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In gleicher Familie

1945 1960 1980 2000 2020

Auch für den jüdischen Dialogpionier E. L. Ehrlich hat erst die Schoa den Christen die Augen geöffnet. Johannes Paul II. hat viel zurVersöhnung beigetragen.

1945 1960 1980 2000 2020

Auch für den jüdischen Dialogpionier E. L. Ehrlich hat erst die Schoa den Christen die Augen geöffnet. Johannes Paul II. hat viel zurVersöhnung beigetragen.

dieFurche: Herr Professor Ehrlich, Sie werden immer wieder als Pionier des christlich-jüdischen Dialogs bezeichnet. Nun jähren sich die Schrecken der Novemberpogrome 1938 zum sechzigsten Mal. Hat sich das jüdisch-christliche Verhältnis in dieser Zeitspanne grundlegend geändert?

Ernst Ludwig Ehrlich: Die Beziehung zwischen Juden und Christen hat sich vor allem angesichts der Schoa verändert: Die Schoa hat den Christen die Augen für das jüdische Schicksal geöffnet. Sie haben erlebt, wie Juden aus der deutschen Gemeinschaft ausgesondert und ermordet wurden, ohne daß ihre christlichen Mitbürger eingeschritten sind. Diese traumatische Erfahrung hat entscheidend dazu beigetragen, daß sich das Verhältnis zwischen Christen und Juden seit 1945 allmählich verbessert hat.

dieFurche: Was erwarten Juden von Christen heute? Wie sollen die Christen sich gegenüber den Juden verhalten?

Ehrlich: Der christlich-jüdische Dialog sollte keine abstrakte, theologisch unverbindliche Unterhaltung bleiben, sondern eine wirkliche menschliche Begegnung. Wenn die Theologie sich nicht im Leben bewährt, dann wird sie auf abstrakte Formeln reduziert. Ich meine, Christen sollten das jüdische Selbstverständnis ernstnehmen und sich über das Judentum informieren. Das heißt, das Judentum von seinen eigenen Wurzeln her verstehen und nicht aus polemischen Gerüchten oder Stereotypen, wie es bisher meist der Fall war.

dieFurche: Anfang dieses Jahres ist vom Vatikan erstmals ein Dokument zur Schoa mit dem Titel "Wir gedenken" veröffentlicht worden. Wie beurteilen Sie diese Schrift der katholischen Kirche?

Ehrlich: Dieses Dokument ist unvollkommen, aber ein erster Schritt in die richtige Richtung. Darin steht, daß einzelne Christen Schuld auf sich geladen haben. Es geht doch aber vor allem um die gesamte Institution der Kirche. Die antijüdische Haltung hat ja nicht erst 1933 oder 1938 begonnen. Sie ist eng mit der Geschichte der mittelalterlichen Kirche verbunden. Da gab es Konzilien, die böse Dinge über Juden verordnet haben. Die antijüdische Tradition in der katholischen und später auch in der protestantischen Kirche war Wegbereiterin für den Antisemitismus der Nationalsozialisten. Auch wenn sich Rom aus theologischen Gründen gescheut hat, von einer sündigen oder schuldigen Kirche zu reden, wäre zumindest das Wort von einer verantwortlichen Kirche am Platz gewesen.

dieFurche: Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen dem Antisemitismus der Nazis und dem Antijudaismus, der von den Kirchen mitgeprägt wurde?

Ehrlich: Obwohl der Antisemitismus zweifellos etwas Heidnisches ist, unterscheidet er sich nicht grundlegend vom kirchlichen Antijudaismus. Es scheint mir für die Opfer keinen großen Unterschied zu machen, ob man sie aus einer christlichen Pseudotheologie oder einer heidnisch nationalsozialistischen Ideologie diskriminiert und umgebracht hat.

dieFurche: Ein weiterer strittiger Punkt im vatikanischen Dokument zur Schoa ist die Frage, ob Papst Pius XII. wirklich die dort zitierten 100.000 Juden gerettet hat. Diese Zahl hat einen Kritiker wie Rolf Hochhuth auf den Plan gerufen, der sogar von den "Lügen des Vatikan" spricht.

Ehrlich: Die Zahl 100.000 stammt aus einem Buch des kürzlich verstorbenen jüdischen Theologen Pinchas Lapide. Da Lapide bei der Niederschrift seines Werkes über keine genauen Unterlagen verfügte, ist diese Zahl völlig aus der Luft gegriffen. Papst Pius XII. hat sicher persönlich die Genehmigung gegeben, Juden in italienischen Klöstern zu verstecken.

