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Orthodoxe Kirche eröffnet konziliare Ära

1945 1960 1980 2000 2020

In den Tagen vor der "Großen und Heiligen Synode" der Weltorthodoxie dominierte der Streit. Vier von den zehn autokephalen Kirchen bleiben der seit Jahrzehnten vorbereiteten Versammlung fern. Dennoch entpuppt sich das Konzil als Schritt nach vorne.

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In den Tagen vor der "Großen und Heiligen Synode" der Weltorthodoxie dominierte der Streit. Vier von den zehn autokephalen Kirchen bleiben der seit Jahrzehnten vorbereiteten Versammlung fern. Dennoch entpuppt sich das Konzil als Schritt nach vorne.

An der Orthodoxen Akademie im Westen der griechischen Insel Kreta findet bis 26. Juli die erste allgemeine Kirchenversammlung der orthodoxen Christenheit seit Jahrhunderten statt. Die erst im letzten Moment verlautbarte Brüskierung dieser "Heiligen und Großen Synode" durch die Patriarchate Antiochia, Moskau, Georgien und Bulgarien, zu denen über die Hälfte aller etwa 300 Millionen Orthodoxen gehören, hatte zunächst Zweifel am Zustandekommen und noch mehr Gelingen dieses Konzils geweckt. Doch begann es Anfang der Woche recht selbstbewusst und weist inzwischen durchaus erfolgreiche Arbeitssitzungen zur Debatte und Verabschiedung der Konzilsdokumente auf.

Als Vorsitzender des orthodoxen Konzils hat der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel in seiner Eröffnungsrede die Notwendigkeit dieser Kirchenversammlung gegen ihre Kritiker aus einem neuen kirchlichen Ostblocks von russisch-, antiochenisch-, bulgarisch- und georgisch-orthodoxer Kirche verteidigt: Synodalität ist das ekklesiologische Wesensmerkmal und Fundament der Kirche überhaupt, seit sich in Jerusalem das Apostelkonzil versammelt hatte. Nur widrige äußere Umstände seien dafür verantwortlich, dass in der Orthodoxie seit mehr als einem Jahrtausend keine "Heilige und Große Synode" zustande gekommen ist. Die letzte "einfache" Synode fand 1872 in Konstantinopel statt. Auch da blieb Russland schon fern, ohne dass das ihrer Akzeptanz abträglich wurde. Und das Patriarchat von Antiochia war schon 431 erst nachträglich zur Allgemeinen Kirchenversammlung von Ephesus gekommen.

Sehr wohl im Namen der Orthodoxie

Die jetzt auf Kreta versammelten zehn der 14 Patriarchate und Landeskirchen könnten daher sehr wohl im Namen der gesamten Orthodoxie sprechen und zu den drei großen Herausforderungen für sie Stellung nehmen: einer enorm wachsenden ostkirchlichen Diaspora im Westen, der ökumenischen Bewegung und der materiellen wie vor allem geistlichen Nöte der Zeit. Für das alles werde diese Konzilssession nicht ausreichen. Eine Fortführung in naher Zukunft zeichne sich ab. Diese Ankündigung einer regelrechten "konziliaren Ära" der Orthodoxie fand sofort bei anderen Patriarchen und Oberhirten eigenständiger (autokephaler) Landeskirchen geradezu begeisterte Zustimmung. Patriarch Daniel von Rumänien mit seiner nach der russischen und ukrainischen größten orthodoxen Kirche schlug eine zweite Session dieses Konzils "in drei bis fünf" Jahren vor. Der albanische Erzbischof Anastas meinte sogar, dass nicht so lange gewartet werden dürfte. Schon nächstes Jahr sollte die Synode weitergehen, womöglich in Konstantinopel - wie ursprünglich für diesmal geplant.

Der Belgrader Patriarch Irinej erinnerte daran, dass Kaiser Konstantin aus Serbien gebürtig war, jener, der 325 das erste "große" Konzil von Nicäa einberufen hat. Dass dieses - wie jetzt auf Kreta - an einem 19. Juni seinen Eröffnungsgottesdienst feierte, nannte Irinej ein gutes Omen. Er hatte zunächst sein Verbleiben auf dem Konzil davon abhängig gemacht, dass dieses eine "letzte" Einladung an die Boykott-Patriarchen Johannes X. von Antiochia, Kirill von Moskau, Ilia II. von Georgien und Neofit von Bulgarien richte. Die zehn auf Kreta eingetroffenen Kirchenführer versammelten sich vor Konzilsbeginn zu einer "Synaxis", die nochmals alle Abwesenden zur Teilnahme aufrief. Darauf reagierte Antiochia definitiv ablehnend, Moskau sogar despektierlich, in dem es die Heilige und Große Synode als "Treffen" bezeichnete. Georgier und Bulgaren blieben sogar jede Antwort schuldig. Das überzeugte sogar die traditionell russenfreundliche serbische Kirche, diesmal nicht mit einem "Heiligen Russland", sondern kirchenpolitischen Ränken des russischen Präsidenten Wladimir Putin konfrontiert zu sein. Auf dem Konzil herrscht inzwischen die Überzeugung, dass der Moskauer Patriarch dessen Boykottierung nicht unbeschadet überstehen wird.

