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Schisma mit Fragezeichen

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Gegenseitige Exkommunikation stand am Beginn der Spaltung von Ost- und Westkirchei Die Quellen zeigen: Sie galt nur Einzelpersonen, nicht der jeweils anderen Kirche.

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Gegenseitige Exkommunikation stand am Beginn der Spaltung von Ost- und Westkirchei Die Quellen zeigen: Sie galt nur Einzelpersonen, nicht der jeweils anderen Kirche.

Man sprach und spricht auch heute noch vom Schisma zwischen dem christlichen Westen und Osten, das als solches mit dem Jahre 1054 begonnen hätte.

Eine erste Frage ist die: Was denkt und sagt dazu der Osten? Ein erstes Zeugnis dazu liefert uns Johannes Bekkos, Vertreter des Ostens beim Lyoner Unionskonzil ... Dieser Mann hat nun 1275/76 eine Schrift verfaßt, in der er mit modern anmutender historischer Methode und auf Grund der damals noch im Archiv des Patriarchats von Konstantinopel vorhandenen reichen Dokumentation den Nachweis erbringt, daß die Ansicht vom Schisma zwischen Ost und West unter dem Patriarchen und Gelehrten Photius geschichtlich unhaltbar ist.

Als Urban II. mit dem Byzantinischen Kaiser in Beziehung trat, um zu einer Versöhnung mit der Ostkirche zu kommen, fragte der diplomatische Papst vorerst an, ob man die lateinische Kirche in Byzanz als schismatisch ansehe und warum sein Name nicht in den Diptychen (Täfeichen für den liturgischen Gebrauch) der dortigen Kirche erwähnt werde. Der Kaiser versammelte die Synode, und wir wissen heute, daß man darauf im Archiv des Patriarchats nach den Akten der vollzogenen Trennung suchte, aber nichts Derartiges fand, daß also von einem formellen Schisma keine Rede sein könne.

Das Fehlen des Papstnamens in den Diptychen erkläre sich daraus, daß bei dem häufigen Papstwechsel der Zeit die offizielle Anzeige der erfolgten Wahl unterblieben sei und deswegen auch keine neuen Namen in die Me-mento-Liste eingetragen worden seien. Der Zusammenstoß zwischen Humbert und Michael Ke-rullarios wurde also auch in der offiziellen byzantinischen Kirche nicht als Schisma angesehen ...

Johannes Bekkos war ein entschiedener Gegner der westlichen Kirche und der Aussöhnung mit ihr. Er wurde vom Kaiser in den Kerker gesteckt, aber mit einer großen Zahl von Werken der Kirchenväter und Kirchenschriftsteller des Westens und des Ostens. Das ungestörte Studium, wozu der grundgelehrte Mann nun alle Muße hatte, verwandelte ihn, auf Grund der gewonnenen Einsichten, zu dem bereits bekannten Verteidiger der Aussöhnung und Union zwischen beiden Kirchen, eine Uberzeugung, die ihm auch die harten Schicksalsschläge und Rückschläge nach Lyon nicht nehmen konnten.

Auf welchem Standpunkt steht nun die westliche Kirche? Die

Nachfolger Leos IX., unter dem die Mission Humberts von Silva Candida nach dem Osten stattfand, die mit dem Bruch zwischen ihm und Michael Kerullarios endete, fühlten sich in keiner Weise in ein Schisma mit dem Orient verwickelt. Die Bannbullen der beiden Gegner sprechen nie von den beiden Kirchen und schon gar nicht vom Papst, was übrigens ganz bewußt und gewollt vermieden wurde.

Was die dogmatischen Gegensätze angeht, so haben die Päpste jede Gelegenheit wahrgenommen und in unzähligen Briefen an alle möglichen Adressaten ihr Grundanliegen des römischen Primats zu erklären versucht, indem sie immer wieder die Belege aus der Hl. Schrift anführen und erörtern: Die Kirche ist von Christus als eine Einheit gestiftet worden, als eine Herde mit einem Hirten; Petrus und seinen Nachfolgern ist der Primat versprochen (Matthäus 16.18) und auch verliehen worden (Johannes 21,15)...

Das wird im Prinzip von den Griechen auch anerkannt. Das Problem ist immer wieder die Art und Weise, der Umfang und die Intensität der Anwendung dieser Prärogative (Vorrechte) Roms. Auf keine Weise soll darin eine Benachteiligung oder gar eine Aufhebung der wohlerworbenen Patriarchalrechte beschlossen sein. Genauso wie die Fragen um das Filioque, die Azymen, das Fegefeuer als Reinigungsort, die absolute Unauflöslichkeit der Ehe, das Fasten bzw. handelt es sich hier um Erörterungen, die alles andere als einen offiziellen Abschluß und eine beide Seiten (die ja noch im Dialog miteinander waren) befriedigende Lösung gefunden hatten ...

