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Palästina 1954

Streng betrachtet, ist diese Ueberschrift schon falsch: Seit dem 14. Mai 1948 bzw. seit dem Waffenstillstand vom 3. April 1949 ist Palästina nur noch ein geographischer Begriff, aber keine politische Wirklichkeit mehr. Das ganze frühere englische Mandatsgebiet ist bekanntlich jetzt zwischen der Republik Israel und dem Königreich Transjordanien aufgeteilt. Damit hat nach fast 2000 Jahren das in alle Welt zerstreute jüdische Volk wieder ein eigenes Staatsgebiet bekommen, das vom Libanon bis zum Roten Meer hinunterreicht, und man geht nun mit Feuereifer daran, sich das neue Haus auch wohnlich einzurichten.

Als ich am Christtag 1953 um 5 Uhr früh auf das Deck stieg — unser Dampfer führte neben 46 österreichischen Pilgern auch mehrere hundert jüdische Einwanderer nach Israel —, da bot sich meinen staunenden Augen ein eigenartiges, ja ergreifendes Bild dar, das ich lange nicht vergessen werde: Ueber mir der sternenbesäte orientalische Himmel, dessen Pracht schon in den Psalmen besungen wird, und vor mir die vielen Lichter der Hafenstadt Haifa. Rechts von ihr grüßt das wundervoll gelegene Eliaskloster vom Berge Karmel herunter; dort wird noch die Höhle gezeigt, in der sich einst der große Prophet und grimmige Kämpfer für den Monotheismus vor König Achab verbarg. Neben mir aber stehen bereits viele Juden, festlich angezogen und den Blick unverwandt hingerichtet auf das Land der Väter, das nun endlich wieder ihnen gehört, gleichsam, als ob sie sich nicht sattsehen könnten an den Konturen der Berge Galiläas, die bereits deutlich sichtbar sind. „Weh dem, der keine Heimat hat“, schrieb einst Nietzsche. Wenn man sie aber endlich wieder zurückbekommen hat, liebt und schätzt man sie doppelt und bringt gerne jedes Opfer für ihren Wiederaufbau. Davon kann sich heute jeder Besucher sofort überzeugen. Ueberall im Lande werden die kahlen Hügel wieder aufgeforstet, ihr frisches Grün tut dem Auge direkt wohl; die an sich meist sehr fruchtbaren Felder werden mit künstlichen Bewässerungsanlagen ausgestattet, damit endlich das tägliche Brot für die einheimische Bevölkerung, aber auch für die vielen Einwanderer aus dem eigenen Boden sichergestellt werden kann. Letztere wohnen freilich noch vielfach in Wellblechbaracken, aber es gibt auch schon sehr viele neue Häuser, und zwar in allen Größen, die wohl meist europäisch-modern gehalten, aber zum Teil mit viel Geschmack dem Landschaftsbild angepaßt wurden. Man hat uns bereitwillig auch einen „Kibbutz“ gezeigt, eine Art Kolchose, ziemlich genau nach russischem Vorbild eingerichtet. Für die vielen, völlig mittellosen Einwandererfamilien, die aus drei, ja sogar vier verschiedenen Erdteilen kommen, bietet diese Form derzeit vielleicht wirklich die einzige Möglichkeit, sie mit Erfolg in der Landwirtschaft einzusetzen und sie auch sprachlich und kulturell irgendwie zu assimilieren. Selbstverständlich gibt es daneben auch freie Bauern mit eigenem Grund und Boden. Der neue Staat verschreibt sich nicht einseitig irgendeinem bestimmten wirtschaftlichen System, sondern sucht sich überall das Brauchbare heraus und probiert es durch.

Typisch für den Aufschwung des Landes ist zweifellos Tel Aviv. 1909 noch eine kleine Ansiedlung mit kaum 300 Menschen, zählt es heute 260.000 Einwohner, es hat sich also seit 1936, wo ich die Stadt zum erstenmal sah, nahezu verdoppelt . Tel Aviv besitzt eine Oper und Philharmoniker, die schon Toscanini dirigiert hat, verschiedene Museen und Theater, ist Sitz der ausländischen Diplomaten und doch — eigentlich nicht mehr Hauptstadt des Landes. Was vor Jahrtausenden die gefangenen Juden an den ? Die Zahlen stammen aus dem neuen und vorzüglichen Reisehandbuch von Th. F. Meysels, Israel in your pocket Tel Aviv 1953 II, 187. Der geschätzte Verfasser — sein Name ist ja den Lesern .der „Furche" nicht unbekannt — ließ es sich nicht nehmen, uns in Jerusalem im Hotel zu besuchen und auf alle Fragen seiner einstigen Landsleute in liebenswürdiger Weise Auskunft zu geben.

Flüssen Babylons einst sangen, ist in ihren heutigen Nachkommen noch ebenso lebendig: „Wenn ich je deiner vergäße, Jerusalem, so soll meine Rechte vergessen sein!

