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Los von Moskau

FURCHE: Das Wiedererstehen der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine zeichnet sich ab. Wie war das möglich?

ALEXANDER OSTHEIM-DZE-ROWYCZ: Die Legalisierung der seit 1946 mit der russisch-orthodoxen Kirche zwangsvereinigten ukrainisch-katholischen Kirche ist Teil des Umgestaltungsprozesses in der Sowjetunion. Was jetzt geschah, ist einem Quantensprung vergleichbar. Die Gläubigen, die in Lemberg und anderswo für ihre Unabhängigkeit demonstrierten, wurden immer zahlreicher: 20.000, 30.000, zuletzt sogar 200.000 gingen auf die Straße. Da ist mit Gewalt nichts mehr auszurichten. Im September 1987 tauchten schon ukrainischkatholische Bischöfe aus dem Untergrund auf. Jetzt sucht diese Kirche ihren Weg, wobei sie sich aber von jenen Vorfällen - wie Besetzungen orthodoxer Kirchen - distanziert, die es in jüngster Zeit gegeben hat.

FURCHE: Was^at Gorbatschow zur Wiederzulassung beigetragen?

OSTHEIM-DZEROWYCZ: Auf ihn geht offenbar das Timing der Bekanntgabe der Registriermöglichkeit - unmittelbar vor seinem Besuch in Rom-zurück. Die sowjetischen Behörden haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht; galt es doch auch auf die russischorthodoxe Kirche, das Moskauer Patriarchat, Rücksicht zu nehmen. Die orthodoxe Kirche ist doch eine machtvolle Institution; als „Staatskirche" gewissermaßen spielte und spielt sie eine enorme Rolle bei der Russif izierung - beispielsweise in Weißrußland und in der Ukraine.

Von den Behörden wurde die Entscheidung ausgezeichnet vorbereitet. Basis ist die Verfassung, die das Recht auf freie Religionsausübung garantiert, was in der Praxis freilich nicht angewendet wurde. Gorbatschow braucht jetzt alle Kräfte zur Perestrojka. Mit der Entscheidung des Obersten Sowjets der Ukraine, daß sich die Unierten, wie andere religiöse Gemeinschaften in der Sowjetunion auch, registrieren lassen und damit aus der Illegalität treten und sich vom Moskauer Patriarchat loslösen können, hat Gorbatschow sich und Moskau freigespielt. Die Entscheidung, wer sich als Unierter bekennt, liegt j etzt bei den Betroffenen selbst. Es ist der unierten Kirche überlassen, aus dem Untergrund herauszutreten.

FURCHE: Möglich geworden ist alles durch Gorbatschow?

OSTHEIM-DZEROWYCZ: Die Lawine wurde von Gorbatschow losgetreten. Sein Streben nach Glasnost, Durchsichtigkeit, führte zur Aufarbeitung der fürchterlichen Geschehnisse der Stalin-Ära. Und das einzige Relikt aus der Stalin-Zeit, das noch nicht angegangen wurde, waren bis jetzt die unierten Ukrainer.

FURCHE: Wird jetzt eine ökumenische Eiszeit zwischen Rom und dem Moskauer Patriarchat ausbrechen?

OSTHEIM-DZEROWYCZ: Das glaube ich nicht. Die bekanntgegebene Regelung zeugt von einer großartigen Diplomatie. Gorbatschow präsentierte dem Papst ja nicht die Legalisierung der Unierten gewissermaßen aus der Aktentasche. Daß die Administration der ukrainischen Teilrepublik in dieser Angelegenheit autonom aktiv wurde, ist der Überschmäh dabei. Jetzt könnten auch andere Teilrepubliken diesem Beispiel folgen und eine eigenständige Religionspolitik betreiben. Das kommende neue Religionsgesetz wurde mittlerweile schon dreimal überarbeitet.

Es ist jetzt eine klare Sache, daß die ukrainisch-katholische Kirche anerkannt wird. Gorbatschow muß sich nicht mehr vor der „Staatskirche" rechtfertigen, weil die ukrainische Teilrepublik autonom entschieden hat. Künftig bedeutet das, daß alle Kirchen in der Sowjetunion gleichgestellt sind. Was Gorbatschow dem Papst mitgebracht hat, ist das Bekenntnis zur Toleranz: das heißt, staatlicherseits wird in Kirchenangelegenheiten nicht mehr eingegriffen.