Vom Anfang an sind in der Gesamtkirche Wort und Begriff von Exkommunikation und Anathem (Bann) mit Wort und Begriff von Häresie und Schisma eng verbunden. Diese Begriffe spielen auch in der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Kirchen von West und Ost eine traditionelle Rolle. Exkommunikation und Anathem stehen also für Schisma, für offizielle Trennung. Das gilt auch heute noch: Wie man in der Folgezeit im gegenseitigen Anathem von Humbert und Michael Kerullarios im Jahre 1054 das

Schisma vollzogen sah, sollte die gegenseitige Aufhebung desselben am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils auch die notwendige Voraussetzung der Beseitigung des tatsächlichen Schismas sein.

Nun handelte es sich aber auch hier um eine begriffliche und sachliche Unklarheit, wenn nicht sogar um einen Irrtum. Darüber kann ich Ihnen klärend berichten aus direkter persönlicher Kenntnis, da ich zur sechsköpfigen Gesandtschaft gehörte, die vor Abschluß des Konzils im Phanar von Konstantinopel die sogenannte Aufhebung der Exkommunikation von 1054 auszuhandeln hatte ...

In der klärenden Diskussion, die in einem auf beiden Seiten sehr freundschaftlichen und verständnisvollen Klima stattfand, ergab sich nun, daß damals weder die östliche noch die westliche Kirche exkommuniziert worden war, sondern nur die drei Unterhändler auf beiden Seiten mit allgemeinem Einschluß der Helfershelfer.

Für die katholische Kirche ist die Exkommunikation eine rein persönliche Medizinalstrafe, die den sicher persönlich schwer Schuldigen zur Umkehr über eine echte Reue der begangenen Missetat bringen soll. Im Falle des Todes des Exkommunizierten geht der Schuldige vom Gericht der Kirche zum Gericht Gottes über. Die Kirche hat über Tote keine Jurisdiktion mehr: sie kann höchstens nachträglich für den irdischen Folgenbereich absolvieren, wenn der Sterbende die Voraussetzung für die Absolution vor der Kirche, nämlich die Reue, zum Ausdruck gebracht hat. Die katholische Kirche sah sich außerstande, unter beiden Gesichtspunkten die von Humbert ausgesprochene Exkommunikation aufzuheben.

Sie konnte aber auch die Ostkirche nicht von der Exkommunikation freisprechen; denn erstens war diese nie exkommuniziert worden, ja nach dem kirchlichen Strafrecht der katholischen Kirche konnte sie gar nicht exkommuniziert werden.

Auf der anderen Seite lebte aber in der griechischen Kirche das lebendige Bewußtsein dieser fortdauernden Exkommunikation, und dem mußte auch von der katholischen Kirche Rechnung getragen werden.

In der gegenseitigen Achtung der beiderseitigen Auffassungen einigte man sich nun auf den Text, den Sie in der „Gemeinsamen Erklärung“, im Breve Pauls VI. und im Tomos des Patriarchen Athenagoras, die zum Abschluß des Konzils beschlossen und verlesen wurden, feststellen können: aus dem Gedächtnis der Kirche und aus der Mitte der Kirche wird die damalige Exkommunikation entfernt und dem endgültigen Vergessen übergeben...

Die politischen Motive, die immer wieder die Unionsversuche bestimmten aber auch vom Kernproblem ablenkten, sind heute nicht mehr vorhanden; die emotionalen Gegensätze, die das Verhältnis zwischen den beiden Kirchen so sehr belasteten, sind zum großen Teil verschwunden, ja haben einer gegenseitigen Öffnung Platz gemacht; die Voraussetzungen kultureller, wissenschaftlicher, theologischer Natur sind für beide Dialogpartner weitgehend gleich: der objektive Kirchenbegriff geht gerade nach dem II. Va-tikanum in beiden Kirchen in eine aufeinander zustrebende Richtung; das mehr rechtlich organisatorische Element des Westens kann eine auch hier als notwendig angesehene Ergänzung und Integration in sakramental-mystischer Hinsicht durch die Tradition der Ostkirchen erfahren und umgekehrt.

Das Traditionsgut der beiden Kirchen kann in der rechten Weise gesehen und gewertet werden, und hier kann sich, gerade aufbauend auf der immer vorhandenen Uberzeugung von der notwendigen Funktion Roms für die Einheit der Kirche nicht nur in Herz und Geist, sondern auch im äußeren Zusammenleben im sichtbaren mystischen Leib Christi, zu einem allgemeinen rechten Verständnis des römischen Primats ein Weg finden lassen.

Redigierter und gekürzter Auszug aus einem Vortrag des österreichischer. Kurienkardinals (Bibliothekar und Archivar des Vatikan) für die Stiftung „Pro Oriente“ in Wien.

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