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Enttäuschte Gäste — enttäuschte Gastgeber

Flüchtlinge der Budapester Oktoberrevolution des Jahres 1956, zumindest jene von ihnen, die bis heute noch nicht einmal den äußeren Umständen nach in ihrer neuen Umgebung Wurzel fassen konnten, beschäftigen die Oeffentlichkeit wieder in erhöhtem Maße. Was zunächst die letztere betrifft: sie erfährt von Zwischenfällen aus den Zeitungen und nimmt die dort abgedruckten Kommentare mit zur Kenntnis, Kommentare, die heute ebenso oberflächlich und pauschal ungerecht sein können wie vor nicht ganz zwei Jahren, als sie in jedem Flüchtling den „Helden“ sehen wollten, der auf den Straßen von Budapest „gekämpft“ hatte. Auf diese Weise erfährt die Oeffentlichkeit nichts oder nur herzlich wenig von den echten Problemen um die Flüchtlinge, die nur zum Teil materieller Natur sind — und von den Versuchen zu ihrer Lösung.

Trotzdem haben auch die „Vorfälle“ ihr Gutes: Als Sensationsnachricht erreichen sie alle und üben damit auf die zuständigen Stellen einen gewissen moralischen Druck aus, der sie zum rascheren Handeln zwingt. Es wäre aber verfehlt, aus diesen Zeitungsberichten allzu weitgehende Schlüsse zu ziehen. Sowohl etwa die Unruhen im Flüchtlingslager von Klosterneuburg vom 2. August als auch der kürzliche Ueberfall zweier jugendlicher Ungarn auf die ungarische Gesandtschaft von Bern oder das Herumtreiben, das unstete Hin- und Herwandern einiger oder einiger hundert Ungarn (wie etwa von Brasilien nach England und dann auch von England nach Ungarn, wie dies in englischen Blättern zu lesen ist) haben immer vor allem lokale Ursachen: das natürliche Vorhandensein krimineller oder haltloser Elemente, das Versagen der Lagerleitung, mangelhafte Organisation. Auch die Kunde von den bisher zehntausend Flüchtlingen, die nach Ungarn zurückkehrten, soll nicht bedenklich stimmen. Aus Statistiken, die in der Bundesrepublik Deutschland erstellt werden, wissen wir, daß von den deutschen Zonenflüchtlingen ebenfalls nach kürzerer oder längerer Zeit etwa fünf bis zwanzig Prozent zurückkehrt. Das scheint in der Natur der Sache zu liegen. Ueber das „zügellose, unzivilisierte Benehmen“ gewisser Flüchtlinge liest man nirgends so scharfe kritische Worte wie in den Emigrantenzeitungen selbst. Die eigentlichen Probleme um das Schicksal der Ungarnflüchtlinge liegen tiefer. LEBEN IM NIEMANDSLAND

Die erste, gleichsam die zunächstliegende Schicht unter der soeben skizzierten Oberfläche ist das Problem der Lager. Von den etwa 180.000 Ungarn, die in den Monaten nach der Oktoberrevolution nach Oesterreich gekommen sind, übernahmen — laut Angaben des Hochkommissars der Vereinten Nationen für die Flüchtlinge — die Vereinigten Staaten 37.500, die Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien je mehr als 14.000. die Schweiz 10.500, um nur einige der wichtigsten Aufnahmeländer zu nennen. Insgesamt 96.000 gingen nach Uebersee, die übrigen blieben In Europa. In Oesterreich sind 18.700 geblieben, von denen etwa 8500 in Lagern leben. So war der Stand zumindest vor einigen Monaten. Die Lager in Oesterreich - meist Kasernengebäude —

