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Das Ärgernis wegerklaren

1945 1960 1980 2000 2020

Zum „Gegenwärtigen Stand der christlich-jüdischen Bemühungen" veranstaltete der Koordinierungsausschuß für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Wien eine Vortragsreihe. Ein Bericht:

1945 1960 1980 2000 2020

Zum „Gegenwärtigen Stand der christlich-jüdischen Bemühungen" veranstaltete der Koordinierungsausschuß für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Wien eine Vortragsreihe. Ein Bericht:

„Ich liebe den Karfreitag nicht!" sagte mir vor kurzem eine Bekannte. Leid ist etwas, wovor wir zurückschrecken. Erst recht wehren wir uns dagegen, daß Jesus, der Sohn Gottes, gelitten haben soll. Das kann doch nicht sein! Und so suchen wir dieses Leid wegzuerklären — oder, da dies nicht möglich ist, einen Schuldigen zu finden.

Den Evangelisten ging es nicht anders. Dabei mußten sie sich

überdies gegen die Römer verteidigen. Die junge Kirche breitete sich im römischen Herrschaftsbereich aus. Da war es nun gefährlich, Anhänger eines von Rom zum Tode Verurteilten und Gekreuzigten zu sein. Deshalb versuchen die Evangelisten, die Schuld des römischen Prokurators Pilatus zu mildern: Jesus war eigentlich keine Gefahr für Rom, er wurde nur von seinen eigenen Leuten dem Pilatus ausgeliefert, indem sie ihm einredeten, er müsse etwas gegen Jesus tun. So kam es, daß die Schuld von Pilatus auf die Juden verlagert wurde.

Welche Konsequenzen dies in der 2000jährigen gemeinsamen Geschichte von Juden und Christen hatte, kam in verschiedener Weise zur Sprache. Bei dem Podiumsgespräch: „Jüdische Kritik am christlichen Bruder" nannte Joanna Nittenberg drei Ursachen dafür, daß sich das Urchristentum vom Judentum abgrenzen mußte: Durch ihren Glauben an Jesus als den Messias unterschieden sich die Judenchristen von den anderen Juden. Eine Abgrenzung wurde erst recht notwendig, als die Urkirche sich den Heiden öffnete und nicht mehr die Zugehörigkeit zum Judentum als Voraussetzung für die Zugehörigkeit zum Christentum verlangte. Schließlich führte auch das schon erwähnte Bedürfnis, die Römer zu entlasten, um sich mit der römischen Obrigkeit besser zu stellen, zu einer Polarisation dem Judentum gegenüber.

Vom Mittelalter bis in die Neuzeit führten diese Abgrenzungen zu Blutbeschuldigungen und Ritualmordanklagen. Solche Anklagen gab es schon im alten Römerreich gegen die Christen, die beschuldigt wurden, Blut von Kindern für die Heilige Hostie zu verwenden. Im Mittelalter waren es die Christen, die die Juden beschuldigten, Christenblut für die Mazzot (die ungesäuerten Brote, die zu Pessach = Ostern gegessen werden) zu verwenden. Die Kläger waren sich dabei nicht bewußt, daß diese Beschuldigung für Juden eine wahre Lästerung ist. Denn für sie ist, nach altorientalischem Verständnis, Blut ein Symbol des Lebens und daher so wertvoll, daß jede Nahrung, die nur das geringste von Blut enthält, verboten ist. Deshalb haben die Juden eine eigene rituelle Schächtung, bei der das ganze Blut abfließt.

Daß die Kritik Jesu und der Evangelisten an den Juden kein Urteil über sie war, sondern aus der engen Beziehung zwischen Judentum und Christentum erwuchs, zeigten sowohl Joanna Nittenberg als auch der Bibliker Wolfgang Feneberg, beim Thema „Ist das Neue Testament antijudaistisch?" Feneberg verglich die harten Worte sowohl des Matthäus als auch des Paulus mit den Schimpf- und Drohreden der Propheten, die das eigene Volk als „Volk von Gomorra" (Jes 1,10) oder als Dirne (Hos 1,4-7) bezeichnen oder es verfluchen, für den Fall, daß es nicht den Weg Gottes geht (Dtn 28,30).

Schon das 2. Vatikanische Konzil hat die Vorwürfe an die Juden zurückgewiesen. Die kirchlichen Verlautbarungen der letzten Jahre haben die Ausführungen des Konzils weitergeführt, so z. B. der Text der Pastoralkommission Österreichs: „Die Christen und das Judentum": „Was sich bei seinem Leiden ereignet hat, kann man weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen (Nostra Aetate Nr. 4). Dieser Satz der Konzilserklärung ist eine notwendige Feststellung, da es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder unter dem Vorwand, die Juden seien die Schuldigen am Tode Jesu, Ausschreitungen gegen sie gab."

Beim Podiumsgespräch formulierte Alisa Stadler: „Der Tod Jesu wird den Juden angelastet. War dieser Tod nicht selbst gewollt? Wollte Jesus mit der Hingabe seines Lebens nicht die sündige Menschheit erlösen?" Noch deutlicher heißt es im Johannesevangelium: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (3,16)

Die Autorin ist Mitglied der Kongregation „Unsere Liebe Frau von Sion", die sich für die christlich-jüdische Zusammenarbeit einsetzt.

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