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Unterwegs zur Antigesellsdiaft

Die Ik brauchen ihren Kopf nicht wegzuwenden, wenn sie Menschen qualvoll sterben sehen — es macht ihnen nichts aus. Einige tausend Kilometer weiter nördlich blättert man beim Anblick bestimmter Bilder schnell weiter. Die Ik jagen ihre Eltern, wenn diese im Haus der Kinder sterben wollen, mit ein paar Schimpfworten davon. Ein paar tausend Kilometer weiter nördlich bekräftigt man einander in der Sicherheit, der Abtransport ins Altersheim sei „ohnehin auch das beste“ für ihn (sie). Die Ik kennen kaum Emotionen. Ein paar tausend Kilometer weiter nördlich sind Emotionen nur noch im Privatbereich gestattet.

Die Gesellschaft der Ik unterscheidet sich von der Oesellschaft, die Auschwitz ohne nennenswerte Erschütterung im Gefühlsleben der meisten ihrer Mitglieder überstand, vor allem durch größere Konsequenz und Ehrlichkeit ihrer Unmenschlichkeit. Aber die „Ikisierung“ der Gesellschaft, in der wir leben, ist viel weiter fortgeschritten, als man annehmen möchte, wenn man lediglich die Äußerlichkeiten menschlichunmenschlichen Verhaltens in den beiden Gesellschaften, der der Ik und der hochentwickelten Industriegesellschaft, einander gegenüberstellt. Denn wir können uns (einstweilen) einiges an Luxus — Luxus in den Augen der Ik — leisten, was sie glauben über Bord werfen zu müssen.

Die Ik sind ein winziges Volk im Norden von Uganda, im Dreiländereck der ostafrikanischen Staaten Uganda, Kenia und Sudan. Es gibt ihrer kaum noch zweitausend, und der einzige westliche Anthropologe, der diese Gesellschaft bisher studiert hat, hofft auf ihr Aussterben, da siein Vorschlag abgelehnt wurde, das Gebiet der Ik zu umstellen, alle Ik einzufangen und in Gruppen von je zehn Personen — ohne Rücksicht auf Familienzusammengehörigkeit — auf das ganze Land zu verteilen, um auf diese Weise wenigstens den Individuen die Chance zu geben, sich in eine menschlich gebliebene menschliche Gesellschaft zu integrieren und wieder Menschen zu werden angesichts der Tatsache, daß

die Gesellschaft der Ik auf ihrem Weg in die Unmenschlichkeit den „point of no return“ längst überschritten hatte. Die vom genannten Anthropologen, er heißt Colin M. Turnbull, vorgeschlagene Maßnahme klingt mehr als roh, und man muß zuerst seinen Horrorbericht über eine Horrorgesellschaft gelesen haben („Das Volk ohne Liebe — Der soziale Untergang der Ik“, Rowohlt-Verlag), um zu verstehen, was er meint, wenn er am Ende sagt: „Und hätte man sie aufgegriffen und wie Rinder abtransportiert in eine andere Gegend, wären sie vielleicht wie Menschen aufgewachsen.“

Die Kinder dieses Volkes nämlich, auf deren Zugehörigkeit zu dieser oder jener Familie Tumbull überhaupt keine Rücksicht nehmen wollte, als er die Aufteilung der Ik über das ganze Land vorschlug. Denn die Ik kennen keine Familienbande, es gibt nicht die geringste Solidarität zwischen Individuen, seien es Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern oder Gatten.

Die Ik sind noch nicht sehr lange so, wie sie sind — vielleicht seit drei Generationen. Sie waren ein nomadisierendes Jäger- und Samm-lervölk mit allen positiven Eigenschaften eines solchen (Großzügigkeit, Solidarität, Furchtlosigkeit usw.), aber auch den lockeren gesellschaftlichen Bindungen vieler Jäger- und Sammelvölker verschiedenster Rassen, siehe etwa die Pygmäen. Die Kinder wurden mehr als die Kinder der ganzen Horde denn als die eines bestimmten Ehepaares betrachtet, und die Zugehörigkeit jedes Ik zu dieser oder jener Horde konnte bei den häufigen zufälligen Begegnungen der Gruppen jederzeit gewechselt werden. Aber es gab Gattenliebe, es gab Solidarität zwischen Jungen und Alten, und es gab — wohl als mächtigstes sozialisierendes Element — die Zusammenarbeit bei der Jagd.

