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Päpste meines Lebens

1945 1960 1980 2000 2020

Ein heute 60jähriger hat bereits sechs Päpste bewußt erlebt. Welch gewaltige Unterschiede verkörperten diese doch! Das mag manche betrüben, andere trösten. Jedenfalls lebt die Kirche!

1945 1960 1980 2000 2020

Ein heute 60jähriger hat bereits sechs Päpste bewußt erlebt. Welch gewaltige Unterschiede verkörperten diese doch! Das mag manche betrüben, andere trösten. Jedenfalls lebt die Kirche!

Als wir 1955 im Hofe des päpstlichen Sommersitzes Castel- gandolfo auf das Erscheinen des Papstes Pius XII. (1939-1958) warteten, stand vor mir ein Mädchen, das der evangelischen Kirche angehörte und mit unserer Jugendgruppe die Reise nach Rom mitgemacht hatte. Dieses Mädchen — inzwischen wurde ‘aus ihm ein Opernstgr mit Weltruhm — brach in Jubel und Begeisterung aus, als die weiß gekleidete hagere Gestalt des Papstes am Balkon erschien.

Da diese Begeisterung meine eigene von der Seminarerziehung geförderte und vom Theologiestudium genährte bei weitem überstieg, fragte ich das Mädchen, wie denn das komme. Die evangelische Kirche anerkenne den Papst nicht nur nicht als ihr Oberhaupt, ja im Gegenteil, in ihren Bekenntnisschriften sei doch der Papst bzw. das Papsttum als Antichrist definiert.

Darauf erhielt ich spontan zur Antwort, das sei doch ein alter Zopf, sie kenne keinen in ihrer Kirche, der heute noch den Papst als Antichristen lehre, und ander-

seits sei nun einmal der Papst für alle Christen da und gewissermaßen der Repräsentant der gesamten Christenheit. Damit war etwa zum Ausdruck gebracht, was eindeutig seit Pius XII. und wohl auch schon seit Pius XI. (1922-1939) weitestgehend gilt.

Während sich der damalige Wiener Kardinal Friedrich Gustav Piffl vehement für die Wahl von Benedikt XV. (1914-22) im Konklave eingesetzt hatte, war der 1922 gewählte Achille Ratti nicht sein Kandidat. Piffl hätte viel lieber den betont pastoral orientierten Patriarchen von Venedig, La Fontaine, auf dem Stuhle Petri gesehen, als den vom wissenschaftlichen Bereich kommenden Prinzipienmann Pius XI.

Mit seiner Antrittsenzyklika „Ubi Arcano”, in der Pius XI. die Katholische Aktion als „Teilnahme am hierarchischen Apostolat” qualifiziert hatte, löste er ungeahnte innerkirchliche Aktivitäten, speziell auf dem Sektor des Organisationswesens, aus. 1929 schloß Pius XI. mit Italien ein Konkordat von paradigmatischer Bedeutung und regelte in den Lateranverträgen die Römische Frage im Sinne des heutigen Vatikanstaates.

Seine programmatische Sozialenzyklika „Quadragesimp anno” vom Mai 1931 sollte für Österreich ganz spezielle Bedeutung erlangen, da Engelbert Dollfuß sich mehrmals und dezidiert auf sie berief, als er den sogenannten Christlichen Ständestaat installierte.

Im Juni 1933 schloß Pius XI. mit Dollfuß-Österreich und im Juli mit Hitler-Deutschland Konkordate, die heute jeweils die unverzichtbare Basis für den Frieden und das gedeihliche Neben- wie Miteinander zwischen Kirche und Staat darstellen. Mitte März 1937 erfolgte durch Pius XI. mit der Enzyklika „Mit brennender Sorge” die offene Kampfansage gegen den Nationalsozialismus. Bloß eine Woche später datiert „Divini Redemptoris”, in der der Papst leidenschaftlich mit dem Kommunismus Abrechnung hielt.

In einem der kürzesten Konklaves kürten die Kardinale am 2. März 1939 den Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli zum neuen Papst. Eindringlich beschwor Pius XII. (1939-1958) über den Rundfunk im August 1939 die Mächte, den Frieden zu wahren. Sein berühmt gewordenes Wort „Mit dem Frieden ist nichts verloren; alles aber kann mit dem Krieg verloren werden” fruchtete nichts. Auch die vielen weiteren Friedensappelle, vor allem in den Weihnachtsansprachen immer wieder in die Welt hinausgerufen, verhallten.

