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Nicht sicher zwar, doch tätig frei..

Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,

Verpestet alles schon Errungene;

Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,

Das war das Höchsterrungene.

Eröffn’ ich Räume vielen Millionen,

Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen. Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde Sogleich behaglich auf der neusten Erde,

Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,

Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.

Im Innern hier ein paradiesisch Land,

Da rase draußen Flut auf bis zum Rand,

Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen, Gemeindrang eilt die Lücke zu verschließen.

Ja! Diesem Sinne bin ich ganz ergeben,

Das ist der Weisheit letzter Schluß:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

Und so verbringt, umrungen von Gefahr,

Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr. Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.

Diese Worte, die Goethes „Faust” in seinem Schlußmonolog in den Mund legt — sind sie ein Zukunftstraum oder hat der Dichter dabei an ein bestimmtes Land gedacht, etwa an Amerika, das er wegen des Nichtvorhandenseins von verfallenen Schlössern und „unnützem Erinnern” so besonders schätzte? Wir wissen es nicht. Was wir aber ja wissen, ist, daß er einen künftigen Judenstaat im Lande Israel nicht im Sinne hatte, und, als diese Worte geschrieben wurden, auch nicht im Sinne haben konnte. Und dennoch zeigt sich hier wieder einmal die Wahrheit des Spruchs, daß der große Poet auch oft der große Prophet ist. In diesen 22 Zeilen ist alles das ausgedrückt, was der Staat Israel und seine Bewohner bis- heute geleistet haben und mit welchen Gefahren diese Leistung verbunden war, verbunden ist und noch auf lange Zeit verbunden sein wird.

Die fruchtbare Wüste

Die Leistung: die Trockenlegung von Tausenden Quadratkilometern von durch Malaria verpesteten Sümpfen, die eine „kühn-emsige Völkerschaft” in grüne, fruchtbare Gefilde verwandelt hat, und der noch im Anfangsstadium befindliche Versuch, die Wüste des Negev — nicht weniger als die Hälfte des gesamten Staatsgebietes! — mit Hilfe großartiger Bewässerungsanalagen ebenfalls in grüne Gefilde umzugestalten. Diese „innere Kolonisation” hat es auch ermöglicht, in einem Lande, das nur so groß ist wie Niederösterreich, Räume für die Aufnahme von vielen Millionen von Neueinwanderern zu eröffnen. Der Staat Israel, der bei seiner Gründung vor 20 Jahren nur 650.000 Juden zählte, ist bei einer Bevölkerungszahl von über 2,7 Millionen Einwohnern angelangt und seine Fassungskraft ist noch in keiner Weise erschöpft.

Als „kühn-emsig” bezeichnet „Faust” die Bewohner seines Traumlandes, und man darf, ohne in den Fehler übertriebenen Selbstlobes zu verfallen, auch die Israelis als ein tapferes und fleißiges Volk bezeichnen, das sich Freiheit und Leben gegenüber der von draußen anrasenden Flut seiner Feinde täglich erobern muß. Aber diese Flut, manchmal durch Zeiten von Ebben unterbrochen, rast nicht erst seit der Gründung des Staates Israel vor 20 Jahren, denn dieser „junge” Staat ist um ein Vielfaches älter als sein offizieller Geburtstag.

Man könnte, besonders wenn man ein Freund kühner Geschichtskonstruktionen ist, die Wiedergeburt des Staates Israel von jenem heißen

Eine neue Aktivität der Konsumgenossenschaft Wien ist durch die gute Entwicklung des Unternehmens möglich geworden. Die KGW erzielte 1967 einen Umsatz von mehr als 1 Milliarde Schilling, das ist um 8,55 Prozent mehr als ein Jahr vorher, und übersteigt wesentlich die durchschnittliche Steigerungsrate der österreichischem Konsumgenossenschaften. Dieser Umsatz wurde dank der Konzentration mit lediglich 281 Filialen erzielt. Nahezu 70 Prozent des Jahresumsatzes entfielen auf Konsummärkte, Großraum- und Selbstbedienungsläden.

p.r.

