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Von Prinz Eugen bis Kolaric

Unser Straßenkehrer heißt Mirko. Er stammt aus dem serbischen Banat, unweit der rumänischen Grenze, und nur alle paar Wochen erhält er Nachricht von Frau und Kindern, die darauf warten, daß er einmal im Jahr auf ein paar Wochen heimkommt. Wenn er in der Früh die Wege zwischen den Weingärten ,in minutiöser Genauigkeit von Laub, Papier und Hunde-„Uberresten“ säubert, wenn er zweimal im Jahr einige seiner Landsleute bei intensiveren Pflegearbeiten kommandiert —dann herrscht er über sein Reich, seine Aufgabe, die er übernommen hat. Weil sie hierzulande niemand mehr erledigen wollte.

Wenn ich ihm morgens ein „Dobri den“ zurufe — mein serbischer Wortschaft ist nicht viel größer — dann wird sein breites Gesicht noch breiter, seine Augen werden noch freundlicher und er erkundigt sich angeregt, ob ich spazieren ginge oder ins Büro. Für viel mehr reicht auf beiden Seiten die Verständigung nicht. Aber er kehrt mit vermehrter Intensität weiter. Und vielleicht mitunter mit dem Gefühl, daß wir Wert darauf legen, daß er — für uns —arbeitet.

Mirko ist einer jener 120.000 Serben, Kroaten, Slowenen, Mazedonier, die Mitte 1976 in Österreich registriert waren. Zwei Drittel der 175.000 Gastarbeiter kommen aus Jugoslawien, 15 Prozent aus der Türkei. Der Rest verteilt sich auf verschiedene Herkunftsländer. In der Bundesrepublik Deutschland erstreckt sich das Gastarbeiterproblem auf weit mehr Nationen — Spanier, Griechen, Italiener, Tunesier.

„Kein Bundesland ist von der Einstellung der Gastarbeiter und den damit verbundenen Problemen ausgenommen; vor allem jetzt, wo durch diei rückläufige Wirtsohäfts-entwiokliumg die ..ausländischen Arbeitnehmer die ersten waren, die deren Auswirkungen — den Abbau des .Gastarbeiterpolsters' — in vollem Ausmaß au spüren bekamen“ schreibt die „Uberdiözesane Arbeitsgemeinschaft für Gastarbeiterfragen in Österreich“ (ÜDAG), die den 26. September zum Gastarbeitersonntag proklamiert hat, um den Österreichern die Augen über die Probleme ihrer Mitmenschen zu öffnen.

„Von 1973 bis Mitte Juni erfolgte eine Verringerung der Gastarbeiterzahl in Österreich um 75.840 Personen, das sind 30,2 Prozent“, heißt es dort weiter. Fast 76.000 Menschen, die — meist unfreiwillig

—zurückgeschickt wurden, die keine Verlängerung ihrer Arbeitsbewilligung erhielten, keinen Wie-dereinreise-Sichtvermerk, nachdem sie — viele von ihnen — Jahre hindurch hier gearbeitet hatten. Nachdem von ihnen vielleicht schon Österreich zur aweiten Heimat geworden war.

Zur zweiten Heimat? Kann es eine zweite Heimat sein, wo man auch nach Jahren noch im Getto lebt, gemieden von den Einheimischen, auf den Verkehr mit den Landsleuten beschränkt — nicht nur, weil die Verständigung schwer ist? Das Institut für Empirische Sozialfor-schuMg (IFES) fühlte vor ein paar Jahren den Österreichern auf den Zahn, wie sie es hielten mit ihrer „Nächstenliebe“ den Fremden gegenüber. Es kam nicht viel Gutes aum Vorschein. Zwar waren nur zehn Prozent grundsätzlich dagegen, Gastarbeiter zu „importieren“ — denn diese mußten ja mithelfen, den eigenen Wohlstand zu vermehren; sie sollten die Dreckarbeiten übernehmen. Aber zwei von drei Befragten wollten die Fremden in eigene, separierte Quartiere, sogar Stadtviertel verbannen; mehr als ein Drittel löhnte jede Nachbarschaft mit Gastarbeitern strikt ab. Daß jeder sechste die Gastarbeiter allgemein für kriminell hielt; daß nur einer von zehn, die am Arbeitsplatz mit ausländischen Kollegen au tun haben, mit diesen auch Kontakte in der Freizeit unterhält; vdaß fünf von sechsen dagegen seien, wenn sich der Sohn eine rassige Serbin zur Frau nähme — 'das waren dann nur mehr Nuancen im Gesamtbild.

