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Die Sozialdoktrin der russisch-orthodoxen Kirche Spiegelbild der russischen Gesellschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Erstmals hat die orthodoxe Kirche Russlands ihre Lehrmeinung zu Fragen von Staat und Gesellschaft festgeschrieben. Das Dokument spiegelt in vielem die gesellschaftliche Situation des Landes wider.

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Erstmals hat die orthodoxe Kirche Russlands ihre Lehrmeinung zu Fragen von Staat und Gesellschaft festgeschrieben. Das Dokument spiegelt in vielem die gesellschaftliche Situation des Landes wider.

Ähnlich revolutionär wie 1891 Papst Leo XIII. der mit "Rerum novarum" die erste Sozialenzyklika der katholischen Kirche verfasste, ist nun im Jahr 2000 zum ersten Male ein ähnliches Dokument der Russisch-orthodoxen Kirche Mitte August vom Millenniumskonzil der russischen Bischöfe verabschiedet worden. Erst vor kurzem ist die englische Fassung des Dokuments "Bases of the Social Concepts of the Russian orthodox Church" bekannt geworden. "Die Sozialdoktrin liefert eine theologische Bewertung der wichtigsten Probleme der Gegenwart und setzt Regeln, von denen sich Priester und Laien in ihrem täglichen Leben leiten lassen sollten", erklärte der Metropolit von Smolensk und Kaliningrad, Kyrill, nach Angaben der Agentur Interfax.

Das Verhältnis von Staat und Kirche Die Führung der orthodoxen Kirche entschied, es sei nun an der Zeit, dass die Kirche als eine der wichtigsten moralischen Institutionen des Landes Stellung zu gesellschaftlichen Fragen nehmen soll. Kenner der Situation halten es für ausgeschlossen, dass dies ohne Abstimmung mit den Interessen des Kreml geschah. Dabei kommen angewandte religiöse Ideen ebenso zu neuen Ehren, wie sowjetische oder gar vorrevolutionäre Traditionen (aus der Zeit vor 1917). Denn die Experimentierphase des postsowjetischen Russland scheint zu Ende zu gehen: Der Kreml setzt nun auf straffe Kontrolle und scheint marktwirtschaftliche Effizienz mit einem Überwachungssystem verbinden zu wollen. Dabei kommt es nicht von ungefähr, dass der als asketisch geltende neue Kremlchef, Wladimir Putin als engagierter orthodoxer Gläubiger mit dem konservativen Klerus sympathisiert. Bei seiner Suche nach Verbündeten zur Errichtung eines geistigen Überbaus für seine Zentralisierungsbemühungen - die ihn auch das Gespräch mit Alexander Solschenizyn suchen ließ - scheint Putin mit jenen Geistern die größten Übereinstimmungen zu finden, die die von Verteilungskämpfen bedrohte Einheitlichkeit der Staatsgewalt wiederhergestellt sehen möchten.

Die Führung der Russischen Orthodoxie hat diese Zeichen der Zeit richtig erkannt. Dabei gilt die Kirche - als Wirtschaftsfaktor - schon seit langem als ein bedeutender Akteur auf dem russischen Marktgeschehen. Und sie hofft, ihren privilegierten Status ausbauen zu können, weil die Unterstützung eines starken Staates letztlich auch ihr selbst dienlich ist. Auch vor diesem Hintergrund ist das Sozialdokument der russischen Kirche zu lesen.

Diese Sozialdoktrin, welche vom oberpriesterlichen Konzil verabschiedet wurde, erfüllt somit auch das Gebot der Stunde: einen Leitfaden für gesellschaftspolitisches Handeln schriftlich zu fixieren, der mit der Würde der christlichen Lehre die Unabhängigkeit der Orthodoxie vom Staat ebenso behauptet wie in einigen Fragen (überraschenderweise) liberale Positionen zulässt und sich zugleich im Kampf gegen "fremde" Einflüsse von außen wie innen als verlässlicher Verbündeter des Regimes in neuem Gewande empfiehlt.

In Russland selbst ist der Text nur sehr schwer erhältlich. Es gibt Beobachter, die meinen, in der Führungsetage der Russisch-orthodoxen-Kirche sei man gar nicht daran interessiert, dass ihn viele Gläubige zu Gesicht bekämen und über den Inhalt diskutierten.

Bioethik, Kriegs-und Friedensethik Die östliche Tradition des Christentums beschränkte sich über Jahrhunderte auf reine Caritas und hielt es für unangebracht, sich in politische und gesellschaftliche Angelegenheiten einzumischen oder dies gar noch schriftlich zu fixieren. Kritiker der orthodoxen Kirche aus dem Westen meinten, dass die Sozialdoktrin der Russisch-orthodoxen-Kirche nur in der Caritas bestünde.