Hingegen war er im Herbst 1943 genauestens über das weltweite Schicksal der Juden unterrichtet - und hat trotzdem nicht verhindert, daß Tausende Juden mit Zügen von Rom aus nach Auschwitz gebracht wurden. Ich nehme keinen Anstoß daran, daß Pius XII. nicht öffentlich gegen die Judenvernichtung protestiert hat. Aber ich bin empört, daß er als Bischof von Rom diese Züge nicht gestoppt hat. Dies umso mehr, als er Bischof Preysing von Berlin geschrieben hatte: Jeder Bischof soll an seinem Platz tun, was er für richtig hält. Sein Widerstand wäre weltweit ein unübersehbares Signal gewesen. Ich glaube, die katholische Kirche stünde heute besser da, wenn sich ihr Oberhaupt damals mutig, entschlossen und human gezeigt hätte.

dieFurche: Der gegenwärtige Papst setzt sich persönlich ganz besonders für ein besseres Verhältnis zwischen Christen und Juden ein ...

Ehrlich: Ich scheue Superlative, aber es hat in der Geschichte der katholischen Kirche bis zum heutigen Tag wohl keinen einzigen Papst gegeben, der sich den Juden so verbunden fühlte wie Johannes Paul II. So geht die Anerkennung des Staates Israel durch den Vatikan im Dezember 1993 zweifellos auf ihn zurück. Seine Einstellung zu den Juden wurde dadurch geprägt, daß er Pole ist und aus dem nur wenige Kilometer von Auschwitz entfernten Krakau stammt. Auch die Polen wurden von den Nazis als Untermenschen behandelt und mußten ein "P" auf ihren Kleidern tragen, wenn sie ins Ausland fuhren. Johannes Paul II. ist mit jüdischen Kindern in die Schule gegangen und hat seine persönliche Verbindung zu Juden auch später als Papst niemals abgebrochen.

dieFurche: Die Verständigung zwischen Juden und Christen ist im besonderen ein theologisches Anliegen dieses Papstes.

Ehrlich: Johannes Paul II. hat immer wieder auf eine entscheidende theologische Aussage im elften Kapitel des Römerbriefes von Paulus hingewiesen. Da heißt es, daß der Bund Gottes mit Israel weiterhin besteht, und daß Israel das Volk Gottes geblieben ist. Aus dieser Aussage hat der Papst wesentliche Konsequenzen gezogen.

dieFurche: Geht es im theologischen Dialog nicht vor allem um ein geschwisterliches Verhältnis zwischen Juden und Christen?

Ehrlich: Johannes Paul II. betont immer wieder, daß die Juden die älteren Brüder der Christen sind: beide gehören also zu einer Familie. Zwar haben wir verschiedene Theologien, wir stehen aber noch im Rahmen der gleichen Familie. Die ursprünglichen Konflikte zwischen Juden und Christen im zweiten Jahrhundert waren im Grunde ja nichts anderes als ein innerjüdischer Familienkonflikt. Der Trennungsprozeß der beiden Religionen erstreckte sich über Jahrzehnte und geschah keineswegs plötzlich. Im übrigen trennt uns weniger die Theologie als die Geschichte.

Die 2000 Jahre schmerzvoller "Zergegnungen" lassen sich nicht ausradieren. Aber wir können die Grundlagen von Judentum und Christentum neu befragen und uns auf unsere gemeinsamen Wurzeln besinnen.

dieFurche: Vor wenigen Wochen hat Papst Johannes Paul II. die zum Christentum übergetretene Jüdin Edith Stein heiliggesprochen. Diese Heiligsprechung war bei den Juden nicht unumstritten, weil Edith Stein von den Nationalsozialisten nicht als Christin ermordet wurde, sondern weil sie Jüdin war.

Ehrlich: Edith Stein wurde in das jüdische Volk, von dem sie sich durch die Taufe getrennt hatte, durch ihre Mörder gewaltsam zurückgeholt. Ihre Heiligsprechung kann dazu beitragen, daß sich Katholiken in aller Welt erneut vergegenwärtigen, was Juden von den Ahnen vieler Christen angetan worden ist: Die Juden waren den Christen gleichgültig. Es war diese Gleichgültigkeit, die das jüdische Schicksal besiegelt hat.

Das hat sich zumindest in der katholischen Kirche unter den letzten drei Päpsten geändert. Die Entwicklung begann mit Johannes XXIII., sie wurde in redlicher Weise von Paul VI. weitergeführt und gelangte mit Johannes Paul II. zu einem wahrhaften Durchbruch.

Das Gespräch führte Felizitas von Schönborn.

Zur Person Ernst Ludwig Ehrlich wurde 1921 in Berlin geboren und lebt seit seiner Flucht 1943 in Basel. Er ist Professor für jüdische Geschichte und Literatur an der Universität Bern. Seit 1961 war er mehr als drei Jahrzehnte Direktor des europäischen Distrikts der einflußreichen jüdischen Organisation B'nai B'rith.

Ehrlich, der mit Kardinal König befreundet ist (mit ihm gemeinsam gab er das Buch "Juden und Christen haben eine Zukunft" heraus), ist seit Jahren im christlich-jüdischen Dialog engagiert: als Zentralsekretär der Christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz, als Mitglied des "Arbeitskreises Christen-Juden" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, wiederholt vertrat er die jüdische Seite bei Beratungen des Vatikans über Fragen des Judentums.

Am 12. November spricht Ernst Ludwig Ehrlich an der Universität Wien (siehe Termine auf Seite 16).

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