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Erneuerung und Heimkehr

Von Novalis gibt es berühmte Sätze, die wir in dem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ finden, sie werden in einer idyllischen Naturszene im Wald gesprochen und lauten: „Wo gehn wir denn hin? — Immer nach Hause.“

Eine märchenhafte Mädchengestalt spricht sie zu einem Pilger, der eben seine Laute weglegt, zu der er eines der schönsten Gedichte der Romantik gesungen hat. Zwei Seiten vorher weiß man schon, der suchende Pilger kommt tatsächlich an sein Ziel, und wir lesen die Worte: „... die Welt war ihm erst teuer, wie er sie verloren hatte, und sich nur als Fremdling in ihr fand ... Es war Abend geworden, und die Erde lag vor ihm wie ein altes liebes Wohnhaus, das er nach langer Entfernung verlassen wiederfände.“

Nun zum Kontrast: Vor einigen Monaten versammelte ich zwölf Emigranten von 1938 aus den USA in Wien, sehr unfreiwillige Emigranten, von denen zwei sogar durch eine unerwartbare Konstellation von Zufällen aus Konzentrationslagern ins Ausland gelangen konnten. Sie alle waren aus ihrem erwarteten Lebensverlauf gerissen worden, hatten keine Vorstellung, wo und wie sie unterkommen und eine Zukunft finden könnten.

Hinter diesen wenigen standen die Toten des Zweiten Weltkriegs, 55 Millionen, darunter sechs Millionen Juden. Diese zwölf, die ich nach Wien rufen konnte, suchten hier ihre Kindheit und sprachen über ihre unverwirklichbare Heimkehr. Ganz im Gegensatz zu Novalis hätte es heißen können: „Ob wir jetzt nach den USA oder von dort nach Wien reisen — wir kommen nie wirklich nach Hause.

Oder ein anderer Kontrast: Denken wir an die wunderbare Poesie der Wanderschaft, die mich heute nach wie vor etwa bei Joseph von Eichendorff verzaubert. Da heißt es in dem herrlichen Gedicht „Der frohe Wan-dersmann“ in der ersten Zeile: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, / den schickt er in die weite Welt...“

Ich blättere in Theodor Kramers Gedichtband in dem Kapitel „Verbannt aus Österreich“, 1943 in London erschienen. Kramer war nach immer wieder fehlschlagendem Bemühen einen Monat vor Ausbruch des Krieges 1939 die Ausreise aus Wien nach London gelungen, die ihm wohl das Leben gerettet hat. Er begann dort eine verzweifelte Existenz als Handlanger, Diener, zeitweise als Internierter.

Da heißt es: „Von dem, was einmal war, trennt lang schon mich ein Riß; / daß alles ungewiß ist, ist allein gewiß. / Die Maus selbst hat ihr Loch;... nur der Mensch lebt so im Nichts dahin.“ Außerhalb der Heimat ist für ihn das nackte Nichts, auch wenn es rettet. Ein anderes Gedicht ergänzt diese tief verzweifelte Haltung. In ihm steht: „... ihnen — manche sind schon fort — ist besser, / ich doch müßte mit dem eignen Messer / meine Wurzeln aus der Erde drehn.“

Albert Ehrenstein schrieb: „Wer seine Heimat unterwegs im Straßenraub verloren ... / Visum ins Nichts! Hier bist du nicht geboren!“ Oder Hermann Broch im Flugzeug, das ihn über die Grenzen bringt: „Nun da ich schweb' im Ätherboot / und ich aufatmen kann / da packt sie mich / da packt sie mich / da packt sie mich noch einmal an / die rohe Flüchtlingsnot.“

Denken wir an den tödlichen Fenstersturz von Egon Friedell, der sich lieber das Leben nahm als sich verhaften zu lassen oder zu emigrieren, denken wir an Stefan Zweig, der trotz seiner auch in Brasilien vorhandenen Erfolge und trotz seines gewaltigen Vermögens, das Leben, abgeschnitten von Österreich und auf dem Höhepunkt der furchtbaren Tragödie, nicht ertragen konnte. Befinden wir uns nicht auf einem anderen Planeten als Novalis und Eichendorff?

