Jüdisch sein  - © Foto: IMAGNO/Sammlung Hubmann

Jüdisch-Sein: mehr als eine Identität

1945 1960 1980 2000 2020

Jüdisches Selbstverständnis steht oft im spannungsreichen Verhältnis zu anderen Zugehörigkeiten. Über den Umgang mit vielschichtigen Wurzeln.

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Jüdisches Selbstverständnis steht oft im spannungsreichen Verhältnis zu anderen Zugehörigkeiten. Über den Umgang mit vielschichtigen Wurzeln.

Auch wenn ich nicht stolz darauf bin, bin ich ein Jude, dann bin ich lieber gleich stolz", lautete das Credo des Schriftstellers, Übersetzers und Drehbuchautors Friedrich Torberg. Dieser tiefsinnige und vielschichtige Ausspruch hat nichts an Gültigkeit eingebüßt, auch wenn er vor Jahrzehnten getätigt wurde. Nur das Wörtchen "stolz" könnte in diesem Zusammenhang als "überheblich" interpretiert und daher falsch verstanden werden. Torberg plädierte eindeutig für ein klares und selbstbewusstes Bekenntnis zum Jüdisch-Sein. Er verachtete Kollegen ebenso wie Politiker, wenn er ihnen bei krampfhaften Ablösungsversuchen oder beim würdelosen Anbiedern zusehen musste. Er wusste, dass das Judentum kein Sportclub war, aus dem man nach eigenem Belieben austreten konnte. Und wenn man es auch auf dem Papier tat, an der Außenwahrnehmung änderte das nichts.

Für Torberg war, anders als für viele jüdische Autoren seiner Generation, das Judentum nicht bloß ein Zufall der Geburt. Es prägte ihn und sein Werk. Zwar war er nicht religiös, stand, wie er sagte, "zum lieben Gott bestenfalls in einem Verhältnis wohlwollender Neutralität." Aber das tat der Treue zu seinen Wurzeln keinen Abbruch: "Ich gehöre weder zu jenen Juden, die erst den Hitler gebraucht haben, um dahinter zu kommen, dass sie es sind, noch zu jenen, die es sich von Hitler, nicht vorschreiben' ließen."

Religiöses vs. nationales Selbstverständnis

Wenn man das Torberg'sche Selbstbewusstsein beherzigt, fällt es sicher leichter, die jüdische Identität positiv zu besetzen und zu leben. Aber woher diese Festigkeit nehmen? Eine hilfreiche Säule ist die Religion: Wenn man als jüdische Gymnasiastin in Wien der neugierigen Freundin erklären kann, warum man diesen Feiertag begeht und daher schulfrei hat, um in die Synagoge zu gehen, bringt das zuerst Verständnis und dann Akzeptanz. So entsteht eine gewisse Sicherheit gegenüber der Außenwelt: Man stellt sich diesem Thema proaktiv und problemlos, auch auf dem späteren Lebensweg.

Schwierig kann es für eine jüdische Jugendliche werden, wenn noch eine (vermeintlich gültige) nationale Identität dazukommt, die nicht österreichisch ist. Klischeehafte Vorurteile bekommen sofort Aufwind: Warum ist die Schülerin frech? Vor allem als Jüdin, oder nur als temperamentvolle Ungarin? Was soll man sich aus diesen Identitäten aussuchen?

Es hilft jedenfalls, die mehrfachen Identitäten nicht gegeneinander ausspielen zu lassen: Denn sie sind zumeist gleichwertig und auch einsatzbereit je nach innerem Bedarf oder äußerer Nachfrage. "Jede und jeder kann eine katholische und eine österreichische, eine sozialdemokratische und eine regionale, eine europäische und eine genderspezifische Identität miteinander verbinden", befindet der Politologe Anton Pelinka. "Ja, nicht nur kann: In der gesellschaftlichen Realität ist niemand, kann niemand Träger oder Trägerin einer einzigen Identität sein. Jede und jeder verbindet in sich einen Mix aus Identitäten, aus denen bald mehr die eine, dann wieder mehr die andere im Vordergrund steht."

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