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"Flegelhafter Unsinn"

Die katholische Kirche und protestantische Kirchen sind extremistische Organisationen. Dies behauptet ein Dokument, das demnächst von den obersten Staats- und Sicherheitsbehörden Russlands beraten wird.

Das ist ein solcher Skandal, mir fehlen die Worte", gesteht ein vatikanischer Diplomat, der nicht namentlich genannt werden möchte, gegenüber der Furche. Ähnlich fassungslos reagiert Anatolij Ptschelinzew, Jurist und Chefredakteur des russischen Fach-Magazins Religion und Recht: "Ein derart flegelhafter Unsinn zeugt von der Ungebildetheit auf höchster Bundesebene!"

Katholiken: größte Gefahr

Anlass für die Empörung ist ein Berichtsentwurf für die im Jänner stattfindende gemeinsame Sitzung des Sicherheitsrates, des Staatsrates und des Rates zur Kooperation mit religiösen Organisationen beim russischen Präsidenten. Im Text, den die russische Zeitung Gaseta Anfang Dezember auszugsweise publiziert hat, werden alle religiösen Organisationen außer der russisch-orthodoxen Kirche, den Buddhisten und der jüdischen Glaubensgemeinschaft als religiös extremistisch bewertet: Die größte Gefahr für die Staatssicherheit gehe dabei von den Katholiken aus, weil sie "Vertreter der orthodoxen Kirche zum Übertritt zum Katholizismus" bewegen" und der Vatikan "das Territorium Russlands zur Kirchenprovinz ernannt" hat. Auf Platz zwei folgen die "schnell wachsenden" Protestanten, die den Autoren zufolge unter dem Deckmantel von humanitären Hilfsaktionen die Bevölkerung "vom russischen Staat entfremden".

Nach den "Vertretern ausländischer pseudoreligiöser Gemeinschaften" (Zeugen Jehovas, Scientology, Satanisten ...) folgt an vierter Stelle der islamische Extremismus. Die 32 Beamten der Arbeitsgruppe, die den Entwurf unter der Leitung des Verwaltungschefs für Tschetschenien Achmed Kadyrow und dem Minister für Nationalitätenpolitik Wladimir Sorin erstellt hat, definieren "Extremismus" als "Verwendung religiöser Symbolik für politische und andere Ziele" und als "respektlose Einstellung gegenüber traditionellen Konfessionen, auch in der Lebensweise"; dies führe zu "religiösem Hass und antisozialen Aktionen auf religiöser Grundlage".

Auf der katholischen Seite ist man bestürzt und von der Existenz eines derartigen Textes völlig überrascht. Das Oberhaupt der katholischen Kirche in Russland, Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz, fand gegenüber der Nachrichtenagentur Cathnews.ru klare Worte: "Wie kann eine zivilisierte Gesellschaft eine Kirche mit 2000 Jahren Geschichte und ihrem Bemühen zur Lösung von Konflikten und Kämpfen mit solch schrecklichen Phänomenen wie Terrorismus hier anführen. Das ist unerhört".

Zwar seien die Anschuldigungen "schwerwiegend", würde es sich um ein offizielles Dokument handeln, sagte der frühere vatikanische Außenminister Kardinal Achille Silvestrini gegenüber der italienischen Tageszeitung Il Tempo. Da es sich "nur" um einen Entwurf handle, trete er für eine Politik des Augenmaßes und der Schadensbegrenzung ein. Der Heilige Stuhl werde sich bei der russischen Regierung um eine Klarstellung bemühen.

Für die vatikanische Botschaft in Moskau verliert das Schriftstück freilich nichts an Brisanz, auch wenn es sich nur um einen Entwurf handelt, worauf Minister Sorin in seiner Rechtfertigung pochte.

"Orthodoxe Handschrift"

Den Religionsrechts-Experten Ptschelinzew hat das Schriftstück nicht wirklich überrascht, vielmehr erkennt er eine konsequente Linie und - obwohl von Staatsbeamten verfasst - eine "orthodoxe Handschrift". Wie er auf Anfrage der Furche mitteilte, wurde "aus der russisch-orthodoxen Kirche eine politische Institution, die ihre Konkurrenten ausschalten will". Bestätigt sieht Ptschelinzew dies durch entsprechende Aktionen der Staatsorgane, der Exekutive und des Geheimdienstes wie etwa die Bespitzelung von Gläubigen mit versteckten Kameras oder die Visa-Annullierungen für katholische und evangelische Geistliche (so etwa - die Furche berichtete - wird seit April dem polnisch-stämmigen Bischof von Irkutsk in Sibirien, Jerzy Mazur, die Rückkehr in seine Diözese verwehrt).

Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen Orthodoxie und Katholiken seit Februar, als die katholischen Apostolischen Administraturen in Diözesen umgewandelt wurden, denkbar schlecht. Noch vor kurzem nannte der Moskauer Patriarch Aleksij II. die Katholiken Vertreter einer "fremden Regierung" (gemeint: der Vatikan).

Wohl nicht zufällig droht die größte Gefahr laut Berichtsentwurf "aus dem Ausland" und bemerkenswerterweise wird darin auch auf erfolgreiche Ausweisungen von unerwünschten religiösen Aktivisten aus dem Land verwiesen, ohne freilich die ausgewiesenen katholischen Priester zu nennen. Dass sich die Interessen des russischen Geheimdienstes und der orthodoxen Kirche in vielem decken, ist längst bekannt. Für die Zukunft empfiehlt der Bericht dem von KGB-Veteranen dominierten Sicherheitsrat konsequenterweise mit neu zu gründenden Abteilungen religiöse Organisationen stärker zu kontrollieren.

Konzeptloser Staat

"Es gibt Kräfte, die die Orthodoxie als einzige Religion in Russland etablieren wollen", bestätigt der eingangs zitierte vatikanische Diplomat eine Tendenz, die durch den enthüllten Text bewiesen werde. Dass die Tendenz der russischen Verfassung widerspricht, spielt dabei eher eine formale Rolle.

Wie der Chef der - moskautreuen - tschetschenischen Verwaltung Kadyrow, ein islamischer Mufti, zur Leitung der besagten Arbeitsgruppe kommt, ist auch für den Kenner Ptschelinzew unerklärlich. Nach Angaben der Zeitung Gaseta gilt Kadyrow zudem als Kandidat für die Leitung eines vorgeschlagenen Ministeriums für Religionen und Nationalitäten.

Der Berichtsentwurf gibt insgesamt einen guten Einblick in das Denken über religiöse Angelegenheiten innerhalb des Staatsapparates. Dass den Autoren, wie der Rechtsanwalt für Religionsagenden Wladimir Rjakowskij gegenüber der Zeitung Moscow Times festhielt, mit ihrer Anschuldigung an Katholiken und Protestanten jegliche Ahnung in der Terrorismusfrage fehlt, wäre schon dramatisch genug. Für Anatolij Ptschelinzew zeigen der Entwurf und die bedenklichen Vorgänge in Religionsbelangen aber darüber hinaus, dass der russische Staat kein Konzept für das Verhältnis zur Religion hat. So lasse Staatspräsident Wladimir Putins Schweigen vermuten, dass er manches nicht wisse und manchem still zustimme. Jedenfalls sieht der Experte auch am umstrittenen Text einen Beweis, dass sich Russland wieder vom Westen entfernt.

Orthodoxe Nähe zum Islam

Tatsächlich durchzieht den Text einerseits eine auffällige Feindlichkeit gegenüber ausländischem Einfluss im Land, wobei extremistisch-faschistische Gruppierungen im Umfeld der russisch-orthodoxen Kirche nicht problematisiert werden. Andererseits fällt die Nähe zwischen der Orthodoxie und dem Islam auf. Aufschlussreich dafür ist die "fünftgrößte" Gefahr, wo es heißt, dass "der russischen Gesellschaft die Idee eines zivilisatorischen Konfliktes und gleichsam unlösbarer Widersprüche zwischen Christen und Muslimen aufgezwungen wird". Aus der Nähe zwischen Orthodoxie und Islam ziehen Kenner seit langem den Schluss, dass der orthodoxe Konflikt mit den Katholiken in der Angst vor einer Konkurrenz bei derselben Klientel begründet ist.

Unterdessen hat der katholische Moskauer Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz aus dem jüngsten Weihnachtsschreiben des Moskauer Patriarchen Aleksij II. an Papst Johannes Paul II. Hoffnung auf ein Tauwetter zwischen den beiden Kirchen geschöpft. Im Schreiben ist auch von einer "Erneuerung der brüderlichen Freundschaft" die Rede. Gegenüber der Londoner Times betonte der Erzbischof, solche Worte in den letzten elf Jahren nicht gehört zu haben: "Die Beziehungen zwischen Moskau und dem Vatikan sind extrem kompliziert und verworren - aber mir scheint, dass im kommenden Jahr eine merkbare Besserung eintritt". Bliebe die Frage nach dem Grund für einen derartigen Schwenk nach einem Jahr der Eiszeit. Wie Insider mutmaßen, würde hinter einem tatsächlichen Schwenk ein Machtwort des Kreml stehen.

Der Autor ist Korrespondent in Moskau.

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