Enthüllung_Mahnmal_zum_'Entjudungsinstitut' - © Archiv der Stiftung Lutherhaus Eisenach / Alexandra Husemeyer

Bibel, antijüdisch übersetzt

1945 1960 1980 2000 2020

Am 17. Jänner begehen die christlichen Kirchen auch in Österreich den „Tag des Judentums“. Ein Anlass, sich mit Antijudaismen auseinanderzusetzen, die sich durch falsche Bibelübersetzungen hartnäckig halten.

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Am 17. Jänner begehen die christlichen Kirchen auch in Österreich den „Tag des Judentums“. Ein Anlass, sich mit Antijudaismen auseinanderzusetzen, die sich durch falsche Bibelübersetzungen hartnäckig halten.

Das Neue Testament gilt als judenfeindlicher Text. Der katholische Theologe Michael Theobald warnt angesichts alternativer, weniger judenfeindlicher Übersetzungsvorschläge davor, gutmeinend die judenfeindliche Schärfe des Neuen Testaments zu verharmlosen. Man dürfe diese Stellen nicht „weginterpretieren“, vielmehr müsse man diese Stellen erklärend kommentieren.

Die Aussage des Paulus im 1. Thessalonicherbrief in der Version der neuen Einheitsübersetzung klingt erschreckend judenfeindlich (1 Thess 2,14–15): „Denn, Brüder und Schwestern, ihr seid dem Beispiel der Gemeinden Gottes in Judäa gefolgt, die in Christus Jesus sind. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden. Diese haben Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen.“

Das Demonstrativpronomen „diese“ ist bei dieser Satzkonstruktion im Deutschen ein Ganzheitsausdruck. Paulus scheint deshalb einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Christen und „den Juden“ zu konstruieren, indem er innerhalb des Judentums keine Sympathisantinnen und Sympathisanten der neuen Bewegung mehr sieht. In einer Anmerkung zur Stelle wird festgehalten: „Zum rechten Verständnis ist zu bedenken, dass Paulus hier selbst als Jude spricht, der über die ablehnende Haltung vieler jüdischer Glaubensbrüder verzweifelt ist. Konkrete Erfahrungen der Ablehnung stehen im Hintergrund.“

Bereits vor mehr als drei Jahrzehnten hatte jedoch der amerikanische Philologe Frank Gilliard darauf hingewiesen, dass die griechische Partizipialkonstruktion partitive Bedeutung habe. Was wissenschaftlich zunächst kompliziert klingt, ist einfach zu übersetzen. Statt „wie jene von den Juden. Diese haben“ ist natürlich so zu übertragen: „wie jene von einigen unter den Juden. Diese haben“. Paulus differenziert selbstverständlich innerhalb des Judentums. Der Vorteil dieser philologisch präzisen Übersetzung ist, dass Paulus das Judentum nicht pauschal angreift. Warum derartige, philologisch begründete Verbesserungsvorschläge – gerade auch angesichts der Anmerkung – als „gutmeinend“ und „verharmlosend“ abgetan oder ignoriert werden, bleibt ein Rätsel.

NS-Propaganda wirkt bis heute

Auch die Härte der folgenden Formulierung ist erst einmal nur schwerlich wegzudiskutieren: „Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen.“ Mit dieser Übersetzungsentscheidung ist die Einheitsübersetzung nicht alleine, die Bibel in gerechter Sprache, die ja bewusst judenfreundlich überträgt, bietet hier: „Sie … gefallen Gott nicht, sind allen Menschen feind.“ Der Text ist hart und zeigt, wie die Übersetzerinnen und Übersetzer Paulus verstehen: Er sieht die Juden als „Feinde der Menschen“.

Dass der Jude der Feind aller Menschen (und besonders der Deutschen) ist, ist ein bekanntes Motiv nationalsozialistischer Propaganda. Angesichts der Tatsache, dass Zitate aus dem Neuen Testament in der nationalsozialistischen Propaganda verwendet wurden, sind natürlich gerade nationalsozialistische Theologen und deren Übersetzung des Neuen Testaments beachtenswert.

Der evangelische Theologe Walter Grundmann war seit 1930 NSDAP-Mitglied und seit 1934 förderndes Mitglied der SA. Er wurde der erste wissenschaftliche Direktor des in kirchlicher Trägerschaft stehenden „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, das auch als Eisenacher „Entjudungsinstitut“ bezeichnet wird. Im Jahr 1940 wurde dort ein eklektisches Neues Testament mit dem Titel „Botschaft Gottes“ herausgeben, das von jüdischem Einfluss möglichst weitgehend gereinigt worden war. Klaus Dicke bezeichnete deshalb die Tätigkeit Grundmanns im Jahr 2007 als „rassistischen Verrat am Evangelium“. Seit 2019 hält in Eisenach ein Mahnmal fest (s. Bild oben), dass man „in die Irre“ gegangen sei, und erinnert an die Opfer von kirchlichem Antijudaismus und Antisemitismus. In der „Botschaft Gottes“ übersetzt man diese Stelle so: „… diese Menschen, die Gott nicht gefallen und allen Menschen verhasst sind.“ Auch das ist nun nicht judenfreundlich, allerdings weitaus judenfreundlicher – und auch ehrlicher – als die oben angeführten modernen Übersetzungen: Der allgemeine Hass auf die Juden, das gesellschaftliche Klima des Antisemitismus, war der Boden, auf dem der nationalsozialistische Massenmord an den Juden heranreifen konnte. Während aber für die nationalsozialistischen Theologen die Juden noch Opfer sind – sie sind das Objekt des Hasses –, werden sie in „judenfreundlichen“ Übersetzungen, die nach der Schoa entstanden sind, zu den Tätern: Sie „sind Feinde aller Menschen“.

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