Umso überraschender sind die Ausführungen in den 16 Kapiteln des nun vorgelegten Dokuments. Nicht nur die Themen Kirche und Staat, sondern auch konkrete ethische Bereiche werden angesprochen wie das Problem der Arbeit (Kapitel 6), Eigentum (Kapitel 7), Krieg und Frieden (Kapitel 8), Kriminalität und Strafe (Kapitel 9), Familie und öffentliche Moral (Kapitel 10), persönliche und gesellschaftlich-nationale "Gesundheit" (Kapitel 11). Auch brandaktuelle Themen werden aufgegriffen, wie Bioethik (Kapitel 12), Ökologie (Kapitel 13), säkulare Wissenschaft, Kultur und Bildung (Kapitel 14), Massenmedien (Kapitel 15); im Schlusskapitel 16 kommen die internationalen Beziehungen zur Sprache.

Damit ist eine enzyklika-ähnliche Schrift entstanden, die durch die biblischen Belege an einigen Stellen des Textes die Argumentation unterstützen sollen. Dem Text ist aber ebenso anzumerken, dass dieses Dokument in der Orthodoxen Kirche erst am Beginn einer "Soziallehre" steht, wie der kulturelle Unterschied zu den Sozialaussagen der katholischen Weltkirche deutlich wird.

Allerdings war es für viele Skeptiker eine angenehme Überraschung, dass das Dokument jeglicher sakraler Auffassung der Staatsmacht eine klare Absage erteilt. Die Monarchie erscheint zwar als allerchristlichste Regierungsform, doch die irdische Ordnung gilt nur als ein notwendiges Übel, welche die Sündhaftigkeit der Gesellschaft in erträglichen Grenzen halten solle.

In Fragen der Familienplanung gibt sich die russische Orthodoxie - auch unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Wirklichkeit - liberaler als der Katholizismus, wurden doch 1998 in Russland doppelt so viele Abtreibungen wie Geburten registriert. So verurteilt die Doktrin Verhütungsmittel, welche die befruchtete Eizelle abtöten, sie hat jedoch nichts gegen solche einzuwenden, die die Befruchtung verhindern. Auch wird die künstliche Befruchtung (In-vitroFertilisation) von Geschlechtszellen zweier Ehegatten gebilligt, hingegen das Klonen menschlichen Lebens abgelehnt. Die Abtreibung selbst verurteilt die russische Kirche klar.

Dafür spricht die Kirche dem russischen Staat das Recht zu, die Todesstrafe auszuführen. Bereits seit den Texten des Alten Testaments und ebenso in der Tradition der christlichen Gesetzgebung gäbe es keinen Grund, die Todesstrafe als solche abzulehnen. Auf der anderen Seite - so das Dokument - ist das Christentum als Religion eher gehalten, dem "gefallenen Menschen" zu verzeihen und ihm die Möglichkeit einzuräumen, Vergebung zu erlangen, als ihn zu verurteilen und ihm damit die Chance zur Besserung zu nehmen. Die Abschaffung der Todesstrafe würde auch die pastoralen Aufgaben erweitern, die dann entstünden, wenn die Person am Leben bliebe. Trotz aller dieser Argumente ist das Leben mit dem Tod nicht zu Ende, nach christlicher Überzeugung, so auch nach orthodoxer.

Trotz Friedensideal und fünftem Gebot betont sie ihre prinzipielle positive Einstellung zum Kriegshandwerk, wobei allerdings Voraussetzung sei, dass der Soldat von hoher selbstloser Gesinnung erfüllt und der Krieg gerecht sei (angelehnt an die "bellum iustum Theorie"), und der Krieg zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit unabdingbar wäre. Um diese These zu stützen, wird das Matthäus-Evangelium zitiert: "Die das Schwert ergreifen, werden durch das Schwert umkommen."

Keine Gebetemit Katholiken Tägliche Probleme der Gläubigen mit den Priestern, die detaillierte Beichten verlangen, gemeinsame Gebete mit Katholiken oder Unierten verbieten oder die Kommunion ohne jahrelangen Katechismusunterricht verweigern, wurden von den Patriarchen auf der Millenniums-Konferenz mit der Ermahnung bedacht, Geistliche sollten Gläubigen nicht um jeden Preis ihren Willen aufzwängen. Denn in der Doktrin lassen sich keine Verhaltensregeln für den Konfliktfall ausmachen, so dass dem betroffenen Laien auch weiterhin nur der Weg in eine andere Gemeinde bleibt ...

Viel konkreter dagegen sind die empfohlenen Schritte gegen unbotmäßige Medien. Sollte ein Medienbeitrag in den Augen der Geistlichkeit das kirchliche Leben bewusst und systematisch verzerren, so seien Sanktionen angebracht: vom Boykott der jeweiligen Publikation über die Anrufung eines Schiedsgerichts bis hin zur Exkommunikation des Journalisten, sofern er orthodox ist.

