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75 Jahre DIE FURCHE

DISKURS
Kinderlager Lodz - © Foto: picturedesk.com / Ullstein Bild / ullstein - PAI-Foto.pl

Antisemitismus: Es ist nie ganz weg, was einmal war

1945 1960 1980 2000 2020

Auch nach der Schoa war der Judenhass im jüdisch-christlich geprägten Europa nie verschwunden. Heute offenbart er sich teilweise in neuem Gewand. Über verschämten und unverschämten Antisemitismus.

1945 1960 1980 2000 2020

Auch nach der Schoa war der Judenhass im jüdisch-christlich geprägten Europa nie verschwunden. Heute offenbart er sich teilweise in neuem Gewand. Über verschämten und unverschämten Antisemitismus.

Als der ORF 1986 „Shoah“ von Claude Lanzmann ausstrahlte, gab es begleitend einen Club 2. Unter den Gästen saß eine ältere Frau, die in ihrer Jugend Nationalsozialistin gewesen war und die sich selbst als schon lange „bekehrt“ bezeichnet hat. Und das war sie auch. Sie lehnte in ihren Wortmeldungen den Antisemitismus entschieden ab und wollte auch die Menschen zu Hause davon überzeugen, dass dies ein schrecklicher Irrweg sei. Doch einmal sagte sie zwischendurch ganz knapp: „Aber eins sag ich Ihnen auch: Die Juden sollen nicht wieder frech werden.“ Anschließend war sie wieder bekehrt.

Ich erinnere mich an meine Verblüffung und an ein nachfolgendes Gespräch mit Hermann Langbein, der am Club 2 teilgenommen hatte. Langbein war weniger erstaunt und erklärte mir, er sei schon öfter diesem Typus begegnet: Menschen, die ihr einstiges Denken abgelegt hatten und das auch anderen mitteilen. Doch gelegentlich kommt ein Rückfall. Und sie bemerken es selber nicht. Weil: Ganz weg ist es nicht, was einmal war.

Mir kam vor – so habe ich es damals formuliert –, in einem solchen Kopf geht es zu wie in einer Gulaschkanone. Alles brodelt wild durcheinander und wirft Blasen. Und welche gerade hochsteigt, entzieht sich der Kontrolle. Ist aber in jedem Fall „nicht bös gemeint“. Nicht bös gemeint ist auch ein wiederkehrender Stehsatz, der beginnt mit: „Ich hab ja nichts gegen die Juden, aber . . .“ Was darauf folgt, ist fast immer lupenrein antisemitisch, was aber den Rednern selbst nicht bewusst wird, weil sie sich mit „Ich hab ja nichts gegen die Juden“ als ausreichend immunisiert wähnen. Doch das können sie gar nicht sein.

Streitpunkt Luegerdenkmal

Das hängt mit den letzten 1000 Jahren unserer Geschichte zusammen, in deren Verlauf der Judenhass den Menschen in Europa derart in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass eine Mehrheit nichts Besonderes daran gefunden hat. Ein aktuelles Beispiel: das Lueger-Denkmal in Wien, bald nach seinem Tod geschaffen, ein mächtiges Monument in der Wiener Innenstadt. Dass darin die Hetze des Wiener Bürgermeisters gegen Juden, womit er bei einem beträchtlichen Teil der Wiener Bevölkerung äußerst erfolgreich war und womit er seine christlich-soziale Partei bis zu ihrem kläglichen Ende 1934 zu einer hasserfüllten Antisemitenpartei gemacht hat – dass das alles im Denkmal nicht vorkommt, erstaunt nicht.

Erstaunlicher ist schon, dass das auch nach der Schoa durch Jahrzehnte nicht ausreichend irritiert hat. Es gab seit den frühen 1990er Jahren den Streit um den Luegerring. Auch da hat es zwei Jahrzehnte gedauert, bis die Gemeinde Wien sich 2012 zur Umbenennung durchringen konnte. Parallel dazu lief die Diskussion um das Denkmal, war aber nie besonders intensiv. Das kam erst durch eine internationale Entwicklung, die mit Antisemitismus nicht direkt zu tun hat: die Denkmalstürze im Westen, ausgelöst von #MeToo und vor allem der Ermordung von George Floyd durch die Polizei.

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