FURCHE: Nun beginnen aber erst die Probleme für die Unierten. Welche Kirche gehört welcher Gemeinschaft, wer gehört hierhin, wer dorthin? Was passiert mit den materiellen Werten? Wird es nicht zu scharfen Auseinandersetzungen mit den Orthodoxen kommen?

OSTHEIM-DZEROWYCZ: Wir hoffen, daß es bei den Übergaben materieller Güter zu keinerlei Schlägereien kommt und daß sich alles auf der Grundlage der bestehenden Gesetze vollzieht. Die Erklärung der ukrainischen Adminise Frage hat man mir schon oft gestellt. Was wird aus der kleinen Gruppe, die aus dem Block der Orthodoxie herausgebrochen ist. Ich würde sagen, wenn es zu einer Einheit kommt, dann haben wir mit Rom Unierte unsere Aufgabe erfüllt. Wir sind dann Teil einer riesigen katholischen Kirche, für die wir Vorreiter spielten, Brücke waren.

Natürlich wissen wir um die Zeitbedingtheit der seinerzeitigen Unionsversuche. Mit den Mitteln und dem Wissen der damaligen Zeit hat man eben versucht, dem Wunsch Christi zu entsprechen, „daß alle eins seien". Aber jede Tat hat auch politische Folgen. Das haben besonders wir Ukrainer bis in die Gegenwart zu spüren bekommen.

Wir müssen als Teil der großen katholischen Kirche aber von Rom in unserer Tradition und Liturgie ernstgenommen werden. Sonst könnten die Orthodoxen leicht hämisch werden und von einer Latinisierung unserer Kirche sprechen -was nicht Sinn und Ziel von Ökumene sein kann.

Wenn Rom das tatsächlich verfolgte, wie stünden wir Unierte dann vor den Orthodoxen da? Als Angeschmierte. Es gibt für unsere Kirche da und dort einen Druck auf die Hierarchie zur Anpassung, beispielsweise in der Frage der verheirateten Priester. Es besteht im Westen der Druck auf uns, keine verheirateten Priester anzustellen oder Verhei-(Foto Gürer) ratete zu weihen. So geht 's nicht! Wir dürfen und wollen nicht latinisiert werden. Wir suchen Aufrichtigkeit in der Union, was nicht heißen darf, daß wir aufgefressen oder umgemodelt werden. Es ist manchmal nicht sehr leicht, im katholischen Haus zu sein, obwohl wir gerne drinnen sind. Aber Rom muß auf die Urangst jedes Orientalen vor der Latinisierung, die jetzt wieder hochgespielt wird, Rücksicht nehmen.

Also zurück zu ihrer Frage: Bei einer Union zwischen Rom und den Orthodoxen dürfen wir auf keinen Fall verschwinden, denn wir sind ja bereits im katholischen Haus. Wir fünf Millionen ukrainische Unierte zeigen ja den anderen, daß diese eine Kirche appetibile ist. Wir wollen von Rom Rückendeckung und nicht über den lateinischen Leisten geschlagen werden. Ich will bleiben, was ich bin - Gott sei Dank in einem Haus...

FURCHE: ...das der Papst repräsentiert.

OSTHEIM-DZEROWYCZ: Die Institution des Papst amtes ist wichtig. Wenn ich mir da die Orthodoxen anschaue: die sind seit Jahren nicht fähig, ihr Panorthodoxes Konzil auf die Beine zu stellen, weil dort jeder Papst ist.

Es geht halt um die Amtsführung und das Amtsverständnis. Eine Union zwischen Rom und den Orthodoxen - wie sie ausschauen könnte, weiß ich nicht - sollte von gewissen gemeinsamen Nennern ausgehen und die Unterschiede als Stufen des Begreifens von Werten und Wahrheiten (die gegenseitig nicht geleugnet werden müssen, selbst wenn sie noch nicht akzeptiert werden können) verstehen

24 Religionsgemeinschaften sindin der Sowjetunion gegenwärtig anerkannt. Jetzt ist die Registrierung einzelner unier-ter Gemeinden in der Westukraine möglich geworden. Das ist die Vorstufe zur völligen Legalisierung der seit 1946 verbotenen und dem Moskauer Patriarchat zwangseingegliederten ukrainisch-katholischen Kirche. Über die neue Situation sprach Franz Gans-rigler mit dem Pfarrer der Wiener ukrainisch-katholischen Gemeinde, Prälat Alexander Ostheim-Dzerowycz.

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