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Konfrontation mit dem Erbe des Holocaust

Die Erinnerung an den Holocaust wird zum Erbe künftiger Generationen werden, zur Wahrung des Andenkens an die ausgelöschten jüdischen Gemeinden zwischen den Pyrenäen und der Wolga. In der Erinnerung an Vergangenes, wie überhaupt in allem, was wir zur Kenntnis nehmen, gibt es jedoch keine standpunktfreie Perspektive, denn was wir wahrnehmen, wird immer von unterschiedlichen Standpunkten wahrgenommen.

Das rechtfertigt jedoch keineswegs einen unbeschränkten Subjektivismus, denn mit Hilfe der Sprache ist auch Verständigung bezüglich unterschiedlicher Standpunkte und Perspektiven möglich. Die Zahl der möglichen Standpunkte und Perspektiven ist begrenzt. Allerdings beansprucht Verständigung über unterschiedliche Perspektiven die Intelligenz und die Moral in einer Weise, die Unterhaltungsfilmen fremd ist.

Uberlieferung von Vergangenem ist nur in Wort und Schrift sinnvoll und nicht in Filmen, die der kurzfristigen Unterhaltung dienen: Filme sind fiir Analphabeten. Wir Juden sind das Volk des Buches. Das Bewußtsein unserer Identität bestimmt den Standpunkt, von dem wir die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen.

Alle Lebewesen, ob Pflanzen oder Tiere, haben genetische Identität. Nur Menschen haben außerdem eine kulturelle Identität. Diese beruht auf der angeborenen Fähigkeit zum Lernen. Unter „Kultur" verstehen wir alles, was Menschen gelernt und aufgrund von Erlerntem geschaffen haben.

Sozialwissenschaftlich unterscheiden wir zwischen religiöser und sprachlicher Identität, denn es sind sprachliche und religiöse Unterschiede, welche Menschen miteinander verbinden oder voneinander trennen. Folglich ist sprachlicher und religiöser Pluralismus eine ständige Quelle von Spannungen und Konflikten auf gesellschaftlicher Ebene und auf der Ebene der Psyche des einzelnen. Ersteres in der Form von Religionskriegen und Sprachenkon-flikten und Letzteres in der horm von Spannungen zwischen Tradition und Assimilation.

In dieser Zeit von rapidem gesellschaftlichem Wandel und überaus intensiven Kontakten zwischen Menschen mit unterschiedlicher kultureller Identität erleben alle Menschen auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene die Spannungen zwischen überlieferter Tradition und kultureller Assimilation. Erfolgreiche Bewältigung dieser Spannungen kann schöpferische Leistungen anregen.

Manche werden jedoch von diesen Spannungen überwältigt, und ihre kulturelle Identität verkümmert. Verkümmerte kulturelle Identität kann zu einer Uberbewertung genetischer Identität führen, mit einer dementsprechenden Abwertung kultureller oder menschlicher Identität.

Unsere kulturelle Identität als österreichische Juden: Hier kann ich nur eine Suche nach Fragen anregen, deren Beantwortung der Orientierung dienen soll, denn vor allem in der religiösen Identität der emanzipierten Juden wird die Spannung zwischen überlieferter Tradition und Assimilation besonders offensichtlich. Diese Spannung fördert schöpferische Leistung, aber sie belastet. Hier tritt die universelle Spannung zwischen „Sein" und „Sollen" besonders kraß in Erscheinung.

Wir haben hier zahlreiche Vorschläge und Programme, die entweder für gezielte Assimilation plädieren oder für eine kompulsive Pflege der Riten überlieferter Tradition. Bei diesen Vorschlägen wird jedoch übersehen, daß der Spielraum zwischen strikter Pflege der Tradition einerseits und bewußt gezielter Assimilation ziemlich eng ist. Ein zwanghaftes Einhalten von Riten, deren tieferen Sinn man nicht verinner-licht hat, lähmt den Geist ebenso wie die Versuche einer gezielten Verleugnung von Herkunft und Tradition. Dabei schlägt eine Art der Fehlanpassung leicht in das entgegengesetzte Extrem um.