„Unterprivilegiert in vielen Beziehungen“, stellten ÜDAG und IFES übereinstimmend fest: Sie haben kein Anrecht auf durch öffentliche Mitteln geförderte Wohnungen. Nur wenn der Betrieb ohne Gastarbeiter „aufgeschmissen“ wäre, bemüht er sich selbst um Wohnraum. Die andern sind damit die Beute von Hyänen, die baufällige Häuser notdürftig einrichten, stark überbelegen und von jenen, die sich nicht wehren können, Raulbzinse verlanigen. Diskriminiert in der Öffentlichkeit durch Lokaliverbote, diskriminiert durch gewisse Boulevardblätter, die glauben, mit dem Schlagwort vom „Gesindelimport“ auf einer unterschwelligen Welle niederster Instinkte Leser gewinnen zu können. Unterprivilegiert in den Massenmedien, wo sie in einigen Regionalbereichen mit Fünf-Minuten-Sendungen des Hörfunks abgespeist werden-

—in der BRD werden für jede Sprachgruppe täglich 40 Minuten im Hörfunk, zehn Minuten im Fernsehen ausgestrahlt, dazu drei Stunden Musik für alle gemeinsam. Und wenn aus irgendwelchen Gründen der Arbeitgeber als Strafsanktion seine Beschäftigungsfoewilligung verliert, kommt der Gastarbeiter zum Handkuß — denn er büßt nicht nur seinen Arbeitsplatz ein, sondern auch die Berechtigung, in Österreich zu arbeiten, weil nicht er, sondern nur der Arbeitgeber Rechtsträger der Beschäftigungsbewilligung sein kann.

Als mein Urgroßvater vor 150 Jahren aus dem südsteirischen Cilli in die Kaiserstadt Wien zog, sprach man noch nicht von „Gastarbeitern“. Damals gehörte seine slowenische Heimat zur großen Monarchie, er wollte „sein Glück machen“, das ihm zu Hause verwehrt schien, und er scheint es auch hier gefunden zu haben. Heute gehört die Heimat meines Urgroßvaters zur Föderalistischen Volksrepublik Jugoslawien

—was aber wollen die Nachkommen heute anders, als ihr Glück zu machen, das sie zu Hause nicht finden?

Sie suchen es in den hochindustrialisierten Ländern Mittel- und Nordeuropas, die längst nicht mehr in der Lage sind, die Arbeitskräfte selbst zu stellen, die sie für die immer weiter steigende Produktion, für die immer stärker benötigten Dienstleistunigen brauchen. Sie sind angewiesen auf jene, die ihr Glück in der Fremde machen wollen, wie diese darauf angewiesen sind, dort Aufnahme zu finden, wenn .sie die Familie zu Hause besser ernähren, wenn sie das Kapital für eine spätere, bessere Zukunft in der Heimat sammeln, wenn sie vielleicht ganz in der Ferne Fuß fassen wollen.

Nichts anderes hat durch Jahrhunderte hindurch Millionen und Millionen in Bewegung gesetzt, hat Völker durchmischt, hat ganzen Stadtteilen, ja Ländern, einen besonderen Stempel -aufgedrückt: Und hat gerade Österreich seinen besonderen Akzent gegeben, ohne den es nicht Österreich wäre.

Haben nicht auch jene Schweizer Ritter ihr Glück gesucht, die mit Rudolf von Habsburg nach Österreich zogen und sich hier niederließen? Der kürzlich verstorbene Dialektforscher Eberhard Kranzmayer hat ihre sprachlichen Spuren noch 700 Jahre später festgestellt. Was wollte Prinz Eugen von Savoyen anderes, als sein Glück in der Fremde au machen, das ihm im heimatlichen Frankreich verwehrt war? Er wurde zum größten Heerführer Österreichs der Türkenzeit, zu seinem größten Staatsmann des frühen 18. Jahrhunderts. Was wollten die böhmischen Schneider, die slowakischen Dienstmädchen anderes, die meist im Gefolge der Adelsfamilien oder als Offiziersgesinde nach Wien kamen und dazu beitrugen, daß die Kaiserstadt nach dem Untergang der Monarchie die „zweitgrößte tschechische Stadt“ war? Wer von uns hat keine böhmische oder „windische“ Großmutter in der Ahnenreihe, auch wenn die Visitenkarte sie nicht ausweist? Kolaric steht nicht allein da — ein Blick in das Wiener Telephonbuch, von Abrahamowitsch bis Zwierzina läßt seine Vorgänger erkennen — auch wenn deren Nachkommen heute nichts mehr von ihm wissen wollen.