werden von dem Hochkommissariat der Vereinten Nationen für die Flüchtlinge erhalten. Etwa 60 bis 70 Prozent der Lagereinwohner wollen in Oesterreich bleiben. Der Großteil von ihnen steht in Arbeit: ihnen baut das Hochkommissariat gegenwärtig in Kaiser-Ebersdorf moderne Kleinwohnungen. Für die Verpflegung im Lager müssen sie zahlen. Nur Arbeitslose, die im Arbeitsamt registriert sind, zahlen nicht. Mütter, Kinder und alte Leute sind von der Arbeitspflicht ausgenommen. Es ist indes Tatsache, daß etwa 30 Prozent der Arbeitsfähigen keinen Arbeitsplatz gefunden haben, obwohl es sich dabei größtenteils um Facharbeiter handelt. So gut wie alle Ungarn, die man über die Ursachen fragt, sagen, daß die österreichischen Firmen prinzipiell keine Urrgarri“auf nehmen. Aber auch die Einwanderungsbedingungen, besonders in die Vereinigten Staaten, wurden sehr erschwert. Man setzt zwar von offizieller Seite Fristen zur „endgültigen Regelung“, es werden auch Einwanderungsquoten genannt, die eigentlich zu einer endgültigen Lösung ausreichen müßten, es besteht jedoch nach alldem, was man bisher kennt, wenig Hoffnung, daß die Lager aufgelöst, daß die Flüchtlingsfamilien ihre winzigen Zimmerchen, die durch dünne Pappwände von großen Kasernenzimmern abgetrennt wurden, bald verlassen können. Die nervenaufreibende Atmosphäre, welche die Seelen vergiftet, die Familien aushöhlt, bleibt für die Lagerinsassen noch einige Zeit die Realität des Alltags. Es ist lehrreich, darauf hinzuweisen, daß durch das Lagerleben der Flüchtlinge gerade und vor allem die Familien gefährdet sind, die Familien, die sich unter dem Kommunismus von allen sozialen Bindungen als die stärksten und haltbarsten erwiesen — sie waren die wirksamsten Zellen des Widerstandes. Durch das Lagerleben — trotz modernster Großküchen und sanitären Einrichtungen — wird vor allem die Familie zerrüttet und damit dem Flüchtling ■* dem jungen und dem alten — der letzte Halt genommen. Das Werk der Zerstörung, unter dem Kommunismus begonnen, wird erst hier, in der „freien Welt“, vollendet. Die Wiener -Caritas wollte seinerzeit mit der „Gastaktion“ dieser Entwicklung vorbeugen. Tausende von Flüchtlingen wurden in Gasthöfen und Privatwohnungen untergebracht. Diese Aktion mußte vorzeitig abgebrochen werden, weil sich die hohe Bürokratie für die Großlager entschied. Mit jedem Skandalfall, der die Behörden empört und die Gendarmerie auf den Plan ruft, erfährt dieses gute Werk, das in den Anfängen steckenbleiben mußte, seine späte Rechtfertigung.

Auch in anderer Hinsicht bleibt das Lagerleben eine Fortsetzung des Lebens in der Unfreiheit mit allen seinen bedenklichen Folgen. Der Flüchtling bleibt dadurch im Niemandsland stecken. Seine engere Heimat hat er verlassen, von dort, von der „heimatlichen Scholle“, schöpft er keine Kraft mehr, seine Erinnerungen gleichen Stehbildern, er hält einem Vaterland die Treue, das es in dieser Form nicht mehr gibt, da das Leben auch dort weitergegangen ist. Seine neue Heimat lernt er vorläufig nur durch die Auslagenfenster der Kärntner Straße, durch die Bilder und Schlagzeilen auf den Zeitungsständen kennen, die ihm ein ebenso falsches, schemenhaftes Bild von der Wirklichkeit vermitteln wie die Radiosendungen westlicher Propagandastellen, die er vor seiner Flucht gehört hat. (Erhebungen unter den Flüchtlingen haben erwiesen, daß mehr als 80 Prozent regelmäßig westliche Propagandasender gehört haben, hauptsächlich Radio Free Europe.)

Das Lagerleben als alleiniges Spiegelbild des Flüchtlingsschicksals zu betrachten, wäre allerdings verfehlt. Die nächste Schicht ist breiter, sie umfaßt das Flüchtlingsleben schlechthin. Flüchtlinge, die einem geregelten Beruf nachgehen und von ihrem Verdienst sich zumindest ein Untermietzimmer bezahlen können, sind deshalb noch lange nicht bei uns angelangt. Die meisten von ihnen bilden geschlossene Zellen, hängen ihren Erinnerungen und Wunschträumen nach, sind mit ihrem Schicksal sehr oft unzufrieden, sind namenlos erbittert, wenn sie ihre Hoffnungen mit dem Erreichten vergleichen. Auch dabei handelt es sich noch nicht um ungarische Nationaleigenschaften. Von drei oder vier jugendlichen Ostzonenflüchtlingen erklärte den Fragestellern eines westdeutschen Meinungsforschungsinstituts jeweils einer, daß er das Gefühl hat, verlassen zu sein.

