sondern die zwanghafte Antwort auf die Fratze des Krieges. Glück und Leid liegen in Sderot so nahe beisammen wie beim hebräischen Namen Tom, der Unschuld heißt, von hinten gelesen aber Mot ergibt und Tod bedeutet.

Buchtipps:

DIE ERSTEN ISRAELIS

Die Anfänge des jüdischen Staates

Von Tom Segev, Siedler Verlag, München 2008, geb., 414 Seiten, € 24,95

ES WAR EINMAL EIN PALÄSTINA

Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. Von Tom Segev, Pantheon, München 2006, Tb., 669 S., € 15,40

LEBEN IN ISRAEL

Alltag im Ausnahmezustand

Von Michael Borgstede, Herbig, München 2008, geb., 255 Seiten, € 20,50

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