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Neue Ansätze fur Politik, Sexualethik

Ein tiefgreifender Wandel vollzieht sich in der Gegenwart vor unseren Augen: Das lange Zeit vorherrschende naturwissenschaftlich-mechanistische Weltbild löst sich auf. Gegen die bei uns im Westen weithin praktizierte Philosophie des Egoismus unter dem Motto „Jeder für sich“ lehnt sich immer stärker ein aktiver Teil der jungen Generation auf — gerade wache junge Menschen spüren, was der Arzt und Philosoph Viktor Frankl so formuliert hat: „Der Mensch wird erst er selbst, wenn er sich für andere einzusetzen beginnt.“ Zahlreiche Initiativen für Behinderte, Arme, Alte, Kranke stehen unter diesem Zeichen, Gruppen mit dem Ziel des freiwilligen Konsumverzichtes und der Selbstbesteuerung zugunsten der Dritten Welt bilden sich, und die Jungen sind es vor allem, die Soli-

darität mit den Unterdrückten, den Gefangenen, mit den Hungernden in aller Welt praktizieren.

Auf diese Weise wächst Christentum in unserer Zeit in vielfältiger Gestalt. Und ganz neue Herausforderungen ergeben sich:

1) Christen der Gegenwart stehen vor der Aufgabe, die Fülle rasch wechselnder Ideen, Bewegungen und Strömungen unserer Zeit mit Interesse, mit Aufmerksamkeit und ohne Vorurteil zu prüfen. Christen wissen: Menschliche Bemühungen sind in der Regel eine Mischung aus Wahrheit und Irrtum. Daher gilt es, jeweils herauszufinden, wo es Ansätze neuer Ideen gibt, die man ernstnehmen muß, und was als nebensächliches Schnörkel zu beurteilen oder als Überspitzung und bedenkliche Verabsolutierung abzulehnen ist.

2) In den Herausforderungen unserer Zeit brauchen gerade Christen den prüfenden, kritischen Verstand. Freilich sollen sie sich nicht allein darauf verlassen, was das eigene Ich durch kriti-

sches Denken erkennt. In diesen Grenzen sollte aber die Notwendigkeit kritischer Rationalität außer Streit stehen. Auch innerhalb der Kirche. Auf den Glauben bezogen, heißt das:

In einer vielfach ungläubig gewordenen Umwelt werden Christen nur mit einem reflektierten Glauben bestehen können. Dazu brauchen wir eine gute, profunde Theologie. Dazu brauchen wir wissenschaftlich fundierte Umsetzungen christlichen Denkens in die Philosophie, Pädagogik, usw. Jozef Tischner schreibt dazu in seinem Buch „Der unmögliche Dialog“:

„Die Kirche in Polen begriff, daß die Glaubenskraft des einfachen Volkes ohne die Reflexion der Intellektuellen, der Schriftsteller, der Schöpfer der nationalen Kultur blind sein würde;… “

Wenn mich nicht alles täuscht, haben wir in der Kirche in Österreich diese Erkenntnis nicht in ähnlicher Klarheit ausgebildet. Im Gegenteil: Die gegenwärtige irrationale Welle fördert da und dort einen bei uns ohnehin recht tief sitzenden anti-intellektuellen Affekt und produziert Wunschträume, nun mögen doch auch in der Kirche recht bald diese „dummen kritischen Fragen verstummen“.

3) Kritisches Denken sollte durch emotionale Bindungen in der Balance gehalten werden. Das bedeutet: Bei aller Notwendigkeit des kritischen Denkens muß die Fähigkeit intakt bleiben oder neu entdeckt werden, sich einer Vorgefundenen Lebensordnung einzufügen: Denn Verwurzelung ist im Regelfall wichtiger als Verweigerung, so mahnt Wolfgang Brezinka, Bejahung hat Vorrang vor Verneinung.

4) Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist allen Menschen, auch und gerade den Christen, aufgegeben. Sie haben nicht nur verbal, sondern tatsächlich Solidarität zu beweisen mit den Unterdrückten und Bedrohten in aller Welt. Christen sollten aber auch immer wissen, daß Politik ein weltlich’ Ding ist. Politik ist ein wichtiger, aber partieller Aspekt, der nicht zum universalen Horizont des Christentums aufgebauscht werden soll, schreibt der evangelische Theologe Heinz Zähmt.