Nun, Entfremdung und Heimkehr: Entfremdung wurde ein Schlagwort des Marxismus, aber das Wort „entfremden“ findet man im Mittelhochdeutschen und dann bei Meister Eckehart. Das Wort „fremd“ ist von Anfang an mit „fern“, und zwar im Sinn von „fern von, fort von“, verwandt. Auch Sigmund Freud und seine Schüler, die Psychoanalyse und die von ihr bewirkten Denkschulen der Psychologie beschäftigen sich mit einem Phänomen von Entfremdung, das geradezu als Zeitkrankheit unseres Jahrhunderts bezeichnet werden kann: Wenn der Mensch aus psychischen Gründen bei aller Beständigkeit seiner Umgebung, trotz auskömmlicher, ja reichlicher materieller Versorgung, in sich selbst nicht zu Hause ist, entsteht daraus jener Ich-Verlust, der zu den verschiedensten Neurosen führt.

Bei Alfred Adler beginnt - sehr aktuell für heute — die Entfremdung durch die, wie er sagt, „Verwöhnung und Verzärtelung“ des Kindes, die meist mit „Vernachlässigung und mangelnder Zuwendung“ einhergeht. Dieses verwöhnte Kind benimmt sich, nach Adler „mehr oder weniger wie ein Parasit“, es „leistet in unfaßbarer Selbstliebe und Selbstbespiege-lung“ der „Kultivierung seiner Funktion Widerstand“.

Viele Sätze Alfred Adlers klingen prophetisch für unsere Jahre, etwa wenn er sagt: verwöhnte Kinder fühlten sich „wie im Feindesland“, sie sähen im Leben nur das „feindliche Prinzip“. Menschen dieser Art seien gekennzeichnet durch Uberempfindlichkeit, Ungeduld, Mangel an Ausdauer, durch Neigung zu Affektausbrüchen und Gier. In ihnen gebe es eine „starke Neigung zum Rückzug“, sie hätten zudem den Drang, „alles umzukehren, Moral, Gesetz, Ordnung in und außer dem eigenen Haus“. Sie wurden, so fährt Adler fort, in einen „Machtrausch der Selbstvernichtung hineingetrieben“.

Man möge nicht meinen, ich sei hier vom Thema abgekommen, im Gegenteil, ich bin der Ansicht, mich im Zentrum zu befinden, denn: die innere Entfremdung des Menschen, die psychische Defor-mierung, die innere Anfälligkeit für weitere Demontagen, die psychische Immunitätsschwäche des neurotischen Charakterdefizits schaffen erst die Vorbedingung zu den weiteren, verschiedenen Arten von Entfremdung.

Natürlich ist jene durch Gewalt und Kriegsgeschehen hervorgerufene Entfremdung, die durch erzwungene Emigration, durch Hunger und Lebensbedrohung hervorgerufen wurde, ein besonderes Schicksal. Aber auch hier ist die eigene psychische Situation von Bedeutung: denn es gab und gibt sehr verschiedene Reaktionen, die eben wieder von der eigenen persönlichen Entfremdung oder Beheimatung in sich selbst bestimmt werden.

Vor allem aber kommt es darauf an: Wohin kann man aus der Entfremdung zurückkehren? In die Heimat? In die Familie? In die Kultur? In die Religion? In die Natur? In sich selbst? Als weitere Frage stellt sich: Was ist nach der Heimkehr von dem noch übrig, was man verlassen mußte oder freiwillig verließ? Ich erinnere an die von Peter Szondi weitergegebene Geschichte von den zwei Juden auf der Flucht, in der der eine sagte, er habe ein Visum nach Hongkong: „Ein bissei weit“, meinte der andere. Darauf der erste: „Weit von wo?“

Der Romantiker des 19. Jahrhunderts erlebte sein Fremdheitsgefühl, seine Sehnsucht nach der Ferne innerhalb einer umfassenden Sicherheit. Er wußte, die Häuser und die Kirchen würden stehenbleiben, die Verhältnisse im Städtchen, im Dorf, in der Familie würden sich nicht wesentlich ändern, zumindest die Struktur würde bleiben.

Zudem waren die tragenden Pfeiler der Ethik, aufgebaut auf der christlichen Moral der Evangelien, ziemlich stark und weithin vertrauensgebend. Wohin man auch wanderte, in welche Ferne es sein mochte, die christlichen Maßstäbe, Anschauungen, die gedanklichen Assoziationen und grundlegenden menschlichen Verhaltensweisen blieben ähnlich.