Bis die Jagd den Ik verboten wurde, weil man ihren Lebensraum zum Naturschutzgebiet erklärt hatte. Damit nicht genug, wurde jede Speerspitze beschlagnahmt, wurde ihnen auch das Sammeln im Naturr schutzpark verboten. Die Ik — deren Name in ihrer eigenen Sprache erst durch Turnbull bekannt wurde, bisher kannte man sie nur als Teuso — wurden einfach zu Ackerbauern erklärt. Das elende, steinige Siedlungsgebiet, das man ihnen ließ, gab kaum Nahrung her, und als sie dazu übergingen, Felder auf den zum Naturschutzpark führenden fruchtbaren Hängen anzulegen, wurden sie verjagt, denn auch diese Hänge waren dem Wild vorbehalten.

In der extremen Notsituation, in welche die Ik daraufhin gerieten, zerbrach die lockere Sozialstruktur des Volkes und an die Stelle solidarischen Verhaltens, das als todbringend für den einzelnen, der das Zuwenige mit anderen teilte, erkannt wurde, trat eine bewußt angenommene Haltung des totalen Egoismus. Jede Gutmütigkeit Außenstehender wurde ausgenützt — und hinter seinem Rücken als dumm verhöhnt. So schockierend die Einzelheiten des Zusammenlebens der Ik klingen — sie enthalten sehr starke Elemente eines sozialen Destruktionsprozesses, die, in Ansätzen oder fortgeschrittenen Stadien, auch in unserer Gesellschaft wahrnehmbar sind, vorausgesetzt, man hält sich mehr an die sekundären Merkmale als an die (bei den Ik alltäglichen und selbstverständlichen) Extremhandlungen.

Eine starke Parallele ist darin zu sehen, daß die Ik nicht nur zu schrankenlosen . Egoisten, sondern auch zu totalen Egozentrikern wurden und autistisches Verhalten zum Normalverhalten wurde. Die Selbstisolierung jedes Ik drückte sich, ebenso wie die Selbstisolierung der Individuen in der hochentwickelten Industriegesellschaft, in einer radikalen Einschränkung sprachlichen Verkehrs aus. Turnbull, dessen Eindringen in die Gesellschaft der Ik auf überaus starke Barrieren stieß, erzielte entscheidende Fortschritte dadurch, daß er aufhörte, Fragen zu stellen, und es lernte, stundenlang schweigend mit den anderen beisammenzusitzen. Schweigendes Beisammensitzen bedeutet für die Ik das Maximum sozialer Bedürfnisbefriedigung. Unterhaltungen werden so kurz wie möglich gehalten.

Der westliche Industriemensch hat — außerhalb seiner Privatsphäre — zweifellos ein Vorstadium dieses Zurückziehens in sich selbst der Ik erreicht, das ihm selbst nicht mehr auffällt: Er spricht kaum noch mit Unbekannten in der Öffentlichkeit, und er verlernt es immer mehr, mit Un- oder Halbbekannten im gesellschaftlichen Verkehr zu sprechen. Bekanntlich gilt es auf stundenlangen Flügen innerhalb Europas bereits als schwerster Fauxpas, eine Unterhaltung mit seinem Sitznachbarn anzufangen, und auch auf Interkontinentalflügen wird das Sprechen mit Fremden immer mehr abgeschafft. Und immer mehr Menschen verlernen es, auf meinem Empfang mit Leuten, die sie nicht oder nur flüchtig kennen, ungezwungen ins Gespräch zu kommen, was auch immer schwieriger wird, weil die Bereitschaft zum Gespräch allgemein schwindet. Wir leben in einer verstummenden Gesellschaft, in einer Gesellschaft, die die Sprache immer mehr auf den berufsbedingten oder berufsnützlichen Informationsaustausch beschränkt, finden aber das Verstummen der Ik schrecklich, weil wir das eigene Verstummen nicht zur Kenntnis nehmen und auch, wie alle Entwicklungen in einer so komplexen Gesellschaft wie der modernen Industriegesellschaft, nicht bis zu jenem Extrempunkt weitertreiben.