Meine Zunge kleb’ mir am Gaumen, wenn ich nicht deiner gedenke.“ Ps. 136, 5. In diesem Sinne wurde anfangs August 1953 — allerdings nur mehr oder minder symbolisch — der Sitz der israelischen Regierung von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt; prompt legten am nächsten Tag die Botschafter der arabischen Staaten in Washington beim Außenminister der USA gegen diese Verletzung der Waffenstillstandsbestimmungen Protest ein. Das neue Außenministerium in Jerusalem, das uns ein Beamter des dortigen Reisebüros mit sichtlichem Stolz zeigte, ist im Rohbau fertig und, vorsichtig geschätzt, beinahe doppelt so groß wie unser Regierungsgebäude auf dem Ballhausplatz. Dieses reichte bekanntlich unter Kaiser Franz Joseph für 50 Millionen Untertanen aus, Israel hat derzeit etwa eineinhalb Millionen Einwohner. Ein Mitglied unserer Reisegruppe selbst aktiver Politiker meinte deshalb verständnisvoll lächelnd: „Nun, auf den Amtsschimmel hat man auch im neuen Staat nicht vergessen“, worauf der Cicerone ebenso verbindlich lächelnd antwortete: „Ja, den haoen wir zum Andenken aus Europa mit- nommen...“

Man wird für diese Freude des neuen Staatswesens an seiner eigenen Existenz beziehungsweise Wiedererrichtung sicher Verständnis haben. Wenn man aber dann durch das Mandelbaumtor so benannt, weil das Haus dort an dem Grenzübergang einem gewissen Herrn Mandelbaum gehörte den arabischen Teil Jerusalems betritt und hier dem Fremden ohne Scheu erklärt wird: „Wir sammeln schon fleißig Eierhandgranaten, damit wir dann, wenn es wieder losgeht,” besser abschneiden als im April 1949“, ist man als Europäer und Christ doch zutiefst besorgt um das Schicksal der heiligen Stätten. Diese sind wohl bis jetzt ohne wesentliche Beschädigung davongekommen, aber bei einem zweiten Waffengang droht ihnen unausweichlich das Schicksal von Monte Cassino. Für die Moslems ist nun einmal Jerusalem eine arabische Stadt, und das neue Israel ein „Krebsgeschwür“, für das es nur eine Medizin gibt, es auszurotten. Erst dann könnten die Araber wieder „mit Selbstachtung leben“. So weit die Worte des neuen Königs Saud von Saudi-Arabien im Jänner 1954. Wir Europäer wissen aus eigener schmerzlicher Erfahrung, daß ähnlich überspitzte, unrealistische Ehrbegriffe vor fünfzehn Jahren unserem ganzen Erdteil die Zerstörung unersetzlicher Kulturwerke und ein Meer von Blut und Tränen eingebracht haben. Soll sich eine ähnliche Tragödie im Heiligen Lande wiederholen und den so verheißungsvoll begonnenen Wiederaufbau neuerdings zunichte machen? Die westlichen Großmächte, die UNO usw. haben in diesem äußerlich so kleinen Flecken Erde eine sehr große Verantwortung, deren sie sich offenkundig auch bewußt sind — sie mahnen immer wieder zur Mäßigung.

Die gegenwärtige Demarkationslinie ist, vom Standpunkt Israels betrachtet, gewiß keine ideale Lösung, sondern eben ein Kompromiß, das sich aber immerhin bereits fünf Jahre lang im wesentlichen bewährt hat was bei der schon mehrfach vorgeschlagenen „Internationalisierung“ Jerusalems oder des ganzen Gebietes kaum zu erhoffen wäre. Jedenfalls ist ein Kompromiß besser, unendlich besser als ein neuer Krieg, etwa um die Jordangrenze, um die Altstadt, um Gaza usw., der vielleicht dann alles bisher Erreichte zerstört wie einst das Jahr 70 n. Chr. Die andere Seite weist vor allem auf die 800.000 arabischen Flüchtlinge hin, die ihre Wohnstätten in Israel verlassen mußten beziehungsweise in vielen Fällen freiwillig verließen in der sicheren Hoffnung, nach dem Sieg über Israel wieder heimkehren zu können. Wir haben bei Jericho ein solches Flüchtlingslager gesehen. In jeder Baracke wissen die Einwohner eine bittere Leidensgeschichte zu erzählen. Aber wer aus Europa kommt, wo viele Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden und neu angesiedelt werden mußten, sieht in diesen Fragen doch nüchterner; er bemerkt vor allem, daß das mangelnde Organisationstalent des Orientalen und hier auch noch der fehlende Wille die gewaltigen Geldzuwendungen des Westens für diese Flüchtlinge nicht entsprechend zu nutzen verstanden. Der neutrale Beobachter wird auch den Standpunkt Israels irgendwie begreifen, daß es die Flüchtlinge jetzt nicht mehr zurücknimmt, da es in ihnen eine „fünfte Kolonne“ ins Land bekäme. Dazu kommt die nicht geringe Anzahl jüdischer Flüchtlinge aus den arabischen Ländern, wie Irak, Yemen, Aegypten usw., die ihre zum Teil sehr beträchtlichen Vermögenswerte so gut wie ganz in der alten Heimat zurücklassen mußten. Bei etwas gutem Willen auf beiden Seiten ließe sich hier schon ein Uebereinkommen treffen, das beiden Entspannung und Frieden brächte, ähnlich wie 1922 der Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei. Papst Pius XII., dessen vornehme Neutralität in rein territorialen Fragen und dessen berechtigte Sorge um die heiligen Stätten der Christenheit von beiden Partnern ebenso restlos anerkannt werden wie die großen Verdienste der Franziskaner und mancher anderer Orden um Archäologie, Schulwesen und Fremdenverkehr des Heiligen Landes hat am 8. November 1949 in einem wirklich ergreifenden Schreiben an die Bischöfe der ganzen Welt AAS 41, p. 529 den heißen Wunsch ausgesprochen, daß bei der Neuordnung der Verhältnisse in Palästina Friede, Liebe und wahre Gerechtigkeit die grundlegenden Normen sein mögen. Fast eine Milliarde von Christen in allen Erdteilen schließen sich aus ganzer Seele diesem Wunsche an. Mögen ihn auch die beiden feindlichen Lager hören und ihn beherzigen, bevor es zu spät ist, damit der Engelsgesang von Bethlehem auch an der Heimat des Welterlösers wieder einmal aufs neue in Erfüllung gehen.

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