Heftig umstritten ist Pius’ XII. Schweigen zur barbarischen NS- Judenvernichtung, zumal dieses Schweigen auf dem offensichtlichen Grundsatz „Ad maiora mala vitanda” (um größeres Übel zu verhindern) basierte. Bei dieser Kritik geraten aber allzu oft die zirka 900.000 Juden, die direkter oder indirekter kirchlicher Hilfe ihr Leben verdanken, in Vergessenheit, ähnlich wie die großartigen päpstlichen Hilfeleistungen für die Kriegsgefangenen, Flüchtlinge und Deportierten.

In der Mariologie setzte Pius

XII. mit der Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel 1950 einen Markstein.

Die Wahl des Patriarchen von Venedig, Angelo Giuseppe Ron- calli, zum Papst löste 1958 eine allgemeine Überraschung aus. Formvollendet, groß, schlank, mit wirkungsvollen Gesten, die schon ans Theatralisch-Eingelernte grenzten, aber stets überzeugten — so hatte Pius XII. gelebt und gewirkt, den Prototyp eines Papstes geschaffen und einen neuen Maßstab gesetzt.

Nun grüßte am 28. Oktober 1958 ein Mann von der Loggia des Petersdomes, der in nichts diesem Prototyp entsprach. Nicht einmal die Kleider paßten, sie waren sowohl zu lang wie auch zu eng. Mit sęinen vielen kleinen Abstechern aus dem Vatikan, die ihm den Spitznamen „Johnnie Walker” eintrugen, öffnete er dessen Tore zu den großen und häufigen Weltreisen seiner Nachfolger.

Keine allgemeine Zustimmung fand sein Besuch im „Regina-Coe- li”-Gefängnis, noch weniger seine dortige für die Gefangenen sicher trostreiche Bekanntgabe, daß einst auch sein Onkel wegen Wilderei einsitzen mußte. Ängstliche vatikanische Prälaten waren schockiert und sprachen offen davon, daß dies bei Pius XII. undenkbar gewesen sei. Bis zum heutigen Tag hat sich Johannes XXIII. (1958-63) in die Herzen der Menschen weit über engagierte katholische Kreise hinaus als der gute Papst, als der Papst der Öffnung zur Welt, als Konzilspapst eingeprägt.

Neue Türen hin zum kommunistisch regierten Osten öffnete ef auch mit der Privataudienz, die er im Frühjahr 1963 der Tochter und dem Schwiegersohn des sowjetischen Partei- und Regierungschefs Nikita Chruschtschow gewährte.,

Von seinen acht Enzykliken hat „Mater et Magistrą” die große Tradition päpstlicher Sozialenzykliken wieder aufgenommen. Hingegen nahm man achselzuk- kend seine Apostolische Konstitution „Veterum Sapientia” zur Förderung der „unveränderlichen Sprache” des Latein zur Kenntnis. Geradezu befremdend wirkte das Monitum des Hl. Offi ziums vom Juni 1962, in dem vor den Gefahren der Theologie in den Werken von Teilhard de Chardin SJ gewarnt wurde.

Paul VI. (1963-78) übernahm mit seiner Wahl im Juni 1963 ein schweres Erbe. Es galt, das begonnene Konzil fortzusetzen, zu vollenden und seine Beschlüsse in kluger Weise durchzuführen. Seine Wahl überraschte niemanden, genausowenig wie sein Programm; beides schien vorgezeichnet. Von seinen sieben Enzykliken erregte „Humanae Vitae” das meiste Aufsehen, hatte doch ihr striktes Veto gegen jede künstliche Geburtenregelung selbst die Mehrheit der noch von Johannes XXIII. und Paul VI. selbst berufenen Expertenkommission gegen sich.