In einer Zeit, in der politische Ideen oft und gerne verabsolutiert werden, sollten Christen mithelfen, die Politik insgesamt zu relativieren, zu entdramatisieren: „In dem Wissen, daß auch die beste politische Lösung nicht das Reich Gottes ist, und in dem Wissen, daß die irdischen Dinge sehr gebrechlich sind…”

5) Eine Herausforderung besonderer Art stellt die radikale Änderung im Sexualverhalten vieler Menschen dar. In anderen Lebensbereichen haben sich die nacheinander anbrandenden Wellen der rasch ändernden Zeitströmungen in den letzten Jahren wenigstens teilweise gegenseitig neutralisiert. Im sexuellen Verhalten hingegen haben sich die diversen ideologisch bestimmten Strömungen addiert, ja sogar multipliziert. Die Konsequenz: Die Beziehungen zwischen Mann und Frau veränderten sich weitgehend.

Ich habe den Eindruck, daß die Kirche auf diesem Gebiet in besonderer Weise ratlos ist. So schweigt ein Teil der Religionslehrer und Seelsorger, andere wollen zurück zu den rigorosen Verboten der Vergangenheit. Auch die Eltern sind zum allergrößten Teil ratlos, auch verzweifelt, und diese Unsicherheit überträgt sich noch zusätzlich auf die Jungen.

Die Absicht diverser ^Sexual- Befreier“, mit Hilfe von Verhaltensänderungen im Bereich der Sexualität unsere Gesellschaftsordnung aus den Angeln zu heben, läßt die Brisanz des Themas erkennen, die weit über die Kategorien der Sexualmoral hinausführt.

Währenddessen geht aus allen Umfragen hervor, daß die meisten jungen Leute eine vorhandene Liebesbeziehung zur Grundbedingung von sexuellen Kontakten machen; auch die Treue in den Partnerschaftsbeziehungen ist für die allermeisten Jugendlichen wichtig. Und: Die Institution der Ehe wird von mehr als 80% der Burschen und von fast 90% der Mädchen bejaht. Als wichtigste Eigenschaft eines Partners nennen junge Menschen immer wieder die Zärtlichkeit.

Daraus müßten Ansätze für eine Sexualethik gewonnen werden können, die jenseits der Prüderie und der sexuellen Gehemmtheit vergangener Generationen das neue Leibgefühl der Jungen respektiert, und doch Grundsätzliches auszusagen vermag und auch von Jugendlichen verstanden und angenommen werden kann.

6) Eine meist übersehene Herausforderung der Gegenwart besteht darin, daß zur Zeit in erster Linie über Methoden, nicht aber über Inhalte nachgedacht und diskutiert wird. So heißt es z. B. nach Wahlniederlagen politischer Parteien meistens, die „Verpak-

kung“ sei eben mangelhaft gewesen.

In der Kirche ergeben sich ähnliche Phänomene: Wieviel Eifer wurde seit 1945 darauf verwendet, neue pastorale Methoden einzurichten. Zahllose neue Gemeinden wurden gegründet, Beratungsstellen aller Art eingerichtet, Glaubensinformationen verbreitet.

Es gibt Jazzmessen und lateinische Hochämter, Touristenseelsorger in Campinglagern und Zirkuspfarrer in Manegen. Noch kaum je zuvor in der Kirchengeschichte sind so gewaltige Anstrengungen in der Pastoral unternommen worden, sodaß schon von binem „Pastoral-Katholizis- mus“ die Rede ist.

Die Frage drängt sich auf: Haben wir dabei vielleicht allzu sehr da? Methodische gesehen und überbetont? Haben wir z. B. eine Zeitlang nicht gemeint, mit Methoden der Gruppendynamik den Stein der Weisen zu finden? Ist dię innerkirchliche Auseinandersetzung um Fragen der Empfängnisverhütung nicht nur, aber auch eine Methodenfrage, an der sich in schmerzlicher Weise die Geister scheiden?

Solche unbequeme Fragen sollten darauf aufmerksam machen, daß auch beim kommenden österreichischen Katholikentag die Sorge um die Regie und Inszenierung die vorrangige Frage nach dem Inhalt überwuchern könnte…

Auszug aus einem Referat, das der Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ bei der österr. Pastoraltagung in Wien hielt.

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