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Gleb Jakunin: "Orthodoxie war Filiale des KGB"

1945 1960 1980 2000 2020

Die russisch-orthodoxe Kirche machte im Vorjahr mit ihrer antiwestlichen Haltung Schlagzeilen.Besondere Ablehnung trifft die katholische Kirche. Gespräch mit dem Ex-Duma-Abgeordneten und exkommunizierten Priester Gleb Jakunin über die Rolle der Orthodoxie in Putins Russland.

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Die russisch-orthodoxe Kirche machte im Vorjahr mit ihrer antiwestlichen Haltung Schlagzeilen.Besondere Ablehnung trifft die katholische Kirche. Gespräch mit dem Ex-Duma-Abgeordneten und exkommunizierten Priester Gleb Jakunin über die Rolle der Orthodoxie in Putins Russland.

DIE FURCHE: Was sagen Sie zum Entwurf zur Frage der nationalen Sicherheit, in dem Katholiken und Protestanten als gefährlichste extremistische Religionen aufgeführt werden?

Gleb Jakunin: Die orthodoxe Kirche will gegen die katholischen Konkurrenten kämpfen. Die ganze Kampagne begann, als Patriarch Aleksij II. sich dem Besuch des Papstes in Russland widersetzte. Er fürchtet sich schrecklich vor diesem Besuch. Die Orthodoxie hat einen Minderwertigkeitskomplex. Die Auflistung der als "extremistisch" eingestuften religiösen Organisationen ist unqualifiziert.

DIE FURCHE: Der Orthodoxie wird gerade jetzt wieder eine große Nähe zum Geheimdienst FSB nachgesagt.

Jakunin: Wie viele Geistliche derzeit kooperieren, weiß ich nicht. Indirekt sieht man die Verbindung aber z. B. an den Einreiseverweigerungen für katholische Priester im Vorjahr - denn das konnte nur der FSB bewirken, das Außenministerium ist nur das ausführende Organ. Aus den Archiven weiß man: Nachdem der NKWD (Vorläufer des KGB) ab den zwanziger Jahren Kirchenfunktionäre vernichtete, brauchte der konservative Faschist Stalin 1943 eine imperialistische "byzantinische" Kirche. Stalin traf sich geheim mit dem Metropoliten Sergej und unter dem Geheimdienstchef Berija wurde eine Agentenbasis für die Kirche gegründet.

DIE FURCHE: Was sagen Sie zum Entwurf zur Frage der nationalen Sicherheit, in dem Katholiken und Protestanten als gefährlichste extremistische Religionen aufgeführt werden?

Gleb Jakunin: Die orthodoxe Kirche will gegen die katholischen Konkurrenten kämpfen. Die ganze Kampagne begann, als Patriarch Aleksij II. sich dem Besuch des Papstes in Russland widersetzte. Er fürchtet sich schrecklich vor diesem Besuch. Die Orthodoxie hat einen Minderwertigkeitskomplex. Die Auflistung der als "extremistisch" eingestuften religiösen Organisationen ist unqualifiziert.

DIE FURCHE: Der Orthodoxie wird gerade jetzt wieder eine große Nähe zum Geheimdienst FSB nachgesagt.

Jakunin: Wie viele Geistliche derzeit kooperieren, weiß ich nicht. Indirekt sieht man die Verbindung aber z. B. an den Einreiseverweigerungen für katholische Priester im Vorjahr - denn das konnte nur der FSB bewirken, das Außenministerium ist nur das ausführende Organ. Aus den Archiven weiß man: Nachdem der NKWD (Vorläufer des KGB) ab den zwanziger Jahren Kirchenfunktionäre vernichtete, brauchte der konservative Faschist Stalin 1943 eine imperialistische "byzantinische" Kirche. Stalin traf sich geheim mit dem Metropoliten Sergej und unter dem Geheimdienstchef Berija wurde eine Agentenbasis für die Kirche gegründet.

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Stalin gründete also sein Modell des Moskauer Patriarchats - der KGB hat es in jeder Weise geschützt und so blieb die Kirche bis heute. Sie war praktisch eine Filiale des KGB, die Vorsteher und oberen Geistlichen waren zum Großteil Denunzianten. Mitte der neunziger Jahre publizierte eine estnische Zeitung und der englische Guardian, Patriarch Aleksij II. habe als KGB-Agent Drosdow gearbeitet und eine KGB-Ehrenurkunde für besonders aktive Tätigkeit erhalten. Damals habe ich einen offenen Brief an Patriarch Aleksij II. geschrieben und ihn aufgerufen, die schwere Anschuldigung zu dementieren oder Reue zu zeigen. Bis heute gab es keine Reaktion, stattdessen hat man mich exkommuniziert.