Augusttage des Jahres 70 n. Chr. an rechnen, an dem der Tempel Salo- monis, von Her odes dem Großen prächtig erweitert, durch die Legionen Roms in Brand gesteckt und somit das leuchtendste Symbol jüdischer Eigenstaatlichkeit vernichtet wurde. Palästina wurde nun endgültig römische, später byzantinische und arabische Provinz, für kurze Zeit ein Kreuzfahrerkönigtum, fiel an die Araber zurück, wurde dem ottomanischen Kaiserreich einverleibt und zum Schluß englisches Mandatsgebiet.

Aber die Weltgeschichte, und vor allem die jüdische Geschichte, geht manchmal wunderbare Wege: der Vorsteher eines Jerusalemer Lehrhauses, Rabbi Jochanan ben Sakkai, der die drohende Vernichtung kommen sah, ließ sich, so lautet die Überlieferung, schon ein Jahr vor der endgültigen Katastrophe in einem Sarge durch die römischen Linien tragen, ersuchte um eine Unterredung mit dem Oberfeldherren Vespasian und sagte diesem seine Erhebung zum Kaiser voraus. Zugleich bat er um die Erlaubnis, ein neues Lehrhaus in Jawnesh, einem Städtchen südlich von Jaffa, errichten zu dürfen. Der geschmeichelte künftige Imperator gewährte dem wunderlichen Rabbi diese so bescheidene Bitte.

Hätte Vespasian, der ausgezogen war, um die Juden zu vernichten, geahnt, was er bewilligt hatte, wäre er vielleicht vorsichtiger gewesen, denn in Jawne wurde ein Gebilde geschaffen, daß sich als langlebiger und stärker als das Römische Imperium und manch andere Weltreiche erweisen sollte. Hier wurden die Grundsteine zu dem gelegt, was man später als die „Mauer um das Gesetz” bezeichnete; hier wurden die ersten Ketten jenes schmiegsamen aber undurchdringlichen Panzerhemdes geschmiedet, jenes auf das Leben in der Zerstreuung angepaßten Religionsgesetzes, das weit über das rein Glaubensmäßige hinaus, das Leben des Juden von seiner Geburt bis zu seinem Tode durch eine Fülle minutiösester Vorschriften regelt; hier entstand jener „Portativstaat”, den das jüdische Volk in den Jahrtausenden seiner Diaspora unter allen Völkern und in beinahe allen Teilen der Welt mit sich herumgetragen, der das Judentum als Religion und das jüdische Volk als Volk erhalten hat, mit seiner Sprache, dem Hebräischen, in der schon Gott vom Berge Sinai zu Moses sprach, mit seinen zehn Geboten, mit seinen Bitten, dreimal täglich im Gebet wiederholt, um die Rückkehr der Zerstreuten aus den vier Enden der Welt in das Land Israel,’, um das Blühen dieses wasserarmen Ländchens, seiner Felder und Weinberge, um Tau im regenlosen Sommer, um Regen im Winter — in diesem Lehrhaus und in all den Tausenden von Synagogen, die sich die Juden nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels errichtet haben, in all den Millionen jüdischer Familien, in denen diese Gebete gebetet, diese Wünsche gewünscht, die Hoffnungen gehofft wurden — hier „überwinterte” der Staat Israel in den Herzen der Bekenner des Judentums, aber nicht nur in ihren Herzen.

Von den Römern nie ganz aus Palästina vertrieben, versuchten Juden immer wieder in das Land ihrer Väter zurückzukehren, vor allem nach den furchtbaren Blutbädern, die die Kreuzfahrer in ihren Heimatländern und vor allem im Heiligen Land selbst unter der jüdischen Bevölkerung angerichtet hatten. So sammelte sich bald wieder eine ganz ansehnliche Anzahl von Juden im Lande ihrer Väter. Als Kaiser Franz Joseph im Jahre 1869 Jerusalem besuchte, hatte die Stadt schon eine jüdische Mehrheit, was der Kaiser etwas unwillig in seinem Tagebuch notierte. 1870 wurde die erste jüdische landwirtschaftliche Schule in Palästina gegründet und acht Jahre später das erste moderne jüdische Dorf, dem man den Namen Petach-Tikwah, das heißt „Tor der Hoffnung”, gab. Diese Hoffnung ist erfüllt worden und heute bestehen in Israel 700 blühende landwirtschaftliche Siedlungen, von denen nicht weniger als 600 auf genossenschaftlicher Basis organisiert sind.

