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Vom Zaun um das Judentum

Es gibt viele Arten, viele Möglichkeiten, das Judentum, das Phänomen seiner Existenz, zu verstehen. Daß dies überhaupt versucht werden mußte, versucht werden konnte, verweist auf die Besonderheit dieses Phänomens, die sich bei näherem Zusehen als Einzigartigkeit erweist. Manche Kulturen - die ägyptische, die chinesische fällt uns sofort ein - überlebte Jahrtausende, aber dort, wo sie aufgeblüht war, erlebte sie auch ihre großen Zeiten und ihren Niedergang. Religionen, welche „die Welt eroberten", verloren nicht ihre Rasis in geschlossenen Verbreitungsgebieten. Das Uberleben in der totalen Diaspora, in der Fremde ohne Rückhalt einer Heimat, zerstreut über die ganze Welt, über so lange Zeit, gelang nur dem Judentum.

Peter Daniel fand einen ebenso überzeugenden wie faszinierenden Zugang zum Verständnis dieses Phänomens: Das Judentum zog einen Zaun um sich und nahm ihn mit in alle Welt. Dieser Zaun bestand aus Normen. Die Normen des Judentums erwiesen sich als Überlebenskonzept. Angedeutet wurde dies schon des öfteren, konsequent durchgearbeitet und belegt hat es erst Daniel, in einem mit strenger Logik aufgebauten, den Leser intellektuell beanspruchenden und gerade darum fesselnden Buch mit dem Titel: „Zaun". (Daß ein solches Werk nur von einem engagierten Kleinverlag, nämlich der Edition Splitter, herausgebracht werden konnte, versteht sich angesichts der österreichischen Verlagsverhältnisse fast schon von selbst. Die Ausstattung ist besonders ästhetisch, es ist ein Genuß, das Buch in der Hand zu halten.)

Zur Wichtigkeit des Zauns für das Überleben des Judentums kommt noch etwas sehr wesentliches, was zwar nicht Thema des Buches ist, und woran Peter Daniel den Leser wohl gerade deshalb mit einem als Motto vorangestellten Satz von Edmond Jabes erinnert: „... Wenn es ein wahres Judentum gibt, so besteht es für mich in der Lehre des Fragens und in der Ablehnung verfestigter Sicherheiten." Das Werk endet denn auch mit einem Satz von Edmond Jabes:

Die Frage nach dem Wort, die Frage nach der Schrift, die Frage nach dem Buch sind Fragen an die Weiße, an die Leere, an das Nichts.

Was aber das Judentum gerade dem schweren Schicksal der Diaspora verdankt, fokussiert der zweite Motto-Satz von Vilem Flusser: „Seßhafte besitzen, und Nomaden erfahren."

Die Normen, so Albert H. Friedlander (mit Martin Buber) in seinem Vorwort, seien nicht Inhalt der Offenbarung, sondern die Antwort des Menschen auf die Offenbarung. Er spricht von der Progressiven Halacha. (Halacha: Weg, Wandel, „way of life".) Der Zaun sei nicht unveränderbar, neue unsichtbare Zäune bewahren die jüdische Identität. Daniel freilich kommt es auf das an, was sich nicht oder unmerkbar verändert. Er untersucht anhand einer Fülle von Quellen mit sorgfältig belegten Zitaten die jüdischen Vorschriften auf ihre isolierende, Assimilation behindernde Funktion: Den Zaun um die Tora, das Zelt, das Bild verbot. Das Judentum findet, so Daniel, seinen Ausdruck nicht so sehr in Inhalten wie in der Praxis des täglichen Lebens, vom Morgen bis zum Abend, von der Geburt bis zum Tode, und in der Beachtung des „Gesetzes" als Richtlinie.

„Zaun" ist ein Ruch jüdischer Selbstvergewisserung. Sein Nährboden ist, nach der Katastrophe der Schoah, die Besinnung auf das Eigene, Unverwechselbare, Unterscheidende, auf die in der jüdischen Religion wurzelnde jüdische Identität. Seine Perspektive ist, unausgesprochen, aber klar erkennbar, diejenige der Rückschau auf ein - um es locker auszudrücken - abgebrochenes historisches Experiment, das kaum 200 Jahre währte: die jüdische Emanzipation. Sie war, positiv besetzt, als von beiden Seiten mit Optimismus eingegangenes Wagnis, eine Frucht des 17. Jahrhunderts und einer Aufklärung, die den Entwicklungsschritt zu umfassender Toleranz und gegenseitiger Liebe niemals ganz schaffte, weshalb sich die Welt derzeit wieder davon entfernt.