DIE FURCHE: Erklärt sich das feindselige Verhältnis zum Westen nur aus der Konkurrenz?

Jakunin: Gegen den Westen war die Orthodoxie immer gestimmt, wenigstens ideologisch will man den Eisernen Vorhang wieder errichten. Zur Zeit des Metropoliten Nikodem, der mit Papst Paul VI. eine ehrliche Ökumene betrieb, versuchte der KGB vermutlich mittels dieser guten Stimmung gute Informationen durch die Kirche aus dem Westen zu kriegen. Als Jelzin an die Macht kam, wurde die Einstellung plötzlich antiwestlich.

DIE FURCHE: Wie steht das Volk zu diesen Vorgängen?

Jakunin: Wirkliche Religion ist bei uns so eine Sache. Wir haben ein ganz konservatives Publikum. Es heißt, dass 70 bis 80 Prozent Gläubige seien, aber das ganze Unglück und das Spezifikum bei uns ist, dass sich die Mehrheit nicht interessiert, was überhaupt in der Kirche vor sich geht. Charakteristischerweise glaubt zumindest die russische Orthodoxie vorwiegend an das Ritual. Ein Gläubiger kommt in die Kirche, stellt seine Kerze auf, kauft eine Ikone, betet, bekreuzigt sich und fastet. Nur das Ritual zu erledigen ist jedoch ein Zeichen des reinsten Heidentums, eine geistliche Perversion, ein primitiver Glaube.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt die Kirche im Staat?

Jakunin: Unser ganzes Leid liegt darin, dass in unserem konstantinopolitanischen Modell immer der Zar das Oberhaupt der Kirche war. Die Kirche war und ist eine treue Dienerin der Regierung, ein staatliches Attribut, das leicht zusammenbrechen kann und in dem Gläubige leicht zu Eiferern gegen den Glauben werden können. Westlichen Kirchen wurde durch Humanismus, Luther oder das II. Vaticanum ein Stillstand erspart, wie er im Osten durch die Sowjetunion eintrat.

orthodoxie - © Foto: Eduard Steiner

Gleb Jakunin

Priester, Dissident, Abgeordneter - und exkommuniziert

Gleb Jakunin wurde 1934 geboren. Er studierte im Moskauer geistlichen Seminar und wurde 1962 zum Priester geweiht. 1965 prangerte er in einem offenen Brief an Patriarch Aleksij I. den Verrat der Kircheninteressen durch die Leitung des Moskauer Patriarchates an. Der KGB verbot ihm 1966 den Dienst als Priester. In den sechziger und siebziger Jahren war Jakunin in Menschenrechtsbewegungen tätig. 1980 wegen "antisowjetischer Agitation und Propaganda" zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, danach zweieinhalb Jahre Verbannung nach Jakutien.

1990 wurde Jakunin zum Volksdeputierten gewählt. 1991-92 nahm er in einer Parlamentarischen Kommission teil an der Öffnung von KGB-Archiv-Material über die Kooperation der Nomenklatur des Moskauer Patriarchats mit dem KGB. Aus formalen Gründen, de facto aber wegen der Archivöffnung wurde er 1993 als Priester suspendiert, woraufhin er zur unabhängigen Ukrainischen Kirche wechselte. 1997 wurde er wegen Aufdeckung von Finanzskandalen im Moskauer Patriarchat exkommuniziert. Im Jahr 2000 nahm er an der Gründung der "Kirche der Orthodoxen Wiedergeburt" und der Kanonisierung des 1990 meuchlerisch ermordeten Geistlichen Alexander Men als Märtyrer und Aufklärer teil.

Gleb Jakunin wurde 1934 geboren. Er studierte im Moskauer geistlichen Seminar und wurde 1962 zum Priester geweiht. 1965 prangerte er in einem offenen Brief an Patriarch Aleksij I. den Verrat der Kircheninteressen durch die Leitung des Moskauer Patriarchates an. Der KGB verbot ihm 1966 den Dienst als Priester. In den sechziger und siebziger Jahren war Jakunin in Menschenrechtsbewegungen tätig. 1980 wegen "antisowjetischer Agitation und Propaganda" zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, danach zweieinhalb Jahre Verbannung nach Jakutien.