Hier gibt es allerdings einen Unterschied. Die große Mehrheit der ungarischen Flüchtlinge, wie übrigens auch der deutschen, besteht aus Arbeitern, kleinen Leuten mit wenig Schulbildung. Die Ungarn konnten sich schon mit Recht verlassen fühlen, als sie noch daheim waren — nur die amtliche Propaganda prasselte unablässig auf sie ein, von menschlichen Beziehungen wollte das „sozialistische“ Regime sowenig wie möglich wissen. Und früher? Die soziale Struktur Ungarns in der Zwischenkriegszeit war durch äußerste Starrheit und durch strikte Abgeschiedenheit der einzelnen Klassen voneinander gekennzeichnet, viel mehr, als dies in Deutschland oder in Oesterreich der Fall war. Wenn die Welt der Flüchtlinge eine in sich abgeschlossene Welt ist. so existierten damals in Ungarn in sich abgeschlossene Welten nebeneinander: die Welt der Bauern, der Arbeiter, der Kleinbürger, der Beamten, der Adeligen. Niemand kümmerte sich um das soziale Anliegen, um das Gemeinschaftsbewußtsein, um die kulturellen Bedürfnisse und Nöte der anderen, sofern es nicht seine eigene Klasse war. Zuerst durch nationale, dann durch kommunistische Schlagworte — die im Grunde genommen einander in vielem ähnlich aussahen — aufgeputscht und bald darauf demoralisiert, fiel der schon frühzeitig isolierte „Flüchtling in der eigenen Heimat“, dieser spätere Bewohner westlicher Flüchtlingslager und Untermietzimmer, immer wieder in eine uns östlich, melancholisch, ja manchmal romantisch anmutende Lethargie zurück, wobei auch hier, wie auch oft, gewisse uns „romantisch“ oder „heldenhaft“ und „feurig“ anmutende Eigenschaften unserer ungarischen Brüder in der Wirklichkeit aus bitterer Not geborene verzweifelte Abwehrmaßnahmen gefährdeter Menschen sind. So muß man denn sagen, daß, wenn jemand, dann vor allem die eigene Oberschicht diese kleinen, in unserer Welt ich verloren und bedrängt fühlenden Flüchtlinge verlassen hat, schon damals, als das Wort Flüchtlingslager in Europa nur vom Hörensagen bekannt war. Es ist klar, daß ein so gründlich desorientierter, von Fehlmeinungen und Illusionen hin und her gerissener Mensch bei der erstbesten Gelegenheit darnach greift, was er auf unseren mit protzigen Autos und Kinoreklamen gefüllten Straßen tagtäglich vor sich sieht. Sein Ideal wird der „Wohlstand“, wie ihn unsere industrielle Massengesellschaft bieten kann — so wird er einem auch bei uns recht verbreiteten Typ immer ähnlicher, so vollzieht er seine Assimilation, seinen Uebertritt von der östlichen, antiquierten Gesellschaft, von der er mit Recht sich nichts mehr erhofft, in die westliche, moderne, in die Gesellschaft der Zukunft, die ihm jeden „revolutionären Elan“ rasch und gründlich austreiben wird. Die „Kämpfer“ von Budapest, auch die echten von ihnen, sprechen sehr bald nur noch von Autos und vom Urlaub am Meer, was an sich nichts Verpöntes wäre — aber wir sind doch enttäuscht, denn wir hatten von diesen Menschen, die' es schließlich in unserem Jahrhundert und in unserem alten, alten Europa noch fertiggebracht haben, für ihre Freiheit ihr Leben aufs Spiel zu setzen, etwas wie neue Impulse, unverbrauchte Ideen, eine neue Art, das Leben mit all seinen sozialen und seelischen Nöten am Schopf zu packen, erwartet.

Vielleicht ergibt das eine für uns alle nützliche Lehre, die zugleich zur Lösung des Flüchtlingsproblems beitragen könnte: Unsere Welt erwies sich auch darin wieder einmal zu klein, als daß sie nur regional gültige und von einem Volksstamm vertretene Bestrebungen und Ideen kennen könnte. Die Lösungen müssen vielmehr alle umfassen: die Gebenden und die Nehmenden oder, wie in unserem Fall, die Gäste und die Gastgeber, die Flüchtlinge und uns. Wir müssen durch alles Trennende hinweg gemeinsam versuchen, über die Schatten der Vergangenheit zu springen. Diese Vergangenheit bedeutet Argwohn, Eifersucht, ängstlich gehütete nationale „Errungenschaften“ und Vorteile. Ihre Ueberwindung setzt ein nicht geringes Maß an selbständigem Denken voraus, das freilich nicht von heute auf morgen erlernt werden kann — weder hüben noch drüben. Aber Anfänge können gemacht werden — und sie wurden schon gemacht, wie die bereits recht erfolgreiche Arbeit der Flüchtlingsfürsorge, Flüchtlingsberatung und der verschiedenen wissenschaftlichen Gremien und Gesellschaften zeigt. Eine umfassende Bestandsaufnahme, ein ..Krankheitsbild“ unserer Gesellschaft, wie es durch das Symbol „Flüchtlingslager“ viel deutlicher aufgezeigt werden kann, als viele selbstzufriedene Zeitgenossen es ahnen, steht-noch aus. Niemand wird uns diese Arbeit abnehmen, keine „Revolution“, der wir im Wochenschaukino beiwohnen können, die Tiefen ausloten, wenn wir immer nur den bequemen Weg der — um im Bilde zu bleiben — synchronisierten Filme und fertigen Denkschablonen wählen.

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