Sie schicken ihn wieder zurück, wenn die Arbeitsplätze knapp werden. Dann kommen Kolaric und seine Landsleute wieder zurück in die Heimat, die ihnen fremd geworden ist. Sie muß nun mit der Flut der Rückwanderer die Probleme lösen, die von den bisherigen Gastländern abgeschoben werden. Manche dieser Heimkehrer können die im Westen und Norden erworbenen Kenntnisse verwerten — wird von ihnen nicht eine Gärwirkung auf die Wirtschaft, die politische Struktur ihrer Länder ausgehen, die heute noch gar nicht erfaßbar ist?

Ihre Kinder aber, in der Fremde aufgewachsen, wenn nicht schon dort geboren, kaum in der Sprache ihrer Eltern unterrichtet — wie werden sie sich in der alten-neuen Heimat wieder einleben? Trotz aller Erfassungen und Statistiken kann man nach wie vor nur ahnen, wieviele Kinder die Gastarbeiter überhaupt mitgebracht oder hier gezeugt haben. In Wien gab es im Vorjahr 4300 ausländische Kinder in den Pflichtschulen, von ihnen rund 3000 Jugoslawen, 800 Türken. Erst 1972 begann man langsam, zunächst in Vorarlberg, später auch in Wien und Oberösterreich, diesen Kindern einen speziellen Unterricht in ihrer Muttesprache, in Geschichte und Geographie ihrer Heimat durch Lehrer ihrer Völker vermitteln zu lassen. Im neuen Schuljahr sollen wenigstens 2500 jugoslawische Kinder von vermuteten 6000 in Schul-versuohen erfaßt werden, auch für die kleinen Türken sind solche im Anlaufen.

Als vor einem Jahrzehnt die große Zuwanderungsweile einsetzte, bremsten die Gewerkschaften, wohl nicht in Voraussicht auf kommende menschliche Probleme der zu erwartenden fremden Kollegen, sondern mehr aus Sorge um den Arbeitsplatz der eigenen, aus der Angst, die Fremden könnten zu Lohndrückern und Streikbrechern werden. Heute stimmt auch die Wirtschaft begrenzten Kontingenten, schärferer Auswahl, strengeren Zuzuigsbedin-gungen zu. Sicherlich — die wirtschaftlichen Aspekte der Gastarbeiterfrage sind komplex, lassen sich nicht mit wenigen Strichen lösen. Uns aber geht es um die menschlichen Probleme jener Mitbürger, die nun seit kurzem oder längerem neben uns leben wollen und leben müssen.

Um Kontingente, um arbeitsrechtliche Fragen müssen sich Politiker und Experten den Kopf zerbrechen. Uns geht es um die Zeit nach Feierabend. Gewiß, es gibt eigene Zeitungen für die Gastarbeiter, „danas“ etwa, von einer türkischen weiß ich nichts. Wie wäre es, wenn eine jener Zeitungen, die ihre Kolporteure fast ausschließlich aus den Kreisen der „Farbigen“ decken, diesen gelegentlich auch einmal eine Spalte in ihrer Sprache einräumte? Wenn schon Arabisch auf Schwierigkeiten stieße — Kroatisch oder Türkisch müßte doch zu machen sein?

Sonntag vormittag um elf ist der Platz Am Hof in der Wiener Innenstadt „Klein-Agram“ — man hört nur Kroatisch. Hier kommen sie zusammen, um gemeinsam, in ihrer Sprache, den Gottesdienst zu feiern. Aber auch bei ihnen gibt es Alte — wie wäre es, wenigstens fallweise, mit einer Messe in kroatischer Sprache in einer jener Pfarren, die zu Zentren der Gastarbeiteransied-lung gewoden sind? Mit einem Artikel im Bfarrblatt, der sie erkennen läßt, daß man sie zur Kenntnis nimmt?

Wie wäre es, wenn sich der Meister, der Polier, der Vorarbeiter, der tagaus tagein mit fremden Helfern zusammenarbeiten muß, auch die Mühe machte, wenigstens ein paar Worte und Sätze ihrer Sprache aufzunehmen — niemand verlangt von ihm eine totale Beherrschung. Aber seine Mitarbeiter würden es ihm danken.

„Wie ein Einheimischer aus eurer Mitte gelte euch der Fremdling, der unter euch lebt. Ihr sollt ihn lieben wie euch selbst“, heißt es im Buch Levitikus des Alten Testaments. Es würde sich lohnen, auch dort einmal nachzueilen.

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