1990 wurde Jakunin zum Volksdeputierten gewählt. 1991-92 nahm er in einer Parlamentarischen Kommission teil an der Öffnung von KGB-Archiv-Material über die Kooperation der Nomenklatur des Moskauer Patriarchats mit dem KGB. Aus formalen Gründen, de facto aber wegen der Archivöffnung wurde er 1993 als Priester suspendiert, woraufhin er zur unabhängigen Ukrainischen Kirche wechselte. 1997 wurde er wegen Aufdeckung von Finanzskandalen im Moskauer Patriarchat exkommuniziert. Im Jahr 2000 nahm er an der Gründung der "Kirche der Orthodoxen Wiedergeburt" und der Kanonisierung des 1990 meuchlerisch ermordeten Geistlichen Alexander Men als Märtyrer und Aufklärer teil.

Und während sich Russland heute Richtung Europa entwickelt, bleibt die Kirche eine Art mittelalterlicher Eisberg, ein Panoptikum der Eingefrorenen, der Chauvinisten und Nationalisten. Bei einer weitergehenden Annäherung an den Westen hat diese Kirche ohne Umgestaltung keinen Platz.

Geografisch und ideologisch ist das Moskauer Patriarchat der Nachfolger der UdSSR, daher ist sie auch für die Mächtigen im Staat interessant, weil man auch über die länderübergreifenden religiösen Strukturen Druck auf einen anderen Staat ausüben kann. Das Moskauer Patriarchat ist ein religiöses Monster, aber ich bin überzeugt, dass es das Schicksal der UdSSR erleiden wird.

DIE FURCHE: Wie groß ist der Einfluss des Moskauer Patriarchats?

Jakunin: Betrachtet man Statuten und Struktur des Moskauer Patriarchats, so sieht man die schrecklichste totalitäre, destruktive Sekte mit der größten inneren Disziplin, die keine Abweichung duldet. Real verliert die Kirche aber beständig. Nach Zählungen der Polizei feierten in Moskaus Kirchen weniger als ein Prozent der Bevölkerung das größte Fest, Ostern. Jelzin hat die Kirche anfänglich als Dienerin des Staates gepflegt. Damals flossen zwei Milliarden Dollar "humanitärer Hilfe" zum Wiederaufbau der Kirche nicht ins Kirchenbudget. Sie wurden offenbar gestohlen oder für Beamtenbestechung verwendet. Dass ich als Duma-Abgeordneter die Aufdeckung gefordert habe, wurde zum Mitgrund für meine Exkommunikation.

Die Kirche war und ist eine treue Dienerin der Regierung. Westlichen Kirchen wurde durch Humanismus, Luther oder das II. Vaticanum ein Stillstand erspart, wie er im Osten durch die Sowjetunion eintrat.

DIE FURCHE: Wenn die Kirche an Bedeutung verliert - weshalb sucht dann der Staat in der Kirche Unterstützung?

Jakunin: Erstens glauben sie an den von gewissenlosen Beratern bemühten Mythos, dass die Mehrheit der Wähler die Kirchennähe honoriert - was allerdings widerlegt ist. Zweitens glaubt der Staat im Tschetschenien-Konflikt die moralische Unterstützung der Kirche zu brauchen, denn faktisch segnet Aleksij II. diesen Krieg. Er hat nie gegen den Genozid protestiert. Drittens wegen der Korruption, denn ein gigantischer Teil der "humanitären Hilfe" ging und geht an die Beamten.

DIE FURCHE: Im jüngsten Weihnachtsgruß Aleksijs II. an den Papst sehen manche eine Verbesserung in der Beziehung angekündigt.

Jakunin: Noch kann ich es nicht sehen, denn es kann reine Formsache sein. Wenn aber Präsident Putin den Befehl dazu erteilte, wird das eintreten.

DIE FURCHE: Sie beschäftigen sich schon Jahrzehnte mit der Orthodoxie. Sind Sie Optimist?

Jakunin: Im Großen und Ganzen denke ich, dass die Kirche mit ihren Aktionen zu spät gekommen ist. Vor drei oder vier Jahren hätte manches noch durchgehen können. Die dummen Aktionen, die Putins Linie widersprechen, zeigen freilich, dass Putins ständig bemühte "Vertikale der Macht" nur ein Traum ist und er nicht alles kontrolliert. Putin weiß, dass er Unterstützung aus dem Westen wie auch hier braucht. So hängt sehr viel vom Westen, besonders von Amerika, ab. Wenn man Druck auf Putin ausübt, kann man Erfolge erreichen.

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