„Und so verbringt, umrungen von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.”

Dr. Herzls Grundsteinlegung

Es kann nicht die Aufgabe dieser Zeilen sein, den Weg, der zur Gründung des Staates Israel vor 20 Jahren führte, im einzelnen zu beschreiben. Nur die wichtigsten Stationen seien angeführt: Im Jahre 1896 erschien im Verlage von M. Breitenstein, Wien IX, Währin- gerstraße 5, ein Büchlein unter dem Titel „Der Judenstaat, Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage”, als dessen Verfasser ein. gewisser Dr. Theodor Herzl, seines Zeichens Feuilletonredakteur der „Neuen Freien Presse” zeichnete. Am 29. August 1897 eröffnete Herzl den ersten Zionistenkongreß in Basel mit den Worten:

„Wir wollen den Grundstein legen zu dem Haus, das dereinst die jüdische Nation beherbergen wird”, und schloß ihn mit der großartigen, aber doch wohl etwas zu optimistischen Prophezeiung: „Wenn wir den Erniedrigten den Pflug in die Hand drücken wollen, ist es noch eine Frage, ob sie die Arbeit dem Elend und der Wehrlosigkeit vorziehen? Man frage sie! An dem Tage aber, wo wieder der Pflug in der erstarkten Hand der jüdischen Bauern ruht, ist die Judenfrage gelöst.” In seinem Tagebuch aber vermerkte er — und hier zeigt sich Herzl der Prophet in seiner ganzen Größe: „ln Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute la.ut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.”

In der Tat: Schon 20 Jahre nach jener Tagebucheintragung, am 2 November 1917, richtete Lord Balfour, der damalige britische Außenminister, ein Schreiben an Lord Rothschild, in dem die englische Regierung ihre Sympathie mit den jüdisch- zionistischen Bestrebungen zum Ausdruck brachte und versprach, die größten Anstrengungen zu machen, um eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen. Die Durchführung dieses Versprechens führte zu sehr hitzigen politischen und zum Schluß auch militärischen Auseinandersetzungen mit der britischen Mandatsregierung und den Arabern. Großbritannien sah sich am Ende des zweiten Weltkriegs genötigt, sein Mandat in die Hände der Vereinten Nationen zurückzulegen, und deren Generalversammlung beschloß mit der nötigen Zweidrittelmehrheit die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat.-Das war am 29. November 1947, auf den Tag genau 50 Jahre und drei Monate nach der Eröffnung des ersten Zionistenkongresses durch Theodor Herzl.

Dieser jüdische Staat, der den Namen Israel erhielt, wurde am 5. Ijar des Jahres 5708 jüdischer Zeitrechnung (15. Mai 1948), 1878 Jahre nach der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer unter dem Donner arabischer Kanonen und Fliegerbomben, denen die Israelis weder Geschütze noch Flugzeuge entgegenzusetzen hatten, feierlich proklamiert. Daß sie diesen Krieg und dann noch zwei weitere, in den Jahren 1956 und 1967, siegreich bestehen konnten, liegt wohl nicht zum Geringsten auch in der Tatsache begründet, daß Israel das einzige Land der Welt ist, in dem 65 Prozent der jüdischen Bevölkerung von der Arbeit seiner Hände lebt — in der Landwirtschaft, in der Industrie und im Bauwesen — und daß dort eine Jugend herangewachsen ist, kühn, emsig, schön und frei, und unbelastet von den Komplexen ihrer Brüder in den Ländern der Zerstreuung.

Wir haben diese Zeilen mit einem Zitat aus dem „Faust” begonnen und möchten sie mit einigen Worten aus „Wilhelm Meisters Wanderjahren” beschließen. Da heißt es:

„Das israelitische Volk … besitzt die meisten Fehler anderer Völker; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles, das nicht mehr gilt, an Zähigkeit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde; es ist, es war, es wird sein, um den Namen Gottes durch alle Zeiten zu verherrlichen.”

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