Einheit von Rom und Orthodoxie

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Am 13. August (31. Juli nach dem alten Julianischen Kalender) jährt sich zum 100. Mal der Todestag des russischen Philosophen, Theologen, Gelehrten und Dichters Wladimir S. Solowjow.

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Am 13. August (31. Juli nach dem alten Julianischen Kalender) jährt sich zum 100. Mal der Todestag des russischen Philosophen, Theologen, Gelehrten und Dichters Wladimir S. Solowjow.

Wladimir Solowjow wird 1853 in Moskau geboren. Sein Großvater ist orthodoxer Geistlicher, sein Vater Professor für russische Geschichte an der Moskauer Universität. Er studiert Philosophie an der Universität, daneben auch Theologie. Als 21-jähriger verteidigt er öffentlich seine Dissertation mit großem Erfolg. Sein denkerischer Ansatz ist die Verwirklichung einer universalen Synthese von Wissenschaft, Philosophie und Religion als höchstes Ziel der geistigen Entwicklung. Doch wird bereits jetzt deutlich, was ihn - über den Tod hinaus - immer begleiten wird: die einen spenden begeistert Applaus, die anderen lehnen seine Ideen vehement ab.

Es ist unmöglich, im Rahmen dieses Artikels Solowjow und sein umfangreiches Schaffen gebührend darzustellen. Daher wird hier nur auf seine "katholisch-messianistische" Lebensperiode (1883-89), in der er sich intensiv mit der Verwirklichung der Einheit aller Christen ausspricht, eingegangen: "Alles dreht sich jetzt bei mir um die Frage der Kirchenvereinigung: was ich auch zu schreiben beginne, immer endet es mit ,Ceterum censeo instaurandam esse ecclesiae unitatem'*)" (Solowjow 1883 in einem Brief).

Gedrängt vom Vermächtnis Christi, "dass alle eins seien", forscht Solowjow nach einem neuen Weg, weil er über die Zustände in seiner Heimat und die Ohnmacht seiner orthodoxen Kirche tief enttäuscht ist. Um das Ziel der Einheit der Christen verwirklichen zu können, wendet er sich der römischen Kirche zu, ohne dabei die orthodoxen Wurzeln über Bord zu werfen und seiner Kirche untreu zu werden.

Grundsätzlich einig In dieser Phase beginnt der für ihn bedeutsame Kontakt mit Bischof Josip Juraj Strosmajer (Joseph Georg Stroßmayer) aus Kroatien, einem überzeugten Patrioten und Slawophilen. 1886, nach der persönlichen Begegnung mit dem Bischof in seiner Residenz in Djakovo schreibt Solowjow auf dessen Bitte einen ausführlichen Brief, in dem er seine Grundthesen für den Bischof schriftlich zusammenfasst: I. Es besteht kein dogmatischer Gegensatz zwischen den beiden Kirchen: "Die Ostkirche hat niemals eine Lehre, die der katholischen Wahrheit widerspricht, als verpflichtendes Dogma definiert und den Gläubigen als Glaubenssatz vorgelegt." Trotz unterschiedlicher Ausdrucksweisen von verschiedenen Theologenschulen gibt es in den dogmatischen Wahrheiten keinen fundamentalen Gegensatz zwischen katholischer und orthodoxer Kirche. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Lehre einer theologischen Schule und der der Kirche.

II. Die Dogmen der russischen Kirchen sind durchaus katholisch: Die Glaubensbekenntnisse von Nicäa und Konstantinopel und die Definitionen des vierten, sechsten und siebenten ökumenischen Konzils sind Wahrheiten der Universalen Kirche und Wahrheiten des orthodoxen Glaubens, also gemeinsames Erbe. "In der Tat sind die Dogmen unserer Kirche, weil sie auf die Entscheidungen der ökumenischen Konzilen zurückgehen, konsequenterweise durchaus orthodox und katholisch, und die Lehren der Theologen, die mit dem Katholizismus in Widerspruch stehen, sind keine durch die Kirche definierten Glaubenssätze."

III. Es gibt keine gesamtorthodoxe einheitliche und verbindliche Stellungnahme zum Katholizismus: Solowjow führt an, dass "in der Ostkirche keine innere Übereinstimmung, keine Einheit der Ansichten in Bezug auf die katholische Kirche" bestehe, weil kein ökumenisches Konzil im Orient, also keine kompetente Autorität über dieses Faktum entscheiden konnte. Dies ist für ihn ein sehr günstiger Umstand für das Anliegen der Wiedervereinigung, weil "... unser Schisma für uns selbst nur de facto, aber keineswegs de iure besteht." Der Spannungsbogen der verschiedenen, oft gegensätzlichen Meinungen von russischen und griechischen Theologen in Bezug auf den Katholizismus reicht von der Behauptung, die katholische Kirche stehe außerhalb der wahren Kirche, ja auch außerhalb der Christenheit im Allgemeinen einerseits, bis zur Aussage des Metropoliten Platon von Kiew, der 1884 öffentlich in einer Predigt erklärte, "dass die Kirche des Ostens und die Kirche des Westens Zwillingsschwestern seien, die nur durch Missverständnisse getrennt sind."

