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Nachhaltige Belastungen?

Die katholische Kirche heute aus dem Blick eines Juden: Besorgte Einwürfe von Rabbiner Walter Homolka.

Im März 2005, Papst Johannes Paul II. war schon in der Gemelli-Klinik, begegnete ich in Rom dem Mann, der jetzt Benedikt XVI. ist. Eine Frage stand dabei im Raum: Würde in einem neuen Pontifikat das gute Verhältnis von Judentum und Christentum an den Rand treten?

Aus meinem damaligen Gespräch mit dem Chef der Glaubenskongregation nahm ich den Eindruck mit, Benedikt XVI. könnte ein guter Sachwalter unserer Beziehungen sein. Bereits 1994 schreibt Joseph Ratzinger: "Die Geschichte des Verhältnisses von Israel und der Christenheit ist von Blut und Tränen getränkt, eine Geschichte von Misstrauen und Feindseligkeit."

Aus dem Geschehenen müsse ein neuer Respekt für die jüdische Auslegung des Alten Testaments folgen, sagt er 2001 in der Verlautbarung der Päpstlichen Bibelkommission Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel. Richtig ist: Für Benedikt XVI. sind Juden die ersten Eigentümer der Heiligen Schrift. Durch ihr Gotteszeugnis haben sie Gott die Tür in die Welt geöffnet. Meine Frage ist nur: sind Juden mehr als nur Türöffner, mehr als nur eine historische Phase, die heute keine Relevanz mehr hat, weil Jesus die Bibel Israels zu den Nichtjuden gebracht hat?

Ratzingers Jesus-Buch von 2007 zeigt seine Skepsis gegenüber der Leben-Jesu-Forschung. Deshalb erteilt er all jenen eine Absage, die das Bild eines missverstandenen jüdischen Rabbis zeichnen oder eines Rebellen, der von den Römern hingerichtet worden sei. Wer den auferstandenen Christus und die darauf fußenden dogmatischen Aussagen zu Menschenbild, Gnadenlehre und Ekklesiologie wieder ins Zentrum rückt, kommt nicht umhin, sich in wichtigen Teilen von zentralen Positionen der Mehrheit des Judentums abzusetzen: bei der Stellung der Frau, beim Beginn des Lebens, bei der Beurteilung der Homosexualität sind wir nicht der katholischen Ansicht.

Die Gestalt Christi, so Ratzinger, verbindet also und trennt zugleich Israel und die Kirche: "Diese Trennung zu überwinden, steht nicht in unserer Macht, aber sie hält uns gemeinsam auf dem Weg zum Kommenden hin und darf daher nicht Feindschaft sein".

Jüngste Irritationen

Trotzdem ist man als Jude im Pontifikat Benedikts XVI. mittlerweile irritiert. Die jüngste Belastung unseres Verhältnisses kam nicht überraschend. Lange schon war ich darauf gefasst, dass die Wiederzulassung des Tridentinischen Ritus möglich sein könnte, wohl als Zugeständnis an den rechten Rand der Kirche. Jüdische Vertreter aus aller Welt und der Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee Deutscher Katholiken wurden bei der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden vergeblich vorstellig. Kardinal Kasper erhielt von Kardinal Bertone nur die lapidare Aussage, die Befürchtungen seien unbegründet und man sehe die Sache falsch.

Das räumt unsere Befürchtungen nicht aus, dass mit der alten Messe auch Abwertung von Juden und Judenmission wieder eine Chance bekommen. In einer Fürbitte des alten Karfreitagsgottesdienstes wird "für die Bekehrung der Juden" gebetet, die in "Verblendung" und in "Finsternis" leben. Johannes XXIII. hatte zwar schon 1959 die ursprüngliche antijüdische Bezeichnung der Juden als "treulos" (perfidus) gestrichen, eine Auslöser für die alte Judenfeindschaft der Kirche. In dem von Papst Benedikt XVI. nun als außerordentlicher Ritus zugelassenen Messbuch von 1962 wird aber weiter für die Bekehrung der Juden gebetet.

Ewiggestrige Denkmuster

Sieht man sich einige Protagonisten im Vorfeld dieser Wiederzulassung an, so verstärkt sich der Eindruck, dass dies kein Einzelthema ist. Vorkonziliare, längst überwunden geglaubte theologische Denkmuster in der katholischen Kirche werden erneut hoffähig. So verwundert es nicht, hier den Militärgeistlichen der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt, Siegfried Lochner, an vorderster Front zu finden. In einem Interview mit dem Vaduzer Bistumsblatt des notorischen Erzbischofs Wolfgang Haas äußert sich Lochner 2006 so: "Ich bin überzeugt - und die Feinde der römischen Liturgie befürchten es -, dass sich auf Dauer die Weissagung des Gamaliel aus der Apostelgeschichte bewahrheiten wird, wonach sich der wahre Ausdruck der Gottesverehrung durchsetzen wird."