Die Kindheit des Ik steht unter dem Diktat der Anpassung an eine Gesellschaft, in der jede persönliche

Bindung verpönt ist, wenn sie nicht auf Zeit erfolgt und einen besonderen Zweck im Hinblick auf den einzigen von jedem Ik als oberstes Prinzip anerkannten Wert verfolgt: Ngag, Nahrung. Der Ik wird bis zum dritten oder höchstens vierten Lebensjahr äußerst widerwillig ernährt. Eine Mutter betrachtete es beispielsweise als Glücksfall, daß ihr Kind von einem Leoparden gefressen wurde, weil sie auf diese Weise nicht nur seiner entledigt wurde, sondern auch — in Kenntnis der Lebensgewohnheiten von Raubtieren

— den Männern von einem Leoparden erzählen konnte, der mit Sicherheit irgendwo im Busch fest schlafen mußte und leicht erschlagen und gegessen werden konnte. Mit drei oder vier Jahren wird der Ik aus der elterlichen Hütte geworfen — er darf nur noch außerhalb, im elterlichen Kral, schlafen und tritt in eine Bande der Vier- bis Sechsjährigen ein, ili der er sich, wenn er so lange lebt, zum Ältesten und damit Anführer emporkämpft, bis er — wieder als rangniedrigstes Mitglied

— in die Bande der Acht- bis Zwölfjährigen ungnädig Aufnahme findet. Im Kampf ums Uberleben lernt er, daß jede Freundschaft eines Tages, sobald Interessengemeinschaft in Interessengegensatz umschlägt, zur Feindschaft wird.

Dabei lebt sich die Aggression der Ik vorwiegend in Bosheitsakten der Kinder gegen die Alten, vorzugsweise die Großeltern aus, denen sie, im psychologisch ausgeklügelten Moment, mit Vergnügen und buchstäblich die halbgekaute Nahrung aus dem Mund reißen, um sie selbst zu verschlingen, während die Erwachsenen nicht mit- oder gegeneinander, sondern nebeneinander leben.

Während die Umzäunungen der Ik-Dörfer verfallen, werden die inneren Abgrenzungen, die Palisadenzäune zwischen den Krals der einzelnen Familien höher und stärker. Da aus früheren, besseren Zeiten die Regel gilt, daß jeder, der beim Essen angetroffen wird, mit dem anderen teilen muß, wird in den Hütten nicht mehr gekocht, bleiben die Vorratsbehälter leer, jeder verschlingt im verborgenen, was er gefunden hat, was auch für die Ehegatten gilt.

Die tragischen Figuren dieser Gesellschaft, an denen der Anthropologe die Tragödie einer Gesellschaft sichtbar macht, sind die Alten, die sich daran erinnern, daß es einst besser war, die es aber kaum noch gibt, und jene Kinder, die an der seltsamen Monstrosität leiden, sich in ihrem Verlangen nach Liebe von den Eltern nicht abweisen zu lassen. Das Problem der schwachsinnigen Adupa wurde auf einfachste Weise gelöst: als sie wieder einmal um Aufnahme in den Kral des Vaters bat, wurde sie eingeschlossen, und die Eltern gingen weg mit dem Versprechen, ihr etwas zu essen zu bringen. Sie kamen zwei Wochen später wieder und warfen die Leiche des Kindes über den Zaun.

Daß der „point of no return“ erreicht ist, ist verifiziert: Einige Regenfälle, die den Ik eine hervorragende Ernte bescherten, haben den sozialen Zerfall, und Untergang nur noch weiter vorangetrieben. Sie hatten somit, nach einer Phase extremster Not, ihr mittlerweile nutzloses „Wirtschaftswunder“. An die Stelle des Einzelegoismus ist einige tausend Kilometer weiter nördlich der Egoismus der Kleinstgruppen, der Familien, und der Interessengruppen zu setzen.

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