Während der Weltepiskopat loyal zum Bischof von Rom stand, waren im Kirchenvolk mitunter schrille Töne der Kritik nicht bloß an dieser „Pillenenzyklika” selbst, sondern an der päpstlichen Lehrautorität überhaupt zu hören. Auch die Aufrechterhaltung des Pflichtzölibates, die allerdings auch durch das Votum der von Paul VI. installierten Bischof ssynode gegen die Zulassung bewährter verheirateter Männer („viri probati”) zum Priesteramt zusätzliche Bestätigung erhielt, enttäuschte viele Hoffnungen.

Dadurch geriet in weiten Kreisen einerseits seine vielleicht bedeutendste Enzyklika („Populo- rum Progressio”) in den Hintergrund des Interesses, anderseits war sein ganzes Pontifikat von diesen zurückhaltenden Entscheidungen überschattet; selbst seine „Ostpolitik” wurd^ in diesen Sog miteinbezogen.

Die Liturgiereform wurde von den „Traditionalisten”, an deren Spitze der französische Alt-Erzbischof Marcel Lefebvre stand, erbittert angegriffen. Einige Zeloten zweifelten sogar die Rechtmäßigkeit seines Pontifikates an. So ist es kaum verwunderlich, wenn heute die Bedeutung Paul VI. nicht nur weit günstiger, sondern auch korrekter beurteilt wird, als dies zu seinen Lebzeiten der Fall war.

Als der neugewählte Papst Albino Luciani, der sich den Doppelnamen Johannes Paul I. gab, am 28. August 1978 zum ersten Mal sich der Menschenmasse am Petersplatz zeigte, ging ein Aufatmen durch die Menge: Endlich wieder ein Papst, der unbefangen lachte! Sein Vater war Sozialist gewesen, und der junge Albino hatte den Hunger am eigenen Leibe gespürt.

Noch in der Nacht seiner Wahl hat Johannes Paul I. das Programm seines Pontifikates erarbeitet. Am 3. September wurde er in sein Amt eingeführt. Dabei verzichtete Johannes Paul I. auf Krönung und Inthronisation. Instinktiv erfaßte das Volk, daß der neue Papst ein Papst nach seinem Geschmack war, ein Seelenhirte, der aus seiner Mitte kam. Aber am 28. September ist Johannes Paul I. völlig überraschend einem Herzinfarkt erlegen. Es schien geradezu paradox, daß dieser Papst ohne Enzykliken, ohne Konzil und ohne Konsistorien in 33 Tagen die Welt begeistern konnte.

Am 16. Oktober 1978 kam eine sensationelle Nachricht aus Rom, die niemand so recht glauben wollte: Neues Kirchenoberhaupt ist der Pole Karol Wojtyla, der sich Johannes Paul II. nennt! Die Sensation war vor allem deshalb perfekt, weil zum letzten Mal 1522 ein Nicht-Italiener zum Papst gewählt worden war.

Schon nach dem ersten Regierungsjahr hatte man den Eindruck, daß der neue Papst so überragend sei, daß die übrige Kirche fast hinter seinem Rücken verschwand. Jubel, Begeisterung, Verzückung und Massenandrang, wie es ihn noch nie in der Geschichte für einen Papst gegeben hat, sind die Charakteristiken für den regierenden Papst.

Große Beachtung fand die Enzyklika „Laborem Excercens”, die Johannes Paul II. am 15. September 1981 veröffentlichte. Kein Papst ist in so kurzer Zeit so weit und so oft gereist wie Johannes Paul II. Daß diese häufigen und zahlreichen Reisen ihm den Namen „eiliger Vater” eintrugen, wird in die Geschichte eingehen.

Eines der gravierendsten Ereignisse im Pontifikat von Johannes Paul II. war bisher ohne Zweifel der Mordanschlag am Petersplatz vom 13. Mai 1981. Nach fast fünf Monaten schritt er am 4. Oktober nach mehrstündiger Liturgie wieder die Stufen des Petersdomes herab und schüttelte erneut Hände, streichelte Kinder und beugte sich über Kranke.

Seinen Stil hat er kaum geändert. Mit ihm^wird ein Mann österreichischen ‘Boden küssen, dem das Katholikentagsmotto auf den Leib geschrieben ist: „Hoffnung leben, Hoffnung geben”.v

Der Autor ist Leiter der Abteilung für Theologiegeschichte und kirchliche Zeitgeschichte der Universität Graz.

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