Am schärfsten ging mit den "Konzilsschwänzern" Erzbischof Chrysostomus II. von Zypern ins Gericht: Nachdem sie es mit ihrer Obstinenz fertig gebracht hatten, wichtige Themen wie die Autokephalie und eine Erneuerung der Kirchenstruktur von den Konzilsthemen auszuklammern, sind sie dann gar nicht erschienen. Sie würden aber nicht verhindern können, dass dieses vor allem für den kirchlichen Status der Ukraine heiße Eisen schon auf der nächsten Session zur Sprache kommen.

Erzbischof Hieronymos II. von Athen forderte alle Ferngebliebenen auf, die Beschlüsse von Kreta nachzuvollziehen und sich so nicht endgültig vom konziliaren Aufbruch der Orthodoxie auszuschließen.

Als letzter sprach Metropolit Rastislav von Tschechien und der Slowakei in fließendem Griechisch. Er galt bis zuletzt als kirchlicher Gefolgsmann Moskaus und persönlicher Gegner von Bartholomaios. Jetzt vermied er jede Kritik an den abwesenden Kirchen, stellte sich aber "voll und freudig" hinter das Konzil. Viele von dessen "Vätern" werten es als ein diplomatisches Meisterstück des Ökumenischen Patriarchen, den erst 38-jährigen Slowaken in letzter Stunde auf seine Seite gezogen zu haben. Damit hat er die "Heilige und Große Synode" von Kreta ergänzend zur Gewinnung des lang schwankenden Serbenpatriarchen Irinej vor dem Vorwurf bewahrt, nur ein "Rumpfkonzil der Griechen und Rumänen" zu sein. Diesem vielleicht zu triumphalistischen Synodenbeginn sind inzwischen Arbeitssitzungen gefolgt, bei denen die zweite, innere Gefahr für einen Erfolg dieses Erneuerungskonzils gebannt werden konnte. Die orthodoxe Kirchenfamilie sieht sich nicht nur durch die Polarität zwischen ihrem altehrwürdigen Zentrum Konstantinopel und dem an allen Mitteln viel reicheren Moskau belastet.

Die eigentliche Zerreißprobe findet nämlich zwischen ökumenisch gesinnten Reformkräften und pharisäischen, an Äußerlichkeiten klebenden Erz-Orthodoxen statt. In Bulgarien und Georgien sind diese an der Basis, im Pfarrklerus und auch bei einigen Bischöfen so stark, dass sie das Fernbleiben ihrer Kirchen von Kreta erzwingen konnten, obwohl die Kirchenführung längst zugestimmt hatte.

Ökumeniker und Reaktionäre

Aber auch in der Kirche von Griechenland sind die Reaktionäre so virulent, dass sie zusammen mit Gleichgesinnten aus der serbischen Kirche eine aufmüpfige Konzilsminderheit zu bilden drohten. Diese meldete sich gleich am ersten Sessionstag bei Debatte der Vorlage "Die Sendung der orthodoxen Kirche in der Welt von heute" zu Wort. Mit dem Vorwurf, dass dieser Entwurf das "aggiornamento" des II. Vatikanums nachahme und damit die Anpassung an einen unchristlichen Zeitgeist statt dessen Überwindung aus dem Geist des Evangeliums zulasse, forderte die Kirche von Griechenland eine völlige Neufassung des Textes. Das wurde mit Mehrheitsbeschluss abgelehnt, wobei auch griechische Bischöfe gegen die Zurückweisung stimmten. Damit kehrte das Konzil auch von der durch die Russen geforderten Einstimmigkeit aller Beschlüsse zur traditionellen Praxis von Mehrheitsbeschlüssen der anwesenden Bischöfe zurück. Das ermöglicht erst eine freie Meinungsäußerung und Mehrheitsbildung in der Konzilsaula. Was sich gleich am zweiten Sitzungstag bei Behandlung des schwierigen Themas der orthodoxen Diaspora segensreich auswirkte.

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