Wirtschaftliche Interessen der Kirche Es werden in diesem umfangreichen Dokument mehr solche Fragen behandelt, welche die Obrigkeit bewegen als das gewöhnliche Gemeindemitglied. Ähnlich wie der Staatsapparat bemüht sich auch die Kirchenleitung verstärkt um die Durchsetzung der hierarchischen Strukturen. Priestern ist die Kontaktaufnahme zu Politikern ebenso verboten wie die Teilnahme an Regionalwahlen, sofern dies nicht von der Kirchenleitung genehmigt ist. Allein dem Patriarchen und dem Synod ist es vorbehalten, mit der zentralen Staatsmacht zusammenzuarbeiten.

Fraglos nimmt die kirchliche Ökonomie eine Schlüsselstellung im Dokument ein. So soll der Besitz religiöser Vereinigungen, welcher sich zu einem großen Maß aus freiwilligen Opfergaben der Gläubigen speist, und der Bibel zufolge "geheiligtes Eigentum Gottes" ist, von der staatlichen Steuergesetzgebung ausgenommen sein. Ferner ist den wirtschaftlichen Interessen ein Sendschreiben des Konzils an Putin gewidmet. Anlass dafür seien zahlreiche Briefe von Gläubigen, die das Problem der Rückgabe von kirchlichem Eigentum bewege. Dabei sollen die Besitztümer nicht den gewöhnlichen Gemeinden wieder gegeben werden, sondern dem zentralen Kirchenapparat, denn angesichts nur sehr dürftiger Opfergaben könne nur eine solche Restitution dem Haushalt des Patriarchats helfen. Ungeachtet ihrer wirtschaftlichen Sonderrechte und der Rückgabe zahlloser Kirchen und Ikonen hält die Geistlichkeit den Restitutionsprozess nicht nur für nicht abgeschlossen, sondern im Grunde genommen für noch gar nicht begonnen. In den Bedürfnissen der derzeitigen Nutzer ehemals kirchlicher Gebäude (vor allem mittelloser Museen) sieht der Klerus allerdings kein Hindernis.

Kirche ist nicht der Himmel auf Erden Eine von ihr beanspruchte Sonderstellung im Staat möchte die Kirche durch konstruktive Mitarbeit mit den politischen Machthabern belohnen. Als Arbeitsgebiete führt dazu die Doktrin an: die spirituelle und patriotische Erziehung, Mildtätigkeit und Umweltschutz, Betreuung von Heeresangehörigen und Familienfürsorge bis hin zur Abwehr pseudoreligiöser Sekten.

Symptomatisch für die ganz ins Private zurückgezogene Gesellschaft im Allgemeinen und das Kirchenvolk im Besonderen ist, dass ein öffentliches Echo auf das Dokument ausblieb. Ob die geforderte landesweite Verbreitung des Textes angesichts mittelloser Gemeinden und theologisch nicht genügend ausgebildeter Priester tatsächlich realistisch ist, bezweifeln Beobachter.

Damit ist festzuhalten, dass auch die Kirche - das wurde auch an dieser Doktrin deutlich - nicht der Himmel auf Erden sein kann, sondern als "sündige Erde in der himmlischen Sphäre" gelte, wie einst der Philosoph Berdjajew scherzte. Ausgeblieben ist sowohl die Abrechnung mit der eigenen geheimdienstlichen Vereinnahmung unter dem Sowjetregime als auch der Versuch, die stellenweise Infizierung durch die allgemeine Kriminalisierung abzuwehren. Anstatt ihre Hirtenfunktion wahrzunehmen, haben die russisch-orthodoxen Bischöfe mit ihrem ersten Sozialdokument eher einen Spiegel der russischen Gesellschaft vorgelegt, in welchem sich auch der neufromme KGB-Zögling Putin wiedererkennen sollte.

Dennoch ist hoch einzuschätzen, dass das Sozialdokument des russisch-orthodoxen Milleniumskonzils erstmals eine Positionierung der russischen Kirche zu gesellschaftlichen Fragestellungen vorlegt. Da es sich dabei - im Gegensatz zur bald 110-jährigen Geschichte der katholischen Soziallehre - um einen Beginn handelt, lassen sich katholische und russisch-orthodoxe Sozialdoktrin kaum miteinander vergleichen. Auch inwieweit das Schreiben die Kirche und die Gesellschaft in Russland direkt beeinflussen wird, dürfte erst die Zukunft deutlicher zeigen.

Der Volltext der englischen Version der Sozialdoktrin ist im Internet nachzulesen unter:www.russian-orthodox-church.org.ru

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