Lochner führt für seine Ansichten Benedikt XVI. selbst ins Feld: "Wenn der glücklich regierende Pontifex schon vor Jahren darüber geklagt hat, dass man vielerorts Gottesdienst feiere … so als ob es Gott nicht gebe - weil sich im Neuen Messritus vielfach Gemeinde und Liturge nur noch gegenseitig feiern, dann ist alles über die heutige Situation gesagt. Steht Gott wieder im Mittelpunkt, dann wird das neue Babel aufhören und der Weg für einen heiligen Frühling frei werden." Was Lochner als Frühling der Kirche propagiert, wird für ihn gleichzeitig zur ersehnten Dämmerung für "ökumenische Zeitgeistspielereien". Was Wunder, dass Lochner nun auch die Seligsprechung Franz Jägerstätters durch den Papst kritisiert. Es habe sich bei ihm um einen Mann mit "irrendem Gewissen" gehandelt, seine Verehrer seien "unbelehrbare und ewig gestrige Altachtundsechziger".

Es ist für mich schon ein Skandal, dass ein leitender Seelsorger des österreichischen Bundesheeres der Zweiten Republik einen Menschen ehrlos stellt, dessen Tapferkeit man sich von mehr Menschen damals gewünscht hätte. Interessant ist aber auch, dass dieser unselige Seelsorger alles Übel bei den "Achtundsechzigern" zu finden scheint: das II. Vatikanum, die Ökumene, die Wehrkraftzersetzung des Seligen Franz Jägerstätter und die Abwendung vom Messritus von 1962.

Als Jude horche ich besonders auf, weil Lochner Rabbi Gamaliel aus der Apostelgeschichte 5 zum Zeugen ruft, der die Apostel Jesu vor dem Hohen Rat verteidigt: "Ist dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wird's untergehen; ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten." Damit werden die vorkonziliaren Kräfte in der katholischen Kirche gleichgestellt mit den Aposteln vor dem Hohen Rat in Jerusalem. Die heutigen reaktionären Kräfte stehen vor Gericht, wie damals Jesu Jünger. Meine Frage ist nur: lässt man sie gewähren oder gebieten Benedikt XVI. und das Kollegium der Bischöfe ihnen Einhalt?

Den Papst vereinnahmt?

Auch wenn Lochner als Einzelperson sich zu weit nach vorne gewagt haben sollte, für den Beobachter bleibt ein fahler Geschmack. Daran ändert auch die öffentliche Distanzierung Kardinal Schönborns von Lochner nichts. Denn Lochner steht für einen Teil der Kirche, der offensichtlich das Frühlingslüftchen spürt und dafür den heute "glücklich regierenden Pontifex" für sich vereinnahmen möchte. Noch hoffe ich, die Lochners werden sich irren.

Unsere zentrale Frage bleibt: ist Gottes Heilszusage an das jüdische Volk aus katholischer Sicht ungebrochen? Der alte Messritus widerspricht dem Geist des Konzils und seinem Dokument Nostra aetate, das zum 40. Jahrestag 2005 groß gefeiert wurde. Es stellt fest, dass Juden eben nicht mehr bekehrt werden müssen, weil sie bereits durch den Alten Bund seit Abraham das volle Heil haben.

Wir sind die "älteren Brüder" der Christen, wie es Papst Johannes Paul II. einmal formuliert hat. Seit dem Konzil hat die katholische Kirche immer wieder betont, sie werde angesichts des Holocaust und des früheren christlichen Antijudaismus keine Judenmission mehr betreiben. Das war die Grundlage des besonderen Verhältnisses, das Juden und Katholiken über die letzten Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben.

Benedikt XVI. wird von uns jetzt daran gemessen, ob diese Geschäftsgrundlage unangetastet bleibt. Sein Händedruck am 8. August in Rom mit Pater Tadeusz Rydzyk vom antisemitischen polnischen Sender Radio Maryja lässt etwas anderes befürchten: eine nachhaltige Belastung der jüdischen Beziehungen mit der katholischen Kirche.

Der Autor ist Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam zur Ausbildung von Rabbinern in Europa und Mitglied im Executive Board der World Union for Progressive Judaism. Er gehört zum Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

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