In einer Welt im Wandel wird überlieferte Tradition ständig mit neuen Fragen und Problemen konfrontiert, die nicht ohne weiteres in ein überliefertes Schema passen. Als agnostischer Jude und kritischer Sozialwissenschaftler möchte ich jedoch feststellen, daß die Uberlieferung des Alten und des Neuen Testaments unserer Orientierung dienlicher ist, als die verschiedenen anmaßenden Fortschrittsideologien, die seinerzeit im Sog von wissenschaftlichem und technischem Fortschritt entstanden sind und die sich allesamt als Irrlichter erwiesen haben.

Was die sprachliche Identität des Judentums betrifft, wäre es eine lohnende Aufgabe Tür Historiker, eine systematische Ubersicht über die verschiedenen sprachlichen Identitäten aufzuarbeiten, welche jüdische Gemeinden in den verschiedenen Teilen der Welt zu verschiedenen Zeiten charakterisiert haben und die bisweilen bemerkenswerte Spuren im gegenwärtigen Sprachgebrauch hinterlassen haben.

Die sprachliche Identität der Vorfahren der österreichischen Juden war wohl in den meisten Fällen das Jiddische. Hier bildete sprachliche und religiöse Identität eine nahtlose Ganzheit, die im Zuge von Emanzipation und Assimilation verschwunden ist. Bis zum Holocaust war das Jiddische die Volkssprache in den jüdischen Siedlungen Osteuropas. Hier hat der Massenmord tatsächlich ein Ende herbeigerührt.

Zurückgeblieben ist jedoch eine große Literatur,die in der Ubersetzung zugänglich ist. Uber diese Literatur können wir und kommende Generationen einen Bezug zu den Märtyrern des Holocaust herstellen und über sie hinaus zu der jahrtausendalten Tradition, aus der diese Literatur hervorgegangen ist.

Die sprachliche Identität der österreichischen Juden ist eindeutig: Sprachlich sind wir Deutsche. Die zahllosen Versuche, zwischen Sprachgebrauch und kultureller Identität einen Trennungsstrich zu ziehen, sind so unfruchtbar wie die verschiedenen Debatten über Definitionen von Begriffen wie „Volk" und „Nation", in denen die Bedeutung sprachlicher Identität bisweilen abgewertet wird. Derartige Versuche gingen häufig vom deutschen Nationalsozialismus aus, um das Deutschtum von Blut und Boden von „artfremdem" Deutschtum zu unterscheiden.

Bedauerlicherweise diente dieser Anspruch des Nationalsozialismus, mit dem Deutschtum identisch zu sein, als Alibi nir unmenschliche Pauschalmaßnahmen gegen Deutsche in der Form von mörderischen Luftangriffen während des Krieges und von unverzeihlichen Massenvertreibungen nach dem Krieg.

Tragisch war auch, wie manche deutsche Juden in der Emigration unter dem Eindruck einer Identität von Deutschtum mit Nationalsozialismus krampfhaft versucht haben, ihre sprachliche Identität abzuschütteln und zu verleugnen - bisweilen ohne einer anderen Sprache mächtig zu sein. Für österreichische Juden vereinfachte sich diese Problematik in der Emigration durch Identifizierung als Österreicher.

In ihrer Geschichte haben Juden immer schon die Spannungen zwischen Uberlieferter Tradition und kultureller Assimilation konfrontiert. Das Alte Testament berichtet von der ständigen Konfrontation mit Götzendienst und Magie. Vor allem in der Diaspora erscheinen Spannungen zwischen Pflege der überlieferten Tradition und Assimilation als ständige kulturelle und moralische Herausforderung.

Es ist eine Epik eigener Art, wie sich die jüdische Identität in dieser Spannung gewandelt und doch erhalten hat. Die Erinnerung an den Holocaust wird nun ein Teil dieser Epik. f Der A utor ist ao. Professor am Institut für Soziologie der Universität Wien)

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