Dies begann sich gegen Ende des Jahrhunderts deutlich zu ändern. Friedrich Nietzsche, der leider selbst reichlich zu dieser Entwicklung beigetragen hat, erkannte dies sehr genau. In seinem „Nachlaß der Achtzigerjahre“, später unter dem Titel „Wille zur Macht“ herausgegeben, steht zu lesen: „Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei

Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Herauf-kunft des Nihilismus...“ Und weiter: „Was bedeutet Nihilismus? — Daß die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt ein Ziel. Es fehlt die Antwort auf das .Wozu?' “ Die furchtbaren Tatsachen unseres Jahrhunderts, die beiden Weltkriege, Hitler, Stalin und deren Folgen, dies alles und vieles mehr bestätigen diese schaurige Prophezeiung.

Ob manche es wollen oder nicht, niemand kommt um die Tatsache herum, daß die Kulturen Europas und Amerikas, und zwar beider Amerika, aus den Wurzeln des Christentums gewachsen sind, das selbst wiederum auf dem Erbe des Judentums und Ägyptens aufbaut. Von einer solchen Kultur her erschließt sich uns die Heimatlichkeit. Nur wenn wir Kultur in ihrem umfassenden Sinn als Verwirklichung humaner Ideale verstehen, ergibt sich daraus die Möglichkeit einer geistigen Heimat, die nie ganz verlorengehen kann. Sie drückt sich durch viele Zeichen aus, durch menschliches Verhalten nicht nur in diesem und jenem Land, durch zwischenmenschliche Beziehungen wo immer, durch Kunstwerke, durch Bücher.

Wir müssen uns freilich bei einer solchen Auffassung bewußt sein, daß diese Kultur aus religiösen Wurzeln erwachsen ist; daß auch Phänomene, die dieser Religiosität zu widersprechen scheinen, tief von ihr durchdrungen sind, wie etwa die Aufklärung oder die grundlegenden Ideen des sozialen Wohlfahrtsstaats, um unter vielen nur diese zu nennen.

Wir kennen das Gleichnis vom verlorenen Sohn, dessen Heimkehr den Vater mehr freut als die Treue des daheimgebliebenen zweiten Sohnes. Aber uns erwächst die Aufgabe, eine solche Heimkehr überhaupt erst herbeizuführen oder — soweit wir das können — die ihr vorausgehende Entfremdung zu Hause gar nicht aufkommen zu lassen.

Heimkehr gibt es auch von einer friedlichen und unproblematischen Reise, doch die Heimkehr aus einer Entfremdung bedeutet mehr: entweder Rückkehr aus aufgezwungener Fremde oder das Wiedererkennen und Wiederverstehen dessen, wovon man sich entfremdet hatte. In beiden Fällen sollte unsere Hilfe bereit sein. Heute schlachtet man nicht mehr gemästete Kälber aus Freude, aber diese sollte sich in anderen hilfreichen Taten ausdrücken.

Die Entfremdung durch äußere Gewalt als brutales Unrecht dürfte überhaupt nicht geschehen. Politische Entwicklungen, die dazu führen könnten, sind mit aller Energie zu verhindern. Wo sie stattgefunden haben, ist dieses Unrecht gutzumachen, soweit es nur geht, und das ist immer noch schmerzlich wenig.

Die andere Entfremdung, jene durch verlorene Beheimatung in der Familie, im eigenen Milieu, in der eigenen Kultur, verlangt stets unsere volle Aufmerksamkeit, unsere Vorsorge und unsere Hilfe. Sie erfordert Aktivität und ein Verhalten, das in sich selbst entschieden und fest sein sollte, aber alles tut, um so vielen, die von innen her von dieser Entfremdung erfaßt werden, die Heimkehr zu sich selbst und zu unserer Kultur zu erleichtern.

Die Heimat in unserer Realität: sie ist also die Kultur mit ihren Werten und Idealen. Und wenn wir den Ursprung der Kultur in der Religion, in der Transzendenz erkennen, so kann der anfangs zitierte Satz von Novalis — richtig verstanden—wohl doch die Wahrheit sein.

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