IV. Die Gültigkeit der Sakramente: Während Solowjow bei den Griechen die Praxis einer Wiedertaufe von Konvertiten konstatiert, stellt er die Anerkennung aller Sakramente (auch der Priesterweihe!) bei den Russen heraus, "weswegen die katholischen Priester und Bischöfe bei uns in den gleichen kirchlichen Rang aufgenommen werden." Auch hat man von den unierten Ruthenen, die 1839 unter Zwang in die Russische Orthodoxe Kirche eingegliedert wurden, keinerlei Abschwörung ihrer katholischen Glaubensüberzeugungen verlange. Daraus zieht Solowjow den Schluss, "dass die russische Kirche nicht nur die Wirksamkeit der Erlösungsgnade in der Kirche des Westens anerkennt, sondern auch bestätigt, dass die katholische Lehre von jedem dogmatischen Irrtum oder jeglicher Häresie frei ist."

V. Die Autonomie der russischenKirche, nämlich die Tatsache, dass insbesondere die russische Kirche niemals zum Patriarchat des Westens gehörte, sieht Solowjow als günstigen Umstand. Denn ein Wiedererlangen der alten Einheit würde auch die lateinische Engführung des römischen Bischofsstuhls aufsprengen: "Sobald die alte Einheit erst einmal wiederhergestellt ist, wird die katholische Kirche, obwohl sie kraft des Zentrums der Einheit immer römisch bleiben wird, doch in ihrer Ganzheit nicht mehr lateinisch und abendländisch sein, was sie infolge der Einförmigkeit ihrer Organisation und ihrer Verwaltung zur Zeit ist ... Romana, das ist der Name des Zentrums, das unveränderlich und auf gleiche Art und Weise für den ganzen Umkreis bestehen bleibt: Latina, das bezeichnet nur die eine Hälfte, einen großen Ausschnitt aus dem Kreise, der niemals das Ganze endgültig aufsaugen darf. Nicht die lateinische Kirche, sondern die Kirche von Rom ist mater et magistra omnium ecclesiarum; nicht der Patriarch des Abendlandes, sondern der Bischof von Rom spricht unfehlbar ex cathedra; und man sollte nicht vergessen, daß es einmal eine Zeit gab, wo der Bischof von Rom griechisch sprach."

Als "Papist" im Eck Mit großem Optimismus und hochfliegenden Hoffnungen kehrt Solowjow aus Kroatien in seine Heimat zurück. Die Gespräche mit dem großen slawischen Kirchenfürsten, in denen er volle Zustimmung für seine Gedanken bekam, bestärken ihn in seinem Einsatz für die Einheit der Kirchen. Zu Hause muss er schwere Enttäuschungen in Kauf nehmen: In den freundschaftlichen Beziehungen zu Bischof Strosmajer sehen maßgebliche Kreise der russischen Kirche und der Regierung den Beweis dafür, daß er seiner Mutterkirche untreu geworden und den "papistischen Irrtümern" endgültig verfallen sei.

Zunächst finden seine Thesen in der katholischen Welt weitgehende Anerkennung. Doch sehr bald erhoben sich auch im Westen kritische Stimmen. Jedoch: Bei allem utopischen Charakter seiner Pläne und Zukunftshoffnungen hat Solowjow in dem Brief an Bischof Strosmajer Grundthesen aufgestellt, die sich später als prophetisch erweisen sollten. Im Breve "Anno ineunte", das Papst Paul VI. 1976 dem Patriarchen Athenagoras übergab, kann man an einigen Passagen Solowjow fast wörtlich heraushören: "Durch die Taufe ,sind wir nämlich eins in Christus Jesus' (Gal 3, 28). Außerdem ,verbinden uns kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie ganz eng miteinander' ... Nun schenkt uns nach langen Meinungsverschiedenheiten und Zwistigkeiten Gott die Gnade, daß unsere Kirchen sich wiederum als Schwesterkirchen erkennen trotz der Schwierigkeiten, die in früherer Zeit zwischen uns entstanden sind ... Da wir uns auf beiden Seiten zu den ,Grunddogmen des christlichen Glaubens' bekennen, ,die auf Ökumenischen Konzilien definiert worden sind: die Dreifaltigkeit und das Wort Gottes, das aus der Jungfrau Maria Fleisch angenommen hat, und die wahren Sakramente und das hierarchische Priestertum besitzen, ist es vor allem notwendig, daß wir im Dienst an unserem heiligen Glauben brüderlich daran arbeiten und uns darum sorgen, daß wir die geeigneten weiterführenden Wege ausfindig machen, um im Leben unserer Kirchen die bereits bestehende, wenn auch noch unvollkommene Gemeinschaft zu fördern und in die Tat umzusetzen."

*) Im übrigen meine ich, dass die Einheit der Kirche wiederhergestellt werden muss.

Der Autor lehrt Ostkirchengeschichte und Ökumenische Theologie in Würzburg.

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