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Vergangenheit?

Für Deutsche wie für Juden ist das Ergebnis der Massenvernichtung ziun Ausgangspunkt ihres Selbstverständnisses geworden; eine Art gegensätzlicher Gemeinsamkeit — ob sie es wollen oder nicht… Das wohlfeile und zukunftsfrohe Begehren, größere, zunehmende Distanz zum Ereignis Auschwitz werde die Erinnerung an das Grauen lindern, das Bewußtsein vom Alp jenes Zivilisationsbruches schwächen, hat sich nicht bewahrheitet. Die Er-, innerung an Auschwitz, die Präsenz jenes euphemistisch als „Vergangenheit" apostrophierten Geschehens, ergreift verstärkt Besitz vom in Richtung Zukunft flüchtigen Bewußtsein. So mag es scheinen, das einer vergangenen Ereignisgeschichte zugehörige Phänomen Auschwitz habe seine bewußtseinsstiftende Zukunft erst noch vor sich… Mit zunehmender Entfernung treten seine Umrisse deutlicher aus dem benebelten Schock hervor, den Auschwitz für den westlichen Kulturbereich überhaupt bedeutet.

Aus: ..Negative Symbiose - Deutsche und Juden nach Auschwitz" in .Babylon - Beiträge zur jüdischen Gegenwart".

heißt, daß das ,3eil von den Juden kommt". Bedenkt man, wieviel Leid der Vorwurf des Gottesmordes über das jüdische Volk gebracht hat, muß man gleichzeitig beachten, daß Petrus selbst laut Apostelgeschichte 3,17 den Repräsentanten des Judentimis bei der Verurteilung Jesu „Unwissenheit" und nicht schuldhaftes Verhalten attestiert hat. Dieses Verständnis kam nicht zum Durchbruch, ganz im Gegenteil zeichnete sich der christliche Antijudaismus gegenüber dem älteren heidnischen durch noch mehr Unduldsamkeit aus. «j

Durch die enge Verflechtung von Kirche und Staat in einer sakral verfaßten Staatsgesellschaft wurden die Juden durch ihre religiöse Andersartigkeit auch zu Außenseitern der Gesellschaft, denen schon nach dem Codex Theodosianus vom Jahre 438 eine obrigkeitliche Stellung über einen Christen untersagt war. Die Polemik gegen die Juden gehörte seit dem zweiten Jahrhundert zum ständigen Repertoire christlicher Theologen. Ursprünglich rein theologische Aussagen erhielten im Laufe der Jahrhunderte eine handfeste rechtliche Basis, die es den Herrschenden ermöglichte, die Juden nach Belieben auszuplündern, zu vertreiben, selbst zu töten.

Ihre Aufgabe bestand ausschließlich darin, die Kassen der Herrschenden mit Geldmitteln zu versorgen, für deren Aufbringung seit dem 13. Jahrhundert die Juden verantwortlich waren, wodurch sie in einen wirtschaftlichen Antagonismus zur übrigen Bevölkenmg gedrängt wurden.

Die Vereinigung von religiösem und wirtschaftlichem Antagonismus kam seit dem 12. und 13. Jahrhundert auch durch die typischen spätmittelalterlichen Beschuldi-gimgen gegen die Juden zum Ausdruck: Ritualmord, Hostienschändung, Brunnenvergiftung. Wie die mittelalterlichen Juden die Verteufelungen und Anfeindungen ihrer christlichen Umwelt erlebten, zeigt in ergreifender Weise eine Schreibereintragung in einer 1299 in Süddeutschland geschriebenen hebräischen Bibel im Besitz der österreichischen

Nationalbibliothek (cod hebr 16): „Ich begann… in dem Jahre, da unsere Hand schwach wurde imd unsere Kraft nachließ, am Tage des Zornes des Herrn. Die heiligen Gemeinden wurden zerstört, und meine Freunde, das heilige Volk, wiu-den ermordet, auch in den nicht befestigten Ortschaften gar zahlreiche. Insgesamt wurden 146 Gemeinden zerstört. Auf Raub waren sie aus und ließen nichts übrig. Mir unglücklichem Abersüß wurden meine Frau und meine beiden Kinder ermordet".

Mitte des 14. Jahrhunderts erlitten Tausende Juden den Märty-rertöd, weil Juden angeblich die Brunnen vergiftet hätten, im 19. Jahrhimdert und in der ersten Hälfte des zwanzigsten sah man im wirtschaftlichen Liberalismus, im Kapitalismus und Kommunismus das Werkzeug der Juden, und die neueste Ausformung vom Mythos der jüdischen Weltverschwörung motiviert sich als AntiZionismus.

Der christliche Antisemitismus bediente und bedient sich, wo er geäußert wird, auch heute religiöser Motivation. Noch in den dreißiger Jahren erschien in Graz mit kirchlicher Druckgenehmigung ein Pamphlet, das die Juden mit dem Antichrist gleichsetzt. In dieselbe Richtung weist eine Schmähschrift „Verschwörung gegen die Kirche", die an die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils anonym verteilt wurde, um die Konzilserklärung über die Juden zu verhindern. Dennoch hat seit Ende des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus keine christliche Basis mehr. Unter dem Einfluß des Darwinismus entstand dafür der rassische Antisemitismus. Jetzt waren Juden imd Christen, soweit sie ihren biblischen Glauben ernst nahmen, gemeinsam auf der Anklagebank. Doch viele Christen verstanden diese Tatsache nicht rechtzeitig und suchten ein Arrangement mit dem nationalsozialistischen System. Nach der Katastrophe.versuchten und versuchen viele, das Gesehene und Erlebte zu verdrängen, statt die Ursachen für ihr Fehlverhalten zu ergründen.

Der Autor ist Ordinarius für Judaistik an der Universität Wien.

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