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Römische Impressionen

Nach dem "größten anzunehmenden Unfall" (© Bischof Clemens) übt sich der Vatikan zur Causa Pius-Bruderschaft in Schadensbegrenzung.

Rom im Februar 2009. Über der Stadt liegen schwere Wolken. Es ist trist und nass. Seit November gab es an nicht einmal einem Dutzend Tagen etwas Sonnenschein. Noch schlechter als das Wetter sind die politischen Analysen im Vatikan: Die Rücknahme der Exkommunikation der lefebvrianischen Bischöfe wurde zu einem Desaster der Kommunikation des Heiligen Stuhls. Die Betroffenheit unter Bischöfen der Päpstlichen Räte ist groß, im Gespräch mit österreichischen Journalisten sparen sie nicht mit Kritik, auch Selbstkritik. Intensiv, geradezu hektisch sind die Diplomaten der Dikasterien bemüht, den Schaden zu begrenzen, den christlich-jüdischen Dialog voranzutreiben und die für Mai geplante Israelreise von Papst Benedikt XVI. weiter vorzubereiten. Wofür sogar eigens der Wiener Kardinal Christoph Schönborn nach Rom reiste.

Bischof Josef Clemens, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Laien, bezeichnet die Wirkung rund um die Rücknahme der Exkommunikation der Pius-Brüder als "größten anzunehmenden Unfall". Nun bestehe "hoher Reparaturbedarf", sagt der Deutsche, man könne die Vorgänge "nicht bagatellisieren". Der angerichtete Schaden - die Welt sprach davon, der Papst würde einen Leugner des Holocaust begnadigen und rehabilitieren - sei enorm und "zu mehr als der Hälfte selbst verschuldet". Gemeint ist Rom, konkret die Hochbürokratie der Kirche.

Ein Fehler, so die vatikanische Sicht, habe darin bestanden, der vatikanfernen Welt nicht erklärt zu haben, wieso es zur Rücknahme der Exkommunikation kam. Dass der Papst die Einheit der Christen zu wahren habe und Benedikt XVI. einen ersten Schritt in Richtung Lefebvrianer setzen, diese zum Bekenntnis zu Kirche und II. Vatikanum bewegen wollte. Und der Papst, heißt es, wusste nicht, dass Bischof Richard Williamson den Holocaust in einem Interview leugnete. Der zweite Fehler sei gewesen, dass das vollständige Wissen über Bischof Williamson bei einigen wenigen Personen der 18 Mitglieder zählenden Kommission "Ecclesia Dei" ruht. Deren Leiter, Kardinal Darío Castrillón Hoyos, wollte die Sache erledigen, habe nicht vollständig informiert, ganz im Gegenteil, er habe den Leiter der Bischofskongregation, Kardinal Giovanni Battista Re, zur Eile bei der Unterschrift gedrängt.

"Dramatische Koinzidenz"

Das Dekret über die Rücknahme der Exkommunikation traf am 21. Jänner zeitlich nicht nur mit der Ausstrahlung des Williamson-Interviews im schwedischen Fernsehen zusammen. Die dritte Jännerwoche ist stets die Weltgebetswoche für die Einheit des Christentums, der Tag davor wird als Tag des Judentums begangen. Im jüdischen Kalender fallen in die- se Tage zudem das Holocaust-Gedenken, im katholischen findet sich für heuer der 50. Jahrestag der Ankündigung des II. Vatikanums, jenes Konzils, welches das christlich-jüdische Verhältnis neu belebte.

Im Päpstlichen Medienrat ist man um Erklärung für die "dramatische Koinzidenz" bemüht. Es habe "große Verwirrung ausgelöst", dass gerade ein Mann, der so schreckliche Dinge sagt", in die Kirche zurückgeholt werde. Zudem sei die Aufmerksamkeit der kleinen Vatikanbürokratie wegen der hierorts herrschenden Dominanz der italienischen Medien auf den brisanten Fall der inzwischen verstorbenen Koma-Patientin Eluana Englaro gelenkt.

Die Sekretäre und Sprecher der Kongregationen und Räte sind jedenfalls bemüht, das Informationsdebakel selbstkritisch einzugestehen, weisen aber Vorwürfe, hier hätten sich Probleme im Grundsätzlichen aufgetan, strikt von sich. Es gebe keinen Schritt zurück hinter das II. Vatikanum, der Papst betreibe keinen Kurswechsel nach Rechts. Die Kritik an der neuen Karfreitagsfürbitte für den vorkonziliaren Messritus sei nicht gerechtfertigt, sagt Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen: "Wir wollen nicht Judenmission betreiben. Wir wollen universal Zeugnis geben von unserer Mission."

Eine große Delegation amerikanisch-jüdischer Organisationen war ebenfalls in Rom, wurde vom Papst empfangen. Ihr gehörte auch der aus Wien stammende Rabbiner Arthur Schneier an, dessen Synagoge in New York Benedikt XVI. voriges Jahr besucht hat.

Die "Probleme" mit der jüdischen Welt wegen der Williams-Aussagen werden nicht bestritten, man habe, so ein Vatikan-Diplomat, "die Sache aber wieder hingekriegt". Die "unnötige Belastung" sei ausgestanden, von einer Unterbrechung der Beziehungen des Vatikans zu Israel "könne keine Rede sein", im Gegenteil: Der Dialog gehe weiter, auch Israel habe ein Interesse am Besuch des Papstes im Mai. Anfragen nach Termin und Programm der Reise werden mit dem Satz beantwortet, es gebe noch nichts Offizielles.

In den regnerischen und politisch aufgewühlten Tagen kreuzten sich in Rom die Wege zahlreicher Österreicher. Nach Kardinal Schönborn kam der Grazer Bischof Egon Kapellari mit Dechanten, er begleitete die aus Anlass des Paulusjahres angereiste Journalistengruppe. Der bestellte Linzer Weihbischof Gerhard M. Wagner war in Rom, um sich neue, standesgemäße Kleidung zu besorgen. Bischof Manfred Scheuer kam aus Innsbruck mit Jugendlichen zur Generalaudienz. Die Bischöfe Paul Iby (Eisenstadt) und Alois Schwarz (Klagenfurt) reisten zu einem Treffen der Focolar-Bewegung an. In Rom empfingen der Rektor der Anima, Franz Xaver Brandmayr, und der Prior des Benediktinerklosters von St. Paul vor den Mauern, P. Johannes Paul Abrahamowicz, Journalisten und Dechanten in ihren Häusern. Als Abrahamowicz deren Fassade erläuterte, strahlte deren Gold im abendlichen Sonnenlicht. Kurz.

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