Die gesellschaftliche Akzeptanz Moses Mendelssohns im Berlin Friedrichs IL, das Interesse für die ersten das Ghetto verlassenden Juden, das Aufblühen einer deutschjüdischen Kultur in den Berliner jüdischen Salons und das Abrücken deutscher Geistesgrößen wie etwa eines Humboldt von seinen jüdischen Freunden, das waren allerdings Ereignisse ganz weniger Jahrzehnte, nicht viel mehr als eines Menschenalters. Das sollten wir nie vergessen. Die Distanz, die dann plötzlich wieder zwischen den emanzipierten Jüdinnen und Juden und den sich plötzlich antifranzösisch ihres Deutschtums entsinnenden Dichtern und Denkern lag, hatte fatale Ähnlichkeit mit dem österreichischen Klima zwischen 1936 und 1938.

Gewiß setzte immer nur ein Teil der Juden auf Emanzipation vom Judentum. Aber sie hatten auch nie viel Zeit, diesen Weg unangefochten zu gehen. Der Antisemitismus war, mit weltgeschichtlich gesehen winzigen Pausen, stets da, und immer stark. Lessings „Nathan der Weise" blieb immer eine Utopie, in Zeiten klarer Luft schien sie zum Greifen nah, aber sie war nie erreichbar. Übrigens wäre es ein Unding, den Antisemitismus (oder den Haß irgendwelcher Nationalitäten, Religionsgemeinschaften, Gruppen auf irgendwelche andere) von den Verfolgten her verstehen zu wollen. Er ist nur von den Verfolgern her zu verstehen.

Und was nach jahrhundertelangem „friedlichem Zusammenleben" in Rosnien geschieht, entrückt die Hoffnung auf Dauer der kurzen Nathan-Phasen für alle Gemeinschaften von Nationalitäten, Religionen und Gruppen derzeit ins Reich der Utopie. Das Wienerische „I hab ja gar nix gegen die Juden" (oder wen auch immer) ist das beste, was von immer noch sehr vielen zu haben ist, und zwar in aller Welt, und es gilt auch immer nur auf meist baldigen Widerruf.

Man muß sich dies vergegenwärtigen, um, als NichtJude, zu verstehen, warum ein jüdischer Schriftsteller, bildender Künstler und Rechtswissenschaftler wie Peter Daniel den Zaun, den Moses dem Judentum schenkte, so genau nachzieht, und dies zu akzeptieren. Sein Buch dient nicht nur der jüdischen Selbstvergewisserung, sondern auch dem Verstehen jüdischer Identität. Für den nichtjüdischen Leser ist es eine Chance. Es hilft ihm, zu erkennen, als was er seinen jüdischen Nächsten tatsächlich liebt: Als Frau oder Mann ohne Eigenschaften, als den jeder Besonderheit beraubten, angepaßten Menschen, Teil einer amorphen Gesellschaft - oder als Eigenen, Unverwechselbaren, Unterschiedenen. Es wird damit auch zum Prüfstein unserer Offenheit und unserer Freiheit, denn Gesellschaften ohne Antisemitismus waren und sind, wie etwa traditionell Amsterdam, stets offene Gesellschaften selbstbewußter, relativ angstfreier Menschen.

Als bildender Künstler entwickelte Peter Daniel für sich eine besondere Ausdrucksform (LAB-ART, worin das Laboratorium und das Labyrinth anklingt), in der Schriftzeichen eine wichtige Rolle spielen. Das Selbstporträt auf dieser Seite war im vergangenen Herbst in einer Ausstellung von Arbeiten Daniels in der Blau-Gelben Galerie zu sehen.

ZAUN

Normen als Zaun um das jüdische Volk Zum Phänomen der Zeilüberdauer des Judentums Von Peter Daniel, Edition Splitter, Wien 1995. 144 Seiten, Ln, öS 420,-

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